Zeitschrift für Weltgeschichte 16 (2015), 1

Title
Zeitschrift für Weltgeschichte 16 (2015), 1.
Other Titles
Schwerpunkt Islam und Säkularisierung


Ed.
Prof. Dr. Hans-Heinrich Nolte Verein für Geschichte des Weltsystems e.V.
Issue(s)
1
Published on
München 2015: Martin Meidenbauer
Extent
198 S.
Price
€ 58.90
Herausgeber d. Zeitschrift
Prof. Dr. Hans-Heinrich Nolte Verein für Geschichte des Weltsystems e.V.
Erscheinungsweise
zweimal jährlich
Kontakt
Prof. Dr. Hans-Heinrich Nolte Bullerbachstr.12 D-30890 Barsinghausen Tel +49 5105 64 332

Der Schwerpunkt dieser Ausgabe liegt bei dem Thema "Islam Säkularisierung, über das am 30. November 2013 gemeinsam von dem Verein für die Geschichte des Weltsystems, der Palästina Initiative und der Heinrich Böll Stiftung eine Tagesveranstaltung in Hannover abgehalten wurde. Den Veranstaltern sei an dieser Stelle noch einmal ausdrücklich gedankt. Die ersten vier Beiträge dieses Bandes der ZWG sind aus den auf diesem Workshop gehaltenen Vorträgen hervorgegangen.

Den Anfang macht der Artikel von Hans-Heinrich Nolte, der einen Überblick über Säkularisation und Säkularisierung im Kontext der geschichtlichen Entwicklung Europas und Nordamerikas gibt. Während sich Säkularisation auf die Einziehung von Kirchengut durch weltliche Gewalten bezieht, unterscheidet Nolte bei dem Begriff "Säkularisierung" drei nicht notwendigerweise immer zusammen auftretende Aspekte: das Schwinden religiöser Normen oder Riten im Alltagsleben; den Transfer religiöser Begriffe oder Normen in den weltlichen dies; und die Trennung von Kirche und Staat. Hiervon ausgehend, zeigt der Autor an den Beispielen England, USA Frankreich, Russland und Deutschland die sehr unterschiedlichen Formen von Säkularisierung. Die besondere Relevanz dieser Darstellung für das Thema Islam und Säkularisierung liegt darin, dass es "die Säkularisierung nicht gegeben hat und dass somit eine krasse Dichotomie zwischen einem "säkularisierbaren" Christentum und einem säkularisierungsfeindlichen Islam zu hinterfragen wäre.

Peter Antes legt das Verhältnis von Verwestlichung und Säkularisierung in nicht-westlichen Gesellschaften da von den ersten, durch das Trauma der militärischen Niederlagen gekennzeichneten Reformbemühungen im 19. Jahrhundert, das auf der Vernichtung des authentisch-osmanischen gesellschaftlichen Gewebes abzielte, geht der Autor den Hintergründen der muslimischen Ländern mit Säkularisierung verbundenen Probleme nach dabei betont er, dass das Islamkonzept je nach Land und Kontext Unterschiede aufweist, wie etwa zum Beispiel des Unterschieds zwischen verschiedenen radikalen Islamisten und der türkischen AKP zu erkennen sei, und das Beharren auf einem eurozentrisch geprägten Säkularisierungskonzept dabei nur der dringend benötigten Kooperation der islamischen Welt schaden kann.

Asli Vatannsever diskutiert die Gründe, warum das Thema Säkularisierung immer noch als langwieriges Problem im Kern der politischen Debatten in der Türkei steht. Die Autorin führt dies auf das vorherrschende Säkularisierungsverständnis der türkischen Republik zurück und behauptet, dass dieses spezifische, durch die Gründungskader der Republik eingeführte Säkularisierungsverständnis zu einem vagen Verhältnis zwischen dem Staat und der Religion führte, das statt diese beiden Sphären voneinander zu trennen, die Letztere die Ersteren unterwarf.

Christian Lekon behandelt die Schriften und Aktivitäten von der prominenten Vertretern des Reformislams im Ägypten des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts, nämlich Jamal da-Din al-Afghani ,Muhammad 'Abduh, Muhammad Rashid Rida, und Ali 'Abd ar-Razig. Das Augenmerk liegt vor allem darauf, wie diese Denker sowohl die gesamtgesellschaftliche Bedeutung der Religion als auch das Verhältnis von Religion und Philosophie und Wissenschaft, zur Politik, zum Rechtswesen und zur Wirtschaft behandeln. Mit Bezug auf die Behandlung des Themas Säkularisierung durch Niklas Luhmann stellt Lekon die These auf, dass die eigentliche Trennlinien innerhalb des Reformislams nicht zwischen den" Fundamentalisten" und den "Säkularisierern" verläuft, sondern zwischen denen, die noch einem hierarchischen Nein Gesellschaftsmodell folgen, und denen, deren Denken an einer in verschiedene Sphären differenzierten Gesellschaft orientiert ist und die in diesem Kontext die Säkularisierung zustimmend oder ablehnend diskutieren.

Die folgenden drei Artikel behandeln diverse Paradigma – von der Weltsystemtheorie bis hin zu area studies – mit Relevanz für über eine rein nationalstaatlich orientierte Geschichtsschreibung hinausgehende Historiker. Sie knüpfen damit an frühere Beiträge in der Zeitschrift für Weltgeschichte zu diesem Thema an.

Harald Kleinschmidt versucht in seinem detaillierten Beitrag, die Geschichte der Systemmodelle in die allgemeine Geschichte der Wahrnehmung einzuordnen, indem er einen Überblick über die Parallelitäten zwischen dem wahrnehmungsgeschichtlichen Wandel und der Entwicklungsbahn der Systemmodelle vom 17. bis zum 20. Jahrhundert gibt. Er zeigt, dass sich die "definitorischen Elemente" der allgemeinen Systemtheorie, wie etwa die Körper-Analogie, die strukturalistisch-funktionalistische Betrachtungsweise und de Reifizierung der Systeme, als ziemlich beständig erwiesen und in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts Eingang in verschiedene sozialwissenschaftliche Theorien gefunden haben. Dazu zählt Kleinschmidt die Weltsystemanalyse Wallensteins, die Theorie des internationalen Systems, diverse Theorien der Weltgesellschaft sowie die Theorie der Weltgeschichte. Ohne die Dienste der Wallensteinischen Weltsystemanalyse im Rahmen der Geschichte und Gegenwart des Weltsystems abzustreiten, plädiert der Autor für eine Erweiterung der bestehenden Systemmodelle um wahrnehmungsgeschichtliche Aspekte.

In dem von Hans-Heinrich Nolte übersetzten Beitrag Giovanni Arrighis geht es um die Genese der neomarxistischen Abhängigkeitstheorien und der Weltsystemanalyse als historisch materialistische Erklärungen zur globalen Ungleichheit und somit als Kritik an dem idealistisch orientierten und stark eurozentrischen Modernisierungsparadigma. Arrighi erkennt an, dass das Konzept der globalen Ungleichheit den theoretischen sowie historischen Horizont des Entwicklungsdiskurses wesentlich erweitert hat. Andererseits merkt er an, dass das Entwicklungskonzept selbst eurozentrisch definiert ist und warnt vor einer Rückkehr der Modernisierungsansätze. Die Entwicklungskriterien für das Aufholen des Westens und somit für die Verminderung der globalen Ungleichheiten seien nämlich modernistisch geprägt und hauptsächlich auf Industrialisierung fixiert, weswegen der zunehmende Industrialisierungsgrad mancher Drittweltländer heute täuschend sein könne.

Ebenfalls von Nolte übersetzt wurde der Beitrag von Wolf Schäfer zu den area studies. Der Autor argumentiert, dass die area studies ihre Geburt dem Kalten Krieg verdankten. Dessen Ende wie auch die Globalisierung bedeuteten für die area studies neue Herausforderungen, auf die sie aber bislang nicht adäquat reagiert haben. Schäfer kontrastiert dieses Defizit mit der Transformation der von Spengler, Toynbee oder McNeil betriebenen Weltgeschichte in die neue Globalgeschichte. Er diskutiert dann mehrere neue Ansätze, die Relevanz für eine Rekonfiguration der area studies haben: Neben dem aus Schäfers Sicht eher enttäuschenden dekonstruktivistisch orientierten "Weißbuch" zu den area studies (Guneratne u.a.)sind dies "ReOrient" (Frank), "Vielfältige Modernen (Eisenstadt), "Europa provinzialisieren" (Chakrabarty) und "Die Sozialwissenschaften öffnen (Wallenstein u.a.). Besonders die von Wallenstein und seinen Mitautoren empfohlene Überwindung eingefahrener disziplinärer Grenzen stellt für Schäfer eine gute Basis dar, um die Fragmentierung der area studies durch das neue Leitmotiv global/lokal zu ersetzen.
Rezensiert werden diesmal: Friedrich Jäger (Hg.): Enzyklopädie der Neuzeit, Bd. 15 und 16; Andrea Komlosy: Globalgeschichte; Michael Gehler, Robert Rollinger (Hg.): Imperien und Reiche in der Weltgeschichte; John R. McNeil, Corinna Unger: Environmental Histories of the Cold War und Wolfgang Reinhard (Hg.): Geschichte der Welt 1350–1750.

Asli Vatansever, Christian Lekon

INHALT

Artikel

Hans-Heinrich Nolte
Säkularisationen und Säkularisierunngen

Peter Antes
Islam und Säkularisierung

Asli Vatansever
Säkularisierung trotz Laizismus

Christiann Lekon
Ägyptischer Reformislam 1870–1935

Harald Kleinnschmidt
Repräsentanten des großen Ganzen. Bemerkungen zu Systemmodellen in Theorien des Weltsystems und ähnlichen Theorien

Giovanni Arrighi
Globale Ungleichheiten und das Erbe der Dependencia-Theorie

Wolf Schäfer
Zur Rekonfiguration von area studies für das globale Zeitalter

Rezensionen

Autorinnnen und Autoren der ZWG 16.1

Citation
Zeitschrift für Weltgeschichte 16 (2015), 1. in: H-Soz-Kult, 05.07.2015, <www.hsozkult.de/journal/id/zeitschriftenausgaben-9048>.
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05.07.2015
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