Historikertag 2012: Transnationale Geschichte / Neue Diplomatiegeschichte

By
Miriam Rürup, Hamburg

Besprochene Sektionen:

"Historische Außenansichten auf Europa: Annäherungen aus (post)kolonialer und transatlantischer Perspektive"
"Vertrauen als immaterielle Ressource der politischen und wirtschaftlichen Beziehungen der Bundesrepublik seit den 1970er Jahren"
"Recht als umstrittene Ressource. Akteure, Praktiken und Wissensordnungen des Völkerrechts in der Zwischenkriegszeit (1919-1939)"
"Schuld – Sühne – Recht. Gerechtigkeitsvorstellungen, Rachephantasien und juristische Interventionen um 1945/46"
"Social Conflicts and Internationalism in the TwentiethCentury: Towards a Transnational History of Social Movements"

Zum zweiten Mal wird im Anschluss an einen Historikertag mit einem Querschnittsbericht gefragt, wie transnationale Geschichte auf dem größten deutschsprachigen Kongress der Historikerzunft vorgetragen, diskutiert und reflektiert wurde. Vor acht Jahren hat die damalige Referentin vor allem den Mangel an transnationalen Ansätzen angemerkt.[1] Seitdem hat sich viel bewegt in der fachwissenschaftlichen Selbstreflektion sowohl über methodische Zugänge wie auch über neue Themen und Fragen, die den nationalen Container verlassen. Einige Fachforen und Debatten [2] und Einführungsschriften [3] zur transnationalen Geschichte später, und nachdem selbst das Rahmenthema eines Historikertages in der Zwischenzeit mit der Themenstellung des „Über Grenzen“-Schauens (Berlin 2010) den Rahmen der Nationalgeschichte bewusst verlassen hat, lassen sich also mit Fug und Recht einige Sektionen mit transnationalen Themen und Fragestellungen erwarten. Die Auswahl der hier besprochenen Sektionen erfolgte dabei weniger nach der Häufigkeit des Wörtchens „transnational“, sondern vielmehr nach dem zu erwartenden Potential der diskutierten Themen, grenzüberschreitend zu denken und zuweilen durchaus nationale Geschichte zu schreiben, dabei aber immer einen Blickwinkel zu suchen, der die grenzüberschreitenden Verflechtungen von Geschichte aufzeigt.[4] Und um dies gleich vorweg zu nehmen: kaum eine Sektion verkündete von vornherein und dezidiert eine „transnationale“ Programmatik, gleichwohl – oder gerade deshalb – lässt sich feststellen, dass transnationale Geschichte auf dem diesjährigen Historikertag an vielen Stellen schlicht „gemacht“ wurde. Gerade bei der konzeptionellen Selbstbeschreibung vieler Sektionen, gleichwohl, liess sich feststellen, dass die transnationale Perspektive der Geschichtswissenschaft gar nicht mehr unbedingt explizit diskutiert, sondern wie selbstverständlich angewandt wird.[5] Zu den Feldern, in denen transnationale Themen oder transnationale Zugänge auf dem diesjährigen Historikertag zu erwarten waren oder auch tatsächlich diskutiert wurden, gehörte die Frage nach Religion[6], Recht und Rechten, nach Gefühlen und nach Akteuren. Dies könnte durchaus als gelungene Integration einer nicht mehr ganz so neuen Forschungsperspektive in die Geschichtswissenschaft bezeichnet werden.

Es ist zwar nicht Aufgabe des vorliegenden Querschnittsberichts, die Frage nach dem „Warum“ zu stellen – und doch drängt sie sich auf. Haben wir es heute wirklich mit einer Ausweitung und Öffnung der Forschungsperspektive zu tun, und wenn ja: wie kommt es dazu? Dies mit den zahlreichen Anregungen aus den vieldiskutierten „cultural turns“ der letzten Jahre zu begründen, liegt nahe. Und gerade für die transnationale Geschichte war hier sicherlich der derzeit noch in der Diskussion befindliche „translational turn“ bedeutsam.[7] Eine weitere Option wäre die schlichte realpolitische Tatsache, dass sich zahlreiche Akademiker/innen der jüngeren Historikergeneration nicht nur mithilfe der Lektüre von Wissenschaftstexten und Theoriedebatten aus anderen nationalen Kontexten aus dem eigenen „nationalen Wissenschaftsverständnis“ herausbewegen, sondern auch tatsächlich einen Teil ihrer Ausbildungs- und Berufswege in verschiedenen Wissenschaftswelten ablegen. Diese Karrierenkonstellation könnte also mit dazu beitragen, dass sich transnationale Perspektiven auf Fragestellungen der Geschichte wahrscheinlicher ergeben als bei einer in nur einem Wissenschaftssystem erfolgenden Ausbildung.

Ein früher Ausgangspunkt, aus dem sich die transnationale Perspektive auf Geschichte entwickelt hat, war die Ausweitung der klassischen Diplomatiegeschichte, in der Aushandlungsprozesse im internationalen Milieu verschiedener Staatsvertreter, aber eben auch Vertreter nichtstaatlicher Einheiten wie beispielsweise der Vertreter nationaler Minderheiten, analysiert wurden. So stellte sich zahlreichen Forschern die Frage, wie in einer nationalstaatlich verfassten Welt die Geschichte internationaler Beziehungen geschrieben werden kann, die sich – zwar von nationalstaatlichen Interessen geleitet –, in der übernationalen Sphäre der Diplomaten, des Völkerbundes und der UN weiterentwickeln und in teilweise sehr veränderter und umgedeuteter Form auf die jeweiligen Nationalstaaten zurückwirken. Die Frage, wie diese Prozesse analytisch innovativ gefasst werden können, lädt dazu ein, sich der transnationalen Forschungsperspektive zuzuwenden.

Transnationale Geschichtsschreibung ist eine Forschungsperspektive, die zuweilen die gleichen Themen zum Gegenstand haben kann wie die klassische Diplomatiegeschichte. Man kann sie mit dieser Perspektive so betreiben, dass man über den historischen zwischenstaatlichen Vergleich hinaus geht und nicht bei der Frage stehen bleibt, welche Bedeutung ein diplomatischer Akt für den jeweiligen Ausgangsstaat hatte, sondern beispielsweise den Verflechtungen und Transfers nachspürt und danach fragt, wo und wie Entwicklungen anders verliefen und Akteure sich anders verhielten, gerade weil sie Staatsgrenzen ignorierten oder überschritten. Obgleich Mobilität als eine der Rahmenbedingungen für die Entstehung von Transnationalisierungsprozessen zu sehen ist, und obwohl durch Migrationsbewegungen entstehende Netzwerke häufig mehr als zwei Nationalstaaten miteinander verbinden, ging es auf dem Historikertag erstaunlich wenig um Migrationsprozesse und Mobilitätsfragen.[8]

Wie die Idee und das Bild von „Europa“ entstanden ist und welche Akteure sich auf welchen Wegen daran beteiligt haben, hatte sich eine von BEKIM AGAI (Bonn), JUDITH BECKER (Mainz) und JAN LOGEMANN (Washington) konzipierte Sektion zur Aufgabe gestellt. Nach einer theoretischen Einführung näherten sich die Referenten in vier Vorträgen dieser Fragestellung. Eine Feststellung war immer wieder, dass Vorstellungen von Europa und europäischen Werten häufig aus einem Gefühl der Superiorität heraus entstanden sind. So, wie sie einerseits zur Herstellung eines Gemeinschaftssinnes dienten, so beinhalteten sie zugleich Aussagen über „das Fremde“. Gleichwohl wurde vor allem in der theoretischen Rahmung (Judith Becker) wie auch der Diskussion diese binäre Sicht wiederholt aufgebrochen und die Frage nach hybriden Identitäten gestellt, die beständig neue Europabilder formen und prägen. Die Entstehung dieser hybriden Identitäten lokalisierten einige Referenten der Sektion (STEFAN RINKE (Berlin) für Lateinamerika, KIRSTEN RÜTHER (Hannover) für Afrika, THORALF KLEIN (Loughborough) für China) gerade in der Begegnung und zuweilen dem Widerstreit verschiedener Kulturen beispielsweise in den Kolonien, also gerade in der „Außenansicht“ auf Europa, die für diese Sektion ja auch titelgebend war. Sie machten darüber hinaus auch eine Verselbständigung des Begriffes von Europa bzw. Europäisierung aus, der außerhalb Europas als Zuschreibung und in Lateinamerika beispielsweise als Inbegriff für Überlegenheit verwendet wurde. Wie jüdische, deutsche, polnische usw. Emigranten aus Europa in den USA zunehmend zu „Europäern“ wurden und welche Rolle dabei die Konstruktion „westlicher Werte“ und eines zunehmend einheitlichen West-Blocks spielte, war Thema von Jan Logemanns Vortrag. Auch hier wieder kam Individuen als Übersetzer von Europavorstellungen eine bedeutsame Funktion zu. Die transnationale Perspektive dieser Sektion reichte also über die pure Wechselwirkung von Europa – USA, Europa – Afrika, Europa – Amerika, West – Ost, hinaus und fragte nach der Gewordenheit solcher Konstrukte und den Akteuren, die die begrifflichen Zuschreibungen ausgestalten, transportieren und letztlich auch übersetzen. Eine Möglichkeit, sich auf die Wege der neueren Diplomatiegeschichte zu begeben, die sich nicht ausschließlich für staatliche Eliten sondern für sich wandelnde Konzepte und ihre Umsetzung auf nationaler und lokaler, alltagsgeschichtlicher Ebene interessiert, ist eine biographische Annäherung an die transnationale Geschichte.[9] Ein gelungenes Unterfangen stellte hier der Vortrag von Kirsten Rüther für die Frage dar, wie in verschiedenen afrikanischen Gesellschaften an einzelnen biographischen Beispielen Bilder von Europa entstanden, ausgeprägt und in Umlauf gebracht wurden und wie sich diese Bilder durch die reale Begegnung mit „Europa“ veränderten.

Transnationale Geschichte ist also immer auch Beziehungsgeschichte. Und so lag es fast nahe, dass eine Sektion, die sich der Historisierung und politischen Verortung eines spezifischen Gefühls annahm, Eingang in einen Bericht über Transnationale Geschichte auf dem Historikertag findet. Insbesondere Vertrauen ist eine Emotion, die von der (wenn auch zuweilen eingebildeten) Reziprozität nicht auskommt und damit per se geeignet ist, um Beziehungsgeschichte zu schreiben. Und diese auf zwischenstaatlicher Ebene anzusiedeln, hatten sich alle vier Referenten der von PHILIPP GASSERT und REINHILD KREIS (beide Augsburg) konzipierten Sektion „Vertrauen als immaterielle Ressource der politischen und wirtschaftlichen Beziehungen der Bundesrepublik seit den 1970er Jahren“ zum Ziel gesetzt. Mögliche Vorbehalte gegenüber dem Vertrauen als überhaupt bedeutender Emotion in internationalen Beziehungen eines Staates im 20. Jahrhundert erweisen sich bei der Lektüre der Vorträge – die Autorin konnte der Sektion leider nicht beiwohnen – als voreilig.[10] Philipp Gassert wandte sich dem Vertrauen als Kategorie der deutschen Aussenpolitik der 1970er- und 1980er-Jahre zu, ULRICH LAPPENKÜPER (Friedrichsruh) sprach über das prekäre Vertrauen in den deutsch-französischen Beziehungen, Reinhild Kreis über die deutsch-amerikanischen Bemühungen um gegenseitiges Vertrauen und MATTHIAS PETER (Berlin) über Vertrauen als Ressource der Diplomatie im KSZE-Prozess von Helsinki. Dass Emotionen eine bislang zu Unrecht vernachlässigte Bedeutung für die Analyse internationaler Beziehungen haben, wurde in der Sektion sehr deutlich. Ist das Werben um – genauso wie das Feststellen des Verlustes von – Vertrauen doch gleichermaßen Teil diplomatischer Rhetorik und damit Teil des „transnationalen Sprechs“. Nun ließe sich fragen, inwiefern Vertrauen tatsächlich transnational betrachtet werden kann, handelt es sich in den vorliegenden Referaten und Themenskizzen doch vornehmlich um „innerwestliche“ Bezugnahme auf Vertrauensverlust, -gewinn, -zweifel, die letztlich zur Herstellung „des Westens“ in Abgrenzung zum nicht vertrauenswürdigen Anderen dienten. In der Sektion ging es um Vertrauen als handlungsleitende Kategorie und die Handelnden waren in den betrachteten Einzelstudien westliche Akteure. Demnach müsste also eine Analyse, die tatsächlich die transnationale Bedeutung und Gültigkeit eines Gefühls aufspüren möchte, diese Emotion noch wesentlich multiperspektivischer in den Blick nehmen. Dies hieße jedoch, das innovative Potential der transnationalen Kategorie von Vertrauen zu verkennen. Denn gerade die national stattfindende Wirkmächtigkeit des eingebildeten Vertrauens bzw. des imaginierten Vertrauensverlust bzw. -bruchs der anderen Seite war es hier ja, die politische Auswirkungen zeitigen konnte. So konnte ein im „nationalen Container“ ausgelebtes Gefühl transnational prägend werden. Der rein „gedankliche Grenzgang“ kommt in seiner historischen Wirkung einem realen Grenzgang gleich, indem er nämlich realpolitische Auswirkungen auf die Machtkonstellationen im Kalten Krieg hatte.

Neben Begriffen sind es vielfach auch Normen, die in transnationalen Aushandlungsprozessen in Frage gestellt werden und Veränderungen unterworfen sind. In der von KATHRIN KOLLMEIER (Potsdam) und MARCUS M. PAYK (Berlin) konzipierten Sektion zum Völkerrecht in der Zwischenkriegszeit ging es um „Recht als umstrittene Ressource“: Unter anderem stellten sich in dieser Kurzsektion die drei Referenten die Frage, inwiefern Recht eine grenzüberschreitende Kategorie ist bzw. sich im frühen 20. Jahrhundert historisch unter anderem durch die Erfahrung des Ersten Weltkrieges verändert. Kathrin Kollmeier beschäftigte sich mit den internationalen Verhandlungen über Staatenlosigkeit als „Anomalie des Rechts“. Marcus M. Payk nahm sich den Streit um den Versailler Vertrag als Thema vor, um die Widersprüche aufzuzeigen zwischen von „patriotischer Pflicht“ geprägter, ablehnender Haltung der (deutschen) auswärtigen Politik und dem Bemühen der Akteure des Völkerbundes, Frieden durch Recht zu stiften. Wie aber gerade dieses Rechtsersuchen von bedeutenden Akteuren wie Wilson als Legalismus abgetan wurde und damit die „Ressource Recht“ selbst umstritten war und letztlich dazu führte, dass mit dem Versailler Vertrag noch lange kein Rechtsfrieden erreicht werden konnte, hat Payk aufgezeigt. Dass es obendrein immer auch eine Grundsatzdiskussion unter Experten gab, inwiefern Recht sich überhaupt mit de facto übernationalen Kriegsfolgen beschäftigen kann, da gerade durch Kriege die Zuständigkeit von – letztlich immer national verankerter – Rechtsprechung ja fundamental in Frage gestellt ist, führte DANIEL M. SEGESSER (Bern) am Beispiel der Diskussion um einen Internationalen Strafgerichtshof in der Zwischenkriegszeit vor.

Ebenfalls um Recht und Rechtsvorstellungen, vor allem aber auch um die Akteure des Rechts, ging es in der von STEFANIE SCHÜLER-SPRINGORUM und ULRIKE WECKEL (beide Berlin) gestalteten Sektion. Sie fragten in erster Linie nach den Vorstellungen von Recht und Gerechtigkeit unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Ausgangspunkt der Vorträge hier waren die Akteure und die von der nationalsozialistischen Verfolgung Betroffenen selbst und deren Rechtsvorstellungen bis hin zu Rachephantasien. Genau hier setzte MARK ROSEMANS (Bloomington) Vortrag an, der die Perspektive umdrehte und weniger auf die teilweise phantastischen Vorstellungen der deutschen Tätergesellschaft über zu erwartende jüdische Racheakte verwies als vielmehr danach suchte, ob die ehemaligen Verfolgten überhaupt bereits in der Situation der Verfolgung oder unmittelbar im Kontext des Kriegsendes sich Racheakte gegen ihre Täter ausmalten und welche Funktion dies für die Opfer hatte. Vor allem konstatierte er aber das überraschende Fehlen von umfänglichen Rachephantasien, ganz zu schweigen von Racheakten à la „Inglourious Basterds“. Die Preisträgerin des Historikerverbandspreises Ulrike Weckel betrachtete die Vorstellung von Rachephantasien von der Blickrichtung der Täter aus und analysierte anhand von Quellen aus dem Umfeld der Nürnberger Prozesse (von Angeklagten und Verteidigern genauso wie von Zuschriften aus der deutschen Bevölkerung) diese Phantasien unter anderem als Spätfolgen der NS-Propaganda von der drohenden jüdischen Rache. Wie Gerechtigkeit im Angesicht des ungeheuren Ausmasses der NS-Verbrechen überhaupt (wieder)hergestellt werden konnte, war – so zeigten die Vorträge der Sektion – einer der ergebnisoffenen Diskurse unmittelbar nach Kriegsende, in dem die Optionen von Vergeltung bis Verurteilung nach rechtsstaatlichen Prinzipien reichten. Wie die Beiträge von LAURA JOCKUSCH (Haifa/Jerusalem) und ELISABETH GALLAS (Leipzig/Wien) obendrein zeigten, waren auch Juden als nichtstaatliche, transnational handelnde Akteure engagiert an der Rechts-Findung nach 1945 beteiligt. Elisabeth Gallas beschrieb Initiativen von emigrierten Juden, sich frühzeitig um die Rettung und um das Recht auf Rückerstattung jüdischer Kulturgüter aus Europa zu bemühen. Laura Jockusch illustrierte die engagierte Einmischung und Beteiligung jüdischer Vertreter, beispielsweise des Jüdischen Weltkongresses, die an der Argumentationslinie in der Strafverfolgung der Täter im Nürnberger Prozess mitzuwirken versuchten. Die Vorträge dieser Sektion loteten mithin Fragen darüber aus, wie und ob Recht auch dort transnational ausgehandelt werden kann, wo nichtstaatliche Akteure Rechte für sich in Anspruch nahmen und einforderten, die im geltenden Völkerrecht nur für staatliche Rechtssubjekte vorgesehen waren, worauf MICHAEL STOLLEIS (Frankfurt am Main) in seinem Kommentar eindringlich hingewiesen hat. Schließlich konnten die Vertreter des jüdischen „Volkes“ – noch – nicht im Namen eines jüdischen Staates sprechen.

Das Themenfeld „Recht“ erwies sich als eines der Felder, für die ein transnationaler Blick ganz neue Perspektiven eröffnet. Denn wir sind hier Akteuren begegnet, die infolge der nationalsozialistischen Verfolgungs- und Vertreibungspolitik den Zusammenbruch von Recht und Gerechtigkeit erlebt haben. Als nichtstaatliche Akteure haben sie dann aber nach der Befreiung gerade mithilfe ihrer Rechtsvorstellungen versucht, ihre eigene Erfahrung von Entrechtung dafür zu nutzen, neue Möglichkeiten von Gerechtigkeit wiederherzustellen. Und auch die Diskussionen um Veränderung des Völkerrechts in der Zwischenkriegszeit fanden in einem supranationalen Feld statt, das in dieser Weise vor dem Ersten Weltkrieg nicht existierte. So kristallisierte sich vor allem bei der letztgenannten Sektion die Rechtsprechung und Aushandlung von Gerechtigkeit als transnationaler Raum heraus, in dem es gerade die individuellen Akteure sind, die durch die eigene grenzüberschreitende Erfahrung von Rechtlosigkeit als Heimatlosigkeit in der historischen Rückschau Rechtssysteme zu verändern suchten und damit neu gestalteten. Und so erschienen die in dieser Sektion aufgeworfenen Fragen sehr anregend: ging es doch unter anderem darum, auszuloten, inwiefern Recht als normative Kategorie durch die soziale Praxis der Recht-Sprechenden, Recht-Gestaltenden und Rechte-Einfordernden in einem transnationalen Diskursraum nationale Grenzen und Verengungen zu überwinden suchte.

Wenige Sektionen haben sich auf dem Historikertag ein explizites „transnationales Programm“ gegeben. Eine davon war das von STEFAN BERGER (Bochum) zusammengestellte Panel zur transnationalen Geschichte sozialer Bewegungen. TALBOT IMLAY (Quebec) versuchte am Beispiel der britischen, französischen und deutschen sozialistischen Parteien dem „praktizierten Internationalismus“ auf den Grund zu gehen. Er konnte nachweisen, dass zwar in beiden Nachkriegszeiten internationalistische Ideen großes Potential entfalteten, dass dieser Internationalismus der sozialistischen Parteien jedoch jeweils eine Dekade nach Kriegsende wieder in den Hintergrund trat und einer Re-Nationalisierung der politischen Agenda wich. Ähnlich machte auch HOLGER NEHRING (Sheffield) ein Primat des Nationalen aus, sobald es um die Anhängerschaft der jeweiligen landesspezifischen friedensbewegten Organisationen ging. In seiner Skizze der europäischen Friedensbewegungen betonte er die Spannung zwischen programmatisch geäußertem, transnationalen Anspruch und nationalem Pragmatismus, der die landesspezifischen Anhänger bedienen musste/wollte. Wie sehr die Idee des Internationalismus sogar für imperiale Interessen national verengt werden konnte, zeigte ANDREAS WIRSCHING (München) in seinem Vortrag zum kommunistischen Internationalismus Stalinscher Prägung, der den Internationalismus auf ein rhetorisches Mittel der Außenpolitik reduzierte. Die Vorträge von FRANZ-JOSEF BRÜGGEMEIER (Freiburg im Breisgau) (Umweltbewegung) und KRISTA COWMAN (Lincoln) (Frauenbewegung) zeigten zudem eindringlich die Bedeutung von transnationalen Netzwerken für soziale Bewegungen, deren Agenda sich vor allem im transnationalen Protestdiskurs Gehör verschaffen konnte. So waren es gerade die zwischenstaatlichen, supranationalen Verhandlungsräume wie im Umfeld der Vereinten Nationen, in denen Themen wie Frauenrechte oder Friedenssicherung zuerst ausdiskutiert wurden. Auch wenn das Beharrungsvermögen des nationalstaatlichen Paradigmas nicht außer Acht gelassen werden kann, so schien doch immer wieder die herausragende Bedeutung der individuellen transnationalen Erfahrung und damit die Agency der handelnden Personen hervor. Zugleich jedoch ließe sich fragen, ob die transnationale Rede vom Internationalismus als Chiffre für den Zusammenhalt der „Einen Welt“ nicht letztlich nur eine nationale Legitimationsstrategie von um Anerkennung kämpfenden, marginalisierten politischen Bewegungen war.

Methodisch am anwendungsorientiertesten diskutierte womöglich die auf dem Historikertag meist eher marginalisierte Didaktik der Geschichtswissenschaft Fragen transnationaler Zugänge zur Geschichte, wie dies auch schon die Querschnittsberichterstatterin von 2004[11] diagnostiziert hatte. Vielleicht liegt dies an der engeren Beziehung zur alltäglichen Praxis der Geschichtsvermittlung, mit der Geschichtslehrer und Geschichtsbuchverfasser zu tun haben. Müssen diese doch die fachwissenschaftlichen Forschungen einer Generation zugänglich machen und zur Diskussion stellen, die familiär und von ihren Erinnerungskontexten her betrachtet wesentlich „transnationaler“ ausgerichtet ist, als dies innerhalb der universitären Milieus alltäglich ist – jedenfalls jenseits der elitären Zirkel der akademischen „Class of Frequent Travellers“ (Craig Calhoun). Auf zwei Sektionen wurde am Beispiel von übernationalen Projekten diskutiert, wie transnationale Geschichte „gemacht“ und vermittelt werden kann. In einer Buchvorstellungssektion, die von RAINER BABEL und ROLF GROSSE (beide Paris) konzipiert worden war [12], präsentierten die Referenten die vom DHI Paris initiierte mehrbändige Reihe „Deutsch-Französische Geschichte“, die synchron sowohl auf Deutsch wie auch auf Französisch erscheint. Dabei erinnerten einige Referenten auch an die methodischen Herausforderungen, die mit einem „binationalen Geschichtsbuch“ einhergingen. So erinnerten MICHAEL WERNER und JEAN-MARIE MOEGLIN (beide Paris) an den die transnationale Forschungsperspektive inspirierenden Ansatz der Histoire croisée ebenso, wie die methodischen Diskussionen um Beziehungsgeschichte und historischen Vergleich. Inwiefern aus einem solchen Projekt wie dem vom DHI Paris Lehren für die Konzeption „transnationaler Geschichtsbücher“ gezogen werden können, war implizit auch Gegenstand der von ULRICH BONGERTMANN (Rostock), SIMONE LÄSSIG (Braunschweig) und ROLF WITTENBROCK (Saarbrücken) initiierten Sektion über „Europäische Geschichtsbücher, digitale Lernplattformen oder bilaterale Schulbuchprojekte? Transkulturelle Sichtweisen in der europäischen Schulbuchdarstellung“. Das deutsch-französische Geschichtsbuch wurde hier genauso präsentiert (ETIENNE FRANÇOIS (Berlin) / PETER GEISS (Berlin) / RAINER BENDICK (Osnabrück)), wie ein ebenfalls von einem binationalen „Tandem“ konzipiertes deutsch-polnisches Geschichtsbuch (KARL HEINRICH POHL (Kiel) / ROBERT TRABA (Berlin)). Mit welchem Konzept die ganze Komplexität transnationaler Beziehungen und Perspektiven auf Geschichte tatsächlich für den Schulunterricht – mit der dazu notwendigen didaktischen Reduktion – anspruchsvoll und zugleich handhabbar gestaltet werden kann, wurde auf dieser Sektion diskutiert. Einer der Vorschläge, Multiperspektivität auch durch gesteigerte Flexibilität in der Darstellungsform zu schaffen bzw. abzubilden, war das im Entstehen begriffene Projekt „Historiana“, das Lehrmaterialien europaweit digital zur Verfügung stellen möchte (präsentiert von SYLVIA SEMMET (Speyer) und GEERT KESSELS (Den Haag)). Eine der besonderen Herausforderungen der transnationalen Geschichte ist, dass sie nur in der Reziprozität bestehen kann und damit immer Beziehungsgeschichte ist. Noch dazu eine Beziehungsgeschichte, die mehr noch als die internationale Geschichte den Transfer und vor allem die dabei von statten gehende Weiterentwicklung von Konzepten in meist mehreren nationalen Kontexten analytisch erfassen können muss, um wirklich den nationalen Blick zu überwinden. Dies bedeutet, einen multiperspektivischen Standpunkt – oder korrekter wohl: beständig wechselnde Standpunkte – einzunehmen. Dies wiederum kommt mit einer ganz konkreten Herausforderung für die Forscher/innen einher, da zur Multiperspektivität in den meisten Fällen auch die Mehrsprachigkeit gehört. Wer beispielsweise die Geschichte des Esperanto als transnationaler Sprache schreiben wollen würde, käme nicht umhin, mindestens zwei weitere Sprachen zu beherrschen, um die unterschiedliche Einbettung und Diskussion um eine übernationale Sprache in verschiedenen nationalen Kontexten sinnvoll einordnen zu können.

Nur als Randbemerkung: Das Deutungspotential der transnationalen Geschichte liegt dabei genauso bei der Analyse von Kriegen wie von Frieden. Damit ist gemeint: man sollte sich in Acht nehmen, die Anwendung einer transnationalen Perspektive der Forschung ineinszusetzen mit einem eingeschränkten libertären, evt. gar universellen Forschungsansatz oder der Erwartung, hiermit vor allem Themen der „Einen Welt“, der Menschenrechte, der Ausweitung des Völkerrechts oder der internationalen Friedenssicherung abzudecken. Ist es doch nicht der Frieden, sondern der Krieg und die Geschichte des Krieges, die eines der originärsten transnationalen historischen Ereignisse darstellt. So hat beispielsweise der Menschenhandel eine transnationale Geschichte, wie ein Blick auf das Programm der Sektion „Ressource Mensch“ von ANNE DUPRAT (Paris) und LUDOLF PELIZAEUS (Mainz) erahnen ließ. Und es ist auch nicht der Kosmopolitismus, sondern zunächst der Faschismus, der als transnationale Bewegung beschrieben und historisiert wurde, beispielsweise von Mark Mazower und Eric Hobsbawm. Obendrein ist die Existenz transnationaler Beziehungen in den meisten Fällen ein Elitephänomen.

Nahezu allen auf dem Historikertag gehörten Beiträgen wohnte als Ausgangspunkt gleichwohl nach wie vor der westliche Blick inne, bzw. ein mono-national geprägter Blick. Dies als Vorwurf zu formulieren, wäre aber denkbar unfair. Es sei nur darauf hingewiesen, um zu zeigen, wie schwierig es ist, ohne den „nationalen Container“ transnational zu denken. Es soll hier auch nicht der inflationären Nutzung von Modeschlagwörtern für die Einleitungs- und Antragsprosa bis zum nächsten turn das Wort geredet werden. Aber auch auf dem Historikertag zeigte sich, dass die womöglich schon feststellbare Kanonisierung der transnationalen Forschungsperspektive durchaus gewinnbringend sein kann. Nationale Geschichte mit einem transnationalen Blick über Grenzen hinweg zu betreiben, kann die Einsicht in die Vielfältigkeit historischer Entwicklungswege und letztlich auch die Kontingenz historischer Entwicklungen vertiefen. Bei diesem gedanklichen Grenzgang überschreitet die Forschung auch bei Themen der nationalen Geschichte Grenzen, reflektiert die Bedeutung und das historische Gewordensein von diesen genauso wie die grenzüberschreitenden Verflechtungen selbst, die immer auf die nationale Geschichte zurückwirken. Auf dem Historikertag wurde also nicht eine (neu)modische Ablösung von Ideen wie Verflechtungsgeschichte exerziert, sondern transnationale Geschichte mit den bekannten Methoden der histoire croisée, der Verflechtungsgeschichte und dem historischen Vergleich betrieben, um nationale Geschichte in ihrer internationalen und globalen Vernetztheit zu beschreiben. Das Deutungspotenzial einer transnationalen Perspektive auf die Geschichte beruht dann womöglich darin, dass man transnational denkend nicht nur der Kontingenz sondern auch der Offenheit und fortwährenden Veränderbarkeit von Geschichte im Spannungsfeld von nationalem, lokalem, individuellem Pragmatismus und internationalen Aushandlungsprozessen und Erfahrungswelten nachspüren kann.

Anmerkungen:
[1] Vanessa Ogle: Historikertag 2004: Transnationale Geschichte, in: H-Soz-u-Kult, 29.10.2004, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/forum/id=539&type=diskussionenonen> (06.02.2013).
[2] Vgl. Fachforum geschichte.transnational, 2005, beginnend mit dem einführenden Artikel: Matthias Middell, Transnationale Geschichte als transnationales Projekt? Zur Einführung in die Diskussion, <http://geschichte-transnational.clio-online.net/forum/id=571&type=diskussionenonen> (06.02.2013); sowie die Zeitschriftendebatte in Geschichte und Gesellschaft mit Beiträgen von Sebastian Conrad, Jürgen Osterhammel, Albert Wirz, Marcel van der Linden, in den Jahrgängen 27 und 28 (2001 und 2002).
[3] Vgl. Margit Pernau, Transnationale Geschichte. Grundkurs Neue Geschichte, Göttingen 2012; Kiran Klaus Patel, Überlegungen zu einer transnationalen Geschichte, Berlin 2004.
[4] Gerade weil per definitionem transnationale Geschichte nur dort stattfinden kann, wo es nationale Einheiten gibt, über deren Grenzen Ideen und Akteure schreiten und damit auch Begriffe und normative Konzepte von Recht usw. transzendieren, sollte an dieser Stelle zumindest erwähnt werden, dass dieser Bericht ausschließlich neuzeitliche Sektionen umfasst.
[5] So beispielhaft in der von Andrea Rehling (Mainz) / Isabella Löhr (Heidelberg) konzipierten Sektion „Global Commons - Anspruch und Legitimation der "Gemeingüter" als Erbe der Menschheit nach dem Zweiten Weltkrieg“ oder bei von Frank Bösch (Berlin) / Rüdiger Graf (Bochum), „Reaktionen auf die globalen Energiekrisen der 1970/80er Jahre“. Wo es beispielsweise dem Programm und den Abstracts folgend sehr stark um transnationale Mobilität ging, war in wirtschaftsgeschichtlichen Fragen. Vgl. Ute Engelen: Historikertag 2012: Wirtschaftsgeschichte des 20. Jahrhunderts, in: H-Soz-u-Kult, 07.12.2012, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/forum/id=1955&type=diskussionenonen> (06.02.2013).
[6] In der von Alexandra Przyrembel (Essen/Göttingen) geleiteten Sektion zu „Ressource Religion: Akteure und Netzwerke in globaler Perspektive“ ging es um die „transnationalen Austauschbeziehungen“ (Przyrembel) religiöser Organisationen ebenso wie Wahrnehmungen von Religionen. Dem verflechtungsgeschichtlichen Ansatz verpflichtet diskutierte darin beispielsweise Rebekka Habermas die Islamdebatten im Kaiserreich, die unmittelbar von Wahrnehmungen aus den Kolonien geprägt waren (Rebekka Habermas, Göttingen, „Mission entangled – Islamdebatten im Kaiserreich“).
[7] Vgl. Themenheft Simone Lässig (Hrsg.), Übersetzungen, Geschichte und Gesellschaft 38 (2012), 2.
[8] In gewisser Hinsicht spiegelt dies zeitlich verschoben den Forschungsstand wider: Lag der Fokus doch lange mehr auf Emigration oder Immigration und der Prozess der Migration wurde nur selten zum Gegenstand der Forschung gemacht. Vgl. Barbara Lüthi: Transnationale Migration - Eine vielversprechende Perspektive?, in: H-Soz-u-Kult, 13.04.2005, http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/forum/2005-04-003 (06.02.2013) und Tobias Brinkmann, Migration und Transnationalität, Paderborn 2012. Ein Versuch, dies aufzubrechen, ist sicherlich auch der neueren Diasporaforschung zu verdanken, die aber auch Gefahr läuft, von dem binären Modell eines Sehnsuchtsort einerseits und eines diasporischen „Vertreibungsorts“ andererseits auszugehen.
[9] So ähnlich auch Benno Gammerls Befund für 2010, Benno Gammerl: Historikertag 2010: Geschichte jenseits des Nationalstaats - imperiale und staatenlose Perspektiven, in: H-Soz-u-Kult, 17.02.2011, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/forum/id=1467&type=diskussionenonen> (06.02.2013).
[10] Vgl. auch Ute Frevert, besonders: Vertrauen. Historische Annäherungen, Göttingen 2003; Jan Plamper, Geschichte und Gefühl: Grundlagen der Emotionsgeschichte, München 2012.
[11] Katja Gorbahn: Historikertag 2004: Geschichtsdidaktik, in: H-Soz-u-Kult, 02.11.2004, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/forum/id=548&type=diskussionenonen> (06.02.2013).
[12] Buchvorstellung, „Neue Ansätze für eine transnationale Geschichte. Das Beispiel der Deutsch-Französischen Geschichte in elf Bänden“, Sektionsleiter: Rainer Babel / Rolf Große.

Citation
Historikertag 2012: Transnationale Geschichte / Neue Diplomatiegeschichte, in: H-Soz-Kult, 12.02.2013, <www.hsozkult.de/debate/id/diskussionen-2022>.
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Published on
12.02.2013
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