Encounters and Translations: Mapping and Writing the Waters of the World

Place
Lissabon
Host/Organizer
International Society for the History of the Map
Date
03.06.2016 - 04.06.2016
By
Petra Svatek, Institut für Geschichte, Universität Wien

Am 3. und 4. Juni 2016 fand an der Biblioteca National de Portugal das dritte Symposium der International Society for the History of the Map (ISHMap) statt. ISHMap wurde 2011 in London mit dem Ziel gegründet, die Analyse von Karten aus allen Epochen der Erdgeschichte in den unterschiedlichsten Wissenschaftsdisziplinen und wissenschaftlichen Institutionen voranzutreiben und eine Vernetzung zwischen allen kartographiehistorisch arbeitenden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern zu erreichen. Das Rahmenthema der Tagung bildete „Encounters and Translations: Mapping and Writing the Waters of the World“. Es wurden insgesamt zwei Keynote-Vorträge und sechs Panels mit 14 Vorträgen abgehalten.

Nach einführenden Worten der ISMap-Präsidentin SARAH TYACKE (London) und des Organisators THOMAS HORST (Lissabon) folgte ein Keynote-Vortrag von HENRIQUE LEITÃO (Lissabon) zum Thema „Moving beyond Borders: from the History of Cartography to the History of Science“. Leitão referierte zum Verhältnis von Wissenschaftsgeschichte und Geschichte der Kartographie und machte deutlich, dass auch die Kartographiegeschichte zu aktuellen wissenschaftsgeschichtlichen Themenfeldern wie den Beziehungen zwischen Wissenschaft und Politik, Repräsentationsformen und der allgemeinen Raumbetrachtung einiges beitragen kann.

Das erste Panel zum Thema „Indigenous Cartography“, krankheitsbedingt nur aus einem Vortrag bestehend, befasste sich mit der indigenen Kartographie in China. VERA DOROFEEVA-LICHTMANN (Paris) besprach die mythischen Kunlun Mountains, die heutzutage mit verschiedenen Bergen identifiziert werden. Eine besondere Berücksichtigung erfuhren dabei jene Berge, die aus dem Meer herausragten und in chinesischen Karten zum Teil auf unterschiedlichen Positionen verortet wurden.

Panel zwei behandelte zwei spezielle Kartenbeispiele aus dem südöstlichen und westlichen Afrika, die im Rahmen des portugiesischen Kolonialismus hergestellt wurden. IRIS KANTOR (São Paulo) thematisierte die Veränderungen des atlantischen Handelsnetzwerkes im 18. Jahrhundert und ihre Auswirkungen auf den portugiesischen Sklavenhandel im Kontext der Kartographie der damaligen Zeit. Denn bis zum Ende des 18. Jahrhunderts wurden die Häfen in Westafrika vor allem von den Kartographen aus dem portugiesischen Amerika mit großer Genauigkeit aufgenommen. Der Vortrag von ANA CRISTINA ROQUE (Lissabon) behandelte die erste geographische und hydrographische Beschreibung von Süd-Mosambik, die von den Portugiesen Alfredo Freire de Andrade (1859-1929) und José António Matheus Serrano (1851-1904) gegen Ende des 19. Jahrhunderts geschrieben wurde und das Ergebnis der ersten Vermessungsarbeiten im südlichen Mosambik war. Text und Kartenskizzen waren politisch sehr bedeutsam, da sie die portugiesische Präsenz in dieser Region unterstützen und legitimieren sollten.

Im dritten Panel rückten die drei Flüsse Muluya, Po und Putumayo in den Vordergrund. GONÇALO MATOS RAMOS (Lissabon), ANDRÉ DE OLIVEIRA LEITÃO (Lissabon) und LUÍS RIBEIRO GONÇALVES (Evora) setzten sich mit dem Muluya-Fluss als grenzbildendes Element im westlichen Maghreb auf Karten in spätmittelalterlichen hispanischen Chroniken auseinander. Eine besondere Berücksichtigung erfuhr in ihren Ausführungen die jeweilige Position des Muluya-Flusses, die über die Ausdehnungsrechte der Kronen von Kastilien und Aragón über die alten römischen Provinzen „Mauretania Tingitana“ und „Mauretania Caesariensis“ Auskunft gibt. Der Fluss Po und seine kartographische Darstellung des 16. und 17. Jahrhunderts war Thema des Vortrages von BLYTHE ALICE RAVIOLA (Cáceres). Sie vertrat die These, dass die am Fluss liegenden Herzogtümer bei der steigenden Bedeutung des Flusses als wirtschaftliche Quelle immer mehr Steuerbeschränkungen auferlegten und Grenzen kontrollierten. Daher stellten Karten in der Regel nicht den ganzen Verlauf des Flusses dar, sondern je nach dem politischen und ökonomischen Interesse lediglich Ausschnitte von Grenzregionen und von wirtschaftlich bedeutenden Gebieten. Der dritte Vortrag dieses Panels war dem Politiker, Geschäftsmann und Kartographen Rafael Reyes (1849-1921) und seinen Karten des Putumayo-Flusses gewidmet. Der Vortragende DAVID ALEJANDRO RAMÍREZ PALACIOS (São Paulo) konnte gut die Verbindung zwischen ökonomischen und politischen Interessen und Kartenherstellung unter besonderer Berücksichtigung der Grenzstreitigkeiten zwischen Brasilien, Peru und Kolumbien im ausgehenden 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts aufzeigen.

Panel 4 hatte Seekarten der frühen Neuzeit zum Thema. Im ersten Vortrag setzten sich GREGORY C. MCINTOSH (Istanbul) und JOAQUIM ALVES GASPAR (Lissabon) mit einer bisher um 1503 datierten Manuskriptkarte des Atlantischen Ozeans, meist bekannt als Kunstmann III, auseinander. Sie konnten feststellen, dass die Karte bereits vor 1500 begonnen und erst nach 1505 fertiggestellt wurde. Ihrer These zufolge ist die Karte die älteste bekannte mit einer Skala von Gradangaben. Der zweite Vortrag setzte sich mit einer unsignierten und undatierten Seekarte aus dem Lissabonner Museu de Marinha auseinander, die wahrscheinlich zwischen 1572 und 1594 von dem portugiesischen Kartographen Luís Teixeira gezeichnet wurde. JOAQUIM ALVES GASPAR und HENRIQUE LEITÃO konnten sie als die erste Karte mit Isogonen identifizieren. Mit diesen Linien wollten die portugiesischen Seefahrt des späten 16. Jahrhunderts wohl eine alternative Methode zur Bestimmung der Schiffsposition auf See entwickeln.

Panel 5 widmete sich der Kartographie von Küstenlinien. NICOLAS MEDEVIELLE (Greenville) zeigte anhand des „Vallard-Atlas“, der zu den berühmtesten der so genannten „Dieppe-Karten“ aus der Mitte des 16. Jahrhunderts gehört, wie portugiesische Elemente in einen französischen Kontext übertragen werden konnten. WOUTER JACOBUS DE VRIES (Amsterdam) untersuchte in seinem Vortrag Küstenprofile, die vom 16. bis ins 20. Jahrhundert in Karten oder in dazugehörigen Texten abgebildet wurden. Er analysierte erstens ihre Rolle in Bezug auf das eigentliche Kartenbild und andere Orientierungs- und Navigationsmethoden und zweitens die Verbindung zu anderen Ansichten im Kontext visueller Erkenntnistheorie. Der Vortrag von LUÍS A. M. TIRAPICOS (Lissabon) widmete sich den beiden Jesuiten Domenico Capacci (1694-1736) und Diogo Soares (1684-1748), die zwischen 1730 und 1740 die brasilianische Küste kartographierten. Aufgrund neu aufgefundener Manuskripte konnte er neue Forschungsergebnisse auf die Frage der zur Verfügung gestandenen Quellen und der vorhandenen Feldinstrumente liefern.

Das sechste und letzte Panel über „Mapping Waters and Space“ beinhaltete drei Vorträge von MORDECHAY LEWY (Frankfurt am Main), TOMASZ PANECKI (Warschau) und LENA MOSER (Tübingen). Während Lewy den Wendepunkt der Abbildung des Kaspischen Meeres als Binnenmeer ab dem 13. Jahrhundert thematisierte, analysierte Panecki ausgewählte Karten polnischer Landschaften aus der frühen Neuzeit im Bezug auf Ähnlichkeiten und Unterschiede in der hydrographischen Darstellungsweise. Moser widmete sich den Kartographen der britischen Royal Navy und ihrem signifikanten Beitrag – sowohl in Bezug auf Qualität als auch Quantität – auf die Produktion und Verbreitung des hydrografischen Wissens.

Den Abschluss der Tagung bildete eine Keynote des ungarischen Kartographen und Kartographiehistorikers ZSOLT TÖRÖK (Budapest), der zum Thema „From the Rivers to the Ocean: Marsigli’s Maps in the Shadows of the Enlightenment“ referierte. Luigi Ferdinando Marsigli (1658-1730) zählte zu den bedeutendsten Militärkartographen der Habsburgermonarchie des 18. Jahrhunderts. Török setzte sich im Speziellen mit Marsiglis Werk „Danubius Pannonico-Mysicus“ (1726) auseinander. Volume I beinhaltet nämlich ein eigenes Kapitel zum Thema Hydrographie, in welchem auch auf Vermessung beruhende Karten abgebildet wurden. Darin konnte der Verlauf der Donau trotz neuerlicher erheblicher geometrischer Fehler im Karpatenbecken gegenüber früheren Darstellungen korrigiert werden. Bei seinem Aufenthalt in Montpellier studierte Marsigli systematisch den Golf von Lyon. Die Ergebnisse seiner Beobachtungen und Messungen wurden 1725 in „Histoire physique de la mer“ veröffentlicht. Darin befinden sich unter anderem Küsten-und Unterwasser-Profile und die erste Isobathenkarte.

Eine kleine Führung durch die Biblioteca National de Portugal mit Ansicht einiger bedeutsamer Originalkarten, eine Führung durch die Altstadt von Lissabon und die Neuwahl des Vorstandes von ISHMap, bei der Zsolt Török von der Eötvös Loránd Universität Budapest zum Präsidenten gewählt wurde, rundeten das Programm der ausgezeichnet von Thomas Horst organisierten Tagung ab.

Konferenzübersicht:

Opening Session with Sarah Tyacke, Thomas Horst and keynote by Henrique Leitão: Moving beyond borders: from the history of cartography to the history of science

Session 1: Indigenous Cartography
Chair: Thomas Horst

Vera Dorofeeva-Lichtmann: Islands as Mountains standing out from the Sea: The Case of Kunlun Islands in Chinese Cartography

Session 2: Encounters and translations in overseas Cartography
Chair: Petra Svatek

Iris Kantor: Cartographic Representations of the South Atlantic in the luso-brazilian cartography: cartographers and spatial dynamics in the slave trade XVIII–XIX
Ana Roque: Surveying and Mapping Lands and Waters in Mozambique in late 19th century

Session 3: Cartography of Rivers
Chair: Zsolt Török

Gonçalo Matos Ramos, André de Oliveira Leitão, Luís Ribeiro Gonçalves: The Muluya River as a millennia-old frontier: representations of the Algarve and the construction of geographic knowledge (14th–16th centuries)
Blythe Alice Raviola: «Come dimostra il congiunto disegno»: Sketches, drawings and maps of the Po river in Early Modern Italy
David Alejandro Ramírez Palacios: Rafael Reyes and the Putumayo or Içá River: Amazon explorations, cartography and diplomacy (1874–1909)

ISHMap Annual General Meeting

Session 4: Nautical Charts and the Cartography of the Ocean
Chair: Emmanuelle Vagnon

Gregory C. McIntosh, Joaquim Alves Gaspar: The Kunstmann III Chart of the Atlantic Ocean: The Oldest Known Chart of Latitudes?
Joaquim Alves Gaspar, Henrique Leitão: Luís Teixeira, c. 1585: the earliest known extant chart with isogonic lines

Session 5: Cartography of coastlines
Chair: Catherine Delano-Smith

Nicolas Medevielle: “The Vallard or Gandille atlas (1547), a reexamination”
Wouter de Vries: Knowledge of coastlines, coastlines of knowledge. Visual epistemologies and notions of spatiality in Early Modern coastal profiles, 1585–1815
Luís Tirapicos: Between Land and Sea: Cartography of the Brazilian Coastline by Jesuit Mathematicians in the 1730s

Session 6: Mapping waters and space
Chair: Sarah Tyacke

Mordechay Lewy: Medieval inhibitions in re-inventing the Caspian sea
Tomasz Panecki: Imagination or reality? Hydrography depiction on maps of Polish lands from 16th to 19th century
Lena Moser: The masters of the eighteenth-century British Navy and the production of hydrographic knowledge

Keynote by Zsolt Török: From the Rivers to the Ocean: Marsigli’s Maps in the Shadows of the Enlightenment

Final discussion and end of the Symposium

Citation
Tagungsbericht: Encounters and Translations: Mapping and Writing the Waters of the World, 03.06.2016 – 04.06.2016 Lissabon, in: H-Soz-Kult, 08.03.2017, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-7063>.