G. Abdo: Mecca and Main Street.

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Title
Mecca and Main Street. Muslim Life In America After 9/11


Author(s)
Abdo, Geneive
Published
Extent
214 S.
Price
$ 26.00
Rezensiert für 'Connections' und H-Soz-Kult von:
Wolfgang G. Schwanitz, Burlington County College, NJ

Der Islam ist Amerikas am schnellsten wachsende Religion. Seiner Anzahl nach bildet er noch eine kleine Gemeinschaft: Von 300 Millionen Amerikanern sind sechs Millionen Muslime. Für diese änderte sich viel nach dem 11. September 2001. Womit sie im Alltag nun ringen, hat Geneive Abdo in ihrem jüngsten Buch untersucht. Die Autorin, die durch Bücher über den Islam in Ägypten und Iran hervortrat, hat selbst christlich-arabische Vorfahren aus dem Libanon. Sie erhellt, wie sich der US-Islam in den Generationen entfaltet, nämlich anfänglich noch im Land und von der Welt isoliert, alsdann, nach den Großanschlägen, in Wechselwirkung mit aller Welt. Wie Abdo zeigt, spielt hierbei die Medienrevolution ihre Rolle. Denn neben der Gemeinschaft, der Umma, entsteht auch die virtuelle Umma im Internet, aus der Muslime Inspiration und Wissen über ihre Identität erhalten.

Laut Abdo sind es vor allem drei Probleme, die Muslime Amerikas bewegen: die Konsequenzen für ihr persönliches Leben aus der Politik der Administrationen im globalen Kampf gegen die islamistische Hassideologie [1], die Herausbildung des US-Islam (ähnlich dem Euro-Islam) und dessen Verhältnis zum Arabo-Islam der Ursprungsregion sowie der übrigen Erdregionen. Die Autorin lotet das am Beispiel diverser Biographien aus.

Da es noch keinen US-Islam mit einer allgemein anerkannten nationalen Instanz gibt, müssen Gläubige Antworten auf Kernfragen des Muslimseins im Westen stets bei lokalen Vorbetern, den Imamen finden: wie ist es mit dem Gebet, wie verläuft die Scheidung, sollen Eltern Eheverträge der alten Art wie in ihrer jemenitischen Heimat schliessen (was die Autorin in einem Fall aus Dearborn, Michigan, erkundet), darf man Zinsen nehmen, und was ist mit dem Schleier? Wer dies mit welcher Kompetenz beantwortet, ist nicht minder fraglich.

Geneive Abdo beleuchtet den Werdegang von drei Würdenträgern. Da ist der moderne Scheich Hamza Yusuf aus Kalifornien. Nach einem fast tödlichen Autounfall trat dieser ursprüngliche Mark Hanson aus Walla Walla, Washington, zum Islam über. Aus einer liberalen akademischen Familie mit katholischen und griechisch-orthodoxen Elternteilen stammend, eignete sich der siebzehnjährige Mann sowohl die Lehren des Islam als auch Arabisch an. Dazu unternahm er diverse Reisen nach Mittelost, speziell Marokko und Saudi-Arabien.

Scheich Hamza trat ins Rampenlicht, als ihn Präsident George W. Bush 2001 in das Weiße Haus einlud, um so zu zeigen, dass seine Administration keinen Krieg gegen Muslime führt, sondern gegen Extremisten. Die Autorin befragte Scheich Hamza, der zuvor das eher stille Leben eines islamischen Gelehrten führte, aber seither als eines der Gesichter des US-Islam gilt. Sie beschreibt ihn als modernen Anwender des Islam - und seine Frustration: in den Augen vieler ist der Islam 2001 vom Glauben zum politischen System mutiert. Nun muss er verteidigend den Glauben von der islamistischen Ideologie trennen. Wie er werden viele Muslime Amerikas hin und her gerissen zwischen multiplen Identitäten.

Scheich Hamza, der das Zaituna-Institut im kalifornischen Hayward gründete und auch leitet, tut dies gleichwohl durch Programme auf populären Videos und Kassetten. Leicht lassen sie sich inzwischen im Web finden, etwa Scheich Hamzas Argumentation [2] gegen Usama Bin Ladin "Who Speaks For Islam?". Zum anderen, Scheich Hamzas Namen benutzend, zirkulieren heute in Mittelost arabische Bücher zweifelhaften Inhalts – ein Titel, Haza al-Islam, lautet übersetzt beispielsweise This Is Islam -, die er nicht verfasst hat.

Da es zu wenige Imame für die rund 200 Moscheen in Amerika gibt, werden die meisten aus Arabien herbeigeholt. Manche können kein Englisch oder sie betreuen nur Gemeinden in ihrer Heimatsprache. Doch die Kinder der zweiten Generation von Immigrierten beherrschen solche Mundarten nicht. Oft kommen Imame nur kurz zu Besuch wie der konservative Scheich Muhammad Ya'qubi aus Damaskus. Er pocht auf den Wortlaut des Koran und die Tradition, die Sunna. Aber welchen praktischen Sinn, so fragen sich jene Jugendlichen, die laut Abdo solche Imame gern “Onkel” nennen, geben ihnen Verse aus dem Koran zu Beginn des 21. Jahrhunderts? Während ihre Eltern nie die Autorität eines Imams bezweifelt haben, verlangen die Jungen Beweise aus Koran und Hadith, wonach etwa die Feuerwerke zum amerikanischen Unabhängigkeitstag im Islam verboten wären. Zudem lässt Scheik Muhammad nur einen Grund dafür gelten, dass Muslime im Westen wohnen: die Botschaft des Islam zu verbreiten und nicht den westlichen Stil anzunehmen. Er rät den Gläubigen, sich nicht zu sehr auf ihre Umwelt einzulassen. Ihm ist Integration zuwider.

Anders legt der afro-amerikanische Konvertit Imam Zaid Shakir die heiligen Texte aus. Er stellt hier das dritte, historisch gesehen ursprüngliche Gesicht des Islam in Amerika dar. Er diente in der Armee und studierte danach. Laut Abdo zog er sich aus dem Ghetto heraus. Malcolm X und die Nation of Islam waren ihm frühe islamische Leitbilder. Er gibt dem Islam eine poetische Note mit Weisheiten aus dem Koran und meint, Muslime sollten eine dem Westen verständliche Sprache sprechen. Wie skizziert die Autorin die Geschichte des US-Islams?

Die ersten Muslime, die nach Amerika gelangten, waren meist Sklaven aus Westafrika. Aber sie hatten im 18. Jahrhundert keine echte Chance. Denn im tiefen Süden, wohin sie oft verkauft worden waren, mussten sie zum Christentum konvertieren. Weder konnten sie ihre alte Religion ausüben, noch vermochten sie es, eigene Gemeinschaften zu bilden.

In dem halben Jahrhundert vor dem Ersten Weltkrieg änderte sich mit der neuen Welle muslimischer Einwanderer viel. Als das Osmanische Reich niederging, kamen arabische Christen aus Syrien und Libanon und hernach arabische Muslime. Diesmal etablierten sie ihre lokalen Gemeinden, blieben aber nach ihrer ethnischen Herkunft getrennt. Hier wäre darauf hinzuweisen, dass auch atheistische Einwanderer aus Nahost kamen, etwa Kreise um Nikula Haddad, die 1910 in New York die erste Arabische Sozialistische Gesellschaft gegründet haben. [3]

Noble Drew Ali war der erste Muslim, der durch den 1913 in New Jersey gebildeten Moorish Science Temple versuchte, eine nationale Identität zu bilden. Wie am Titel ersichtlich, betonte er, Afrikaner in Amerika wären “Mauren” und historisch Muslime. Zwei Jahrzehnte später trat Wallace D. Fard in Detroit auf. Er meinte, Gott habe ihn aus der Heiligen Stadt Mekka gesandt, um das “schwarze Amerika” zu erlösen. Dies mündete in der Organisation Nation of Islam, die Elijah Muhammad 1930 gegründet hat. [4] Diese Bewegung sei zwar reich an islamischen Symbolen, doch theologisch nicht tief verankert gewesen.

Überdies habe es sich um einen Gegenrassismus gehandelt, indem Elijah Muhammad erklärte, dass weiße Leute die Nachfahren des Teufels wären. Mit einigem Erfolg sei der Islam dabei als Antwort auf die allgemeine Unterdrückung und als Mittel der Suche nach Identität präsentiert worden. Aber es habe niemanden gegeben, der solche Verdrehungen des Glaubens korrigieren konnte, zumal es kaum Verbindungen zu islamischen Räumen gab.

Der Herausforderer kam aus den eigenen Reihen. Es war das Ringen um Zivilrechte und Malcolm X, der 1964 von seiner Pilgerfahrt aus Mekka heimgekehrt war. Zugleich wandte sich auch Elijah Muhammads Sohn Warith Deen Muhammad gegen die rassistische Doktrin seines Vaters. Nach dessen Tod 1975 begann er dessen separatistischen Ideen zu verwerfen, auf denen die Organisation Nation of Islam beruhte. Er löste sich von ihr und gründete die American Society of Muslims. In der Nation of Islam hat nun Louis Farrakhan das Zepter abgegeben. In seiner letzten Detroiter Rede geißelte er Amerika für den Krieg im Irak.

Die Einwanderungsreform hob 1965 auch Hürden für Muslime auf. Junge Gemeinden erblühten parallel zu alten Gemeinschaften. Bald überflügelten die Einwanderer sie. Zudem begann global eine Rückbesinnung auf den Islam, abgestützt durch die islamische Revolution in Iran 1979 und den Sieg der Mujahidin gegen die Sowjets in Afghanistan ein Jahrzehnt später. Der Zwist unter Amerikas Muslimen, zwischen Alteingesessenen und Neueinwanderern nahm zu: Wer ist ein echter Muslim? Das färbt der 11. September 2001 noch ein, zumal nicht wenige einwandern, die sich vom Islam losgesagt haben wie Ayan Hirsi Ali.

Muslime sehen sich vor der Frage, den Islam zu modernisieren oder mit Terroristen in einem Topf zu landen. Wie dieses Ringen nach Fällen und in den Generationen abläuft, das hat Geneive Abdo kompetent ausgelotet. Ein ausbalanciertes Bild formte sich dabei noch nicht. Denn der Islam Amerikas bildet ein noch sehr dynamisches Mosaik. Obzwar Abdo nicht des Arabischen mächtig ist, was sich zuweilen in unscharfen Übersetzungen zeigt, hat sie ein exzellentes Buch zum US-Islam vorgelegt, über den es zu wenig Studien gibt.

[1] Zu zeitgeschichtlichen Aspekten der Washingtoner Islampolitik vgl. meine beiden Beiträge Amerikas ungeschriebene Islampolitik: Das Weiße Haus und die Beziehungen zwischen Terror und Islam, Teil 1: Wie Amerikas Anti-Terror-Politik entstand, in: KAS-Auslandsinformationen, 22.9.2006, S. 4-29; Teil 2: Präsidiale Einsichten in Islam und Terror, ebd., 22.10.2006, S. 89-116 oder:
http://www.kas.de/db_files/dokumente/auslandsinformationen/7_dokument_dok_pdf_9280_1.pdf
http://www.kas.de/db_files/dokumente/auslandsinformationen/7_dokument_dok_pdf_9515_1.pdf
[2] Who Speaks For Islam? Links zum Zaytuna Institute: http://www.archive.org/details/WSFI20050208
[3] Arabischer Sozialismus, in: Haug, Wolfgang Fritz (Hg.), Historisch-kritisches Lexikon des Marxismus, Bd. 1,
http://www.trafoberlin.de/pdf-dateien/ArabischerSozialismusHKWM.pdf
[4] Turner-Sadler, Joanne, African American History. An Introduction, New York 2006, S. 189.

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11.05.2007
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Diese Rezension entstand im Rahmen des Fachforums 'Connections'. http://www.connections.clio-online.net/
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