The International Echoes of the Commemorations of the October Revolution (1918-1990)

Place
Lausanne
Host/Organizer
Stéfanie Prezioso, Université de Lausanne), Jean-François Fayet, Université de Lausanne/ Université de Fribourg; Valérie Gorin, Université de Lausanne); Korine Amacher, Université de Genève; Kevin Morgan, University of Manchester; Norman LaPorte, University of South Wales
Date
14.09.2016 - 16.09.2016
By
Gleb J. Albert, DFG-Forschergruppe "Medien und Mimesis", Historisches Seminar, Universität Zürich

Der 2017 anstehende hundertste Jahrestag der russischen Revolutionen wirft seine Schatten voraus: Kaum eine Woche vergeht, ohne dass auf einschlägigen Portalen und Mailinglisten Veröffentlichungen und Veranstaltungen zur Februar- und Oktoberrevolution und ihren Folgen annonciert werden. Konjunktur haben dabei Perspektiven, die die transnationalen Verflechtungen und globalen Konsequenzen der russischen Ereignisse in den Blick nehmen. Der Workshop jedoch, der an der Universität Lausanne in Zusammenarbeit mit der Fachzeitschrift „Twentieth Century Communism“ abgehalten wurde, stach aus der Masse der Jubiläumsveranstaltungen heraus. Hier ging es nicht um die Oktoberrevolution selbst, sondern um die in ihrem Gefolge entstehende globale Erinnerungs- und Festkultur. Die Zelebrierung des revolutionären Jahrestags am 7. November war keine rein innersowjetische Angelegenheit. Zum einen wurden die Feierlichkeiten und Paraden in Moskau weltweit wahrgenommen, zum anderen wurde auch der Festanlass selbst von der Linken außerhalb der Sowjetunion immer wieder aufgegriffen und in wechselnden Kontexten zeleberiert.

JEAN-FRANÇOIS FAYET (Lausanne/Fribourg), einer der Organisatoren, betonte in seinem Einführungsvortrag, dass den bolschewikischen Revolutionsfeiern neben der nach innen gerichteten Legitimierungs- und Mobilisierungsfunktion von vornherein eine Ausstrahlung nach außen inhärent gewesen sei, die von der Sowjetführung bewusst einkalkuliert worden sei. Bei den „internationalen“ Bezügen der sowjetischen Revolutionsfeiern unterschied er drei Aspekte: Die Einwebung internationaler Bezugspunkte in die Choreographie der Feierlichkeiten, die Teilnahme von ausländischen Delegationen und individuellen Besuchern an ihnen, sowie die Organisierung von Revolutionsfeiern im Ausland durch die mit der Sowjetunion verbundenen Parteien und Organisationen. Dies exemplifizierte Fayet ausführlich anhand des zehnten Jahrestags der Oktoberrevolution im Jahre 1927: Nicht nur wurden über 1.000 ausländische Delegierte aus der ganzen Welt zu den Feierlichkeiten nach Moskau eingeladen, auch sorgte der sowjetische Organisationsgeflecht für Außenbeziehungen – der VOKS[1], die Kommunistische Internationale, die außenpolitische Kommission des Gewerkschaftsverbands – dafür, dass der Feiertag weltweit begangen wurde. Fayet appellierte abschließend, die globale „commemorative geography of October“ verstärkt zum Untersuchungsgegenstand zu machen.

Während der Einführungsvortrag die sowjetische Seite der Revolutionsfeiern skizzierte, fokussierten die Teilnehmer/innen in ihren Länderstudien die unterschiedlichen lokalen Ausprägungen der Erinnerungs- und Festkultur. Einige Beiträge setzten dabei unmittelbar bei den Jahren nach 1917 und der Zwischenkriegszeit an, als die Oktoberrevolution für die radikale Linke im Nachgang des Weltkriegs einen realen Bezugs- und Orientierungspunkt darstellte, der entsprechend spontan und aus Eigenantrieb zelebriert wurde, während die Sowjetunion diese Projektionen und Erwartungen über ihre Komintern-Netzwerke zunehmend effektiv bedienen konnte. OTTOKAR LUBAN (Berlin) warf in seinem Beitrag einen Blick auf die symbolische Rolle des „roten Oktobers“ in der deutschen Novemberrevolution 1918. Während das erste Oktober-Jubiläum von der USPD zelebriert wurde, und die russischen Sowjets für die deutsche Rätebewegung eine Inspirationsquelle darstellten, war zugleich für die MSPD die Furcht vor „russischen Zuständen“ das zentrale Argument, um die deutsche Revolution in gemäßigte Rahmen zu lenken und zugleich hart gegen die Linke durchzugreifen. Dass die Erinnerung an die Oktoberrevolution trotzdem die Weimarer Zeit hindurch präsent blieb, zeigte KASPER BRASKÉN (Åbo) am Beispiel der kommemorativen Tätigkeit der Internationalen Arbeiter-Hilfe (IAH) auf. Die IAH entfaltete neben ihrer eigentlichen Tätigkeit in der sowjetrussischen Hungerhilfe eine rege Aktivität zur Propagierung des Gedenkens an den „roten Oktober“, wobei ihr Leiter Willi Münzenberg dies oftmals unabhängig von der KPD und zuweilen sogar gegen ihren Willen forcierte. Eine noch größere Wirkung entfaltete das Gedenken an die Oktoberrevolution auf der republikanischen Seite des Spanischen Bürgerkriegs – ein Gedenken allerdings, das von der stalinistischen Sowjetunion gezielt befeuert wurde. In seinem Beitrag hob DANIEL KOWALSKY (Belfast) die Gleichzeitigkeit von sowjetischer Materialhilfe und Propagandaexport hervor – so fanden geheime Waffenlieferungen und Propagandamaterialien auf denselben Schiffen den Weg nach Spanien. Dort stieß dieser stalinistische Kulturexport auf genuinen Enthusiasmus, der darin gipfelte, dass die offiziellen Feierlichkeiten am 7. November 1936 in Barcelona 300.000 Teilnehmer/innen mobilisieren konnten.

Gewissermaßen einen Sonderfall des internationalen Gedenkens an die Oktoberrevolution in der Zwischenkriegszeit erörterte ERIC AUNOBLE (Genf) mit der Gedenkkultur in der Sowjetukraine in den 1920er-Jahren. Obwohl (oder gerade weil) dort eine eigene revolutionäre Tradition existiert hatte, war, so Aunoble, die ukrainische Vergangenheit in den Erinnerungsnarrativen weitgehend abwesend. Zelebriert wurden die Moskauer und Petrograder, nicht die Kiewer Ereignisse, und entsprechend wurden die noch lebenden ukrainischen Revolutionsveteranen von der Erinnerung an die toten Märtyrer verdrängt. Ein ähnliches Muster lässt sich in den Ostblockstaaten nach 1945 verfolgen, wie NICOLAS OFFENSTADT (Paris) am Beispiel der DDR darlegte: der eigenen revolutionären Tradition wurde die russische überstülpt, die Erinnerung an die revolutionären deutschen Matrosen von 1918 wurde überformt von der an die Seeleute von Kronstadt.

Weitere Vorträge beschäftigten sich mit dem Oktoberrevolutionsgedenken im Nachkriegs-Westeuropa. Unmittelbar nach 1945, unter dem Eindruck des gemeinsamen Sieges der Sowjetunion und der westlichen Alliierten über Hitlerdeutschland, konnten Gedenkveranstaltungen für die Oktoberrevolution zu Vergemeinschaftungsorten breiter linker Einigungsbewegungen avancieren. In Griechenland am Vorabend des Bürgerkriegs versammelte der von der sowjetischen Botschaft abgehaltene Gedenkempfang, so ANASTASIA KOUKOUNA (Lausanne), die zentralen Protagonisten der Volksfront. In Dänemark, wie JESPER JØRGENSEN (Kopenhagen) berichtete, wurden entsprechende Feierlichkeiten auch von prominenten Sozialdemokraten frequentiert. Mit dem Anbruch des Kalten Krieges wurde das Zelebrieren der Oktoberjubiläen in Dänemark und in anderen westlichen Ländern jedoch schnell zu einer Angelegenheit der kommunistischen Parteien und zum Ausdruck ihres Abgrenzungsbedürfnisses gegenüber „bürgerlicher“ Politik und Gesellschaft. An der Stellung, die der Oktoberrevolution in der Festpraxis der westlichen kommunistischen Parteien und in ihrer Presse im Verlauf der Nachkriegszeit zukam, lässt sich auch ihre eigene Geschichte und ihr sich wandelndes Verhältnis zur Sowjetunion ablesen – wie aus den Beiträgen von Jørgensen sowie von ALEXANDER HÖBEL (Neapel) zur Presse der KP Italiens deutlich wurde.

Spannende Konstellationen ergaben sich, wenn öffentliche Meinung, sowjetische Diplomatie und die Kulturpolitik der nationalen kommunistischen Parteien sich anlässlich eines Revolutionsjubiläums überkreuzten und miteinander in Konflikt traten. Ein solches Beispiel präsentierte MATTEO BERTELÉ (Venedig) mit der Kunstbiennale von Venedig im Jahre 1977. Der 60. Jahrestag der Oktoberrevolution fiel dabei mit dem Themenschwerpunkt der Biennale zum Dissens in Osteuropa zusammen. Diese Themensetzung löste schärfste Proteste der Sowjetunion aus, doch die einflussreiche KP Italiens stellte sich nicht nur öffentlich gegen die sowjetischen Einmischungsversuche, sondern vermochte es auch, den „Affront“ produktiv zu wenden und erfolgreiche Parallelveranstaltungen zur russischen und sowjetischen Kultur zu lancieren.

Die Jubiläen der Oktoberrevolution jenseits sowjetischer Landesgrenzen waren nicht ausschließlich Sache der Kommunisten. Auch die anderen Parteien der Arbeiterbewegung kamen nicht umhin, sich mit dem „roten Oktober“ auseinanderzusetzen, wie ANDRÉ LIEBICH (Genf/Wien) am Beispiel der russischen Exil-Menschewiki und VIRGILE CIREFICE (Paris) anhand der französischen und italienischen Sozialisten demonstrierten. Gerade die Menschewiki, die ihr Exil überhaupt erst der Oktoberrevolution zu „verdanken“ hatten, nahmen die Jahrestage immer wieder zum Anlass, um in ihrem Zentralorgan über die Revolution und die Zelebrierung ihrer Jubiläen in der UdSSR zu reflektieren, wobei sich an diesen Beiträgen auch ihr wechselhaftes Verhältnis zum Sowjetstaat ab den 1930er-Jahren ablesen lässt. Auch „bürgerliche“ Beobachter nahmen die sowjetischern Revolutionsfeiern immer wieder in Augenschein, wie CAROLA TISCHLER (Konstanz) am Beispiel der deutschen Militärattachés in der Zwischenkriegs-Sowjetunion und VALÉRIE GORIN (Lausanne) anhand der US-amerikanischen Fernsehreporter in Moskau der 1960er- bis 1980er-Jahre aufzeigten. Beide Akteursgruppen nahmen die Feierlichkeiten und Paraden zum Anlass, um sich als „Kreml-Astrologen“ zu betätigen, und aus dem Truppenaufgebot, aber auch aus den Losungen und der An- oder Abwesenheit von prominenten Funktionären Schlussfolgerungen über die aktuellen militärischen und politischen Entwicklungen in der Sowjetunion zu ziehen.

Nicht nur die sowjetischen Revolutionsfeiern wurden vom Ausland registriert – auch umgekehrt beobachtete die Sowjetpresse aufmerksam die weltweiten Revolutionsfeierlichkeiten, wie STEPHAN RINDLISBACHER (Bern) anhand einer breit angelegten Durchsicht der Pravda im Verlauf der gesamten Sowjetepoche demonstrierte. Die Berichterstattung über Oktoberfeiern im Ausland sowie der Abdruck ausländischer Grußtelegramme setzte dort bereits 1918 ein und hielt, mit einer Unterbrechung im Zweiten Weltkrieg, bis zum Ende der Sowjetunion an. Dabei waren die geographischen Schwerpunktsetzungen dieser Publikationen, wie Rindlisbacher herausarbeitete, stets an die aktuellen außenpolitischen Interessen des Regimes gebunden. Zugleich wird die zunehmende „Normalisierung“ des Jahrestages der Oktoberrevolution deutlich, der von ausländischen Regierungen nicht mehr als Revolutions-, sondern als sowjetischer Nationalfeiertag wahrgenommen wurde – so sandte sogar die Reagan-Administration ein in der Pravda abgedrucktes Grußtelegramm an die sowjetische Regierung zum Oktoberjubiläum.

Insgesamt demonstrierten die Beiträge vor allem, dass es bei den mannigfaltigen internationalen Ausformungen der Oktoberrevolutionsjubiläen weniger um das zelebrierte historische Ereignis ging, sondern vor allem um die Selbstwahrnehmungen und -verortungen der zelebrierenden Akteure innerhalb der nationalen und globalen politischen Konstellationen. Der Kommemorierungsformen des „roten Oktobers“ nachzugehen ist somit nicht bloß Angelegenheit der Sowjetforschung, sondern kann auch zur Geschichte politischer und sozialer Bewegungen im 20. Jahrhundert beitragen. Die auf der Tagung präsentierten Studien stecken dieses Feld in verschiedene Richtungen ab und verweisen zugleich auf die noch zu erforschenden Leerstellen. So blieb etwa die Frage nach der Rolle der Oktoberrevolutionsjubiläen im außereuropäischen sowjetischen Einflussbereich, etwa in den „marxistisch-leninistisch“ legitimierten afrikanischen Staaten, offen. Auch Länder wie China, Jugoslawien oder Albanien, die sich im Verlauf des Kalten Krieges von der UdSSR abgrenzten, in ihrer Selbstlegitimation jedoch in der einen oder anderen Form auf das Erbe der Oktoberrevolution zurückgriffen, blieben außen vor. Ein weiterer Aspekt, der in einigen Beiträgen nur angerissen wurde, ist die Rolle der Oktoberjubiläen nach 1990 – nicht zuletzt in Russland selbst. Es bleibt zu hoffen, dass die Tagung als Startsignal für weitere Forschungen in Richtung einer Globalgeschichte der Oktoberrevolution und ihrer Kommemorierung dienen wird. In jedem Fall leistete die Veranstaltung einen essentiellen Beitrag zur (Wirkungs-)Geschichte der „roten Oktobers“, der auch in der Flut der akademischen Veranstaltungen im Jubiläumsjahr 2017 nicht untergehen wird.

Konferenzübersicht:

INTRODUCTION
Stefanie Prezioso, University of Lausanne
Jean-François Fayet, Universities of Lausanne and Fribourg

SESSION 1: Commemorations in a civil war context
Chair: Norman LaPorte, University of South Wales

Ottokar Luban, Berlin: The echoes of the Russian October Revolution 1917 under the state of siege in Germany, October/November 1918

Daniel Kowalsky, Queen's University, Belfast: Exporting Soviet Commemorations: The Spanish Civil War and the October Revolution

Anastasia Koukouna, University of Lausanne: Commemorating the October Revolution in Athens, 1918-1945.

SESSION 2: October is our history too
Chair: Kevin Morgan, University of Manchester

Eric Aunoble, University of Geneva: To commemorate an event that didn’t occur: October in Ukraine in the 1920s

Kasper Braskén, Åbo Akademi University, Finland: The International Workers’ Relief and the commemorations of the October Revolution in Germany, 1921–1932

Nicolas Offenstadt, Université Paris 1 Panthéon-Sorbonne: Russian Revolution, German Revolution: The Red Sailors of 1917 and 1918 in the commemorations of the GDR

SESSION 3: Commemorations in Western democracies
Chair: Gleb J. Albert, University of Zurich

Jesper Jørgensen, The Workers’ Museum and The Labour Movement Library and Archives, Copenhagen: The Commemorations of the October Revolution in Denmark during the Cold War – a marker of radicalism?

Matteo Bertelé, University of Venice: Venice 1977: (counter)celebrations of the October Revolution

SESSION 4: Commemorations in socialist parties
Chair: Stefanie Prezioso, University of Lausanne

André Liebich, Universities of Geneva and Vienna: The Mensheviks commemorate October

Virgile Cirefice, Universities of Paris 8 and Bologna: Celebrating the Russian Revolution? A socialist dilemma. France – Italy, 1945-1956

SESSION 5: Under the gaze of foreign experts
Chair: Brigitte Studer, University of Bern

Carola Tischler, University of Konstanz: Between exaggeration and underestimation – German military reports about the November parades before World War II

Valérie Gorin, University of Lausanne: The journalist as a foreign expert – American TV correspondents reporting on the November parades (1960s-1980s)

SESSION 6: Echoes in the printed press
Chair: Valérie Gorin, University of Lausanne

Stephan Rindlisbacher, University of Bern: Echoes of the echoes: Constructing Soviet self-image in the mirror of the international commemorations of the October Revolution, 1918-1991

Korine Amacher, University of Geneva: Commemorations of the October Revolution in the Swiss-French press, 1918-1990 [cancelled]

Alexander Höbel, University of Naples: Anniversaries of the October Revolution in the political-cultural magazine of the Italian Communist Party: Rinascita, 1957-1987

CONCLUSION
Kevin Morgan, University of Manchester: Conclusion
Norman LaPorte, University of South Wales: Information on publications

Anmerkung:
[1] Zur sowjetischen „Allunionsgesellschaft für Kulturbeziehungen mit dem Ausland“ (VOKS) hat Fayet jüngst eine substantielle Untersuchung vorgelegt: VOKS. Le laboratoire helvétique. Histoire de la diplomatie culturelle soviétique durant l’entre-deux-guerres, Chêne-Bourg 2014. Siehe auch die Rezension von Pauline Milani unter http://www.hsozkult.de/review/id/rezbuecher-23306 (veröffentlicht am 06.02.2015).

Citation
Tagungsbericht: The International Echoes of the Commemorations of the October Revolution (1918-1990), 14.09.2016 – 16.09.2016 Lausanne, in: H-Soz-Kult, 25.11.2016, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-6837>.
Editors Information
Published on
25.11.2016
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