First European Congress of World and Global History - Panel 21: The League of Nations Revisited: The Role of International Organizations in the Globalization Process

First European Congress of World and Global History - Panel 21: The League of Nations Revisited: The Role of International Organizations in the Globalization Process

Organizer(s)
European Network in Universal and Global History; Organisationskomitee Leipzig: Frank Hadler, Matthias Middell, Hannes Siegrist, Katja Naumann
Location
Leipzig
Country
Germany
From - Until
22.09.2005 - 25.09.2005
By
Isabella Löhr, Zentrum für Höhere Studien, Universität Leipzig

Im Zuge einer um sich greifenden Debatte über kulturwissenschaftliche Ansätze innerhalb der internationalen Geschichte, in deren Verlauf die internationale Geschichte nicht mehr nur als eine klassische Diplomatiegeschichte interpretiert, sondern verstärkt nichtstaatliche Akteure und internationale Organisationen in den Blick genommen werden, widmete sich dieses Panel dem Völkerbund als der zentralen internationalen Organisation in der Zwischenkriegszeit. Ziel war es konkrete Tätigkeitsfelder und deren Strukturen, Träger und Netzwerke vorzustellen und nach der Reichweite und Wirkung seiner global ausgerichteten Politik zu fragen.

Im ersten Beitrag thematisierte Matthias Schulz (Vanderbilt University Nashville) die Wirtschaftspolitik des Völkerbundes. Gleich zu Beginn betonte er die zentrale Rolle internationaler Organisationen als Regulierungs- und Steuerungsinstrument in wirtschaftlichen Globalisierungsprozessen, weil sie Spannungen zwischen nationalen Interessen und transnationalen Märkten überbrücken bzw. zwischen ihnen vermitteln. In diesem Sinne wertete Schulz den Völkerbund als eine Modernisierungsstufe, die nach dem Ersten Weltkrieg anstelle der klassischen Diplomatie eine zivilgesellschaftliche Komponente in die internationale Politik einführte, indem über Organisationen wie bspw. die Wirtschaftsabteilung des Völkerbundes Verbände und Experten in internationale politische Entscheidungen eingebunden wurden. Schulz beschrieb die Wirtschaftsabteilung des Völkerbundes als ein internationalistisches Milieu, das in der Regel sehr gut informiert war und sich den Wiederaufbau der Vorkriegswirtschaft zum Ziel setzte. Er skizzierte drei Phasen der Wirtschaftsabteilung: bis 1925 betrieb sie die Wiedereinführung des Goldstandards, von 1925-1933 arbeitete sie an einer Wiederherstellung der Handelsfreiheit und ab 1933, so Schulz, verfiel sie angesichts der Weltwirtschaftskrise einer Vergangenheitsanalyse, die sie vor allem zu einem think tank für die Nachkriegsorganisation der Weltwirtschaft werden ließ.

Im Anschluss sprach Isabella Löhr (Universität Leipzig) über die Rechtspolitik des Völkerbundes. Am Beispiel der Berner Konvention zeigte sie, wie der Völkerbund in der Zwischenkriegszeit den Grundstein für einen globalen Schutz geistigen Eigentums legte. Die Berner Konvention war ein Vertragswerk vom Ende des 19. Jahrhunderts, das einen internationalen Schutz für Werke der Literatur und bildenden Kunst einführte. Da die Konvention jedoch europalastig war, wurde in den 1920er Jahren das Institut für geistige Zusammenarbeit des Völkerbundes beauftragt, sie mit dem multilateralen Urheberrechtsabkommen der panamerikanischen Union zusammenzuschließen. Auch wenn der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges die Inauguration des fertigen Vertragsentwurfes verhinderte, bereitete der Völkerbund, so Löhr, der Nachkriegsentwicklung dennoch den Weg, weil die Unesco als direkte Nachfolgeorganisation des Instituts 1946 das Projekt aufnahm und es 1952 mit dem Welturheberrechtsabkommen zum Abschluss brachte. Die besondere Leistung des Völkerbundinstituts bestand darin, dass es die wesentlichen Akteure vernetzte (nationale Regierungen, internationale Organisationen und Experten), so dass sie gemeinsam einen Entwurf für eine Weltkonvention zum Schutz geistigen Eigentums ausarbeiteten, bei der der Völkerbund in einer Mischung aus politischer Autorität und fachlicher Kompetenz leitend aktiv war.

Thomas Fischer (Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg) zeigte in seinem Beitrag über Frauen- und Kinderhandel, wie im Völkerbund international präsente Themen institutionalisiert und Akteursgruppen zentralisiert wurden. Im 19. Jahrhundert war der Frauen- und Kinderhandel ein vor allem in Kolonien viel diskutiertes Thema, das aufgrund von Migrationsprozessen schnell zu einer Debatte mit transnationaler Dimension wurde. Nach dem Ersten Weltkrieg entwickelte der Völkerbund sich zum Ort für die Bekämpfung von Frauen- und Kinderhandel. In den Versailler Verträgen als Anliegen verankert, zentralisierte er die Informationen zu diesem Thema, stellte einen steten Kontakt zwischen den bis dahin nur unregelmäßig kooperierenden NGOs und nationalen Regierungen her und bewirkte so eine Verkürzung der Kommunikationswege zwischen den Beteiligten. Institutionell wurden diese Initiativen in der social section des Völkerbundes verankert, die internationale Konferenzen veranstaltete, Konventionen verabschiedete, eine permanente Kommission zur Bekämpfung von Frauen- und Kinderhandel einzurichten versuchte und die 1927 einen Bericht über Frauen- und Kinderhandel verfasste, der auf Feldforschung in 28 Staaten beruhte. So erzeugte der Völkerbund durch die Bündelung der bereits vorhandenen Akteure und Ressourcen zu diesem Thema eine Verstärkerwirkung, die er durch die Schaffung eigener Institutionen festigte.

Iris Borowy (Universität Rostock) widmete sich der Gesundheitskommission des Völkerbundes. Als erste ihrer Art nahm sie für sich eine weltweite Zuständigkeit in Anspruch und mit Ausnahme von Indien und dem Vorderen Orient waren ihre Mitarbeiter auch weltweit tätig. Zentral war die Integration der außereuropäischen Welt in die Arbeit der Gesundheitskommission. Für die 1920er Jahre beschrieb Borowy den Wandel von wirtschaftspolitischen Zielen der Gesundheitspolitik hin zum Interesse am tatsächlichen Gesundheitszustand in einzelnen Ländern. Je nach regionalen Spezifika wurden Gesundheitsempfehlungen ausgesprochen, was in den Kolonien zu einer Überschneidung von gesundheitswissenschaftlichen mit kolonialen Interessen führte. Dennoch blieben besonders statistische Erhebungen schließlich doch auf Europa konzentriert, weil statistische Gesundheitsangaben in außereuropäischen Ländern nur schwer bis gar nicht zu erheben waren. In den 1930er Jahren kam eine sozialmedizinische Komponente in die Arbeit der Kommmission hinein bspw. mit Forschungen über die Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise auf die Gesundheit. Andere Forschungen über allgemeine Themen wie Ernährung, Wohnumwelt etc. führten zur Ausbildung eines normativen Gesundheitsverständnisses. Die Leistung der Gesundheitskommission bestand vor allem darin, die außereuropäischen Staaten über das Thema Gesundheit in den Völkerbund zu integrieren, erste Ansätze für eine Entwicklungshilfepolitik zu formulieren und Wertvorstellungen über Gesundheit zu institutionalisieren und zu globalisieren.

Abschließend stellt Eckhardt Fuchs (Universität Mannheim) am Beispiel des Kinderschutzes Strukturen, Träger und Ziele der Bildungspolitik des Völkerbundes vor. Obwohl die Mitgliedsstaaten die Gründung einer eigenständigen Bildungskommission verhinderten, um die je nationale Bildungshoheit nicht zu gefährden, wurde der Kinderschutz auf Initiative von NGOs in den sozialen Sektionen des Völkerbundes eingegliedert und man erreichte schließlich die Gründung eines Kinderschutzkomitees, in dem transnationale Organisationen zum Kinderschutz aus der Vorkriegszeit ein Dach fanden. Fuchs führte aus, wie der Völkerbund sich zu einem Koordinationszentrum in diesem Bereich entwickelte, indem er an die Vorkriegszeit anknüpfte und mit Hilfe der Internationalen Arbeitsorganisation in den 1920er Jahren eine Vielzahl von Bestimmungen im Völkerbund zur Verabschiedung brachte. Auch wenn die Aktivitäten des Völkerbundes unter mehreren Problemen litten (keine ausreichende Kommunikation innerhalb des Völkerbundes, Delegierte ohne Fachwissen, ein zu breit gefasster Anspruch und unterschiedliche Auffassungen über Interventionen in nationalstaatlichen Gremien) wurde der Völkerbund zu einer internationalen Autorität in diesem Feld, die die internationale Bildungspolitik zu einem selbständigen Thema machte und ihr damit eine neue Qualität verschaffte. Mit seiner Bündelung internationaler Bildungsorganisationen und -initiativen erreichte er erstmalig die Formulierung globaler Bildungswerte und legte so den Grundstein für eine Bildungspolitik, in der NGOs und IGOs zusammenarbeiten und ein globales Bewusstsein dafür entwickelten, was Bildung sein kann und sein soll.

Die Diskussion im Panel kreiste um die Frage nach der Bedeutung und den innovativen Elementen, die der Völkerbund in die internationale Politik einführte. Dafür wurde der Blick auf die Gemeinsamkeiten gelenkt, die die Beiträge für die verschiedenen Tätigkeitsfelder und Sonderorganisationen des Völkerbundes zu Tage förderten: sie funktionierten alle als eine Art Sammelstelle für bereits vorhandene Initiativen, die im Völkerbund eine neue Qualität gewannen, weil sie zentral organisiert und institutionalisiert wurden. Die Initiativen blieben in der Regel nicht auf Europa beschränkt, sondern die Einrichtungen und Gremien des Völkerbundes entwickelten sich zu einer multipolaren Angelegenheit, die europäische und außereuropäische Regionen über konkrete Themen und Aufgaben miteinander verbanden. Diese Annäherungen funktionierten über Kooperationen zwischen Expertenverbänden und nationalen Regierungen und es erstaunt, dass diese vom Völkerbund gestifteten Kontakte zumeist enger waren als die zwischen den einzelnen Abteilungen des Völkerbundes selbst. Das innovative Moment des Völkerbundes bestand in seinen institutionellen Möglichkeiten, für die einzelnen Themenfelder umfassende Dokumentationen auszuarbeiten, neue Standards zu formulieren und über diesen Weg Wertvorstellungen zu normieren, die weltweit implementiert werden sollten. Auch wenn der Völkerbund in diesem Licht als ein Laboratorium erscheint, das weniger im Politischen, als vielmehr in seinen thematisch organisierten Sonderorganisationen Regeln für einen weltweiten Einsatz ausarbeitete und ausprobierte, herrschte unter den Diskutanten dennoch Einigkeit, dass der Gang in die nationalen Archive wichtig bleibt, da der Völkerbund trotz seiner zivilgesellschaftlichen Komponente eine internationale Organisation war, in der letztlich nationale Interessen vorherrschten.

Contact (announcement)

Katja Naumann
Universität Leipzig
Zentrum für Höhere Studien
Emil-Fuchs-Str. 1
04105 Leipzig
knaumann@uni-leipzig.de

www.uni-leipzig.de/zhs/ekwg
Editors Information
Published on
06.01.2006
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