Mediterranean Rivers in Global Perspective

Place
Bochum
Host/Organizer
Zentrum für Mittelmeerstudien, Ruhr-Universität Bochum
Date
03.03.2016 - 04.03.2016
By
Katharina Tunke, Fakultät für Geschichtswissenschaft, Ruhr-Universität Bochum

Vor dem Hintergrund aktueller Diskussionen zur global history setzte sich eine internationale Konferenz, die am 3. und 4. März in Bochum stattfand, mit mediterranen Flüssen in globaler Perspektive auseinander, wobei man die Grenzen des „Mediterranen“ als flexibel betrachtete. Die Konferenz, bis auf wenige Ausnahmen in englischer Sprache durchgeführt, war sowohl interdisziplinär als auch epochenübergreifend angelegt. Organisiert wurde sie von Vorstand und Mitarbeitern des Zentrums für Mittelmeerstudien (ZMS) der Ruhr-Universität Bochum, namentlich Johannes Bernhardt, Manuel Borutta, Nicola Brauch, Markus Koller, Achim Lichtenberger und Eleni Markakidou.
Im Fokus standen einerseits die Flüsse selbst als Bindeglied zwischen Meer, Küste und Hinterland sowie als natürliche Grenzen; auf der anderen Seite richtete man den Blick auf die Menschen am Fluss und deren Flussgemeinschaften, die von der Flussregion profitierten, sie gestalteten und auf ihre eigene Art und Weise wahrnahmen. Ausgangspunkt waren dabei zwar mediterrane Flüsse, doch standen auch, vor allem in den Diskussionen, weitreichende Beziehungen und Anknüpfungspunkte für Vergleiche im Mittelpunkt. Verschiedenste Flüsse wurden anhand von Fallstudien sowie übergreifenden Darstellungen in drei Sektionen zu „Connectivity“, „River People“ und „Imagined Rivers“ kritisch diskutiert. Die Konferenz reiht sich somit in jüngste Debatten der area studies ein, die wiederum als Teil der global history überregionale Verknüpfungen untersuchen und versuchen, die Grenzen zuvor eindeutig definierter Einheiten zu verschieben.
Die erste Sektion wurde durch einen Vortrag von SABINE HUY (Bochum) zu griechischer Importkeramik des 6. bis 3. Jahrhunderts vor Christus im Bereich des Don eröffnet. Mit den Neben- und Zuflüssen sowie seinem großflächigen Flussdelta im nordöstlichen Schwarzen Meer hat der Don ein außerordentlich großes Einzugsgebiet, dessen antike Siedlungen archäologisch relativ gut fassbar sind. Der Fokus lag auf der Bedeutung der Flusslandschaft für die antiken Gemeinschaften und die sich stetig verändernden Siedlungsstrukturen. Am Beispiel des im Delta gelegenen Handelsstützpunktes Elizavetovka machte Huy die enge Beziehung zwischen Delta und mittlerem Flusslauf deutlich und zeigte die Wichtigkeit des Handels mit den griechischen Importen für die Migration ins Flussdelta. Ein Vergleich mit der Rhône, für die bereits ein Erklärungsmodell existiert, wurde schließlich herangezogen, um das komplexe Zusammenspiel zwischen interkulturellen Handelsbeziehungen und Flusslandschaft besser zu verstehen.
Einen weniger wirtschaftlichen und mehr kulturellen Ansatz wählte SIMON HOFFMANN (Freiburg) in seinem anschließenden Vortrag zur geographischen und historischen Bedeutung von Flusstälern am Beispiel der antiken Landschaft Karien. Die im Südwesten der Türkei gelegene Region war durch den Mäander, den heutigen Menderes, eine Schnittstelle zwischen Mittelmeer und anatolischem Hinterland, zugleich aber auch durch die Täler der Nebenflüsse und das raue Bergland dazwischen kleinteilig untergliedert. Mithilfe von Münzen, Inschriften, der literarischen Überlieferung und geographischen Untersuchungen machte Hoffmann deutlich, dass die kleineren Flüsse für die Kommunikation der einzelnen Flussgemeinschaften keine Rolle spielten, während die größeren Nebenflüsse und natürlich der Mäander spürbaren Einfluss auf die Menschen hatten. Dennoch waren die Flüsse, ob groß oder klein, im antiken Karien wohl keine wichtigen Verkehrswege.
Die Sektion beschloss FRANCESCO VALLERANI (Venedig) mit einem Vortrag über binnenländische Schifffahrtswege im Nordosten Italiens, der herausstellte, wie neuzeitliche Entwicklung im Wasserbau die Flusslandschaften nachhaltig veränderten. Damit wandelten sich auch die Flussgemeinschaften, die zudem vor neuen Herausforderungen standen – die Erschöpfung des Grundwassers sowie die Verschmutzung der Flusssysteme wurden zu wachsenden Problemen. Vallerani zeigte an seiner Fallstudie auf, wie sich neuere Tendenzen dieser Probleme auf eher kultureller Ebene annehmen und Versuche unternommen werden, die Flüsse als Kulturgut anzusehen und wiederherzustellen.
Der erste Vortrag der zweiten Sektion musste wegen Ausfall des Referenten vorgelesen werden. JACQUES ROSSIAUD (Lyon) setzte sich in seinem Paper mit den Menschen entlang der Rhône zur Zeit des Mittelalters auseinander. Anhand dieses Beispiels wurde deutlich, dass die Flussschifffahrt hier zur Bildung einer spezifischen Gesellschaft geführt hat, deren Mitglieder das Leben an der Rhône prägten und sich selbst „riveyrands“ nannten. Sie haben sich nichts nur selbst als eigenständige Flussgemeinschaft angesehen, sondern wurden auch von Außerhalb als solche betrachtet. Dennoch gab es, wie Rossiaud aufzeigte, innerhalb dieser Gesellschaft Unterschiede und Veränderungen im Laufe der Zeit.
Über den einzigen Fluss, der nicht im Bereich des Mittelmeers liegt, sprach CHRISTOPHER MORRIS (Arlington) im zweiten Vortrag der Sektion. Darin beschäftigte er sich mit den Menschen am Mississippi im Lichte globalhistorischer Quellen des 18. bis 21. Jahrhunderts und der Frage, ob der Fluss ein Fluss Amerikas oder der Welt gewesen sei. Statt den Mississippi mit anderen Flüssen zu vergleichen, stellte er einen Vergleich durch die Jahrhunderte an und analysierte, wie der bisweilen als „body of the Nation“ bezeichnete Fluss im 18., im frühen 19. und im 20. Jahrhundert sowie im derzeitigen Diskurs zum Hurrikan Katrina wahrgenommen wurde bzw. wird. Zusammenfassend wurde deutlich, dass der Mississippi immer in globaler Perspektive gesehen und von den Menschen mit ihnen bekannten Flusslandschaften gleichgesetzt, diesen sogar angeglichen wurde.
Der letzte Vortrag führte nach Europa zurück, und zwar in die heutige Ukraine. VICTOR OSTAPCHUK (Toronto) diskutierte in seinem Vortrag zum Unterlauf des Dnepr die Eigenheiten der Saporoger Kosaken und inwiefern diese eine eigene Flussgemeinschaft bildeten. Der Vortrag beleuchtete auch generell die Eigenheiten dieser ausgedehnten Flusslandschaft und der dort lebenden Menschen.
Die dritte und letzte Sektion wurde durch einen geschichtsdidaktischen Vortrag von NICOLA BRAUCH (Bochum) über Möglichkeiten und Perspektiven der Auseinandersetzung mit dem antiken Nil im Schulunterricht eingeleitet. Dabei ging es zunächst um die derzeitige Thematisierung dieses Flusses in den Lehrplänen der „westlichen Welt“, wobei gravierende Unterschiede deutlich wurden. Schließlich machte Brauch Vorschläge, wie die Flussgemeinschaft(en) des Nils in der Schule thematisiert werden könnte(n), um die Schüler für aktuelle Diskurse und Tendenzen der Geschichtswissenschaft zu sensibilisieren. Abschließend wurde ein Ausblick auf ein geschichtsdidaktisches Projekt gegeben, das das Schülerlabor der Ruhr-Universität Bochum einbinden soll.
Ebenfalls mit dem Nil setzte sich im anschließenden Vortrag VOLKER SCIOR (Bochum) auseinander. Er thematisierte die Wahrnehmung dieses Flusses in mittelalterlichen Reiseberichten, die aufgrund ihrer Außenperspektive neben anderen Textgattungen eine wichtige Quelle für die Beschäftigung mit Flüssen darstellen. Am Beispiel der Texte von Burchard von Straßburg (1175) und Muhammad ibn Dschubair aus Andalusien (1183—1185) stellte er die Motive der frühesten Reisen an den Nil heraus und wie diese die jeweiligen Berichte beeinflussten. Unabhängig von Auftrag und Herkunft der Reisenden scheinen die ersten Ägyptenreisen nicht „um des Nils willen“, sondern wegen der dortigen Stätten durchgeführt worden zu sein. Eindrucksvoll ist auch die Mystifizierung des Nils, die bei den verschiedenen Pilgern je nach Religion in unterschiedliche Richtungen gehen konnte (Gleichsetzung mit Euphrat oder Niger).
Den Abschluss dieser Sektion bildete der von PRUDENCE JONES (Montclair/NJ) gehaltene Vortrag zur Charakterisierung von Flüssen in der antiken griechisch-römischen Überlieferung. Zunächst wurde ein Überblick über die Funktionen gegeben, die Flüsse in den verschiedenen literarischen Genres einnehmen können, woraufhin die Poesie im Vordergrund stand. Als Schlüsselaspekt von Flüssen und wichtiger Faktor für die Konnektivität von Räumen wurde das „Fließen“ herausgestellt. Das Mittelmeer diene dabei als Empfänger der verschiedenen Ströme, zugleich waren diese aber auch ein Zugang ins Hinterland. Auf der anderen Seite konnte ein kräftiger Fluss eine Barriere darstellen, weshalb große Flüsse in der Poesie meist als „schlecht“ charakterisiert wurden. Letztlich hing die Charakterisierung eines Flusses aber vom einzelnen Dichter und dem jeweiligen Fluss ab.
Insgesamt bot die Konferenz Einblicke in verschiedenste Herangehensweisen zum Thema „Mediterranean Rivers“ und innerhalb der Diskussionen ergaben sich interessante Gedankengänge, die sicherlich noch in weiteren Veranstaltungen vertieft werden. Eine weitere Zusammenarbeit mit dem Zentrum und den Konferenzteilnehmern hat sich während der Abschlussdiskussion als deutliches Desiderat der Vortragenden herausgestellt. Zum Abschluss wurde aber auch angemerkt, in welchen Bereichen dieses Themenkomplexes noch Defizite vorherrschen. So waren die Begrifflichkeiten ein Problem, das noch beseitigt werden muss. Vorgeschlagen wurde z. B., die „globale Perspektive“ genauer auszuführen und vielleicht von einem „virtual Mediterranean“ zu sprechen, um Flüsse außerhalb der Mittelmeerregion besser für Vergleiche einbinden zu können. Ferner kam der Wunsch auf, sich mehr mit kulturellen und mentalen Aspekten der Menschen im Mittelmeerraum zu beschäftigen, beispielsweise in einem Projekt zu „people living in deltas“. Der Kritikpunkt, dass die Konferenz trotz der globalen Perspektive und interdisziplinären Ausrichtung doch sehr auf die Antike und nur einige bestimmte Flüsse fokussiert war, wird wohl durch weitere Veranstaltungen ausgeglichen werden müssen. Das Potential des Themas „Flüsse im Mittelmeerraum“ ist, so waren sich alle einig, lange nicht ausgeschöpft und wird die Anwesenden noch mehrmals zu wissenschaftlichen Auseinandersetzungen zusammenführen. Alles in allem konnte jeder für sich einen Nutzen von der Konferenz ziehen und das Zentrum für Mittelmeerstudien blickt einer weiteren Veröffentlichung im Rahmen der Mittelmeerstudien entgegen.

Konferenzübersicht:

Introduction
Johannes Bernhardt

Panel 1: Connectivity
Moderator: Achim Lichtenberger

Sabine Huy (Bochum): Trading Greek Objects Beyond the Mediterranean: The Role of the River Don
Simon Hoffmann (Freiburg): Carian Catchments – Considering the Geographical and Historical Significance of River Valleys
Francesco Vallerani (Venice): Inland Waterways as Modern Landscapes in North East Italy: Recovering a Cultural Heritage for a Sustainable Governance

Panel 2: River People
Moderator: Markus Koller

Jacques Rossiaud (Lyon), read by Manuel Borutta: Fleuve et société: les hommes de l’ancienne batellerie rhodanienne
Christopher Morris (Arlington): The American River: The Mississippi River in Global Historical Perspective
Victor Ostapchuk (Toronto): The Zaporozhian Cossacks and the Lower Dnieper River Refugium

Panel 3: Imagined Rivers
Moderator: Timo Grenz

Nicola Brauch (Bochum): The River Nile in Antiquity. Curricular and Theoretical Perspectives
Volker Scior (Bochum): Flussgemeinschaften? Die Wahrnehmung des Nils in mittelalterlichen Reiseberichten
Prudence Jones (Montclair/New Jersey): The Literary Environment: Rivers and Narrative in Greco-Roman Literature

Final Discussion

Citation
Tagungsbericht: Mediterranean Rivers in Global Perspective, 03.03.2016 – 04.03.2016 Bochum, in: H-Soz-Kult, 30.05.2016, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-6538>.
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Published on
30.05.2016
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