Neue Blicke auf die Beziehungen zwischen christlichen, jüdischen und muslimischen Islamwissenschaftlern

Place
Wuppertal
Host/Organizer
Lisa Medrow, Department „Wissen – Kultur – Transformation“, Universität Rostock
Date
27.11.2013 - 28.11.2013
By
Johanna Nanko, Zentrum Jüdische Studien Berlin-Brandenburg

Durch die weltpolitische Lage im 19. und frühen 20. Jahrhundert rückte die islamische Welt verstärkt in den Blick der europäischen Wissenschaft und Politik. Seit Edward Saids „Orientalism“ von 1978 beschäftigen sich verschiedenste Disziplinen mit der Beziehung Europas zum Vorderen Orient. Erst in den letzten Jahren näherten sich auch die Jüdischen Studien diesem Themenfeld. An der Schnittstelle von Geschichtswissenschaft, Jüdischen Studien und Orientalistik bot die Veranstaltung seltene Gelegenheit zu wissenschaftlichem Austausch.

Im Frühjahr 2013 hatte bereits ein erster Doktorandenworkshop in Leipzig am dortigen Simon-Dubnow-Institut für jüdische Geschichte und Kultur stattgefunden, dessen Organisation Walid Abd El Gawad oblegen hatte. Unter dem Veranstaltungstitel „Konvergenzen jüdischer und muslimischer Texttraditionen in der Moderne“ stellten Doktoranden verschiedener historisch und philologisch geprägter Disziplinen ihre Dissertationsprojekte vor, um anhand dieser Forschungsarbeiten den Überschneidungen von jüdischen und muslimischen Wissenschaftstraditionen in der Übergangszeit vom 19. ins 20. Jahrhundert nachzugehen. Eine Fortsetzung der Forschergruppe fand, von Lisa Medrow organisiert, am 27./28.11.2013 in Wuppertal statt. Geladen hatte Sabine Mangold-Will vom Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte der Universität Wuppertal, die bereits bei der Gestaltung und Umsetzung des ersten Treffens in Leipzig mitgewirkt hatte. Thema des Workshops waren die Netzwerke zwischen jüdischen, christlichen und muslimischen Orient- bzw. Islamwissenschaftlern. Den Ausgangspunkt bildete die Aufdeckung der zunächst rein personellen Verbindungen einzelner Wissenschaftler. Diesen Netzwerken wurde bislang in der Wissenschaft kaum Aufmerksamkeit geschenkt, was nicht zuletzt an der Marginalisierung der Wissenschafts- und Disziplinengeschichte insgesamt liegt.

Der Workshop begann am 27.11. mit einem Abendvortrag von THOMAS L. GERTZEN (Vancouver/Leipzig). Er zeigte anhand der Verhältnisse der Berliner Ägyptologie und des richtungsvorgebenden jüdisch-stämmigen Professors Adolf Erman (1854–1937) exemplarisch die Bedeutung der Untersuchung von Netzwerken für die Wissenschaftsgeschichte. Gertzen hob die Rolle Ermans hervor, der durch seine exponierte Stellung im Berliner Wissenschafts- und Museumswesen Schlüsselpositionen unter seinen Schülern verteilte. Am vorgestellten Beispiel wurde klar, inwiefern auch nichtuniversitäre Institutionen berufliche Möglichkeiten im Wissenschaftsbereich für jüdische Gelehrte boten.

Am 28.11. folgten die projektbezogenen Vorträge. JOHANNA NANKO (Berlin/Potsdam) zeigte die Exklusions- und Inklusionsmechanismen und -kriterien für jüdische Orientalisten am Beispiel des protestantisch sozialisierten Semitisten Theodor Nöldeke (1836–1930), der Koryphäe aller orientwissenschaftlichen Disziplinen des 19. und 20. Jahrhunderts, auf. Er beurteilte auf Grund seiner areligiösen Haltung Wissenschaftler nicht nach konfessionellen Kriterien, sondern nach Kriterien der Wissenschaftlichkeit. Diesen Maßstab sollten seiner Überzeugung nach alle Wissenschaftler bei der Vergabe von Stellen anlegen. Entgegen des von Hermann Cohen gegen Nöldeke in die Welt gesetzten Antisemitismusvorwurfs, konnte Nanko zeigen, dass Nöldeke sehr viele jüdische Wissenschaftler auf verschiedene Weise gefördert hat. Weder Anti- noch Philosemitismus spielten bei ihm eine Rolle. Die Beschäftigung mit Nöldeke und dessen Netzwerk ist, wie Nanko zeigte, für die Erforschung von Inklusionsmechanismen und damit der Frage der Rolle von Juden in der Wissenschaft relevant.

An Nöldeke und dem Großteil der christlich geprägten Wissenschaftler und Politiker einerseits und jüdischen Islamwissenschaftlern und muslimischen Reformtheologen andererseits werden die unterschiedlichen Positionen deutlich. Erstere behaupteten, Orient und „Orientalen“ seien nicht (in nächster Zukunft) aus sich selbst heraus zu einer höheren Kulturstufe entwicklungsfähig, womit humanistische Bildung als der Weg zum Fortschritt postuliert wurde. Die Alternative dazu vertraten z. B. die jüdischen Islamwissenschaftler Ignác Goldziher (1850–1921) und Paul Kraus (1904–1944) sowie der muslimische Reformtheologe Muhammad Abduh (1849–1905) und sein liberaler Nachfolger Amin Al-Khuli (1895–1966), indem sie die auf Basis der eigenen Wissenstradition begründete muslimische Entwicklungslinie betonen. Wie die Diskussion zeigte, spielte die Rezeption von Nöldekes Klassiker der modernen Koranforschung „Geschichte des Qorans“ (1860) sowie Goldzihers maßgeblichen Arbeiten „Mohammedanische Studien“ (1888) und „Richtungen der modernen Koranauslegung“ (1920) in der ägyptischen Reformbewegung eine wichtige Rolle.[1]

Dieser Rezeptionsgeschichte widmete sich WALID ABD EL-GAWAD (Leipzig), indem er anhand konkreter Beispiele aus der Übergangszeit vom 19. zum 20. Jahrhundert einerseits die geistige Verbindung zwischen der europäischen Islamforschung und der Wissenschaft des Judentums aufarbeitete und andererseits die Rezeption der aus dieser fruchtbaren Verknüpfung resultierten Arbeiten durch muslimische Wissenschaftler beleuchtete. Den Ausgangspunkt seiner Darstellung bildete die These, dass Muhammad Abduh die Ideen der modernen europäischen Wissenschaft durch seine Koranauslegung mit dem Korantext in Einklang zu bringen suchte und dadurch diesen Ideen einen Zugang in die muslimische Koranauslegung verschaffte. Während in der europäischen Islamforschung meistens die Wirkung der späteren konservativen Interpretation von der Lehre Abduhs vor allem durch seinen Schüler Muhammad Raschid Rida (1865–1935) in den Vordergrund gerückt wird, konzentrierte sich Abd El Gawad auf die liberale Richtung der islamischen Reformbewegung, die sich auf Abduhs Ideen begründete und für die muslimische Wissenstradition einen Weg in die Moderne zu ebnen suchte. Charakteristisch für diese Richtung sind laut Abd El Gawad die Arbeiten des muslimischen Reformdenkers und geistigen Schüler Abduhs Amin al­-Khuli (1895–1966). Abd El Gawad stellte heraus, dass sowohl Amin al­-Khuli als auch andere ägyptische Denker seiner Zeit neben den Ideen Abduhs die Forschungserzeugnisse von europäischen Islamwissenschaftlern, wie Nöldeke und vor allem Goldziher, als sehr wichtige Hilfsmittel für die Erforschung der eigenen Tradition bzw. für die Begründung einer muslimischen Wissenschaft des Islam betrachteten. Zur Darstellung dieser Rezeption zog Abd El Gawad einen Vergleich zwischen den Arbeiten von Amin al­-Khuli, dem muslimischen Gelehrten Ali Hassan Abdalqadir und dem ägyptischen Philosophen Abd ar-Rahman Badawi (1917–2002).

Der Name Badawi bildete gewissermaßen den Übergang zum Referat von MAJA ŠČRBAČIĆ (Leipzig), die den jüdischen Semitisten und Islamwissenschaftler Paul Kraus vorstellte. Kraus war ein Lehrer Badawis an der Universität in Kairo gewesen nachdem er 1936 aus dem Pariser Exil nach Ägypten gekommen war. Anhand der Fokussierung auf Kraus‘ Studien- und Lehrjahre als Privatdozent an der Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität, hob sie die Bedeutung von Kraus‘ Eintritt in das Berliner Institut für Semitistik Ende der 1920er Jahre für seine Hinwendung zur islamwissenschaftlichen Forschung, sowie den Austausch mit dem in Berlin vorgefundenen kulturgeschichtlich arbeitenden Netzwerk an Islamforschern für seine Forschungsergebnisse hervor. Ščrbačić ging zudem dem Einfluss von Carl Heinrich Becker (1876–1933) und seines kultur- und religionsgeschichtlichen Zugangs auf den jungen Kraus nach. Sie betonte, dass Kraus sich mit seinen Forschungen zur Geschichte der Naturwissenschaften in die Tradition Beckers stellte und mit diesem übereinstimmend von einem gemeinsamen Kulturkreis von Orient und Okzident ausging und sich damit von Ernst Troeltsch (1865–1923) abgrenzte, der den Orient aus der europäischen Geistesgeschichte ausschließen wollte. Exemplarisch für diese Problematisierung des Islam im Sinne Beckers steht Kraus‘ Vorlesung „Die Stellung der griechischen Wissenschaften im Islam“ am Institut für Semitistik und Islamkunde im Wintersemester 1932/33. Anhand der Betrachtung seines Vorlesungsmanuskriptes wurde deutlich, dass er in dieser eine der Beckerschen entgegengesetzte Forschungsagenda entworfen hatte. Während Beckers Beschäftigung mit der Rezeption des antiken Erbes in Orient und Okzident implizit die Vorrangstellung der europäischen Moderne gegenüber dem Orient kulturhistorisch zu begründen versuchte und letzterer lediglich als Negativfolie diente, vor der die Ideen des Humanismus und der Renaissance ihrer Vorrangstellung versichert werden sollten, scheint Kraus sich weitestgehend vom eurozentrischen Blick befreit zu haben, sodass sein eigentliches Interesse der Stellung der griechischen Wissenschaften im Islam als einem islamgeschichtlichen Problem galt und darüber hinaus einen genuinen Beitrag der islamischen Welt zur geistesgeschichtlichen Entwicklung des von ihm angenommenen „vorderasiatisch-europäischen“ Kulturkreises auszumachen glaubte und somit einem Transfermodell im Sinne Goldzihers und der Tradition der Wissenschaft des Judentums näher stand.

LISA MEDROW (Rostock) stellte in ihrem Vortrag eine wichtige Seite sozialer Netzwerke am Beispiel der Internationalen Orientalistenkongresse von Stockholm (1889) und Athen (1912) vor. Im Bericht zur Stockholmer Tagung lenkte Ignác Goldziher den Blick auf den Vorbildcharakter und die Chancen solcher Zusammenkünfte. Er fand, dass der Austausch mit europäischen Wissenschaftlern in die muslimischen Länder fortschrittliche Gedanken und Anstöße tragen könne und müsse. Die Relevanz dieser Kongresse und der Kongressberichte für die übergeordnete Fragestellung von Internationalität der Disziplin(en) und für das Verhältnis und Verständnis der internationalen Vertreter untereinander hob Medrow deutlich hervor. Diese großangelegten Zusammenkünfte waren für die Teilnehmer sowohl von wissenschaftlicher als auch persönlicher Bedeutung. Zugleich waren sie ein Instrument, die Orientalistik öffentlichkeitswirksam zu inszenieren. Wie unterschiedlich die Beurteilung von Muslimen als Akteuren der Islamwissenschaft von jüdischen und christlichen Gelehrten sein konnte, zeigte Medrow anhand von zwei Tagungsberichten. Goldziher beurteilt in seinem Bericht zu Stockholm[2] von 1889 die Rolle von Muslimen innerhalb der Veranstaltung positiver als Becker 20 Jahre später. In der an sich positiven Einschätzung der Chancen wissenschaftlicher Kongresse für die Menschheit zeigt sich die Vorstellung der Rückschrittlichkeit der muslimischen Welt dennoch; eine Chance zum Aufstieg ist jedoch gegeben. Hingegen galten Muslime 1912 dem späteren Bildungs- und Wissenschaftsminister der Weimarer Republik, Becker, überwiegend als Gegenstand, keinesfalls jedoch als Mitgestalter der Forschung. Islamwissenschaft und Orientalistik sei den gebildeten Europäern vorbehalten. Diese Deutungshoheit auf europäischer Seite, die Becker in seinem Bericht des Kongresses von Athen 1912 vertrat[3], demonstriert dasselbe Überlegenheitsdenken vom humanistisch gebildeten Okzident über den geistlosen Orient, wie er sich auch im von Ščrbačić vorgelegten Beitrag Beckers zur Rolle des Orients bei der Philosophievermittlung zeigte. Wie auch bei Kraus sieht man bei Goldziher, dass die Zugehörigkeit zum europäischen Judentum mit dem Verständnis der eigenen Geschichte und Tradition, wie die Wissenschaft des Judentums sie erarbeitete, eine alternative Sichtweise zum Eurozentrismus in Hinblick auf die Beurteilung der Geschichte, Gegenwart und Zukunft des Orients ermöglichte.

Im Workshop hat sich gezeigt, dass der bisherige Rahmen, in dem wissenschaftsgeschichtlich für die Orientalistik relevante Forschung betrieben wurde, einer Ausweitung bedarf, um sie so auch über den eigentlichen Fachbereich hinaus nutzbar zu machen. Es soll versucht werden, weitere Forscher für den Arbeitskreis zu gewinnen, um das Gesamtbild zu vervollständigen. Die disziplinübergreifende Untersuchung sowohl direkter personeller Beziehungen als auch indirekter gegenseitiger Beeinflussung im wissenschaftlichen Opus sind notwendige Schritte für die Erkenntnis wie Wissen zirkuliert. In zukünftige Workshops und Tagungen sollen diese wissenschaftsgeschichtlichen Fragestellungen innerhalb der Orientwissenschaften für allgemeinere Betrachtungen aufbereitet werden. So müssen z. B. auch Richtungen innerhalb der von Heinrich Leberecht Fleischer gedachten Orientalistik als „weltbürgerlichen“ Wissenschaft betrachtet werden dürfen, die in gegenwärtiger nichtorientalistischer Forschung keine Berücksichtigung finden. Der bislang weit verbreitete Vorwurf von Orientalismus, Eurozentrismus und Antisemitismus der Orientalistik muss überdacht und an neu aufkommenden Arbeiten neu beurteilt werden.

Konferenzübersicht:

Thomas L. Gertzen (Vancouver/Leipzig): „Wie Lepsius der Meister der Altägyptologie, so kann dessen Nachfolger Erman der Führer der Jungägyptologie genannt werden“ – Anmerkungen zur Disziplingenese der Ägyptologie in Deutschland

Johanna Nanko (Berlin/Potsdam): „Dass ich Ihre Abneigung gegen die Juden an sich nicht theile, ist mir sehr lieb; meine besten Schüler sind meistens Juden.“ – Nöldeke als Einstiegshilfe in die (internationale) Wissenschaftsgemeinschaft?

Walid Abd El Gawad (Leipzig): Korrespondenz in Brief und Text. Zur Rezeption moderner Orientforschung an ägyptischen Universitäten im 20. Jahrhundert

Maja Ščrbačić (Leipzig): Das Berliner Institut für Semitistik und Islamkunde. Netzwerke kulturgeschichtlicher Islamforschung zu Beginn der 1930er Jahre

Lisa Medrow (Rostock): Die Inszenierung des Netzwerk-Gedankens auf Orientalistenkongressen des frühen 20. Jahrhunderts – Paradigmen akademischer Akzeptanz und Ablehnung von muslimischen Wissenschaftlern.

Anmerkungen:
[1] Theodor Nöldeke, Geschichte des Qorâns, Göttingen 1860; Ignác Goldziher, Mohammedanische Studien, Halle 1880–1890; ders., Die Richtungen der islamischen Koranauslegung, Leiden 1920.
[2] Ignaz Goldziher, Vom Stockholmer Orientalisten-Kongreß, in: Abendblatt des Pester Lloyd 204 (1889).
[3] Carl Heinrich Becker, Der 16. Internationale Orientalisten-Kongreß zu Athen (7.–14. April 1912), in: Der Islam 3 (1912), S. 292–294.

Citation
Tagungsbericht: Neue Blicke auf die Beziehungen zwischen christlichen, jüdischen und muslimischen Islamwissenschaftlern, 27.11.2013 – 28.11.2013 Wuppertal, in: H-Soz-Kult, 28.04.2014, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-5329>.