V. Langbehn u.a. ((Hrsg.): German Colonialism

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Title
German Colonialism. Race, the Holocaust, and Postwar Germany


Editor(s)
Langbehn, Volker; Salama, Mohammad
Published
Extent
327 S.
Price
€ 20,95
Rezensiert für 'Connections' und H-Soz-Kult von:
Jonas Kreienbaum, Humboldt-Universität zu Berlin

„Are there any possible connections between acts of colonial genocide in German Southwest Africa during the early 1900s and Nazi genocidal practices on the eastern and western front during the Second World War, including the Holocaust?“ (S. XV) Dies ist die Leitfrage des vorliegenden Sammelbandes, der aus einer Konferenz an der San Francisco State University im Jahr 2007 hervorgegangen ist. In den fünf thematischen Teilen des Bandes – 1. Colonial (Dis)Continuities: Framing the Issue, 2. Lebensraum and Genocide, 3. Looking East: Poland, the Ottoman Empire, and Politicized Jihadism, 4. Of Missionaries, Economics, and Intranational Self-Perception, 5. Postcolonial German Politics – findet sich dann eine enorme Bandbreite an Ansätzen und Themen, die vornehmlich geschichts- oder literaturwissenschaftlich orientiert sind. Das Spektrum reicht von Timothy Brennans Auseinandersetzung mit Nietzsche als „kolonialem“ Denker, der paradoxer Weise zur Gallionsfigur der postcolonial studies wurde, über A. Dirk Moses Diskussion von Hannah Arendts „Origins of Totalitarianism“ – dem Gründungswerk der Kontinuitätsdebatte, bis zu Luís Madureiras Betrachtung der widersprüchlichen Beziehungen der beiden deutschen Nachkriegsstaaten zu den ehemals portugiesischen Besitzungen in Afrika.

Dass die von den Herausgebern vorangestellte Leitfrage bei einer solchen thematischen Heterogenität nicht immer im Zentrum der Betrachtung steht, ist naheliegend. Dennoch bemühen sich die meisten Autor/innen vor allem durch die Herausarbeitung von Kontinuitäten – jenseits der Verbindung „von Windhuk nach Auschwitz“[1] – eine gewisse thematische Anschlussfähigkeit herzustellen. So stellt Russel A. Berman etwa eine Kontinuitätsthese auf, die wilhelminische Kolonialbestrebungen und nationalsozialistische Politik im Nahen Osten als Einflussfaktoren auf arabischen Nationalismus und Anti-Semitismus herausstreicht.

In gewissem Maße tut die thematische Öffnung dem Band gut. Denn die Fokussierung auf die „Kontinuitätsfrage“ bei gleichzeitiger Einengung des Blicks auf den deutschen Kolonialismus, wie in der oben zitierten Leitfrage suggeriert, birgt ein strukturell-methodisches Problem: Diese Beschränkung legt nahe, nach möglichen Kontinuitäten zum Nationalsozialismus nur im deutschen Kolonialreich zu suchen – ein Ansatz, der mit guten Argumenten kritisiert worden ist.[2] Insofern ist es zu begrüßen, dass einige Beiträge einen vergleichenden Ansatz wählen und sich so der Frage nach der Einzigartigkeit deutscher Kolonialtätigkeit nähern. Hartmut Pogge von Strandmann etwa hebt in seinem Aufsatz zum „Purpose of German Colonialism“ den Unterschied zwischen der französischen Doktrin der mission civilisatrice und dem deutschen Ziel der ökonomischen Ausbeutung als Fluchtpunkt der Kolonialbestrebungen hervor. (S. 200-202) In die entgegengesetzte Richtung geht Ulrike Lindner, wenn sie deutsche und britische Kolonisation in Afrika – in einem der methodisch innovativsten Aufsätze des Bandes – als Geschichte der Verflechtung beschreibt und zu dem Schluss kommt: „When we view German colonialism within the context of imperial cooperation, some features of German exceptionalism become rather a matter of degree.“(S. 266)

Manche Texte lassen sich dem Schwerpunkt des Bandes hingegen kaum noch zuordnen. Wenn sich beispielsweise Ulrich van der Heyden dem ambivalenten Verhältnis von Mission und staatlicher Kolonisation zuwendet, passt das zwar zum ursprünglichen Konferenzthema „Germany’s Colonialism in International Perspective“, zur Klärung der Kontinuitätsthese hingegen wird wenig beigetragen. Ähnliches gilt für Martin Braach-Maksvytis provokanten Essay zur bundesrepublikanischen Glorifizierung Israels in den 1950er und 60er Jahren. Diese sei nicht primär als Ausdruck schlechten Gewissens ob des Holocaust zu verstehen, sondern vielmehr als „redemptive proxy colonialism“ (S. 295) frustrierter westdeutscher Kolonialisten, die das erfolgreiche Kolonisierungsprojekt Israels in der palästinensischen Wüste bewunderten.

Die thematische Heterogenität spiegelt sich auch in der divergierenden Bewertung der Autor/innen bezüglich des Wertes der Kontinuitätsthese zur Erklärung nationalsozialistischer Massengewalt aus kolonialen Praxen. Während Kristin Kopp eine Verbindung zwischen Kolonialismus – im Fall ihres Beitrages der Kolonisierung Polens im späten 19. Jahrhundert – und nationalsozialistischer Politik in Osteuropa erkennt, warnt Birthe Kundrus vor einer Überbewertung kolonialer Einflüsse. In beiden Fällen, so argumentiert Kopp, „Germans came to construct the relationship between self and other with the aid of a conceptual apparatus that had been developed in the context of the European global colonial project”. (S. 148) Auch Luís Madureira und Shelley Baranowski beantworten in ihrem Aufsatz zu “Lebensraum and Genocide in the Third Reich” die Kontinuitätsfrage affirmativ. Zwangsläufig muss dabei in diesen Beiträgen ein zentrales Problem angesprochen werden, das die gesamte Kontinuitätsdiskussion begleitet: Was ist eigentlich Kontinuität? „An expression of causality“? (S. 147) „A shared conceptual framework“? (S. 148) Oder geht es darum, nach der produktiven Adaption von “ideas, structures, images, knowledge, experience, or practices” zu suchen? (S. 34)

Es ist eines der Verdienste der bisherigen Diskussion um Verbindungslinien „von Windhuk nach Auschwitz“, die in den letzten Jahren vor allem mit den Namen Zimmerer, Kundrus und Gerwarth/Malinowski verbunden ist, das Problem des Kontinuitätsbegriffs aufgeworfen und den Forschungszweig in dieser Hinsicht sensibilisiert zu haben.[3] Dem vorliegenden Band gelingt es nicht, die Debatte in ähnlicher Weise entscheidend voranzubringen. Dazu fehlt es – entgegen der Ankündigung in der Einführung – unter anderem an der entschiedenen Konzentration auf das Kontinuitätsproblem. Dennoch vereint der Band eine Reihe von lesenswerten Einzelstudien, die die beeindruckende Bandbreite der in den letzten Jahren aufblühenden Erforschung deutscher Kolonialvergangenheit aufzeigen.

Anmerkungen:
[1] Jürgen Zimmerer, Von Windhuk nach Auschwitz? Beiträge zum Verhältnis von Kolonialismus und Holocaust, Münster 2011.
[2] Robert Gerwarth/Stephan Malinowski, Der Holocaust als „kolonialer Genozid“? Europäische Kolonialgewalt und nationalsozialistischer Vernichtungskrieg, in: Geschichte und Gesellschaft 33(2007), S. 439-466, hier vor allem S. 444-449.
[3] Neben den bereits zitierten Publikationen: Birthe Kundrus, Grenzen der Gleichsetzung. Kolonialverbrechen und Vernichtungspolitik, in: iz3w 275(2004), S. 30-33; dies., Von den Herero zum Holocaust? Einige Bemerkungen zur aktuellen Debatte, in: Mittelweg 36 14(2005), S. 82-92.

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09.12.2011
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Diese Rezension entstand im Rahmen des Fachforums 'Connections'. http://www.connections.clio-online.net/
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