K.M. Doak: A History of Nationalism in Modern Japan

Title
A History of Nationalism in Modern Japan. Placing the People


Author(s)
Doak, Kevin M.
Series
Handbook of Oriental Studies. Section 5: Japan
Published
Extent
xii, 292 S.
Price
€ 80,35
Reviewed for Connections. A Journal for Historians and Area Specialists by
Daniel Hedinger, Institut für Geschichtswissenschaften/SFB 640, Humboldt-Universität zu Berlin

Eine Geschichte des Nationalismus im modernen Japan verspricht Kevin Doaks Buch zu sein. Gemäß dem Untertitel soll der Schwerpunkt auf der Stellung der Bevölkerung innerhalb des Konstrukts Nation liegen. Der Titel des Buches ist insofern leicht missverständlich, als es sich nicht um eine allgemeine Geschichte des Nationalismus im modernen Japan handelt. Vielmehr bietet das Buch eine ebenso detaillierte wie gelungene Schilderung der Aneignung von nationalen Konzeptionen. Im Mittelpunkt stehen dabei intellektuelle Debatten, die diesen Prozess seit Mitte des 19. Jahrhundert begleitet haben. So gilt denn Doaks Hauptaugenmerk nicht etwa politischen Bewegungen der Nationalstaatenbildung oder alltäglichen Praktiken eines populär verankerten Nationalismus sondern vielmehr den Versuchen von Intellektuellen, die Bevölkerung innerhalb des neu geschaffenen Konstrukts ‚Nation’ zu platzieren. Akzeptiert man diese Einschränkung auf intellektuelle Diskurse, wird man mit der Lektüre einer Studie belohnt, die auf eine beeindruckende Vielfalt japanischsprachiger Quellen zurückgreift und deren Stärke nicht zuletzt in der permanenten Historisierung der Begrifflichkeiten liegt.

Die Frage nach der Genese sowie der Spezifik des japanischen Nationalismus beschäftigt die Forschung seit langem. Angesichts der zentralen Rolle, die nationale Ambitionen sowie der nationalstaatliche Einigungsprozess bei der Expansion des japanischen Imperiums ab dem späten 19. Jahrhundert spielten, erstaunt dies kaum. In letzter Zeit hat die Thematik durch die Debatten rund um die Erinnerungspolitik an den Zweiten Weltkrieg zusätzlich an Aktualität gewonnen, wobei vermehrt von einem Wiedererstarken des Nationalismus die Rede ist. Entsprechend viele Publikationen liegen vor – auch in europäischen Sprachen.[1] Doak grenzt sich vom Gros der Forschung ab, indem er gleich zu Beginn eine klare Differenzierung vornimmt: „Much of what is written about Japanese nationalism is not really about nationalism at all. [...] The legacy of World War II […] has left a strong tendency in works on Japanese nationalism to focus on the role of the state. State indoctrination, state control of the economy and education, state predominance over regional and local governments [...]. This study does not deny the significant presence of the state in modern Japanese life […]. It simply argues that much of this narrative about the state is not really a narrative about nationalism.“(S. 1) Im Folgenden steht daher nicht etwa der Staat, sondern vier Begriffe im Zentrum der Analyse, die gemäß Doak untrennbar mit dem japanischen Nationalismus verwoben sind und ohne die sich seine Eigenarten nicht verstehen lassen: So widmet sich ein Kapitel der Figur des Kaisers (tennô), ein anderes thematisiert das Konzept von Gesellschaft (shakai), zwei weitere wenden sich den Begriffen kokumin beziehungsweise minzoku zu. Bei letzteren handelt es sich um zwei unterschiedliche Übersetzungswörter für ‚Nation’. Es ist ein Verdienst des Buches, dass es die feinen Unterschiede zwischen kokumin und minzoku ernst nimmt und sie begriffsgeschichtlich detailliert analysiert.

Doch der Reihe nach: Nach einem einführenden Kapitel, das die Vorbedingungen für Nationalismus in Japan thematisiert, wendet sich das nächste der Figur des Kaisers zu, für den es in Folge der Meiji-Revolution von 1868 die passende Rolle erst noch zu finden galt. Zu Recht weist Doak darauf hin, dass in der Forschung Monarchien häufig als die historischen Gegenspieler von Nationen verstanden würden, dass sich jedoch im japanischen Fall Nationalismus ohne Rückgriff auf die Figur des Kaisers nicht diskutieren lässt (S. 83). Gekonnt wird dabei das Spannungsfeld zwischen Kaiser und Nation ausgelotet und gezeigt, inwiefern die Verfassung von 1889, die das Volk nicht zu Bürgern, sondern zu Subjekten machte, eine historische Eigenart Japans darstellte. Nicht die politische Elite, sondern die breiten Massen stehen im Zentrum des folgenden Kapitels, das den Zusammenhang von Gesellschaftskonzepten und der Konstruktion von Nation diskutiert. Da ein Großteil der historischen Japanforschung die Genese einer modernen Gesellschaft und die damit einhergehende Problematisierung sozialer Entwicklungen in die Zwischenkriegszeit datiert, ist es begrüßenswert, dass sich das Buch ausführlich der Übersetzung und Problematisierung von Gesellschaftskonzepten in der Zeit um 1900 widmet.

Die nächsten beiden Kapitel stehen komplementär zueinander. Sie beschreiben die verwobene Geschichte der beiden bereits erwähnten, verwandten und doch ganz verschiedenen Konzeptionen von Nation: kokumin und minzoku. Während erstere seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert mit von offizieller Seite propagiertem Nationalismus in Verbindung stand, bezieht sich letztere stärker auf ethnisch und kulturell konstruierte, im Volk verankerte Formen nationaler Identitäten. Doak weist darauf hin, dass es lange dauerte, bis sich eine begriffliche Abgrenzung festigte. Und selbst in der Nachkriegszeit blieb die Geschichte beider wechselhaft: „The most common expression of nationalism in the immediate postwar period was made in minzoku terms“, lautet dabei seine These (S. 250). Dies geschah vor dem Hintergrund, dass die offizielle Version von Nationalismus durch den Krieg diskreditiert war. In der Folge wandten sich sowohl rechte als auch linke Intellektuelle dem Konzept von minzoku zu, welches in einer häufig stark romantisierenden Form in den Augen vieler den Vorteil bot, dass es eine angebliche Homogenität der japanischen Nation kulturell zu fassen vermochte.

Zum Schluss konstatiert Doak, dass seit den 1990er-Jahren sich auf kokumin-Konzepte berufende Formen von Nationalismus wieder im Aufwind seien – eine Entwicklung, die er ausdrücklich betrüßt. So lobt er im Nachwort den ehemaligen Premierminister Shinzô Abe, der sich in seinem 2006 erschienen Buch „In einem schönen Land“ für eben diese Ausprägung von Nationalismus stark gemacht habe (S. 271). Für Doak ist Demokratie ohne Nationalismus nicht denkbar und er sieht Japan, durch die Hinwendung zu stärker auf kokumin-Konzepten basierenden Formen von Nationalismus auf dem richtigen Weg. Die These einer letztendlich glücklichen Verbindung zwischen Nationalismus, Volkssouveränität und bürgerlicher Demokratie ist keineswegs neu – Ähnliches findet sich bereits in den einflussreichen Arbeiten Masao Maruyama aus der unmittelbaren Nachkriegszeit.[2] Ob man an diesem Punkt Doaks Argumentation noch zu folgen bereit ist, ist Geschmackssache und sei dahingestellt. Doch wirft diese These ganz zum Schluss doch nochmals zwei grundlegende Fragen auf: Erstens bedarf sie einer strikten Trennung zwischen kokumin und minzoku beziehungsweise zwischen Staat und Nation. Dies wiederum hat zur Folge, dass sich das Buch auf intellektuelle Diskurse konzentriert, in denen diese Unterscheidungen auch gemacht wurden. Diskussionswürdig bleibt, ob diesen komplexen Unterscheidungen jenseits intellektueller Debatten die von Doak behauptete zentrale Rolle zukam. Zweitens hat die These einer letztendlich glücklichen Verbindung von Nationalismus und Demokratie in Japan, die vom Nachwort aus betrachtet, das Buch wie einen roten Faden durchzieht, offensichtlich die Themenauswahl beeinflusst: Für die Vorkriegsjahre hätte sich die Geschichte des japanischen Nationalismus durchaus auch stärker an Begriffen wie Rasse oder Imperium diskutieren lassen (insgesamt werden transnationale Bezüge sowieso kaum gemacht). Für die Nachkriegszeit wäre der Einbezug von ökonomischen Formen nationaler Identität und Politik interessant gewesen. Es wäre zu vermuten, dass eine Berücksichtigung dieser Thematiken auch im Bezug auf die Grundthese des Buches neue Perspektiven eröffnen würde.

Anmerkungen:
[1] Einen guten Einblick geben folgende Sammelbände: Naoko Shimazu (Hrsg.), Nationalisms in Japan, Abingdon 2006; sowie Sandra Wilson (Hrsg.), Nation and Nationalism in Japan, London 2002. Auf Japanisch siehe beispielsweise: Nobukuni Koyasu, Nihon nashonarizumu no kaidoku [Die Entzifferung des japanischen Nationalismus], Tokio 2007; Hiroshi Mitani, Meiji ishin to nashonarizumu, [Die Meiji-Restauration und der Nationalismus], Tokio 1997 oder Eiji Oguma, Tan’itsu minzoku shinwa no kigen. Nihonjin no jigazô no keifu [Die Genese des Mythos einer homogenen Nation. Eine Genealogie der Selbstbilder der Japaner], Tokio 1995.
[2] Siehe dazu etwa Masao Maruyama, Nationalismus in Japan. Theoretischer Hintergrund und Perspektiven, in: Ulrich Menzel (Hrsg.), Im Schatten des Siegers. Japan. Band 4, Frankfurt am Main 1989, S. 33-56.

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15.03.2011
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