Vormoderne Verflechtungen. Die Weltregionen in ihren wechselseitigen Beziehungen 1250 bis 1500

Ort
Loveno di Menaggio
Veranstalter
Thomas Ertl
Datum
14.02.2008 - 16.02.2008
Von
Thomas Ertl, Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg

Welche Phänomene der Integration einerseits und der Fragmentierung andererseits prägten die Jahrhunderte zwischen 1250 und 1500? Welche Bedeutung besitzt diese Zeit für den epochenübergreifenden Prozess weltweiter Verflechtung? Diesen Fragen war eine Tagung gewidmet, die europäische und außereuropäische Geschichtswissenschaft, Japanologie, Islamwissenschaft und Iranistik zu einem interdisziplinären Gespräch zusammenführte.

Ausgangspunkt der Diskussion bildete die Beobachtung, dass im Untersuchungszeitraum sowohl Phasen beschleunigten transkontinentalen Austausches als auch Phasen verstärkter Zersplitterung erkennbar sind. Mehrere Elemente der Verflechtung können dabei unterschieden werden: Die Etablierung eines mongolischen Weltreichs, das vom Chinesischen Meer bis in den Nahen Osten im Süden und Osteuropa im Norden reichte. Dadurch wurde ein Verkehrs- und Kommunikationsraum geschaffen, der seine Prägung nicht nur durch umfassende Migrationsbewegungen, sondern auch durch eine außergewöhnliche Dichte politischer, kultureller und wirtschaftlicher Interaktion erhielt. Daneben bildeten die Weltmeere eine Völker und Kulturen verbindende Brücke. Zwar waren im Südchinesischen Meer, im Indischen Ozean, im Mittelmeer und in der Ostsee schon früher Kriegs- und Handelsschiffe unterwegs gewesen. Im späten Mittelalter nahm jedoch ebenso ihre Zahl wie ihre Größe zu. Das Ergebnis war möglicherweise ein „Welthandelssystem“, das zwischen 1250 und 1350 Ostasien mit Westeuropa verband und in den muslimischen Ländern Westasiens und Nordafrikas seine Schnittstelle besaß. Mit geringerer Geschwindigkeit, aber mit derselben Tendenz intensivierten sich die Beziehungen zwischen großen Binnenlandschaften. Der Transsahara-Handel hatte nicht nur ökonomische Relevanz, sondern war auch für staatsbildende Prozesse im subsaharischen Afrika von Bedeutung. Die grenzüberschreitende Mobilität von Händlern, Pilgern und Gelehrten erfasste schließlich auch Räume wie das westliche Europa, dessen politische, wirtschaftliche und kulturelle Zentren in eine Phase kontinuierlicher Interaktion eintraten.

Allerdings gibt es auch Anzeichen dafür, dass die Zeit zwischen 1250 und 1500 nicht nur als Epoche wachsender Integration zu begreifen ist: Der Mongolensturm zog eine Spur der Verwüstung durch Eurasien und zerstörte mancherorts für mehrere Generationen die Grundlagen agrarischer und gewerblicher Produktion. Die baldige Aufteilung des mongolischen Weltreichs verlieh zudem alten Grenzen und Konfliktlinien rasch neue Wirksamkeit. China erlebte unter der Ming-Dynastie im 15. Jahrhundert zunächst eine zuvor unbekannte Öffnung mit Seeexpeditionen bis nach Afrika, dann aber eine völlige Abkehr von den Weltmeeren. Innerhalb der islamischen Welt entwickelten sich neue politisch-ethnische Auseinandersetzungen sowie neue Großreiche, von denen das Osmanische Reich nach der Eroberung Konstantinopels eine fortwährende Bedrohung Zentraleuropas darstellte. Nachdem 1291 der letzte Stützpunkt der Westeuropäer in Palästina verloren gegangen war, wurde das Christentum, welches sich in den vorangegangenen Jahrhunderten weit nach Asien hinein ausgebreitet hatte, zunehmend zu einer europäischen Religion. In allen Teilen Asiens, Afrikas und Europas führte die wachsende Mobilität zudem nicht zum Abbau von sozialen und mentalen Grenzen. Im Gegenteil scheint der häufiger werdende Kontakt mit Fremden in allen Gesellschaften den Drang zur ethnischen Identitätsfindung sowie zur kulturellen Abgrenzung verstärkt zu haben.

In der zu untersuchenden Zeitspanne vollzogen sich offenbar gleichzeitig integrierende und differenzierende Prozesse. Die Teilnehmer der Tagung versuchten anhand von einzelnen Weltregionen, dieses Phänomen auf unterschiedlichen Ebenen sichtbar zu machen. Politisch-militärische Verschiebungen waren ebenso Gegenstand der Diskussion wie die Entfaltung wirtschaftlicher, religiöser und kultureller Interaktionsvorgänge. MICHAEL LIMBERGER (Katholiek Universiteit Brussel) befasste sich mit Westeuropa und zog eine Verbindung zwischen den besonderen strukturellen Merkmale dieses Raumes, die im Erstarken der Monarchie und in der Verdichtung des Fernhandels sichtbar werden, mit Austauschbeziehungen auf politischer und ökonomischer Ebene. Konsequenzen waren unter anderem die Diffusion einer an westeuropäischen Standards orientierten Hofkultur und das Entstehen eines Finanz- und Handelsmarktes, der Süd- und Westeuropa eng verknüpfte. THOMAS ERTL (Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg) erörterte die Region Zentraleuropa. Unter der Leitfrage: „Deutsche Einflusszone oder multiethnische Drehscheibe?“ wurden die aus allen Himmelsrichtungen in diese Region einströmenden Menschen, Techniken und Kulturpraktiken vorgestellt und Zentraleuropa auf dieser Grundlage trotz der deutschen Ostsiedlung und ihrer weit reichenden Konsequenzen als multipolarer und dynamischer Raum charakterisiert.

Unterstützt und kommentiert von REINHARD SCHULZE (Institut für Islamwissenschaft, Universität Bern) ordnete PETER FELDBAUER (Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte, Universität Wien) die muslimischen Länder zwischen Westasien und Spanien dem Begriffpaar „Zentrierung und Zersplitterung“ zu. Ausgehend von Schlüsselfragen der Globalgeschichtsschreibung konzentrierte sich Feldbauer auf die politisch-wirtschaftliche Ebene und widersprach der These eines Niedergangs der muslimischen Welt im beginnenden Spätmittelalter. DIETMAR ROTHERMUND (Südasien-Institut, Universität Heidelberg) belegte mit seinem Beitrag zu Indien und Südostasien, dass, wer diese Weltregion im späten Mittelalter beschreiben will, den Blick ebenso nach China und Afghanistan wie nach Persien und Ostafrika zu richten hat. Der Indische Ozean mit seinem Emporienhandel zwischen Malakka und Malindi war im Mittelalter die „friedliche Freihandelszone“ par excellence.

Mit Japan stellte REINHARD ZÖLLNER (Ostasiatische Geschichte, Universität Erfurt; demnächst Universität Bonn) eine Region vor, die wesentlich von internen Prozessen der Zentralisierung und Separierung bestimmt war. Bedeutung entwickelten maritime Austauschprozesse insbesondere am Beginn und am Ende der Epoche, als in China die einheimischen Dynastien Song bzw. Ming herrschten. Eine Schlüsselzone der Interaktion bildete im späten Mittelalter dagegen Zentralasien. Die hohe Dynamik von Migrationsbewegungen im Zeitalter der Mongolen und Timuriden führte dazu, dass RALPH KAUZ (Institut für Iranistik, Österreichischen Akademie der Wissenschaften) die politischen Verschiebungen in den Vordergrund seines Beitrages rückte und dabei die schwierige Abgrenzung der Weltregion sowohl im Osten als auch im Westen betonte.

Der Antagonismus von Interaktion und Fragmentierung innerhalb verschiedener Weltregionen stand im Mittelpunkt des interdisziplinären Gesprächs. Das Ziel der Tagung ging allerdings darüber hinaus. Gesucht wurde nach methodischen und inhaltlichen Gemeinsamkeiten bei der Beschreibung der Verflechtung der vormodernen Welt. Möglichkeiten und Grenzen der Globalgeschichtsschreibung für die Epoche vor 1500 standen also auf dem Prüfstand. Notwendig gemacht hatte diese Suche das Projekt eines Sammelbandes zum Thema „Globalgeschichte 1250-1500“. Neben den auf der Tagung behandelten Weltregionen werden darin auch China, Afrika, Amerika, Osteuropa, dem Ostseeraum und dem Mittelmeerraum eigene Beiträge gewidmet sein. Da mediävistische Ansätze dieser Reichweite in der deutschsprachigen Forschung noch nicht existieren, bemühten sich die Tagungsteilnehmer, einige Problemfelder zu definieren, um damit sowohl die vormoderne Globalgeschichtsschreibung im Allgemeinen als auch das konkrete Projekt im Speziellen voranzutreiben. Dabei ging es um die Konzeption und Gliederung der als Weltregionen bezeichneten räumlichen Großeinheiten und um deren wechselseitige Überschneidung, um die Gewichtung der internen und externen Interaktionsprozesse, um die notwendige Themenbreite von der Politik- und Militärgeschichte über die Wirtschafts- und Sozialgeschichte bis hin zur Kultur- und Kunstgeschichte sowie um das problematische Paradigma einer beständigen und modernisierenden Verflechtung. Die ausführliche Diskussion dieser Punkte im erweiterten Autorenkreis dient dazu, dem geplanten Sammelband über seine neuartige Fragestellung hinaus auch eine starke inhaltliche Kohärenz zu verschaffen. Für die in Deutschland gerade beginnende Diskussion globalgeschichtlicher Themen im Zeitalter vor 1500 soll auf diese Weise ein Orientierungs- und Anknüpfungspunkt bereitgestellt werden.

Konferenzübersicht:

Thomas Ertl: Begrüßung und Einführung in das Thema
Peter Feldbauer: Zum Stand des Projekts „Globalgeschichte in acht Bänden“ im Magnus-Verlag
Thomas Ertl: Deutsche Einflusszone oder multiethnische Drehscheibe? Zentraleuropa 1250-1500
Peter Limberger: Westeuropa im späten Mittelalter. Strukturelle Merkmale und internationale Interaktion
Peter Feldbauer: Zentralisierung und Zersplitterung. Die westliche islamische Welt (Kommentar Reinhard Schulze)
Reinhard Zöllner: Japan als Weltregion
Dietmar Rothermund: Kavalleriestaaten und Handelsgilden. Indien und Südostasien 1250-1500
Ralph Kauz: Dynamik der Migration. Zentralasien im Zeitalter der Mongolen und Timuriden

Zitation
Tagungsbericht: Vormoderne Verflechtungen. Die Weltregionen in ihren wechselseitigen Beziehungen 1250 bis 1500, 14.02.2008 – 16.02.2008 Loveno di Menaggio, in: H-Soz-Kult, 08.03.2008, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-1983>.