Ch. Duhamelle u.a. (Hrsg.): Grenzregionen

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Title
Grenzregionen. Ein europäischer Vergleich vom 18. bis 20. Jahrhundert


Editor(s)
Duhamelle, Christophe; Kossert, Andreas; Struck, Bernhard
Published
Frankfurt am Main 2007: Campus Verlag
Extent
365 S.
Price
€ 39,90
Rezensiert für 'Connections' und H-Soz-Kult von:
Steffi Franke, Geisteswissenschaftliches Zentrum Geschichte und Kultur Ostmitteleuropas (GWZO), Universität Leipzig

Grenzen und Grenzregionen gehören zu jenen Forschungsgegenständen, die sich herausragend für vergleichs- und transfergeschichtliche Perspektiven eignen. Ihre vielfach beschworenen Attraktivität für die Forschung der letzten beiden Dekaden verdanken sie dabei auch der parallelen Konjunktur anderer wissenschaftsgeschichtlicher Wendungen: der Sozial- und Kulturgeschichte, anthropologischen und mikrohistorischen Neuorientierungen, der Rehabilitation der Region in der Geschichtsschreibung wie auch dem Erstarken transnationaler, globalhistorischer und transfergeschichtlicher Zugänge und nicht zuletzt dem Interesse für die Herausbildung und Wirkweise von Räumen und Territorialitätsregimen als prägnanten Signaturen in der Geschichte weltweiter Vernetzungen.

In den Kontext dieser Entwicklung stellen sich auch die Herausgeber des vorliegenden Bandes, der als „Partnerband“ (S. 9) zum ebenfalls 2007 erschienenen, von Etienne Francois, Jörg Seifarth und Bernhard Struck herausgegebenen Sammelband über “Die Grenze als Raum, Erfahrung und Konstruktion. Deutschland, Frankreich und Polen vom 17. bis 20. Jahrhundert” zu verstehen ist [1]. Dabei empfiehlt sich eine parallele Lektüre zum einen wegen der fundierten und ausführlicheren Einleitung im ersten Band, die im hier vorliegenden knapp gehalten wurde, und zum anderen, um Hypothesen über die Geschichte europäischer Grenzen und Möglichkeiten ihrer Typologisierung zu testen. Umfangreiches, exzellent recherchiertes und erzähltes Material stellen beide Bände dafür zur Verfügung. Gemeinsam ist ihnen zudem die Kritik des lange dominierenden “zentristischen Narrativs” [2] und im Gegensatz dazu die Konzentration auf Grenzregionen, deren Geschichte die vielfach behauptetet Rhythmen und Mechanismen der Nationalisierung in Europa zu konterkarieren und differenzieren verspricht. Ein solcher Zugang ermöglicht es, Nationalisierung und Territorialisierung als konfliktreiche und von gegenläufigen Entwicklungen geprägte Prozesse zu beschreiben und die Nation wie ihr Territorium als Ergebnis von Anstrengungen der Konstruktion, Vereinheitlichung und Durchherrschung von Räumen und Gesellschaften zu kennzeichnen. Grenzgesellschaften werden durch diese Vorgänge zunehmend einer hierarchisch und homogenisierend angelegten Ordnung unterworfen, doch sie entwickeln dabei ihre eigenen Dynamiken, Rhythmen und Gegenentwürfe. Die Widerständigkeiten von Grenzregionen und die wechselnden Träger der Grenzziehungsprozesse sind mehr als ein Kommentar zur Rede vom Zeitalter des Nationalstaates, sie stellen vielmehr populäre Zäsur- und Periodisierungsvorschläge in Frage. Die Beiträge des Bandes erhellen dabei auch die Vielfalt der Instrumente und Strategien der Akteure in der Grenzregion, von wirtschaftlichen und kulturellen Netzwerken über die Praxis des Passwesens und der Mobilitätskontrolle, die Etablierung legitimierender Narrative und mental maps sowie die Auswirkungen von Tourismus, Mobilität und Migration. Das Problem der Etablierung einer nationalstaatlichen Grenze hat dabei nicht nur Folgen für die Grenzregion, die als Peripherie in das Territorium integriert und mit den Homogenisierungsbemühungen des Zentrums konfrontiert wird, sondern auch für die nationale, solchermaßen umgrenzte Gesellschaft, die durch die Etablierung von Inklusions- und Exklusionsmechanismen selbst wiederum gespalten werden kann, wie dies beispielsweise die Studie von Astrid Küntzel über Köln als französische Grenzstadt zwischen 1798 und 1814 verdeutlicht. Vor besondere Herausforderungen sind jene Regionen gestellt, die durch Grenzverschiebungen vom Zentrum in die Peripherie geraten. Dies zeigt u.a. Martin Klatt am Beispiel von Flensburg für das 19. Jahrhundert. Hier wird auch die soziale Dimension solcher Nationalisierungsprozesse deutlich.

Dieser zweite Band ist aber durchaus nicht einfach als Fortsetzung des ersten angelegt, sondern justiert den Fokus neu: erstens durch eine stärkere Konzentration auf das 19. und frühe 20. Jahrhundert, zweitens durch die geographische Weiterung des Untersuchungsgebietes in Richtung Osten und drittens durch die bereits im Buchtitel angelegte Vergleichsperspektive. Diese ist in der Einleitung vor allem auf Ost- und Westeuropa angelegt, diese Vergleichseinheiten können jedoch in einigen Beiträgen wie auch durch eine Querlektüre differenziert und in Bezug auf eine gesamteuropäische Geschichte jenseits gängiger Teilungen neu formuliert werden.

Obwohl die Gegenüberstellung zwischen „den ‚alten’ Grenzen im westlichen Europas und den frontières mouvantes im östlichen Teil“ (S.12) einleitend formuliert und gleichzeitig als „Konstrukt“ (S. 16) und revisionsbedürftig (S. 12) wieder zurückgenommen wird, werden die Probleme eines solchen Vergleichsvorhabens deutlich. Die hier dem Osten zugewiesenen frontières mouvantes waren in der Einleitung des ersten Bandes noch als gesamteuropäisches Phänomen eingeführt worden [3]. Die Rekonstruktion transnationaler und transfergeschichtlicher Bezüge könnte dabei hinter die immer wieder behauptete ostmitteleuropäische Devianz ein deutlicheres Fragezeichen setzen. Eine Vielzahl solcher Perspektiven werden in den Beiträgen des Bandes formuliert bzw. lassen sich von dort ausgehend weiter verfolgen.

Einen Ansatzpunkt dafür bietet beispielsweise die Studie von Lutz Häfner über die sibirische frontier als innerrussischem Grenzraum. Deren Erschließungsgeschichte und ihre Repräsentation in der russischen Historiographie lassen sich als Teil einer größeren Geschichte zwischen empire und nation building interpretieren. An diesem Beispiel wird auch deutlich, dass der Ost-West-Vergleich dann problematisch ist, wenn als westeuropäischer Normalfall nur die Geschichte der kontinentalen Nationalstaaten herangezogen, jedoch die Prozesse in der überseeischen imperialen Peripherien vernachlässigt werden. Häfner kann die Entwicklung in der sibirischen Grenzregion in den Kontext weitergehender Überlegungen zur Geschichte des Kolonialismus – mithin eines mindestens gesamteuropäischen Phänomens – stellen und verweist auch auf die Bedeutung des Wettbewerbs zwischen Großbritannien und Russland als Faktor in dieser nicht als genuin osteuropäisch erzählbaren Geschichte. Ähnliche Schlüsse lässt auch der Beitrag von Kerstin Jobst zum russischen Krimdiskurs zu, der im Kontext europäischer Zivilisierungsmissionen ebenso gelesen werden kann, wie er nur als Teil der Auseinandersetzung um die Europäizität Russlands verständlich wird.

Mehrere Beiträge des Bandes widmen sich der Erfindung und Etablierung nationaler Räume und ihrer Grenzen in Wettstreit und Wechselspiel zu regionalen Entwürfen, so beispielsweise Stephanie Schlesiers Untersuchung des annektierten Lothringens zwischen 1871 und dem Ersten Weltkrieg, Magnus Roddells Studie zum schwedisch-russischen Grenzgebiet um 1900, Oliver Schulz’ Aufsatz über die Erfindung Bessarabiens und Martina Krocovás Beitrag über den Wandel der Wahrnehmung der sächsisch-böhmischen Grenze zwischen 1780 und 1850. Hier wird deutlich, dass „es viel zu einfach [ist], die Nationsbildung nur als einen hierarchischen Prozess zu sehen“ (S. 124). Ulrike von Hirschhausen zeigt mit ihrer Geschichte der Begriffe „baltisch“ und „Latvija“ im 19. und frühen 20. Jahrhundert, wie konkurrierende Raumbegriffe von unterschiedlichen Trägergruppen zunehmend politisiert für die Integration und Exklusion bestimmter Bevölkerungsgruppen eingesetzt werden konnten und sich somit zur Handlungsgrundlage nationaler Projekte innerhalb multiethnischer Gebiete entwickelten. Die Nationalisierung innerhalb von Grenzregionen und die Bedeutung grenzüberschreitender Bezüge für diesen Prozess kann auch Markus Krzoska für das Egerland im langen 19. Jahrhundert verdeutlichen. Eine Katalysatorfunktion bei diesen Vorgängen kann dabei einerseits für Krisen, wie dem Ersten Weltkrieg, andererseits der zunehmenden Nationalisierung innerhalb von Imperien und schließlich auch soziö-okonomischen Verschiebungen innerhalb der Regionen zugesprochen werden.

Eine Reihe von Autoren untersucht die Rolle von Historikern bei der Erfindung der Nation und ihres Territoriums, so Riccardo Bavaj zur Rolle der Kulturraumforschung in der Weimarer Reichsreformdebatte. Vor allem in der aufschlussreichen, vergleichenden Studie Monika Báars zur polnischen, böhmischen und rumänischen Historiographie am Beispiel Joachim Lelewels, Frantisek Palackys und Mihail Kogalniceanus wird die Bedeutung des Transfers von Wissen, Symbolen und Narrativen deutlich. Bei allen drei Historikern können transnationale Ausbildungs- und Karrierewege rekonstruiert werden, ihre wissenschaftlich-politische Wirksamkeit muss also im Kontext gesamteuropäischer Nationalisierungsbestrebungen gesehen werden. Insofern können diese Fallstudien weniger als Beweis ostmitteleuropäischer Exzeptionalität als vielmehr als Beleg einer europaweiten Kommunikation herangezogen werden.

Eine hervorragende Studie zu transnationalen und transfergeschichtlichen Dimension von üblicherweise als genuin nationalstaatlich interpretierten Prozessen steht mit Celia Donerts Arbeit über den „internationalen Zigeuner“ und die Ausformung von Strategien der Mobilitätskontrolle und des Passwesens zur Verfügung. Hier kann gezeigt werden, dass die Etablierung von Exklusions- und Kontrollmechanismen als transnationaler Prozess, der letztendlich zur Nationalisierung beiträgt, verstanden werden muss. Gleichzeitig wird deutlich, dass Mobilitätskontrolle einerseits durch adminstrative Maßnahmen fundiert ist, aber immer auch mit der Konstruktion kognitiver Kategorien der Zugehörigkeit einhergeht.

Der transnationale Charakter von Nationalisierungsprozessen wird vor allem an Grenzen und ihrer Geschichte deutlich, sei es durch die Interaktion ethnischer Gruppen über nationale Grenzen hinweg, wie von Günter Riederer am Beispiel des Elsass zwischen 1871 und 1918 untersucht, sei es durch transnationale Bezüge, die Akteure bei der Konstruktion nationaler Räume aufgreifen.

Für die in drei Kapiteln organisierten insgesamt 14 Beiträge lassen sich je nach Forschungsinteresse des Lesers variierende Kombinationen entwerfen. Eine über die Beiträge hinausgehende Suche nach Ansatzpunkten für Transfers und Vergleiche lohnt sich. Die überwiegende Zahl der Aufsätze ist quellenfundiert und ausgezeichnet recherchiert, die ergänzenden Quellen- und Literaturverzeichnisse bieten gute Ansatzpunkte für jeweils vertiefende Lektüre und weiterführende Forschung. Auf diese Weise demonstriert der vorliegende Band den Mehrwert von vergleichs- und transfergeschichtlichen Perspektiven für die florierende Grenzforschung und stellt für dieses Unterfangen aufschlussreiches Material zur Verfügung.

Anmerkungen
[1] Francois, Etienne; Seifarth, Jörg; Struck, Bernhard (Hrsg.): Die Grenze
als Raum, Erfahrung und Konstruktion. Deutschland, Frankreich und Polen
vom 17. bis 20. Jahrhundert. Frankfurt am Main 2007; vgl. die Rezension von Markus Krzoska für H-Soz-u-Kult am 12. Dezember 2007 <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2007-4-207>
[2] Francois, Etienne; Seifert, Jörg; Struck, Bernhard: Einleitung. Grenzen und Grenzräume: Erfahrungen und Konstruktion; in: Francois, Etienne; Seifarth, Jörg; Struck, Bernhard (Hrsg.): Die Grenze als Raum, Erfahrung und Konstruktion. Deutschland, Frankreich und Polen vom 17. bis 20. Jahrhundert. Frankfurt am Main 2007, S. 12.
[3] ebd., S. 14.

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11.04.2008
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Diese Rezension entstand im Rahmen des Fachforums 'Connections'. http://www.connections.clio-online.net/
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