Tag der Zeitgeschichte der Belgischen Vereinigung für Zeitgeschichte, Sektion Globalgeschichte

Ort
Lüttich, Belgien
Veranstalter
Association Belge d’Histoire Contemporaine/ Belgische Vereniging voor Nieuwste Geschiedenis
Datum
18.03.2006
Von
Steffi Franke, Geisteswissenschaftliches Zentrum Geschichte und Kultur Ostmitteleuropas, Universität Leipzig; Geneviève Warland, Facultés Universitaires Saint-Louis, Brüssel

Die ABHC/BVNG ist das interne Forum für belgische Zeithistoriker, die nicht nur auf Europa, sondern auch auf außereuropäische Gebiete spezialisiert sind. Im Turnus von zwei Jahren wird eine Zusammenkunft organisiert, in der zum einen die Diskussion von aktuellen Themenfeldern und wissenschaftspolitischen Fragen miteinander verschränkt wird, und die zum anderen ganz wesentlich dem Austausch von Erfahrungen und der Herstellung und Verstetigung von Kontakten dient. Darüber hinaus stehen für die dazwischen liegende Zeit zwei Webseiten – jeweils im Französischen und im Niederländischen – zur Verfügung [1]. Dreimonatlich erscheint das zweisprachige Bulletin der Vereinigung [2], mit Beiträgen über den Stand der Forschung sowie Rezensionen und Mitteilungen verschiedener Art, die dem Kommunikationsfluss zwischen den belgischen Zeithistorikern dienen (Tagungen, ausgewählte Themen von Doktor- und Magisterarbeiten an belgischen Universitäten, Inhaltsverzeichnisse belgischer historischer Zeitschriften usw.). Mitglieder dieser Vereinigung sind Historiker der frankophonen (Bruxelles, Louvain und Liège) und flämischen Universitäten (Gent, Leuven und Antwerpen) – um ausschließlich die Hauptuniversitäten zu nennen – sowie Historiker anderer wissenschaftlichen Institutionen, wie der Archive des belgischen Königsreiches oder verschiedener Museen.

Die diesjährige Tagung in Lüttig war nicht nur mit ihrer einleitenden Podiumsveranstaltung den Herausforderungen durch und den Erfahrungen mit den Hochschulreformen gewidmet, die in Belgien im Rahmen des Bologna-Prozesses durchgeführt werden. Im Zentrum standen dabei die Konsequenzen und spezifischen Anforderungen der Modularisierungen von Studiengängen für die Geschichtswissenschaft. Die Diskussionsteilnehmer – Vertreter von frankophonen und flämischen Universitäten – betonten dabei, dass der Druck, die Reformen ohne zusätzliche finanzielle Unterstützung umzusetzen, kreative Antworten gefordert hätte, die zunehmend im Aufbau und in der Verstärkung von Kooperationen mit anderen Universitäten gesehen würden.

Die daran anschließenden Sektionen wandten sich spezifischen Problemfeldern zu, u.a. der Analyse des Parlamentarismus, gendertheoretischen Fragestellungen, der Migranten- und Integrationsforschung und der Entwicklung der Globalgeschichte als Forschungsfeld und Studienfach. Diese globalgeschichtliche Sektion soll hier im Zentrum stehen.

Ausgangspunkt für dieses Panel war die Beobachtung, dass sich Globalgeschichte innerhalb der letzten Jahre u.a. durch den Einfluss der angelsächsischen Forschung zu einer spezifischen Disziplin innerhalb der Geschichtswissenschaft entwickelt habe. Mit dieser Entwicklung verbunden seien einerseits neuartige Studien und andererseits die Schaffung neuer Ausbildungsgänge. Der Bologna-Prozess eröffne dabei die Möglichkeit, neue Ausbildungsangebote auf diesem Themenfeld bei der Umgestaltung des Lehrprogramms zu integrieren.

Die Sektion vereinigte Diskutanten, die an ihren Heimatuniversitäten in die Integration von Globalgeschichte in Forschung und Lehre maßgeblich eingebunden sind. Das Problemfeld wurde dabei als transnationales behandelt, denn das Podium setzte sich nicht nur aus belgischen [3], sondern auch niederländischen Wissenschaftlern zusammen [4], sodass hier ein gemeinsamer grenzüberschreitender Wissenschaftsraum betrachtet werden konnte.

In seinem einleitendem Statement versuchte Peer Vries zwei Fragen zu beantworten: erstens jene nach den inhaltlichen Schwerpunkten der globalgeschichtlichen Forschung und zweitens jene nach institutionellen und organisatorischen Möglichkeiten der Verstetigungen dieses Forschungsbereichs. Er hob beispielhaft die Arbeit David Christians, „Maps of time“ [5], hervor und betonte, globalgeschichtliche Forschung solle sich auf universelle Funktionalismen konzentrieren: Prozesse der Militarisierung, Bürokratisierung und der Wirkung und Entstehung von Ideologien sowie Handelsnetzwerke. Dabei können verschiedene Formen der Globalisierung unterschieden werden: politische, ökonomische, mentale, mediale oder auch migrationsbezogene. Die Abgrenzung von nationalstaatlichen Perspektiven resultiere in der Suche nach den globalgeschichtlichen Entitäten für den Vergleich. Diese Frage müsse in der Forschung geklärt werden.

Eine Institutionalisierung globalgeschichtlicher Forschung und Lehre bezeichnete Vries als schwierig, denn sie sehe sich vielfach der Skepsis der Regionalwissenschaften gegenüber, die ihrerseits versuchten, bestimmte Weltregionen zu monopolisieren – ein Vorwurf, den er vor allem gegenüber philologischen Disziplinen erhob. Darauf müsste mit der Integration verschiedener Institutionen in themenspezifische Netzwerke geantwortet werden, die sich zunehmend ausdifferenzieren müssten. Gegenüber der Schaffung übergreifender „Superinstitutionen“ blieb er skeptisch. Als Beispiele solcher Netzwerke nannte er das Journal of Global History oder das Network of Global Economic History [6].

Daran anschließend stellte Karel Davids den an der FU Amsterdam eingeführten Studiengang „Global History“ vor, der in einem Pyramidenmodell inhaltliche und methodologische Teilbereiche verschiedener Fachgebiete integriere. Im Rahmen dieses Studienganges sei die Kombination verschiedener Haupt- und Nebenfächer möglich. Didaktisch sei eine Orientierung an Handbüchern zentral, hier werde das von Robert L. Tignor u.a. herausgegebene „Worlds Together, Worlds Apart“ und der dazugehörige Studienband verwendet [7]. Das Spezifikum der global history sah er in der Schwerpunktsetzung auf Verknüpfungen.

Patrick Pasture beschrieb Globalgeschichte als die Geschichte von interkulturellen Interaktionen, bei der Europa oft unberücksichtigt bleibe, und die sich auf große Weltregionen wie den Indischen Ozean, die Subsahara und die Transatlantischen Beziehungen konzentriere. Davon ausgehend müsse man die Kompetenzen der area studies integrieren. Vor diesem Hintergrund sei an der Universität Louvain der Masterstudiengang „Europe and the world 1500-2000. Expansion, Exchange and Globalization“ entstanden. Der Fokus liege hier einerseits auf europäischen Fragestellungen innerhalb der Global- und Weltgeschichte und andererseits auf den Interaktionen Europas mit den anderen Kontinenten. Die Studenten sollen zur eigenständigen Forschung befähigt werden und müssten mehrere Pflicht- und Wahl-Pflicht-Kurse absolvieren.

Guy Vanthemsche machte deutlich, dass ein weltgeschichtlicher Schwerpunkt bereits seit den siebziger Jahren in der Forschung und Lehre über koloniale und postkoloniale Geschichte gesetzt wurde. Heute solle man sich mit dieser Perspektive vor allem dem Vergleich bestimmter sozioökonomischer Strukturen zuwenden, wie zum Beispiel der Geschichte der Familienstrukturen oder den Formen des Grundbesitzes. Neben einer solchen Analyse sozioökonomischer Strukturen – so Eric Vanhaute – müssen globalgeschichtliche Vergleichsstudien auch auf Fragestellungen der politischen Geschichte abheben und beispielsweise Muster von Staatsbildungsprozessen intensiv erforschen.

In der anschließenden Diskussion wurde u.a. die Frage aufgegriffen, ob es sich bei Globalgeschichte tatsächlich um eine eigene Disziplin oder um eine Forschungsperspektive handele, die man grundsätzlich von Anfang an auch in die Ausbildung integrieren müsse. Darüber konnte an diesem Nachmittag keine Einigkeit erzielt werden. Dieses Problem gehört zu den Fragen der Globalgeschichte, die sich erst in der weiteren Praxis von Lehre und Forschung befriedigender werden beantworten lassen.

Anmerkungen:
[1] www.abhc.be und www.bvng.be.
[2] Bulletin d’information de l’Association Belge d’Histoire Contemporaine oder Mededelingenblad van de Belgische Vereniging voor Nieuwste Geschiedenis.
[3] Eric Vanhaute (Universität Gent), Patrick Pasture (Katholische Universität Louvain) und Guy Vanthemsche (VUB).
[4] Peer Vries (Universität Leiden) und Karel Davids (FU Amsterdam).
[5] David Christian: Maps of Time. An Introduction to Big History, Berkeley 2004.
[6] Hier könnten noch das European Network for Universal and Global History (ENIUGH) genannt werden und die Organisation von Forscherteams in der European Science Foundation, die eine vernetze und flexible, aber jeweils spezialisierte Befassung mit einzelnen Themenbereichen ermöglicht.
[7] Robert L. Tignor/ Jeremy Adelman/ Stephen Aron/ Stephen Kotkin/ Suzanne Marchand/ Gyan Prakash/ Michael Tsin (Hg.): Worlds Together, Worlds Apart. A History of the Modern World from the Mongol Empire to the Present, New York 2002 sowie Michael G. Murdoch: Study guide. Worlds Together, Worlds Apart. A History of the Modern World from the Mongol Empire to the Present, New York 2002.

Zitation
Tagungsbericht: Tag der Zeitgeschichte der Belgischen Vereinigung für Zeitgeschichte, Sektion Globalgeschichte, 18.03.2006 Lüttich, Belgien, in: Connections. A Journal for Historians and Area Specialists, 12.05.2006, <www.connections.clio-online.net/conferencereport/id/tagungsberichte-1126>.
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Veröffentlicht am
12.05.2006
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