Globalization in Critical Perspective: Its History, its Historiography, and its Discontents

Place
Rostock
Host/Organizer
Graduiertenkolleg „Kulturkontakt und Wissenschaftsdiskurs“ der Universität Rostock
Date
25.05.2007 - 26.05.2007
By
Nicole Konopka; Menja Holtz, GK „Kulturkontakt und Wissenschaftsdiskurs“, Universität Rostock

Als wissenschaftliche Leitkategorie und Epochenkennzeichnung ist der Begriff "Globalisierung" seit den 1990er-Jahren aus den meisten kulturwissenschaftlichen Disziplinen kaum mehr wegzudenken. Andererseits drohen Beliebigkeit und Missbrauch als "sprachliches Imponiermaterial"[1]. Trotz des inflationären Gebrauchs bestreitet niemand seine Aktualität. Selten jedoch wird diese so unmittelbar ersichtlich wie anlässlich des G8-Gipfels vom 02. – 09. Juni 2007 in Heiligendamm. Das DFG-Graduiertenkolleg „Kulturkontakt und Wissenschaftsdiskurs“ an der Universität Rostock veranstaltete daher bereits am 25. und 26. Mai 2007 ein Symposium, um Formen und Auswirkungen der Globalisierung vorab in einen wissenschaftlichen Kontext zu stellen und wissenschaftliche Diskurse über dieselben zu beleuchten.[2]

Den Eröffnungsvortrag hielt Robin Blackburn (University of Essex, U.K.): “The Quest for Free Time and Social Justice: Redressing Globalization Yesterday and Today”. Er unterbreitete darin den Entwurf eines globalen Rentensystems (GPS - global pension system) und eines Jugendfonds, durch welche die Umverteilung der historisch bedingten, einseitigen Akkumulation von Reichtum unter Beachtung der Generationengerechtigkeit begonnen werden könnte. Den Ausgangspunkt von Blackburns Argumentation bildeten die negativen Konsequenzen der Modernisierung westlichen Typs. Der zunehmende Bedarf an sozialer Fürsorge bzw. die Grundbedürfnisse aller sollten nach Blackburn durch jene gedeckt werden, die von der kapitalistischen Entwicklung am meisten profitieren. Als ersten Schritt zur Bewältigung der globalen Armut und damit einhergehender Konflikte plädierte Blackburn daher für die Einführung der so genannten Tobin-Steuer, um Rente und Jugendfonds zu finanzieren.

Martina Kaller-Dietrich (Universität Wien) präsentierte ihre Forschungsergebnisse zum Thema Globalisierung und Ernährung in ihrem Vortrag über „Globalization and Colonialism on the Dinner Plate“. Am Beispiel Mexikos zeigte sie auf, wie Alternativen zur alleinigen Steuerung von Ernährungsgewohnheiten durch Marktmechanismen aussehen könnten. Deren negative Folgen benannte Kaller-Dietrich mit einem Mangel an Varietät, Artenverlust, der Produktion außerhalb der Saison und einseitigen Machtverhältnissen zuungunsten der Konsumenten. Sie wies darauf hin, dass es sich bei der vermeintlichen Produktfülle in Supermärkten keinesfalls um wirkliche Vielfalt handele. Dies sei ein Ergebnis des sich beschleunigenden Arbeitsrhythmus‘ im Zuge der weltweiten Industrialisierung, durch die sich die Möglichkeit einer Eigenversorgung minimiert habe.
Da die sogenannten Schwellen- und Entwicklungsländer die Auswirkungen von Krisen besonders stark zu spüren bekämen, seien diese jedoch andererseits Vorreiter in der Entwicklung von Alternativen. Diese entstünden regional oder lokal, da der Staat seiner Verantwortung nicht mehr nachkommen könne, wie Kaller-Dietrich für Mexiko konstatierte. Als besonders markanten Fall führte sie die Zapatisten in Chiapas an, deren wichtigstes Anliegen es sei, autonom und selbstbestimmt ihre Lebensgrundlage zu sichern.

Intellektuelle, die an der Herausbildung globaler Eliten sowie an deren Diskursen und Praktiken teilhaben, waren ein Schwerpunkt des Vortrages von Jonathan Friedman (Lunds Universitet): „Globalization as Will and Idea: the Paradoxes of ‘Real Existing’ Globalization“.
Friedman vertrat die These, dass es sich aus weltsystemtheoretischer Sicht bei der Globalisierung nicht um ein Phänomen evolutionärer Phasen, sondern vielmehr hegemonialer Perioden handele, das als in der Zeit kontinuierlicher, im Raum jedoch diskontinuierlicher Prozess verstanden werden müsse.
Den neuen kosmopolitischen Eliten bescheinigte Friedmann eine Falschdarstellung der tatsächlichen globalen Veränderungsprozesse: Nicht nur die geographische Dezentralisierung des Kapitals, sondern auch die Fragmentierung der Nationalstaaten sowie eine doppelte – horizontale wie vertikale - Polarisierung seien Teil derselben Problemlage. Diese bestehe einerseits aus der zunehmende Hybridisierung der Identitäten kultureller, intellektueller und politischer Eliten (“cosmopolitanization of elites”) in einem Prozess der aufwärts gerichteten Mobilität. Auf vertikaler Ebene machte er andererseits aufgrund einer dauerhaft sinkenden Mobilität der breiten Bevölkerungsschicht, die weiterhin an essentialistischen Vorstellungen von Identität festhalte, einen Prozess der Indigenisierung aus.

Im Anschluss an die Vorträge wurden aus den unterschiedlichen Positionen heraus die Ursachen der Globalisierung ebenso wie Verantwortlichkeiten und Alternativen kritisch beleuchtet. Während Blackburn und Kaller-Dietrich ihre Beiträge als konstruktive Gegenentwürfe zum Negativszenario einer unkontrollierten Globalisierung verstanden, bezweifelte Friedman die Wirksamkeit solcher Maßnahmen. Seiner Analyse zufolge müssen die Globalisierungsdebatten selbst als gesellschaftlich verankerte Formen der Machtmonopolisierung neuer, global agierender Eliten begriffen werden. Wie so häufig konnte der nahe liegenden und in der Diskussion geäußerten Forderung nach praktischen Lösungsansätzen für die präsentierten Probleme auch hier nur teilweise entsprochen werden. Zudem bleibt es eine offene Frage, ob nicht statt allgemeingültiger Modelle in unterschiedlichen Kontexten und Kulturen jeweils eigene Adaptionen solcher Ansätze notwendig sind.

Anmerkungen:
[1] Osterhammel, Jürgen, Petersson, Niels P., Geschichte der Globalisierung. Dimensionen, Prozesse, Epochen, (3. Aufl.) München 2006, S. 7.
[2] Das Graduiertenkolleg existiert seit Oktober 2006 und verbindet die empirische Erforschung von Phänomenen des Kulturkontakts mit der Reflexion wissenschaftlicher Diskurse zur Beschreibung und Analyse solcher Phänomene. (Siehe <http://www.uni-rostock.de/andere/grk1242 (01.08.2007)>

Citation
Tagungsbericht: Globalization in Critical Perspective: Its History, its Historiography, and its Discontents, 25.05.2007 – 26.05.2007 Rostock, in: H-Soz-Kult, 10.08.2007, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-1669>.
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Published on
10.08.2007
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