D. Winseck u.a.: Communication and Empire

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Title
Communication and Empire. Media, Markets, and Globalization, 1860-1930


Author(s)
Winseck, Dwayne R.; Pike, Robert M.
Series
American encounters/global interactions
Published
Durham, NC 2007: Duke University Press
Extent
429 S.
Price
$ 89.95
Rezensiert für 'Connections' und H-Soz-Kult von:
Michael Mann, FernUniversität in Hagen

Dieses Buch dürfte zwar nicht das letzte Wort zum Thema Medien, Kommunikation und Globalisierung gesprochen, doch momentan sicherlich einen der wichtigsten Beiträge in diesem Forschungsbereich geliefert haben. Einem ähnlichen Themenkomplex hatte sich 1999 Peter Hugill gewidmet, der jedoch den Schwerpunkt seiner Untersuchung auf Technik und Geopolitik legte, und dabei vor lauter national-imperialen Parametern den Aspekt der Globalisierung ganz aus den Augen verlor. Stattdessen lieferte er eine Geschichte, die von rivalisierenden Imperien seit dem späten 19. Jahrhundert ausgeht, nämlich Großbritannien, Deutschland und die USA, und, kontinuierlich fortschreitend, im Erfolg für die mediale Dominanz der USA nach dem Zweiten Weltkrieg gipfelt. [1] Ähnlich Jill Hills. Ihr Narrativ beschreibt den Kampf der Imperien um die Kontrolle globaler Kommunikation, den die USA gegenüber Großbritannien unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg gewinnen. Erneut wird also eine lineare Erfolgsgeschichte präsentiert. [2] Dem setzen die beiden Autoren des hier zu besprechenden Bandes die These entgegen, dass es sich eher um eine Internationalisierung der Kontrolle denn um einen national-imperialen Kampf um exklusive Rechte gehandelt hat (S. 341).

Prägnant wird noch im Vorwort die große These des Buches erläutert (S. xv-xviii). Erstens, so die Grundannahme, sei die Rolle der nationalen und imperialen Rivalitäten zwischen 1860 und 1930 in der bisherigen Forschung weitaus überzogen worden, zum Nachteil der internationalen Kooperationen und transnationalen Zusammenarbeit. Am Beispiel der entstehenden Kabel- und Kommunikationsgesellschaften ließe sich dieses Phänomen der Globalisierung geradezu paradigmatisch aufzeigen. Zweitens könne die Interdependenz des aufkommenden globalen Medienmarktes auch als ein Beweis betrachtet werden, dass die nationalen umd imperialen Interessen von Regierungen sich durchaus der neuen Medien zu bedienen wussten und sich dabei gerne auch auf „ausländische“ Firmen verließen. Zum Dritten, so wird argumentiert, habe die Globalisierung des Kapitalismus einen weitaus größeren Einfluss auf die Organisation und die Kontrolle der globalen Kommunikation gehabt als der Imperialismus. Bezeichnender Weise hätten die meisten Kolonien zu denjenigen Gebieten eines Imperiums gehört, die am schlechtesten mit den neuen Telekommunikationsmitteln ausgestattet waren. Das soll, viertens, nicht die Bedeutung des Imperialismus kleinreden, aber hervorheben, dass es zwischen den damaligen Großmächten zu inter-imperialer Zusammenarbeit kam, die, wie im Fall der Kommunikationstechnik, auf eine geteilte Hegemonie abzielte.

Einzigartig sei der Ansatz, so die beiden selbstbewussten Autoren, den sie der Rolle einzelner Modernisierer des aufkommenden Medienmarktes zuweisen. Dazu gehören zum einen eine Gruppe von Individualisten, die permanent versuchen, den Kartellbildungen und der staatlichen Politik, die solche Monopole billigt, Widerstand entgegen zu setzen und damit bisweilen auch erfolgreich sind. Zum anderen werden erstmals gesellschaftliche Reformer Chinas, Persiens, der Türkei und der südamerikanischen Staaten berücksichtigt, die mit Hilfe der neuen Kommunikationstechniken durchaus nachhaltigen Einfluss auf die Globalisierung nehmen. So mag erstaunen, dass Rio de Janeiro, Montevideo und Buenos Aires sich ab 1875 zu großen Zentren der globalen Kommunikation entwickelten, die mit den Metropolen New York, London und Paris durch direkte Kabel verbunden waren (S. 65-77). Abgesehen hiervon ist China keinesfalls nur das Opfer wie auch immer gearteter imperialer Absichten, denn in Bezug auf die Telegrafie erweisen sich seine reformorietierten Politiker als fähig, nationale Interessen zu wahren (vgl. Kap. 4, S. 113-41, sowie auch die nachf. Kap., passim). Und Japan dient wieder einmal als Beispiel für eine aufstrebende imperiale Macht, die sich der neuesten Techniken erfolgreich zu bedienen weiß.

Die Geschichte der Globalisierung erhält durch das Buch von Winseck und Pikes eine neue Facette, die die laufende Debatte um Globalisierung, ihr Einsetzen und ihren Verlauf weiter befruchten dürfte. Spannend erweist sich ihr Periodisierungskonzept, das nahezu deckungsgleich mit dem Ansatz von Kenneth Pomeranz ist, der bekanntlich das große Auseinanderdriften der Welt als ein charakteristisches Merkmal der Globalisierung in der Mitte des 19. Jahrhunderts verortet.[3] In Bezug auf Medien und Kommunikation setzt die Globalisierung als Folge von weltweiten Kapitalverflechtungen nun ebenfalls nach der Mitte des 19. Jahrhunderts ein und findet bereits 1865 mit der Gründung der Internationalen Telegraphie Union (ITU) eine Organisation, die nationale Grenzen überwindet. Nachfolgekonferenzen regeln den internationalen Kommunikationsverkehr, die vorerst letzte dann 1932 in Madrid, als Telefon und Telegrafie organisatorisch zusammengelegt werden. Die beginnenden 1930er markieren aber zugleich das Ende der Internationalisierung, denn mit der Gründung der Cable and Wireless Company 1929 in London und dem Aufstieg von ITT in den USA werden nationale Töne immer deutlicher vernehmbar. Vor dem Hintergrund der Weltwirtschaftskrise und der sich radikalisierenden Politik kommt es zu einer Ausrichtung der neuen Medien auf nationalen Interessen, wie sie nie zuvor in der Medien- und Kommunikationsgeschichte existiert hat und für ein halbes Jahrhundert das Ende des globalen Internationalismus bedeutet.

Beleg für die anfängliche Internationalisierung ist nicht nur die Gründung der ITU mit Sitz in Genf, sondern das kurz darauf entstehende Nachrichtenkartell, das bereits 1869 die Welt in transnationale Interessensphären aufteilt: Reuters für das Britische Empire, Havas (Agence France Press) für Frankreich und seine Kolonien samt dem südlichen Europa, Wolff in Berlin für Deutschland, Nord- und Osteuropa, Russland und die eigenen Kolonien. 1893 tritt schließlich Associated Press dem Kartell bei. Ähnlich reagieren auch die Kabelgesellschaften, deren Kartelle 1869, 1872, 1874 und 1878 in Form der Indo-American, Indo-Asian, South American und Indo-European Gesellschaften organisiert werden und sich hierüber die Welt transnational teilen. Die Konsolidierung des Industriekapitals erzeugt nach Auffassung der beiden Autoren diese telekommunkativen Weltmärkte geradezu und lässt dabei die damals mächtigsten, international aufgestellten Unternehmen entstehen. Diese Entwicklung kulminiert vor dem Ersten Weltkrieg, als vor dem Hintergrund dieser Kartellbildungen im telekommunikativen Mediensektor eine bislang ungeahnte Austauschdichte von Informationen und Nachrichten erreicht wurde.

Nach dem Ersten Weltkrieg versuchten internationale Konferenzen den Schaden des politisch-militärischen Konflikts zu begrenzen und erneut mit Hilfe von Regelungen die internationale Kommunikation festzulegen, die unabhängig von militärischen Konflikten gewährleistet werden sollte. Vor allem die internationale Presse forderte eine solche Kontrolle, denn im Verlauf des Großen Krieges kam es erstmals zum Missbrauch von Medien, die seitens der Staaten als Instrumente der Propaganda eingesetzt wurden. Insofern seien auch das Vertragssystem von Versailles und allgemein die 1920er Jahre in ihrem Bemühen um internationale Regulierungen stärker in die Betrachtung der Mediengeschichte wie auch der Globalgeschichte einzubeziehen, als das bislang der Fall gewesen ist. Wie überzeugend gezeigt werden kann, teilten sich schon zu Beginn der 1920er die vier großen Funkgesellschaften der Welt, nämlich Radio Communications of America (RCA), Marconi (Großbritannien und das Britische-Empire), Compagnie Générale Télégraphie sans Fils (TSF) und Telefunken (als Konsortium von Siemens und AEG) den globalen Funkmarkt. Der Geist von Versailles und des US-amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson, generell eine dauerhafte Friedensordnung schaffen zu wollen, wehte auch durch die World Communication Conference, die noch 1919 angesetzt wurde. Sie scheiterte jedoch an den nationalen Partikularinteressen vor allem Großbritanniens und war Ende der 20er Jahre zu einer Serie von Mini-Konferenzen verkommen, die schließlich Opfer des europäischen „Nationalimperialismus“ wurden.

Wenig Kritik bleibt zu üben. Mitunter ist die Geschichte der Kartellbildungen in ihren Details ein wenig langatmig, zumal sich das Lesepublikum an mancher Stelle fragen mag, ob es sich noch um eine Geschichte der Kommunikation oder um die Geschichte von Kartellbildungen einzelner Kommunikationsgesellschaften handelt. Allerdings verwundert es, dass der große Streik bei der Western Union sowie in Britisch-Indien von 1907, nachdem es wegen des neu verlegten Pazifikkabels zu dramatischen Tarifkorrekturen gekommen war, gerade in Anbetracht der globalen Kartelle keinerlei Erwähnung findet. Es bleiben die kontinental-europäischen Telegrafie- und Telefongesellschaften nahezu unberücksichtigt. Angesichts der Bedeutung von Telefunken gerade nach dem Ersten Weltkrieg fällt die US-amerikanisch-britische Schieflage aber doch ins Auge, wie generell die Konzentration auf den amerikanischen Medienmarkt auffällt, was heute nicht mehr mit mangelnden Sprachkompetenzen zu entschuldigen ist. Diese generelle Kritik ebenso wie die kleineren Monita an diesem Buch können der vorliegenden, gut recherchierten, exzellent konzipierten und sehr gut lesbaren Monografie aber keinen Abbruch tun, denn insgesamt gesehen öffnet sie die Tür zu einem neuen Kapitel der Geschichte der Globalisierung wie auch zu einem neuen Aspekt der Globalgeschichte.

Anmerkungen:
[1] Peter J. Hugill, Global Communications since 1844. Geopolitics and Technology, Baltimore 1999. Da Hugill und das vorliegende Buch sich teilweise überschneiden, haben es die beiden Autoren vorgezogen, auf Hugill mit keinem Wort einzugehen.
[2] Jill Hills, The Struggle for Control of Global Communications, Urbana 2002.
[3] Kenneth Pomeranz, The Great Divergence. China, Europe and the Making of the Modern World Economy, Princeton 2000.

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Published on
19.06.2009
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Diese Rezension entstand im Rahmen des Fachforums 'Connections'. http://www.connections.clio-online.net/