R. Kath u.a. (Hrsg.): Raum - Landschaft - Territorium

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Title
Raum - Landschaft - Territorium. Zur Konstruktion physischer Räume als nomadischer und sesshafter Lebensraum


Editor(s)
Kath, Roxana; Rieger, Anna-Katharina
Published
Wiesbaden 2009: Reichert Verlag
Extent
303 S.
Price
€ 78,00
Rezensiert für 'Connections' und H-Soz-Kult von:
Erwin M. Ruprechtsberger, Universität Graz

Einer interdisziplinär ausgerichteten Arbeitsgruppe der Universitäten Halle und Leipzig ist eine Monographie zu verdanken, die aus einem Sonderforschungsbereich größeren Umfangs resultiert und ein auch in zeitbezogener Relevanz betrachtenswertes Thema in den Vordergrund rückt: „Differenz und Integration. Wechselwirkungen zwischen nomadischen und sesshaften Zivilisationen der Alten Welt“, wie in der Danksagung der beiden Herausgeberinnen Roxana Kath und Anna-Katharina Rieger zu lesen ist (unpag. Seite V), im vorliegenden Buch zeitlich und geographisch erweitert um Beiträge, die sich auch auf Urgeschichte etwa Tadschikistans (S. 103 ff.), Mittelalter, im speziellen dem 10.¬¬–13. Jahrhundert (S. 173 ff.) oder Gegenwart (S. 205 ff.) beziehen. Der Blickwinkel öffnet sich für den Leser sowohl in historisch-archäologischer Hinsicht als auch geographisch. Dementsprechend ist auch der siedlungsgeographische Aspekt vertreten. Das „Programm“ gewissermaßen, dem die Publikation gewidmet ist, wird von den Herausgeberinnen in ihrer Einleitung (S. 1–16) formuliert. Es geht dabei um Raum und Grenze, Raum als Konstrukt, Raum – Landschaft – Territorium und deren Bestimmung bzw. Definierbarkeit.

Die Beiträge der einzelnen Mitarbeiter/Innen sind auf drei Themenbereiche aufgeteilt: Nämlich die „Definierbarkeit von Räumen“ (mir vier Beiträgen), ferner „Raumaneignung und Deutung des Raumes“ (mit fünf Beiträgen) und zuletzt „Raumwahrnehmung und Raumbilder“ (mit zwei Beiträgen).

Für den Siedlungsgeographen empfiehlt sich die Lektüre von Michael Zierdt, der mit den Begriffen Topos und Chora, davon abgeleitet die Vorgehensweisen, räumliche Einheiten zu betrachten, operiert (S. 19–33). Auf die Grenzräume, wie sie ausgeprägt und benutzt sind, kommt Thomas Vetter zu sprechen, indem er sich auf die Landschaft Marmarica bezieht. Diese erstreckt sich von der Kyrenaika im heutigen Libyen bis zum Westen Ägyptens und bildete in römischer und byzantinischer Zeit, eine Periode von rund einem halben Jahrtausend, einen Teil der Provinz Kyrenaika, später der Libya inferior. Sein Beitrag beinhaltet auch die eigene Projektarbeit im westlichen Ägypten (S. 35–54). Daran knüpft landschaftlich der Überblick von Olaf Klammer an, der die Resourcen an der Nordwestküste Ägyptens beschreibt (S. 55–70, mit erläuternden Karten, Tabellen und Aufnahmen Abb. 1–18).

Demselben geographischen Raum, dem T. Vetter und O. Klammer ihre Ausführungen widmeten, wendet sich Anna-Katharina Rieger zu, die sich auf die archäologischen Verhältnisse konzentriert. Wie haben die Menschen in der Antike auf die Umweltbedingungen reagiert und wie organisierten sie den von der Natur vorgezeichneten Lebensraum? Durch entsprechende Surveytätigkeit lassen sich Antworten finden. Sie basieren auf der mitunter kargen materiellen Hinterlassenschaft, die den Weg von Brunnen zu Brunnen, von Zisternen zu Zisternen, Siedlung zu Siedlung anzeigt und somit den ariden Raum als einen von Menschen seit jeher genutzten und frequentierten ausweist, wie anhand einer Reihe von Bildern stellenweise nachvollzogen werden kann (S. 71–99; Abb. 1–28.)

In das Innere Asiens, nach Tadzikistan, führt Sören Stark. Er stellt die Ergebnisse eines tadzikisch-deutschen Forschungsprojekts vor, im Zuge dessen zwei Talsysteme von etwa 62 km2 genau untersucht wurden. Den 2005 – 2006 erschlossenen archäologischen Relikten – sie werden übersichtlich präsentiert – folgen die Erkenntnisse bezüglich Raumaneignung und Landschaftskonzept (landscape-Konzept). (S. 103–148; Abb. 1–31). Ein in der wissenschaftlichen Literatur schon häufig abgehandeltes Thema greift Roxana Kath auf, nämlich den Aufstand des Tacfarinas während der Regierungszeit des Kaisers Tiberius. Der von ihr gewählte Titel lenkt den Blick gewissermaßen in die Fahrtrichtung („Die Straße als provincia …, S. 149) etwa von Capsa (heute Gafsa, Tunesien) nach Gabés (so zu korrigieren: S. 153). Sie fokussiert ihre Betrachtung auf den Bau von Militärstraßen und auf die als Folgeerscheinung dieser beträchtlichen und kostenintensiven Maßnahmen durch die römische Besatzungsmacht auftretenden Belastungen der einheimischen Bevölkerung, die gegen den Aggressor, letztlich vergebens, ankämpfte. Ein Thema jedenfalls, das vor einigen Jahrzehnten vor allem nach dem Erscheinen des Buches von Marcel Bénabou, La résistance africaine à la romanisation (Paris 1976) teils heftig diskutiert wurde. Die Konflikte zwischen Rom und den Stämmen bilden ein eigenes Kapitel in der Geschichte der nordafrikanischen Provinzen bis in byzantinische Zeit, von antiken Autoren bisweilen aufgegriffen und reflektiert, und um einige inschriftliche Zeugnisse aus fünf Jahrhunderten da und dort ergänzt: Miliaria und Termini, die von der Verfasserin auch angeführt werden (S. 152; 168: ILS 9375 … C. Vibio Marso proco(n)s(ule) [so zu korrigieren]).

Einen längeren Beitrag zur Asia Minor vom 10.–13. Jahrhundert steuert Thomas Brüggemann bei (S. 173–203). Es geht um die Verdrängung des byzantinischen Einflusses und das Eindringen turkmenischer Nomaden, deren Lebensweise allmählichen Veränderungen unterzogen wurde. Der Autor spricht von indirekter „Landnahme“, die eher, wie er meint, durch die Bezeichnung Akkulturation ersetzt werden sollte. Leider geriet die Karte des byzantinischen Kleinasiens im 11. Jahrhundert (S. 203) bei weitem zu klein, so daß die darin verzeichneten Ortsnamen kaum gelesen werden können, es sei denn mit einer Lupe. Der Verfasser dürfte für dieses Versehen wahrscheinlich nicht allein verantwortlich sein.

Einen politisch und zeitgeschichtlich brisanten Aspekt greift Guma Kunda Komey auf. Welche Faktoren veranlassen eine ethnische Gruppierung zum alleinigen Besitzanspruch eines bestimmten Territoriums im heutigen Sudan und welche Auswirkungen ergeben sich daraus für den Weiterbestand des politischen Gefüges (S. 205–228)? Von den historischen Narrativen zu gegenwärtigen Ansprüchen – diesen Weg beschreibt, ausgehend vom Berg Saybun in den Nuba-Bergen des Sudan, Enrico Illo (S. 229–247).

Auf den Angaben bei antiken Autoren mit Schwerpunkt Herodot und der Schrift „de aeribus“ (Corpus Hippocraticum) baut Charlotte Schubert ihre Betrachtung auf, wie man sich in der griechischen Antike die Siedlungsräume von Nomaden vorstellte (S. 251–276. Im Literaturverzeichnis S. 273f. ist unter „B“ ein Buchtitel zwei anderen Autoren irrtümlich zugeordnet worden).

Den Kern einer mit theoretischen Ausführungen eingeleiteten Darstellung von Roxana Kath bilden jene Abschnitte in den Etymologiae des Isidorus von Sevilla, in denen die antike Vorstellung von Raum dem Mittelalter vermittelt wird (S. 277–303). Technische Probleme oder Pannen bei der Druckvorbereitung, wie sie allenthalben vorkommen können – dies weiß der Rezensent aus eigenen Erfahrungen in dem Metier – verursachten in diesem sowie dem anderen Beitrag der Autorin (Die Straße als provincia…, S. 149ff.) sowohl im Text als auch in den Anmerkungen und Zitaten antiker Schriftsteller Corrigenda, die bei einem Nachdruck des Buches zu berücksichtigen wären.

Kurze biographische Angaben zu den Curricula der Autoren/Innen beschließen das Buch (unpag. S. 305–307), das dem über die engeren Grenzen des Faches blickenden Altertumsforscher bestimmte Seh- und Betrachtungsweisen bietet. Gewiß wird der eine oder andere Aspekt beherzigt werden, um der eigenen Arbeit von Nutzen zu sein.

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27.04.2012
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Diese Rezension entstand im Rahmen des Fachforums 'Connections'. http://www.connections.clio-online.net/
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