Re-Figuration von Räumen und der Kulturvergleich

Ort
Berlin
Veranstalter
SFB 1256 "Re-Figuration von Räumen", Technische Universität Berlin
Datum
14.06.2018 - 15.06.2018
Von
Martin Schinagl, Leibniz-Institut für Raumbezogene Sozialforschung, Erkner

Zum 1. Januar 2018 wurde von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) der Sonderforschungsbereich „Re-Figuration von Räumen“ (SFB 1265) an der Technischen Universität Berlin eingerichtet. An dem Verbundprojekt arbeiten über 50 Wissenschaftler/innen aus den Disziplinen Soziologie, Architektur, Stadt- und Regionalplanung, Kunst, Geographie sowie Medien-und Kommunikationswissenschaft in 15 Teilprojekten an der TU Berlin, der FU Berlin, der HU Berlin, der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster sowie dem Leibniz-Institut für Raumbezogene Sozialforschung e.V. (IRS). Mit der Auftakttagung „Die Re-Figuration von Räumen und der Kulturvergleich“ wurde nun der SFB 1265 offiziell eröffnet. Dazu wurden Vortragende aus sieben unterschiedlichen Disziplinen eingeladen, über Praktiken des Vergleichens zu referieren.

Die Auftaktveranstaltung wurde von NINA BAUR (Berlin) und ANGELA MILLION (Berlin) organisiert und mit einer thematischen Einführung in den Gegenstand der Tagung und des SFB 1265 eröffnet. Die theoretischen Hypothesen des SFB, der Re-Figuration als prozesshafte und vielfach mit Konflikten verbundene Umformung räumlicher Anordnungen und Verflechtungen seit dem Bruch der späten 1960er-Jahre versteht, die sich in einer Polykontexturalisierung, Mediatisierung und Translokalisierung der Bezüge des kommunikativen Handelns der sozialen und gesellschaftlichen Wirklichkeit niederschlagen, sollen empirisch in den Teilprojekten überprüft werden. Die diesjährige und erste von insgesamt vier Tagungen soll das erste der anvisierten Jahresthemen bearbeiten: Die Praxis des Vergleichens. Unter diesem Begriff sollen die Perspektiven unterschiedlicher Disziplinen auf die theoretischen, konzeptionellen und methodologischen Zugänge diskutiert werden.

Die erste Referentin, NINA GRIBAT (Darmstadt), versteht aus einer kritischen architekturtheoretischen Perspektive „Re-Figuration“ als umkämpftes Feld, innerhalb dessen sich eine Triade von Raum, Konflikt und Gesellschaft aufspannt. Architektur repräsentiert und strukturiert innerhalb dieses relationalen Feldes gesellschaftliche Verhältnisse. Dadurch ist sie kontinuierlich Veränderungen unterworfen; zugleich erlaubt die Architektur, sozio-kulturelle Praktiken auszuprobieren. Dies führte sie am Beispiel der post-sozialistischen Stadt Hoyerswerda aus, die sich als Modellstadt der DDR nach der Wende extremen Wandlungsprozessen ausgesetzt sah und in der sich unterschiedliche Vorstellungen und Wünsche über gebaute und gelebte Stadt und Architektur nach wie vor gegenüberstanden.

Es folgte die international und kulturvergleichend forschende Planungswissenschaftlerin KARINA PALLAGST (Kaiserslautern). Sie vergleicht seit Jahren weltweit Schrumpfungsprozesse von Städten und erkennt dabei Schrumpfung als Moment, welches die klassischen wachstumsorientierten Planungswerte in Frage stellt, die zu neuen Planungskulturen führen. Durch den planungskulturellen Vergleich in unterschiedlichen gesellschaftlichen Kontexten stellt sich heraus, dass sich Verständnisse von Territorialität, Räumlichkeit und Linearität von Planungsphasen unterscheiden, was zum Überdenken dieser Kategorien anregt.

ANGELIKA EPPLE (Bielefeld) beleuchtete in ihrem Vortrag den spatial turn innerhalb der Geschichtswissenschaft. Diese hat sich in den letzten fünfzehn Jahren zur Überwindung des methodologischen Nationalismus zunehmend den Verflechtungsgeschichten zugewendet. In diesem Zusammenhang erfuhren wechselseitige Abhängigkeiten und Beziehungsgeflechte sowie Translokalität eine kategoriale Aufwertung. Gerade diese Relationierung der Räume führten zum Überdenken geschichtswissenschaftlicher Praktiken des Vergleichens.

Mit einer Reflexionsrunde endete der erste Tag der Konferenz, in der die methodologisch unterschiedlichen Zugänge der Untersuchung von Raum und Zeit thematisiert wurden. Die Vergleichsgrößen selbst sollten dabei zur Einheit der Untersuchung gemacht werden. Die Verwobenheit der Größen Zeit und Raum wurde mittels der Gegenüberstellung des geplanten Raumes als zukünftiger Raum und dem gebauten Raum als etwas, das vergangene Zukunftsprojektionen in sich trägt, verdeutlicht.

Die feierliche Eröffnung des Sonderforschungsbereichs im Anschluss begann mit den Grußworten des Präsenten der TU Berlin, CHRISTIAN THOMSEN. Er wies auf die Bedeutung des Sonderforschungsbereichs für die Fakultät VI Planen Bauen Umwelt hin, deren Aufgabe es auch sein müsse, Erklärungsmodelle zu aktuellen gesellschaftlichen Konflikten zu liefern. Danach beklagten die studentischen Hilfskräfte des SFB, die sich aufgrund eines berlinweiten Tarifkonfliktes im Streik befinden, die Prekarisierung der studentischen Arbeit und appellierten an die Solidarität für ihr Anliegen.

In ihrem Eröffnungsvortrag regte die Sprecherin des SFB, MARTINA LÖW (Berlin), zum Nachdenken über komplexe Raumkonstruktionen an. Gesellschaft müsse auch über Raum verstanden werden. Vor etwa 50 Jahren haben sich Prozesse und Dynamiken der Mediatisierung, Translokalisierung und Polykontexturalität verstärkt und mit ihnen wie auch durch sie Raumwissen und Raumordnungen gewandelt. Diese Räume wissenschaftlich zu fassen und zu begreifen, wie diese Räume miteinander verknüpft sind, ist eine Lücke, die der SFB schließen möchte. Es soll eine Raumtheorie entwickelt werden, um die veränderten Bedingungen der Konstitution des Sozialen im Raum und damit einhergehenden Veränderungen in Macht- und Herrschaftsverhältnissen zu analysieren.

Im Anschluss übernahm der stellverstretende Sprecher des SFB, HUBERT KNOBLAUCH (Berlin), das Wort und betonte die irritierende Qualität des Begriffs „Re-Figuration“. Der Anspruch der Projekte des gesamten SFB solle eben auch dazu dienen, die Begriffe empirisch zu erforschen und qualitativ zu bestimmen. Es handele sich um empirische Zeitdiagnosen, die für die Entwicklung der Sozial- und Gesellschaftstheorie von zentraler Wichtigkeit seien. „In welcher Gesellschaft leben wir heute? In unserer Gesellschaft ist kein Behältnis, sondern eine Figuration, eine Re-Figuration“, betonte Knoblauch.

Den Festakt abschließend, sprach KARL-SIEGBERT REHBERG (Dresden) in seinem Festvortrag mit dem Titel „Raumnahme – Raumverdrängung – Raum – Virtualisierung. Typen und Prozesse einer Schlüsselkategorie sozialen Lebens“. In einer die globale Menschheitsgeschichte abdeckenden Erzählung und Analyse, skizzierte er die Raumgeschichte. Die Bodenstrukturen seien dabei ein durchgängiges Element vermittels derer stets Macht und Herrschaft ausgeübt wurden. Zugleich sind jegliche Begriffe und Methodologien einer Zeitgebundenheit unterworfen.

Der zweite Tagungstag begann mit dem Vortrag von LECH SUWALA (Berlin) zu „Raumkonzepte, Re-Figuration von Räumen und vergleichende Forschung aus der Perspektive der Wirtschaftsgeographie und Regionalökonomie“. Die Geographie habe zwar über verschiedene turns immer wieder eine Aktualisierung erfahren, allerdings würden sich die Wirtschaftsgeographie und Regionalökonomie aber weiterhin auf ein absolutes oder relatives Raumverständnis beziehen. Er erweiterte die möglichen Zugänge um einen relationalen und topischen Raum.

JAN POLÍVKA (Aachen) folgt mit einem Vortrag über die Perspektive aus den Planungswissenschaften. Drei Ebenen einer hierarchischen Struktur – Orte und Kulturen, Regeln und Normen, sowie Praktiken –, die planerisches Handeln prägten, besäßen eigene Geschwindigkeiten ihrer Veränderlichkeit. Diese Ebenen seien auf ihre unterschiedlichen Dynamiken unter ihnen, zwischen ihnen und unterschiedlicher Kulturen hin zu untersuchen. Kultur als Träger erweise sich dabei als weniger flexibel als Situationen und rationale Logiken, was sich am Beispiel des Flächennutzungsplans nachvollziehen lasse, der als Artefakt weltweit Anwendung gefunden habe, aber in der Praxis kulturell unterschiedlich angeeignet werde.

Am Beispiel der „Lebens- und Familiengeschichten im Kontext von Flucht und enger werdenden Grenzen im Nahen Osten“ führte JOHANNES BECKER (Göttingen) die Perspektive der Biographieforschung ein. Die Re-Figuration von Räumen sei in der alltäglichen Dimension greifbar und schlage sich in biographischen Verortungen und familialen Beziehungen nieder. Diese stehen im Verhältnis figurationaler Strukturen, in dem sich die formalrechtliche und staatliche Einengung und die Wirkmächtigkeit staatlicher Grenzen in Mentalitätswandel und Diffusion von Familien niederschlagen.

WOLFGANG ASCHAUER (Salzburg) schloss mit der Perspektive der quantitativ kulturvergleichenden Sozialforschung den zweiten Tag ab und setzte sich von den bis dahin vorherrschenden qualitativen Zugängen der Vorträge ab. Um differenzierte Erkenntnisse zu erlangen, plädierte er für einen Methodenmix und eine interdisziplinäre und theorieorientierte kulturvergleichende Sozialforschung. Das Raumverständnis stellt sich ihm in der klassischen ländervergleichenden Forschung weiterhin als zentrales Problem dar. Sozialwissenschaftliche Methodologie heute solle dort beginnen, wo die Big-Data Analyse ende.

Die Tagung wurde mit einer Reflexionsrunde beendet, in der die Unterschiedlichkeit der disziplinären Zugänge auf das zentrale Thema des Vergleiches und die Praktiken des Vergleichens in den Disziplinen als anregend gewürdigt wurde. Die Frage, ob diese Vielheit der Blickwinkel als Irritationsmoment für sich steht oder eine gemeinsame Sprache gefunden werden solle, wird sicherlich erst im Laufe der nächsten Jahre beantwortet werden.

Konferenzprogramm:

Nina Baur und Angela Million (Technische Universität Berlin): Begrüßung und Thematische Einführung

Nina Gribat (Technischen Universität Darmstadt): Re-Figuration und Kulturvergleich aus der Perspektive der Architektur

Karina M. Pallagst (Technische Universität Kaiserslautern): Re-Figuration und Kulturvergleich aus der Perspektive der Planungswissenschaften

Angelika Epple (Universität Bielefeld): Re-Figuration und Kulturvergleich aus der Perspektive der Geschichtswissenschaft

Christian Thomsen (Technische Universität Berlin): Grußworte des Präsidenten der TU Berlin

Martina Löw (Technische Universität Berlin): Komplexe Raumkonstruktionen. Gesellschaft über Raum verstehen

Hubert Knoblauch (Technische Universität Berlin): Diagnose: Re-Figuration

Festvortrag Karl-Siegbert Rehberg (Technische Universität Dresden): Raumnahme – Raumverdrängung – Raum - Virtualisierung. Typen und Prozesse einer Schlüsselkategorie sozialen Lebens

Lech Suwala (Technische Universität Berlin): Raumkonzepte, Re-Figuration von Räumen und (kultur-) vergleichende Forschung aus der Perspektive der Wirtschaftsgeographie/Regionalökonomie

Jan Polívka (RWTH Aachen): Re-Figuration und Kulturvergleich aus der Perspektive der Planungswissenschaften

Johannes Becker (Georg-August-Universität Göttingen): Re-Figuration aus der Perspektive der kulturvergleichenden Biographieforschung

Wolfgang Aschauer (Universität Salzburg): Re-Figuration aus der Perspektive der quantitativen kulturvergleichenden Sozialforschung

Zitation
Tagungsbericht: Re-Figuration von Räumen und der Kulturvergleich, 14.06.2018 – 15.06.2018 Berlin, in: H-Soz-Kult, 14.07.2018, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-7785>.