(Post)Kolonialismus und die deutsche Geschichtswissenschaft. Themen – Trends – Perspektiven

Place
Hamburg
Host/Organizer
Malina Emmerink / Cäcilia Maag / Nils Schliehe, Universität Hamburg
Date
11.02.2017
By
Caroline Herfert, Forschungsstelle „Hamburgs (post-)koloniales Erbe“

Die Beschäftigung mit Kolonialismus und seinen Folgen boomt gegenwärtig in diversen Disziplinen. Einer Bestandsaufnahme der aktuellen deutschen Kolonialforschung widmete sich am 11. Februar 2017 der Nachwuchsworkshop „(Post)Kolonialismus und die deutsche Geschichtswissenschaft“ an der Universität Hamburg. Organisiert und initiiert wurde der eintägige Workshop von MALINA EMMERINK, CÄCILIA MAAG und NILS SCHLIEHE (allesamt Hamburg). Die von der Graduiertenschule der Fakultät für Geisteswissenschaften der Universität Hamburg geförderte Veranstaltung bot gezielt jungen Wissenschaftler/innen eine Plattform zum Austausch und zur Vernetzung, um gemeinsam gegenwärtige postkoloniale Fragestellungen zu diskutieren, die eigenen Arbeiten in einem größeren Kontext zu verorten sowie Chancen, Herausforderungen und Grenzen (inter-)disziplinärer Methoden und Konzepte auszuloten.

Ausgangspunkt für den Workshop stellten die um die Jahrtausendwende formulierten Forderungen nach der Integration postkolonialer Perspektiven in die Geschichtswissenschaft dar. Ziel war es, einen „Realitätsabgleich“ des Status quo hinsichtlich gegenwärtiger Themen, Trends und Perspektiven innerhalb der deutschen Geschichtswissenschaft vorzunehmen. Das starke Echo des Calls bestärkte die Initiator/innen, den Fragehorizont der Veranstaltung über die Geschichtswissenschaft und den Wissenschaftsstandort Deutschland hinaus zu erweitern, wie Cäcilia Maag zum Auftakt des Workshops erklärte. Das Erkenntnisinteresse der Bestandsaufnahme aktueller Forschung richtete sich also auf postkoloniale Fragestellungen aus dem gesamten deutschsprachigen Raum, um unterschiedliche Perspektiven auf das Phänomen (Post)Kolonialismus zur Diskussion zu stellen: Das Programm versammelte Beiträge aus den Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften aus Deutschland, Österreich und der Schweiz und schuf eine Austauschplattform für junge Wissenschaftler/innen sowie Interessierte aus der Bildungs- und Museumsarbeit.

Ausgehend von einem Verständnis von (Post)Kolonialismus als Phänomen statt als historischer Epoche, das verschiedene Formen von Kolonialismus im Laufe der Jahrhunderte beschreibbar macht, schuf der Workshop somit gezielt einen breiten Rahmen für die Diskussion: Der Begriff Kolonialismus soll dabei bewusst nicht ausschließlich auf Kolonialbesitz in „Übersee“ angewandt werden, sondern ebenso Binnenkolonialismus und Formen von Kolonialismus innerhalb Europas miteinbeziehen.

In der inhaltlichen Einführung zum Workshop skizzierten Malina Emmerink und Nils Schliehe die Entwicklungslinien der historischen Auseinandersetzung mit (deutscher) Kolonialgeschichte und gegenwärtige Trends der Forschung: Teilweise bis in die 1960er-Jahre von Kolonialrevisionismus geprägt, wurden ab Ende der 1960er-Jahre Imperialismustheorien und Kolonialismus aus einer eurozentrischen Sicht am Rande nationaler Narrative mitverhandelt; in Deutschland erschienen erste Studien ab den 1970er-Jahren und untersuchten bis in die 1990er-Jahre Handlungen der Kolonialmächte aus einer nationalgeschichtlichen Perspektive. Während in den 1980er-Jahren vor allem aufgrund der These der Marginalität des deutschen Kolonialismus kaum zum Thema geforscht wurde, wurden ab den 1990er-Jahren vor allem mit Frederic Coopers / Ann Laura Stolers wegweisendem „Tensions of Empire“ (1997) neue Fragestellungen etabliert. Anfang der 2000er-Jahre wurden von Historiker/innen wie Sebastian Conrad, Andreas Eckert und Birthe Kundrus erste Forderungen laut, die nationale Brille in der Erforschung von Kolonialgeschichte abzulegen. Seitdem wird ein breites Spektrum an Untersuchungsfeldern bearbeitet, das von kolonialen Diskursen, Fragen der Repräsentation und der Rolle von Medien über Identitätspolitiken, Erinnerungspraktiken und die Konstitution von Räumen bis hin zu Gewaltpraktiken und Kontinuitäten des Kolonialismus im Nationalsozialismus, Neoimperialismus oder Entwicklungszusammenarbeit reicht. Zunehmend im Zentrum stehen dabei Fragen nach Intersektionalitäten der Kategorien race, gender, class, die Reflexion von Analysekategorien, transimperiale bzw. transglobale Perspektiven sowie die eigene Verortung als Wissensproduzent/in.

Daraus stellten die Veranstalter/innen sich die entscheidende Frage, wie die aktuellen Trends der postkolonialen Forschung die Workshopteilnehmer/innen tangiert oder inspiriert, welche Themen und Fragestellungen von Nachwuchswissenschaftler/innen im deutschsprachigen Raum bearbeitet werden und mit welchen methodologischen, theoretischen oder praktischen Schwierigkeiten sie dabei konfrontiert werden.

Panel I, moderiert von DIANA NATERMANN (Hamburg), näherte sich unter dem Titel „Konstruktionen des ‚Anderen‘ und des ‚Selbst‘“ zunächst grundlegenden Gedanken bei der Vermessung des Forschungsfeldes: Die Frage nach der Schaffung und Wahrnehmung von Identitäten als dialektischem Prozess, Othering als Ausdruck von Machtverhältnissen und die Aushandlung sozialer Identitäten wurde anhand dreier thematisch sehr unterschiedlicher Beiträge diskutiert.

CHRISTOPH KIENEMANN (Oldenburg) diskutierte das methodische und theoretische Rüstzeug aus der historischen Stereotypenforschung, welches er der Erarbeitung seiner Promotion zugrunde legte. In der Gegenüberstellung von Fremdstereotypen und deutschen Autostereotypen untersuchte er damit den kolonial gefassten Osteuropadiskurs im Deutschen Kaiserreich als deutschen Identitätsdiskurs.

Im Anschluss skizzierte SABINE KÜNTZEL (Dresden) ihr Dissertationsprojekt, das einen postkolonialen Blick auf den Zweiten Weltkrieg wirft und sich der Frage widmet, ob/inwiefern der bislang stets als „ausgelagerter“ Krieg betrachtete Afrikafeldzug der Deutschen Wehrmacht unter Erwin Rommel als Kolonialkrieg zu deuten ist. In Anlehnung an komparatistische Imagologie geht sie anhand der Analyse von Egodokumenten wie Tagebüchern Raumvorstellungen vom Orient ebenso auf die Spur wie Männlichkeitsentwürfen und Soldatenbildern im Spannungsfeld „Treuer Askari – Barbarischer Wilder“ und „Weiße Helden – Schwarze Krieger“.

Schließlich präsentierte SOPHIE SCHASIEPEN (Wien) ihren diskursanalytischen Zugang zur Debatte um den Umgang mit human remains in anthropologischen Sammlungen in Österreich. Am Fall der Rückführung von Klaas und Trooi Pienaar diskutierte sie die ethisch-moralischen Aspekte der Kontroverse, die in Österreich, wie auch im Ausland, medial kaum wahrgenommen wurde.

Moderiert von Cäcilia Maag (Hamburg), widmete sich das zweite Panel dem Thema „Koloniale Gewalt“, um der zentralen Rolle von Gewalt in kolonialen Diskursen und Praktiken Rechnung zu tragen. Den zwei Beiträgen von CHRISTIAN METHFESSEL (Erfurt) und FELIX LÖSING (Hamburg) war dabei der Fokus auf diskursive Gewalt ebenso gemeinsam, wie der Blick auf angelsächsische Kolonialdiskurse.

Methfessel erläuterte die Forschungsergebnisse seiner Dissertation zur Medienrepräsentation von Imperialkriegen um 1900 in deutschen respektive britischen Printmedien. Das Erkenntnisinteresse der Untersuchung zielte dabei auf die Frage, worüber und wie die Medien berichteten, d.h. welchen Ereignissen, Praktiken oder Zuständen zeitgenössisch Nachrichtenwert zugeschrieben wurde, und welche Narrative mit der selektiven Berichterstattung transportiert wurden. Im Rückgriff auf Judith Butler und Robert Entman stützte er seine medienhistorische Fragestellung theoretisch auf das Konzept der Deutungsrahmen.

Lösing stellte seine historisch-soziologische Untersuchung kolonialer Gewalt vor, die sich mit der amerikanisch-britischen Kongoreformbewegung auseinandersetzt. Dabei arbeitete er rassistische Denkmuster heraus, die der Kolonialismuskritik der Reformbewegung inhärent waren und zeigte das Korsett eines klassischen Modernisierungsnarrativs auf, das den Rassismus der Kongoreformbewegung kaum thematisierbar macht.

Das dritte Panel stieß unter dem Motto „Perspektivwechsel“ zu einem weiteren Kernthema vor: Moderiert von KIM TODZI (Hamburg) kreiste das Panel um die Rolle von Subalternen, die Reflexion eurozentristischer Narrative und den Zugang, Geschichte und dessen Interpretation als Phänomen der Gegenwart zu verstehen.

In diesem Rahmen präsentierte ANDREAS GREINER (Zürich) seine interdisziplinär ausgerichtete Fragestellung, die sich aus den Theorien und Methoden der Subaltern Studies, Alltagsgeschichte und Kolonialgeschichtsschreibung speist, um einen Perspektivwechsel zu vollziehen. Sein Erkenntnisinteresse zielt auf den Alltag ostafrikanischer Träger im Spannungsfeld von Mikro- und Makroebene und fragt unter anderem nach den Optionen und Konsequenzen des Handels. Dabei stellt er vor allem die Frage, wie sich Alltag, Motivationen und individuelles Verhalten der Träger aus mehrheitlich kolonialen Quellen rekonstruieren lassen.

FLORENS ECKERT (Bayreuth), dessen Dissertationsprojekt die Rolle afrobrasilianischer intermediaries und deren Interaktionen mit deutschen Kolonialagenten untersucht, versucht neue Perspektiven auf die Kolonialherrschaft in Togo zu werfen. Im Zuge seines Vortrags thematisierte er eine Grundfrage: Was bedeutet heute postkoloniale Forschung und gibt es überhaupt Wege für die jüngste Generation von Wissenschaftler/innen, um Geisteswissenschaft ohne postkoloniale Brille zu betreiben? Mit dem Ziel, Dynamiken des Forschungsfeldes anschaulich zu machen und Handlungsräume zu reflektieren, forderte er eine kritische Schärfung des Begriffs Postkolonialismus und seiner Implikationen für die Geschichtswissenschaft – zugespitzt: den Verzicht des Begriffs.

MAREIKE SPÄTH (Frankfurt) knüpfte an diese Methodendiskussion an, indem sie in ihrem Beitrag die Selbstsicht der Ethnologie reflektierte, die als Disziplin den Perspektivwechsel als eine ihrer Kernkompetenzen reklamiert. Ihr Dissertationsprojekt, das um postkoloniale Erinnerungspraktiken in Madagaskar kreist und durch Feldforschung Narrative des Erinnerns untersucht, fokussiert dabei auf die gegenwärtige Dimension und ein konstruktivistisches Geschichtsverständnis. Sie plädierte für eine Neubetrachtung von Kolonialgeschichte, um den Platz des „Anderen“ und das Heute in der globalen Erzählung mitzudenken. Als Auftakt zur Schlussdiskussion griff sie das Selbstverständnis der Ethnologie nochmals auf, um die grundsätzliche Frage der (Un-)Möglichkeit des Perspektivwechsels zur Diskussion zu stellen.

In der angeregten Diskussion wurden zum einen Fragen und Kommentare zu einzelnen Fragestellungen und theoretischen Konzepten nochmals vertieft. Gleichermaßen bot sie den Raum, nach dem inputreichen Programm grundsätzliche Fragen zu historiographischen Perspektiven und den Grenzen und Möglichkeiten postkolonialer Forschung einzubringen: Die Abschlussrunde kreiste um den „Sinn und Unsinn“ der Begriffe Kolonialismus, Postkolonialismus und (Post)Kolonialität und mögliche Alternativen für eine wissenschaftliche Auseinandersetzung. Unter anderem wurde eingefordert, Postkolonialismus auch als Problematisierungsperspektive zu sehen und fortlaufend auch über die zugrunde gelegten Begriffe zu sprechen, die eigene Verortung als Wissenschaftler/in ebenso bewusst zu reflektieren wie die verwendeten Quellen.

Das Resümee des Workshops zogen die Organisator/innen, nachdem sich die Abschlussdiskussion vor allem auf die Bedeutung von Rassismus für koloniale Identitätskonstruktionen konzentrierte. Angesichts des produktiven Austausches über Länder- und Disziplingrenzen hinweg endete der Workshop mit einem starken Plädoyer für mehr Innovation und Interdisziplinarität in der Kolonialismusforschung. Der Workshop zeigte nicht nur, wie groß das Bedürfnis nach Vernetzung und Austausch beim wissenschaftlichen Nachwuchs ist, sondern auch wie fruchtbar und inspirierend solche Veranstaltungen für alle Beteiligten sein können.

Konferenzübersicht:

Begrüßung und Einführung

Malina Emmerink (Hamburg), Cäcilia Maag (Hamburg), Nils Schliehe
(Hamburg)

Panel I: Konstruktionen des ›Anderen‹ und des ›Selbst‹

Christoph Kienemann (Oldenburg): Der koloniale Blick gen Osten. Osteuropa im Diskurs des Deutschen Kaiserreichs von 1871

Sabine Küntzel (Dresden): Ein deutscher Kolonialkrieg in Nordafrika? Koloniale Vorstellungen und Deutungsmuster der Soldaten des Deutschen Afrikakorps

Sophie Schasiepen (Wien): Die Rückführung von Klaas und TrooiPienaar. Eine Intervention in österreichische anthropologische Sammlungen

Diskussion / Moderation: Diana Natermann (Hamburg)

Panel II: Koloniale Gewalt
Christian Methfessel (Erfurt): Koloniale Gewalt und die Massenmedien. Imperialkriege in der englischen und deutschen Öffentlichkeit um 1900

Felix Lösing (Hamburg): Koloniale Gewalt als Krise rassistischer Vergesellschaftung. Die Kolonialkritik der amerikanischen und britischen Kongoreformbewegung

Diskussion / Moderation: Cäcilia Maag (Hamburg)

Panel III: Perspektivwechsel
Andreas Greiner (Zürich): Alltag und Auflehnung ostafrikanischer Träger in europäischen Expeditionen

Florens Eckert (Bayreuth): Afrobrasilianische Interaktionen mit deutschen Kolonialagenten. Neue Perspektiven auf Kolonialherrschaft in Togo

Mareike Späth (Frankfurt): Die Geschichte von der wiedergefundenen Unabhängigkeit. Postkoloniale Erinnerungspraktiken und Geschichtsschreibung in Madagaskar

Diskussion / Moderation: Kim Todzi (Hamburg)

Abschlussdiskussion

Citation
Tagungsbericht: (Post)Kolonialismus und die deutsche Geschichtswissenschaft. Themen – Trends – Perspektiven, 11.02.2017 Hamburg, in: H-Soz-Kult, 29.04.2017, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-7149>.