Materialität und kultureller Transfer. Epistemische Verflechtungen in der Erzeugung globalen Wissens / Materiality and Cultural Transfer. Epistemic Entanglements in Global Knowledge Production

Ort
Dresden
Veranstalter
Liliana Gómez-Popescu, Elisabeth Tiller, Institut für Romanistik, Technische Universität Dresden (TUD), Sächsische Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden (SLUB Dresden)
Datum
24.01.2014 - 25.01.2014
Von
Susanne Ritschel, Institut für Romanistik, Technische Universität Dresden

Vor dem Hintergrund von Kulturkontakten eignen sich gerade die Konzepte „Materialität“ und „kultureller Transfer“, um die Entstehungsbedingungen und Stabilisierungsformen von epistemischen Verflechtungen zu diskutieren. Für die Erzeugung globalen Wissens waren in diesem Zusammenhang die vielfältigen frühneuzeitlichen Austausch- und Übertragungsprozesse mit den Amerikas und Asien besonders prägend und nachhaltig. Ziel der Tagung war es, neben den materialen Zuständen von Artefakten vor allem ihre wissenschaftliche Diskursivierung unter der Bedingung des kulturellen Transfers zu thematisieren. Dabei kristallisierte sich ein konzeptueller Rahmen heraus, der wie folgt skizziert werden kann.

Bei der Herausbildung neuer Episteme im Kontext von Kulturkontakten gilt es zunächst, das Moment vor dem eigentlichen Auffinden der Artefakte im Feld zu beschreiben. Welche bereits bestehenden Ordnungsarrangements und Diskursformen wirkten sich determinierend auf den Transfer neuer Wissensformen aus und auf welche Weise wurden Kulturtechniken dafür adaptiert? Das spätere Erfassen und Sammeln erforderte die Entwicklung von Aufzeichnungs- und Aufschreibesystemen, die das Festhalten und Bereitstellen der Daten gewährleistete. Da Visualisierungstechniken auf die sie umgebende kulturelle Ordnung reagieren, erfolgte in diesem Kontext oftmals die Herausbildung neuer bild-, schrift- und zahlgestützer Kulturtechniken. Diese medientechnischen Neuerungen bedurften wiederum der Vorgänge des Übersetzens und Übertragens als Grundvoraussetzung für die sich anschließende Zirkulation des auf diesem Wege erzeugten Wissens. Die einzelnen Tagungsbeiträge konzentrierten sich überwiegend auf eine Phase innerhalb dieses komplexen Prozesses der Wissenskonstitution, die im Wesentlichen für die Sektionen titelgebend waren.

In Verbindung mit den frühen Beobachtungs- und Aufzeichnungsprotokollen der südamerikanischen Archäologie und Paläontologie konnte IRINA PODGORNY (Weimar/ Buenos Aires) feststellen, dass diese auf koloniale Verwaltungsprotokolle aus Handel, Verwaltung oder Militäringenieurwesen zurückzuführen waren. Bei Rundschreiben und Fragebögen war ein Transfer vom administrativen zum wissenschaftlichen Aufschreibesystem ebenfalls nachweisbar. Neben dem Techniktransfer kam es hier zudem zum Personentransfer derjenigen, die diese Beobachtungs- und Aufzeichnungssysteme für die neuen Wissenschaftsdisziplinen adaptierten und weiterentwickelten. ELISABETH TILLER (Dresden) wandte die Trias aus „Materie“, „Material“ und „Materialität“ auf die frühen italienischen Amerikareisen an, um anhand des späten 15. und frühen 16. Jahrhunderts ebenfalls den Rückgriff auf bereits bestehende Wissensstrukturen zu veranschaulichen. So verwiesen die vorgestellten Reiseberichte auf Diskurstraditionen, die sich in Italien bereits im 13. Jahrhundert etabliert hatten und im 15. Jahrhundert eine starke humanistische Überformung erfuhren. Florenz fungierte als Standort mit bedeutender epistemischer Multiplikatorenfunktion, an dem das Wissen über die sogenannte Neue Welt mittels Fernreisender, Kaufleute und Berichterstatter gespeichert wurde. Die Berichte von Amerigo Vespucci und Giovanni da Verrazzano gaben erste Rechenschaft über das Vorgefundene, das durch die eigene Augenzeugenschaft authentifiziert wurde. So wurde im Beitrag neben den Konstitutionsprozessen der Florentiner Diskurs-Kultur vor allem deren Medialisierung thematisiert.

Der Aspekt des Sammelns der Artefakte stand im Vordergrund des Beitrags von THOMAS BREMER (Halle), der sich mit dem Umgang der Materialien aus der Cook-Forster-Expedition in den „Academischen Sammlungen“ der Universität Göttingen auseinandersetzte. Auf der Grundlage des Erwerbs von großen Teilen der nach Europa gebrachten Materialien erweiterte die Göttinger Universität ihre Sammlungsbestände und eröffnete daraufhin die erste europäische „Academische Sammlung“. Gerade universitäre Sammlungen sind Orte wissenschaftlicher Selbstinszenierung, in denen die materiellen Exponate wie Fossilien oder Kunst- und Alltagsgegenstände als Nachweise der Wissenszirkulation fungieren. Im Beitrag wurden in erster Linie die Sammlungsstrategien besprochen sowie mögliche Folgen für die Exponate in Momenten des Übergangs von einer akademischen Sammlung zum Museum. Mit den Umständen des Anlegens und Zusammenstellens einer musealen Ordnung beschäftigte sich auch IRIS EDENHEISER (Mannheim). In ihrem Beitrag stellte sie mit Ferdinand Pettrich einen weniger bekannten Vertreter der europäischen Bildproduktion über nordamerikanische Indianer vor. Der in Dresden geborene Bildhauer lebte zwischen 1836 und 1843 in Washington, wo er zahlreichen Diplomaten der Native Americans begegnete. Sein daraufhin entstandenes „Indianisches Museum“ umfasst 33 Reliefs, Statuen, Büsten und Bozzetti aus Gips, die eine monochrome terrakottafarbene Farbfassung erhielten, womit sich zugleich ein Materialwechsel vollzog. Im Vortrag wurde neben dem ethnografischen Duktus der Darstellungen auch die Orientierung an der bereits bestehenden visuellen Kultur Europas zum Entstehungszeitpunkt diskutiert. Das politische wie kulturhistorische Umfeld verweist auf eine entscheidende Phase der US-amerikanischen Landesgeschichte, in der Verträge über die zukünftige Nutzung des Landes ausgehandelt wurden. Die geringe Rezeption von Pettrichs „Indianischem Museum“ verweist in diesem Zusammenhang auch auf die Gefahr des physischen und ideellen Herausfallens aus dem visuellen Transfer, sobald sich die Werke zum festen musealen Bestandteil etabliert haben.

Im Beitrag von HANNAH BAADER (Florenz) wurden vor allem die Aspekte der Materialität und Visualität von Diamanten betont, deren Abbau bis zum 18. Jahrhundert ausschließlich in Indien erfolgte. Mit Jean-Baptiste Tavernier besuchte einer der ersten Europäer die Diamantenminen Indiens, wodurch zugleich eine Wissenszirkulation über die Edelsteine einsetzte. Seine Reisebeschreibungen von 1676 beinhalten Auskünfte über Handelswege, Maße und Gewichte sowie über die Arbeitsbedingungen der Minenarbeiter. Der Beitrag konzentrierte sich neben dem Potenzial des Transfers für das Material auch auf sein Machtpotenzial. Durch das Aufzeigen der historischen wie gegenwärtigen transkontinentalen Transfernetze (unter anderem Südafrika, Botswana, Demokratische Republik Kongo als Abbaugebiete / Antwerpen, Tel Aviv, New York als Diamantenhandelsplätze) wurde deutlich, dass es der einzelnen Stationen der Bearbeitung und des Handels für die Wertsteigerung bedurfte und bedarf. Die Betonung der materialen Bedingtheit wurde im Beitrag von LILIANA GÓMEZ-POPESCU (Dresden) fortgesetzt, die sich der botanischen Wissensproduktion im Kontext von Kulturkontakten widmete. Im Beitrag wurden zwei Aspekte besonders herausgestellt. Zum einen die Wechselbeziehung zwischen Fotografie und Botanik und zum anderen die Herausbildung einer visuellen Epistemologie innerhalb botanischer Transfers, die in enger Verbindung stehen mit der Figur des Archivs. Als Fallbeispiele dienten die Zeichnungen und Glasmodelle Rudolf Blaschkas und die Fotografien von Wilson Popenoe, der als „agricultural explorer” des US-amerikanischen Landwirtschaftsministeriums die Botanik Zentral- und Südamerikas dokumentierte. In diesem Fall wurde auf die Voraussetzung von visualisierenden Kulturtechniken für die Erarbeitung botanischer Ordnungen sowie für das Anlegen botanischer Archive verwiesen. Zugleich wurde im Beitrag die Verflechtung betont, die zwischen visuellen Archiven, Kulturtechniken und Diskursen existiert. DAGMAR SCHÄFER (Berlin) untersuchte in ihrem Beitrag ausgehend vom Material Seide die chinesische Kategorie „wu“ („Dinge“) in der Ming Dynastie (1368-1645). Bislang hatte sich der chinesische Wissenschaftsdiskurs stärker auf den lokalen Ursprung der Produktion sowie auf die Verarbeitung von Seide konzentriert. Dabei blieben die materialen Qualitäten, die akustisch „sichtbar“ gemacht werden können, oft unbeachtet. Indessen kann am Beispiel von Seide in der Ming Dynastie besonders anschaulich die Verbindung von materialer Bedingtheit und der Identität von Artefakten aufgezeigt werden. Der hohe Wert des Materials konnte lange Zeit gerade durch den unterbundenen Wissenstransfer über die Herstellungsprozesse aufrechterhalten werden.

Das Moment der Übersetzungen und Übertragungen stand im Fokus des Vortrags von ORI PREUSS (Tel Aviv), der sich mit der Funktionalisierung von Sprache innerhalb der argentinisch-brasilianischen Beziehungen Ende des 19. Jahrhunderts auseinandersetzte. Die Bedeutung von Übersetzungen bzw. bewussten Nicht-Übersetzungen “por la semejanza del idioma” (Confraternidad Sud-Americana, 1901) konnte dieser in einer Vielzahl an Dokumenten feststellen. Dabei wurde deutlich, dass eine Intensivierung des binationalen diplomatischen, wirtschaftlichen sowie politischen Verhältnisses stets mit einer Betonung der sprachlichen Ähnlichkeiten “con ligerísimas diferencias” (Ernesto Quesada, 1883) einherging. Für den argentinisch-brasilianischen Kulturkontakt über das Medium Sprache waren ebenfalls hybride linguistische Formen nachweisbar, die im Zusammenhang mit dem makro-regionalen Machtdispositiv zu denken sind. Im Beitrag von JAIRO MORENO (Philadelphia) wurde die Bedeutung der materialen Ressource Ton im Kontext der imperialen Vergangenheit Kubas um 1900 rekonstruiert. Im Umfeld der Ereignisse des Spanisch-Amerikanischen Kriegs von 1898 nahm die kubanische Musik als Grundlage des Jazz eine Schlüsselposition ein, die in erster Instanz von schwarzen US-amerikanischen Musikern aufgegriffen wurde. Damit setzte eine Dematerialisierung konkreter Aspekte musikalischer Materialität ein, die unter anderem den Rhythmus betreffen konnte. Je stärker sich diese zu zentralen Attributen des Jazz materialisierten, desto evidenter wurden zugleich die imperialen Verflechtungen mit ihrer kubanischen Herkunft.

Die letzten zwei Beiträge betonten wiederum die Rahmenbedingungen bei der Erzeugung von Wissen im Feld. STEFANIE GÄNGER (Köln) analysierte die Genese des Topos des “secretive Indian” im Andenraum. Dieser Topos begleitete die medizinischen und botanischen Abhandlungen von Ipecacuana, Guaiacum, Sarsaparilla oder Jalapa seit dem Ende des 18. Jahrhunderts. Die Konstruktion desselben erfolgte mittels Zuschreibungen wie die eines „indigenen Wissens” oder eines „ökologisch nachhaltig handelnden Indianers”, der mit der Natur in Einklang lebt und „geheimes Wissen“ vor den kolonialen Aggressoren zu bewahren verstand. Dieser Diskurs wurde von Wissenschaftshistorikern sowie Historikern der Botanik gestärkt. Letztlich produzierte diese Art von Abhandlungen die Figur eines “secretive Indian”. In diesem in erster Linie kulturalistischen Diskurs verbarg sich die stereotype Obsession der Fixierung von Mustern. Der Beitrag von MANUELA FISCHER (Berlin) fokussierte die Arbeit des deutschen Anthropologen Max Schmidt, der ab 1934 das ethnologische Museum in Asunción (Paraguay) leitete, nachdem er bereits der Südamerikanischen Abteilung des Staatlichen Museums für Völkerkunde in Berlin vorstand. Im Beitrag wurde Schmidts Arbeit in den kolonialen und imperialen Entstehungskontext rückverortet. Dabei wurde deutlich, in welchem Umfang die historischen Ereignisse in den deutschen Kolonien und Protektoraten die ethnologische Forschungstätigkeit Schmidts in den Amerikas determinierten. Die Einflussnahme auf den Wissenstransfer wurde im Beitrag zum einen durch die Erkenntnisse veranschaulicht, die Schmidt im Feld erwarb und später veröffentlichte, so unter anderem in “Das Eingeborenenrecht“ von 1930. Weiterhin diente das Aufzeigen des institutionellen Rahmens (Deutsche Kolonialkongresse, Amerikanisten-Kongresse, Deutsche Kolonialschule für Landwirtschaft, Handel und Gewerbe), in dem Schmidt agierte, der Beweisführung. Im Beitrag konnte so die komplexe Bedingtheit kultureller Entitäten für die Herausbildung neuer epistemischer Systeme veranschaulicht werden.

In ihrer Gesamtheit analysierten die Tagungsbeiträge die Bedingungen von Wissensproduktion, ihre materiale Zirkulation sowie die Diskursivierung von Materialität. Erstmals bildeten dabei die Konzepte der „Materialität“ und des „kulturellen Transfers“ einen gemeinsamen und überaus produktiven Ausgangspunkt. Die Ergiebigkeit dieser Verbindung ist darauf zurückzuführen, dass der ursprünglich statische Zustand der materia prima um die notwendige Dimension des Mobilen erweitert wurde. Die Tagung bot aus disziplinärer Sicht ferner Anlass dazu, sich von der neuphilologischen Fokussierung auf einen Sprach- und Kulturraum zu lösen sowie die Ansätze der Literatur-, Kultur- und Medienwissenschaften denen der Wissenschaftsgeschichte, Geschichte, Kunstgeschichte, Archäologie und Ethnologie anzunähern. Die Konzentration aller Beiträge auf die komplexe Prozesshaftigkeit der Wissenserzeugung sicherte im Verlauf der Tagung nicht nur die Vergleichbarkeit trotz heterogener Fallbeispiele. Ein Nebeneffekt dessen war die klarere Modellierung der einzelnen Etappen im Prozess von Wissenskonstitution. Letztlich wurde dadurch auch die Vorstellung von lineareren Beziehungen zwischen eindeutig definierten (wissenschaftlichen) Ausgangs- und Zielkulturen um die Perspektive flexibler epistemischer Entstehungsbedingungen im globalen und vernetzten Wissensraum ergänzt. Die Tagungsbeiträge legen den Schluss nahe, dass ein epistemologisches Modell auf Basis der Trias von „Materie“, „Material“ und „Materialität“ für die Zukunft zu erarbeiten ist. Infolgedessen könnten die Momente des Übergangs, der Brüche, der Adaption, des Nachwirkens sowie des Verwerfens im Prozess der Wissensgenese im Kulturtransfer klarer analysiert werden.

Konferenzübersicht:

Begrüßung:
Christian Prunitsch (Dekan der Fakultät Sprach-, Literatur-, und Kulturwissenschaften TUD), Liliana Gómez-Popescu, Elisabeth Tiller

Sektion 1: Aufzeichnungssysteme, Aufschreibesysteme / Discourse Networks

Irina Podgorny (Weimar/Buenos Aires), Towards a Bureaucratic History of Science

Elisabeth Tiller (Dresden), Humanistischer Transfer von Wissen aus der Fremde. Modi kognitiver Welterfassung italienischer Amerika-Reisender zwischen 1490 und 1530

Sektion 2: Sammeln von Artefakten / Collecting Artefacts

Thomas Bremer (Halle), Die Materialien der Cook-Forster-Expedition und der Beginn des akademischen Sammelns

Iris Edenheiser (Mannheim), ‘The Indian Museum’ by Ferdinand Pettrich. Portrayals of Native American Diplomats in Washington, 1837-1856

Sektion 3: Materialität und Visualität / Materiality and Visuality

Hannah Baader (Florenz), Diamonds. Materiality in Transfer

Liliana Gómez-Popescu (Dresden), ‘How Things Matter.’ Visual Epistemology and Botanical Transfer

Sektion 4: Medien des Wissens / Media of Knowledge

Dagmar Schäfer (Berlin), Classified by Locality: About the Origin and Identity of Matter and Things

Sektion 5: Übersetzung und Übertragung / Translation and Transmission

Ori Preuss (Tel Aviv), ‘Almost the Same Language’: Spanish-Portuguese Translations, International Relations, and Identification in South America, 1870-1900

Jairo Moreno (Philadelphia), Material Sound Resources and Imperial Knowledge: Cuban Music in the US, ca. 1900

Sektion 6: Erzeugung von Wissen im Feld / Knowledge Production in the Field

Stefanie Gänger (Köln), Inalienable Truth. ‘The Secretive Indian’ in Andean Botany, ca. 1750-1800

Manuela Fischer (Berlin), Anthropology as a ‘Practical Science’: Knowledge Transfer in Imperial Germany Life and Work of the Anthropologist Max Schmidt

Round Table:
Manuela Fischer, Liliana Gómez-Popescu, Irina Podgorny, Dagmar Schäfer

Zitation
Tagungsbericht: Materialität und kultureller Transfer. Epistemische Verflechtungen in der Erzeugung globalen Wissens / Materiality and Cultural Transfer. Epistemic Entanglements in Global Knowledge Production, 24.01.2014 – 25.01.2014 Dresden, in: H-Soz-Kult, 07.07.2014, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-5449>.