H. Duchhardt (Hrsg.): Russland, der Ferne Osten und die "Deutschen"

Title
Russland, der Ferne Osten und die »Deutschen«.


Editor(s)
Duchhardt, Heinz
Series
Veröffentlichungen Des Instituts Für Europäische Geschichte, Beihefte 80
Published
Göttingen 2009: Vandenhoeck & Ruprecht
Extent
123 S.
Price
€ 29,90
Rezensiert für 'Connections' und H-Soz-Kult von:
Kristina Küntzel-Witt, Lübeck

In diesem Sammelband sind die deutschen Beiträge von zwei deutsch-russischen Konferenzen veröffentlicht worden, die im Dezember 2007 und im September 2008 in Mainz und Moskau stattfanden und der Frage nachgingen, welche Rolle Deutschstämmige in russischen Diensten bei der Erschließung des Fernen Ostens durch das Russländische Reich spielten. Die Tagungen sind von der Deutschen Forschungsgemeinschaft und dem Russischen Fonds für Geistes- und Sozialwissenschaften (RGNF) gefördert worden.

Zu Recht betont Heinz Duchhardt in der Einleitung, dass es an einer größeren systematischen Abhandlung über die Beteiligung von deutschstämmigen Gelehrten und Administratoren an der Eroberung und Erschließung des russischen Fernen Ostens fehlt und mit der vorliegenden Publikation eine Forschungslücke geschlossen wird. Gleichzeitig verweist er darauf, dass die Autoren vor methodischen Problemen standen, wie mit dem Begriff des ‚Deutschen’ umzugehen sei, da die ‚deutsche’ Identität etwa bei Deutschbalten oder deutschen Gelehrten in Diensten der Petersburger Akademie der Wissenschaften sehr heterogen ausgeprägt war. Letztendlich wird die Frage, inwieweit ihre Protagonisten sich über ihre deutsche Herkunft definierten, den einzelnen Autoren überlassen.

Die sechs Beiträge sind chronologisch geordnet und beginnen mit einem Artikel von Christine Roll zur russischen Kartographie über Sibirien und den Fernen Osten und den Beitrag Deutscher daran (S. 5-30). Zunächst wird dem Leser ein komprimierter Überblick über den Forschungsstand zur Kartographie und zum ‚spatial turn’ angeboten, anschließend fährt Roll mit einem Abriss der russischen Eroberung Sibiriens fort und präsentiert dann die Besonderheiten der russischen Kartenerstellung (sog. chertezh = Skizze) in der Zeit vor Peter I. (S. 12). Danach stellt sie kurz die wichtigsten Karten aus westeuropäischer Produktion vor und konzentriert sich dabei stark auf Herbersteins berühmte Karte, darüber hat sich zuletzt Annina Cavelti auch ausführlich geäußert.[1]

Es folgt eine Analyse der Karten bzw. chertezhi, die Sibirien und sogar die Grenzgebiete zwischen Russland und China festhalten, wobei die meisten aus der Werkstatt von Semen Remezov und seinem Vater Ulyan stammen (S. 17f.). Die Verfasserin bezieht sich auf die Forschungen von Valerie Kivelson.[2] Roll stellt fest, dass, nachdem der Grenzverlauf im Vertrag von Nerchinsk 1689 festgelegt wurde, auch das Interesse an Karten zum Grenzgebiet rasch versiegte. Erst im ersten russischen Atlas von 1745 finden sich Karten europäischen Stils, die erneut die Grenzgebiete festhalten. In ihrem Fazit kommt Roll zu der Erkenntnis, dass man in Bezug auf die Kartenherstellung im Russland der Frühen Neuzeit weniger von einem Anteil der ‚Deutschen’ daran sprechen kann, vielmehr spielten dabei viele Ausländer unterschiedlicher Herkunft eine gewichtige Rolle.

Im anschließenden Beitrag setzt sich Dittmar Dahlmann mit den russischen Beziehungen zu China vom 16. bis zum Ende des 18. Jahrhunderts auseinander (S. 31-47). Genauso wie in Westeuropa gab es in Russland im Mittelalter nur spärliche Informationen über China, das änderte sich erst mit der Eroberung Sibiriens ab 1582 durch die russischen Kosaken. Im 17. Jh. kam es dann zur direkten Kontaktaufnahme zwischen russischen Abgesandten und dem chinesischen Hof, die sich durchweg als sehr schwierig herausstellte. Für die chinesischen Herrscher war das Russländische Reich kein gleichwertiger Verhandlungspartner sondern ein tributpflichtiger Nachbar, der sich in zeremonieller Hinsicht unterwürfig zu zeigen hatte, was die russische Seite nach allen Kräften zu verhindern suchte. Außerdem fehlte es beiden Seiten an geeigneten Dolmetschern, so musste der wichtige Friedensvertrag von Nerchinsk in lateinischer Sprache von Jesuiten festgehalten werden (S. 41)! Dahlmann betont die weite Verbreitung der Reiseberichte von Eberhard Isbrand Ides und Adam Brand in Westeuropa, die Sibirien auf einer Gesandtschaft nach China 1692-1695 bereist hatten. So wurden die Reiseberichte ausgiebig von Leibniz rezipiert, was nicht zuletzt diesen dazu angeregt haben mag, später Peter I. zu ersuchen, den Fernen Osten intensiver zu erforschen. Weiter zeigt sich in dem Beitrag, wie umkämpft das Amurgebiet bereits im 17. Jh. war, ein Konflikt, der zweihundert Jahre später vehement wieder aufbrach.

Es folgt eine Abhandlung von Eugenia Massold über ethnologische Forschungen im Gebiet des Altaj im 18. und in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts (S. 49-77). Der Altai ist eine sibirische Grenzregion, über die relativ kontinuierlich berichtet wurde. Die ersten zuverlässigen Nachrichten stammen von Nikolaj Spafari (Spatharii), der 1675 als russischer Gesandter nach China geschickt wurde und auf seinem Weg den Altai bereiste. Später folgten im 18. Jh. die Berichte der deutschstämmigen Gelehrten J. G. Gmelin und G. F. Müller von der 2. Kamtschatkaexpedition, nach ihnen waren es vor allem P. S. Pallas und J. G. Georgi, die auf ihrer Expedition 1771 den Altai ausgiebig erkundeten. 1829 bereiste schließlich Alexander von Humboldt das Altaivorland (S. 52). Auch Gelehrte aus dem Umfeld der Dorpater Universität wie z.B. Carl Friedrich Ledebour 1826 oder später Alexander von Middendorff bereisten den Altai.

Im Altai leben verschiedene turksprachige Ethnien, „Altaier“ ist somit nicht mehr als eine Sammelbezeichnung (S. 54). Gemeinsam ist ihnen, dass sie Anhänger schamanistischer Naturreligionen sind, über die sehr wenig in deutscher Sprache publiziert wurde (S. 55/57). Zu sowjetischer Zeit waren Feldforschungen von Ausländern in Sibirien schlicht verboten und so hat sich hier nach 1991 ein breites Forschungsfeld eröffnet. Massold weist wohlbegründet darauf hin, dass auch nach 1991 die meisten russischen ethnologischen Publikationen ausgesprochen russozentristisch ausgerichtet und in methodischer Hinsicht häufig wenig gewinnbringend sind (S. 59). Nach diesem Überblick über den Forschungsstand folgt eine Analyse der wichtigsten Berichte von Gmelin, Georgi, Grigorii Spaskii, Alexander von Bunge und Petr A. Chikhachev über die Bewohner des Altai, wobei nach der Meinung der Autorin im Laufe des 19. Jahrhunderts die Beschreibung der indigenen Völker immer abwertender und negativer wurde, was sie nicht zuletzt auf den sich ausbreitenden russischen Nationalismus zurückführt.

Es schließt sich daran ein Artikel von Diana Ordubadi zu Carl Heinrich Merck und der Erforschung des russischen Nordostens im Rahmen der Billings-Sarychev-Expedition von 1785-1795 an (S. 79-96). Merck (1761-1799) war ein deutscher Arzt aus Darmstadt, der eher zufällig an der genannten Expedition teilnahm und die Alëuten, die Halbinsel - Chukotka und die Südküste von Alaska erstmals intensiv erforschte. Seine Forschungen waren sowohl naturwissenschaftlicher als auch ethnologischer Art und bekannt wurde er mit seiner Schrift über die Chukchi (S. 90). Da Merck wegen seines unerwartet frühen Todes seine Reiseberichte nicht mehr veröffentlichen konnte, geriet er schnell in Vergessenheit. Rein zufällig sind seine Aufzeichnungen in den Besitz des Archivs der Familie Merck gelangt und mittlerweile wurde ein erster Teil seines Tagebuchs veröffentlicht.[3] Aus dem Fundus der sehr ertragreichen Aufzeichnungen skizziert Ordubadi das Bild eines Forschers, der sich sehr bemühte, persönliche Wertungen zurückzuhalten und möglichst umfassend und nicht pejorativ zu berichten. Insgesamt bietet der Artikel einen fundierten Überblick über Leben und Werk des ansonsten bislang von der Forschung vernachlässigten Gelehrten.

Heinz Duchhardt widmet seinen Artikel (S. 97-102) dem ebenfalls wenig bekannten deutschen Arzt Joseph Rehmann (1779-1831), der 1806 mit der Golovkin-Gesandtschaft nach China reiste, Peking allerdings nie erreichte, weil die Gesandtschaft die chinesische Grenze wegen Streitigkeiten bezüglich des Protokolls nicht passieren durfte. Rehmanns Verdienst liegt weniger in seiner Rolle als Begleiter der Gesandtschaft begründet, sondern vielmehr war er der erste Arzt, dem es gelang, Impfungen bei den sibirischen Ethnien durchzusetzen und er war ein wichtiger Wissensvermittler. Rehmann war mit dem preußischen Freiherr vom Stein gut bekannt und versorgte diesen mit Informationen über Sibirien und den Fernen Osten. Außerdem weckte er an der Moskauer Universität, wo er ab 1810 lehrte, das Interesse an der Erforschung Chinas und der Mongolei (S. 99). Nicht zuletzt ist er in Vergessenheit geraten, weil eigenständige Publikationen von ihm fehlen.

Der abschließende Artikel von Jan Kusber setzt sich mit Leben und Werk von Fedor Petrovich Litke (1797-1882) auseinander (S. 103-117). Zunächst beschäftigt sich Kusber mit der Vielfalt der ‚Deutschen’ im Russländischen Reich. Die Familie seines Protagonisten Friedrich Benjamin Lütke/ Fedor Petrovich Litke lebte bereits in der dritten Generation in St. Petersburg, der Großvater war stellvertretender Rektor des Gymnasiums der Akademie der Wissenschaften. Litke selbst trat in die Marineakademie ein und begleitete Vasilii Golovnin auf seiner Weltreise von 1817-1819, danach erforschte Litke Novaya Zemlya. Es folgte eine weitere Weltreise unter seiner Leitung, deren Ergebnisse Litke in seiner Beschreibung „Eine Reise um die Welt, 1826-1829“ vorstellte und die ihn berühmt machte (S. 108). Litke übernahm als Vizepräsident de facto die Leitung der Russischen Geographischen Gesellschaft, die er 1845 mitgegründet hatte und der offiziell Großfürst Konstantin Nikolaevich vorstand, dessen Erzieher Litke gewesen ist. 1864 wurde Litke zum Präsidenten der Akademie der Wissenschaften ernannt und blieb es bis 1881. Zum Abschluss des Artikels vergleicht Kusber Litkes Selbstverständnis als Gelehrter und Entdecker mit dem des nicht weniger berühmten Kollegen Petr Semenov -Tyan Shanskii und kommt zu dem Schluss, dass letzterer einen neuen Gelehrtentypus verkörpert, der sein Werk viel stärker auf politische Zielsetzungen ausrichtete, während Litke von einem Reichspatriotismus erfüllt gewesen sei (S. 114).

Abgerundet werden die Beiträge durch ein Personenregister und ein Autorenverzeichnis.
Insgesamt fasst der sorgfältig edierte Tagungsband viele Erkenntnisse über die Rolle der deutschstämmigen Gelehrten bei der Eroberung und Inbesitznahme des russischen Fernen Ostens zusammen, darunter befinden sich auch neue Forschungsergebnisse wie zu Merck oder dem Altai. In einigen Beiträgen wird klar zum Ausdruck gebracht, dass die Deutschen keineswegs immer eine dominante Rolle spielten. Über die Bedeutung ihrer deutschen Herkunft für diese Gelehrten erfährt der Leser vor allem Näheres in den Artikeln von H. Duchhardt und J. Kusber.

Anmerkungen:
[1] Was Karten über die Vergangenheit erzählen. Herberstein und Jenkinson kartographieren Russland, in: Jörn Happel, Christophe von Werdt (Hrsg.), Osteuropa kartiert – Mapping Eastern Europe (= Osteuropa Bd. 3), Münster 2012, S. 133-154.
[2] Cartographies Of Tsardom. The Land And Its Meanings In Seventeenth-Century Russia, Ithaca u. London 2006.
[3] Dittmar Dahlmann, Anna Friesen, Diana Ordubadi (Hrsg.), Carl Heinrich Merck. Das sibirisch-amerikanische Tagebuch aus den Jahren 1788-1791, Göttingen 2009.

Editors Information
Published on
15.06.2012
Contributor
Edited by
Cooperation
Diese Rezension entstand im Rahmen des Fachforums 'Connections'. http://www.connections.clio-online.net/