B. Majerus u.a. (Hrsg.): Dépasser le cadre national

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Title
Dépasser le cadre national des « Lieux de mémoire ». Nationale Erinnerungsorte hinterfragt. Innovations méthodologiques, approches comparatives, lectures transnationales. Methodologische Innovationen, vergleichende Annäherungen, transnationale Lektüren


Editor(s)
Majerus, Benoît; Kmec, Sonja; Margue, Michel; Péporté, Pit
Series
Comparatisme et Société / Comparatism and Society 9
Published
Extent
276 S.
Price
€ 39,50
Rezensiert für 'Connections' und H-Soz-Kult von:
Ulrich Schnakenberg, Historisches Institut, Universität Duisburg-Essen

Schon wieder eine Veröffentlichung zum Thema Erinnern und Vergessen, Erinnerungskulturen und Erinnerungsorte? Ist hierzu nicht längst alles gesagt? Nein, meinen die Herausgeber des Buches Nationale Erinnerungsorte hinterfragt, welches, mit einiger Verspätung, die Ergebnisse eines internationalen Kolloquiums aus dem Jahre 2006 versammelt.[1] Dabei setzt sich der von einer Luxemburger Forschungsgruppe um Michel Margue veröffentlichte Band in drei Schritten mit Pierre Noras Konzept der lieux de mémoire auseinander: Methodischen Überlegungen sowie dem Ausleuchten interdisziplinärer Ansätze (I.) folgen der Vergleich nationaler Erinnerungsorte (II.), bevor im Schlusskapitel (III.) Untersuchungen zu transnationalen, sprich, „europäischen“ Erinngerungsorten vorgestellt werden.

Die Stärke des Tagungsbandes ist einerseits seine internationale Ausrichtung – so werden neben den deutschen und französischen Erinnerungskulturen auch der bislang eher weniger beachtete dänische, schweizerische, luxemburgische, spanische und polnische Umgang mit der Vergangenheit betrachtet – sowie anderseits sein multidisziplinärer Ansatz: Neben Historikern und Politologen versammelt „Nationale Erinnerungsorte hinterfragt“ auch Beiträge von Sprach- und Literaturwissenschaftlern. Indem sich zahlreiche Autoren gerade auch der trans- und supranationalen Dimension der Erinnerung zuwenden, wirft der Band gleichzeitig einen erfrischend neuen Blick auf die Frage nach „europäischen Erinnerungsorten“. Die Organisatoren des Kolloquiums bzw. die Herausgeber des Tagungsbandes setzten hiermit einen Trend, welcher sich in den letzten Jahren noch weiter verstärkt hat.[2] Im Folgenden sollen nun jene Beiträge, die sich schwerpunktmäßig mit europäischen Erinnerungsorten befassen, genauer betrachtet werden.

„Quelques personnages, de grands sites d’affrontement à transcender et des accords culturels acceptés: l’Europe a une riche palette de lieux de mémoire possibles. L’entreprise est donc en marche. La société européenne, actuelle ou à venir, se construit une mémoire: elle la découvre ou elle l’invente“, konstatiert Philippe Martin in seinem Aufsatz „Des lieux de mémoire pour l’Europe: une mission impossible ?“ (S. 168) Seit Pim de Boers 1993 erstmals Überlegungen zur Ausdehnung des Erinnerungsort-Konzeptes auf „Europa“ angestellt hat, ist eine Vielzahl von Vorschlägen gemacht worden, welche „Orte“ sich in diesem Zusammenhang als europäische Erinnerungsorte bzw. Erinnerungsorte in Europa eignen könnten: Schlachtfelder wie Waterloo, Soldatenfriedhöfe, Chiffren wie „Versailles“ oder „1968“, „Väter“ Europas wie Karl der Große oder Robert Schuman, europäische Werte wie die Aufklärung, gemeinsame Erfahrungen wie die Migration, gemeinsame Hypotheken wie Sklavenhandel und Kolonialkriege, der Holocaust oder auch europäische Pilgerwege wie der Jakobsweg. Der vorliegende Band greift zahlreiche dieser Anregungen eher beiläufig wieder auf; neue Vorschläge für potentielle trans- oder supranationale lieux de mémoire sucht man dagegen vergeblich. Insgesamt zeigt sich, dass die Mehrzahl der Beiträger sich hinsichtlich der Möglichkeit einer Etablierung „europäischer Erinnerungsorte“ eher skeptisch gibt.

Philippe Martin weist in seinem Aufsatz zurecht darauf hin, dass Erinnerung immer Konjunkturen unterliegt und häufig aus ganz bestimmten Gründen von den verschiedenen Akteuren – Politik, Medien, Kulturschaffende – gefördert bzw. bewusst oder unbewusst verdrängt wird; ein Aspekt, den auch andere Autoren des Bandes stark betonen. Diese Feststellung trifft zusammen mit aktuellen Tendenzen, nationale Identitäten durch eine supranationale Identität, eine europäische Identität zu ergänzen bzw. sogar zu ersetzten. Birgit Schwelling erinnert in „Auf dem Weg zu europäischen Erinnerungsorten? Gemeinsame und trennende Erinnerungen in Europa“ in diesem Zusammenhang daran, wie die Staats- und Regierungschef der damaligen EG schon 1973 durch aktive Symbolpolitik, unter anderem durch die Einführung von „Europatagen“, einer Flagge und einer Hymne sowie „Kulturhauptstädten“ zum Entstehen eines europäischen „Wir-Gefühls“ beigetragen haben (S. 178). Diese Entwicklung hat sich seitdem noch verstärkt. Wenn die Erinnerung tatsächlich in erster Linie der Selbstvergewisserung in Krisenzeiten dienen soll, so lässt sich angesichts der gegenwärtigen prekären Lage der Europäischen Integration eine eher noch stärkere Förderung „europäischer Erinnerungsorte“ durch die Politik erwarten.

Wie schwierig jedoch die Etablierung einer gemeinsamen europäischen Erinnerung ist, verdeutlichen zwei Beiträge, die sich mit der, fast könnte man sagen, „Verordnung“ von Erinnerungsorten im Sinne eines Top-down-Prozesses befassen. Camille Mazé („Des ‘lieux de mémoire‘ de la nation aux ‘lieux de mémoire’ européens? Reconversions des musées d'ethnologie nationale et création des ‘musées de l’Europe’“) sowie Vincent Calay („A Socio-Political Approach to ‘Lieux de Mémoires’. Building (Up) Monuments for the European Union in Brussels, Luxembourg, and Strasbourg“) zeigen sehr schön, wie europhile Eliten die Umwandlung traditioneller ethnologischer Museen in „europäische Museen” vorantrieben bzw. wie durch Bauten und „Monumente“ in Brüssel, Luxemburg und Straßburg eine europäische Identität gestiftet werden soll (Das von Calay erwähnte Besucherzentrum des Europäischen Parlamentes in Brüssel ist im Oktober 2011 als „Parlamentarium“ eröffnet worden). Bevor von der Bevölkerung auch akzeptierte lieux de mémoire entstehen können, so Mazé, müsste zunächst einmal genau definiert werden, was „Europa“ ist (S. 198ff.). Des Weiteren weist sie am Beispiel der „Museen Europas“ auf zwei sich diametral gegenüberstehende Sichtweisen auf die europäische Geschichte hin: Während eine Seite den Siegeszug der „europäischen Werte“ betonen möchte, setze die andere Seite auf die unbequeme Auseinandersetzung gerade auch mit den dunkleren Aspekten der europäischen Vergangenheit (S. 198).

Nicht nur, dass die erstere Perspektive gefährlich an die nationalheroische „Meistererzählung“ erinnert, welche zumindest in Zentraleuropa seit einiger Zeit als überwunden gilt. Eine solche Konzeptionierung europäischer Erinnerungsorte brächte auch gewisse Abgrenzungsprobleme mit sich: Demokratie, Minderheitenschutz, Pluralismus gibt es – zum Glück – auch außerhalb Europas. Andererseits ist der Vorschlag, den Holocaust quasi als negativen Gründungsmythos zu betrachten, in den letzten Jahren ebenfalls zunehmender Kritik ausgesetzt (vgl. S. 178ff.). Insbesondere die osteuropäischen Staaten, wo bis heute die Erinnerung an die Verbrechen des Stalinismus im Vordergrund steht, befürchten angesichts der Betonung der Shoa nunmehr als Opfer zweiter Klasse dazustehen. Und schließlich: „Les nations restent des collectivités mémorielles puissantes; l’Europa n’en est pas encore une.“ (Michel Margue, S. 20.)

Zusammenfassend wird deutlich, dass vor der Schaffung europäischer Erinnerungsorte noch erhebliche Herausforderungen zu überwinden sein werden, wobei Martin zurecht darauf hin weist, welche große Verantwortung gerade der Historikerzunft in diesem Zusammenhang zufällt. Schwellings Plädoyer, „vor dem Abtasten der europäischen Geschichte nach verwertbaren, historischen Anknüpfungspunkten jenseits der Nationalgeschichten, die einer neuen Generation von Europäern als ‚ihr’ Gedächtnis nahe gebracht werden sollen“, zunächst einmal „einen Schritt zurückzugehen und an die Stelle der Suche nach gemeinsamer europäischer Erinnerungsorte die Verständigung über Modi und Regeln des Umgangs der Europäer mit ihren allzu konfliktreichen Erinnerungen zu setzen“ (S. 180f.), erscheint überaus vernünftig. Denn trotz aller Konflikte und Differenzen gibt es eine Besonderheit des „europäischen“ Erinnerns: Die intensive, schonungslose Selbstreflexion und die Bereitschaft zur rigorosen Selbstkritik. Vielleicht, so Schwelling, liege gerade hier das „europäische“ am europäischen Gedächtnis (S. 188).

Anmerkungen:
[1] Tagungsbericht Nationale Erinnerungsorte hinterfragt: Neue methodische, interdisziplinäre und transnationale Ansätze. 08.11.2006-10.11.2006, Luxemburg, in: H-Soz-u-Kult, 11.12.2006, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=1405> (21.03.2012).
[2] Tagungsbericht Europäische Erinnerung? Gruppenübergreifende Erinnerung jenseits der Nation. 13.07.2011-16.07.2011, Bielefeld, in: H-Soz-u-Kult, 19.09.2011, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=3810> (21.03.2012); Katrin Hammerstein: Rezension zu: Leggewie, Claus; Lang, Anne: Der Kampf um die europäische Erinnerung. Ein Schlachtfeld wird besichtigt. München 2011, in: H-Soz-u-Kult, 29.08.2011, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2011-3-112> (21.03.2012); Tagungsbericht _Sprache als Erinnerungsort. Internationaler und interdisziplinärer Workshop. 11.06.2010, Mainz, in: H-Soz-u-Kult, 28.07.2010, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=3219> (21.03.2012); Henry Rousso, Das Dilemma eines europäischen Gedächtnisses, in: Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History, Online-Ausgabe, 1,3 (2004) <http://www.zeithistorische-forschungen.de/16126041-Rousso-3-2004> (21.03.2012); vgl. auch Tagungsbericht _Sprachen der Erinnerung. 17.09.2009-19.09.2009, Potsdam, in: H-Soz-u-Kult, 07.01.2010, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=2934> (21.03.2012).

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27.03.2012
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Diese Rezension entstand im Rahmen des Fachforums 'Connections'. http://www.connections.clio-online.net/
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