R. Daskalov u.a. (Hrsg.): Entangled Histories of the Balkans II/III

Daskalov, Roumen; Mishkova, Diana (Hrsg.): Entangled Histories of the Balkans. Volume 2: Transfers of Political Ideologies and Institutions. Leiden  2013. ISBN 978-90-04-26190-7

Daskalov, Roumen; Alexander Vezenkov (Hrsg.): Entangled Histories of the Balkans. Volume 3: Shared Pasts, Disputed Legacies. Leiden  2015. ISBN 978-90-04-27116-6

Reviewed for Connections. A Journal for Historians and Area Specialists by
Sabine Rutar, Institut für Ost- und Südosteuropaforschung (IOS), Regensburg

Die Autorinnen und Autoren des zweiten und dritten Bandes der Trilogie „Entangled Histories of the Balkans“, unter der Federführung von Roumen Daskalov, setzen fort, was sie im ersten Band [1] begonnen haben: eine umfassende Darstellung zentraler Themenkomplexe der Geschichte des südöstlichen Europas, in dekonstruktivistischer und de-essentialisierender Perspektive, fokussiert auf Prozesse, Verflechtungen, shared history. In Band II, „Transfers of Political Ideologies and Institutions“, herausgegeben von Roumen Daskalov und Diana Mishkova, zeichnen die sechs Autoren die Geschichte zentraler politischer Ideologien und Institutionen der Moderne nach. In Band III, „Shared Pasts, Disputed Legacies“, herausgegeben von Roumen Daskalov und Alexander Vezenkov, geht es den fünf Autoren um die Aushandlungen zentraler Topoi der südosteuropäischen Geschichte.

Die Komplettschau der Trilogie offenbart das Anliegen des im siebten EU-Rahmenprogramm geförderten ERC Advanced Grant „Balkan Histories: Shared, Connected, Entangled“: ein Grundlagenwerk zu schaffen für die historischen und historiographischen Analogien in dieser europäischen Großregion und wider ihre Fragmentierung durch die Nationalhistoriographien seit dem 19. Jahrhundert. Das dreibändige Werk setzt Standards: Es zeigt auf, wie eine transnationale und transstaatliche Erforschung europäischer und globaler Phänomene das südöstliche Europa zu einem integrativen Teil dieser Phänomene macht; es widerspricht allen Versuchen, die Region aus der europäischen Geschichte „herauszuschreiben“. Mehr noch: Es macht deutlich, wie sehr die sogenannte allgemeine Geschichte von einer wirklich inklusiv gedachten europäischen Geschichtsschreibung profitieren könnte, wie sehr sie durch die Betrachtung ihrer Peripherien eigene einengende und eher unreflektierte Parameter überwinden könnte. Nicht zuletzt wird deutlich, welche beachtlichen sprachlichen Kompetenzen dazu notwendig sind, jenseits des Englischen, Französischen und Deutschen, der drei europäischen Sprachen, auf welche die sogenannte allgemeine Geschichte oft begrenzt ist. Man darf (bzw. sollte) beeindruckt sein von der sprachlichen Versatilität der hier schreibenden Kolleginnen und Kollegen.

Band II setzt das, was in Band I mit den nationalen Ideologien begonnen wurde, mittels detaillierter Einblicke in die anderen großen politischen Ideologien der Moderne fort. Diana Mishkova und Roumen Daskalov („’Forms without Substance’. Debates on the Transfer of Western Models to the Balkans“) rekonstruieren im einleitenden Großkapitel überzeugend, dass „Transfer“ viel mehr bedeutete als den Import „fremder Modelle“ (S. 3). Die Aushandlungen darum, was moderne Ideen und Institutionen bzw. Europa als „Inbegriff der Moderne“ (S. 94) für die lokalen Gesellschaften bedeuteten, waren vielschichtig, keineswegs immer Top-Down in ihrer Ausrichtung, widersprüchlich, prozessual und nicht zuletzt kreativ, getragen von unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen und Akteuren. Mishkova und Daskalov organisieren ihren Überblick entlang der die Debatte strukturierenden zentralen „rhetorischen Figuren“ (S. 4): die Kritik am Nachäffen von Moden; der Vorwurf, ideologische Formeln inhaltslos zu übernehmen; die Diskussion um opportune Entwicklungspfade; sowie die Forderung, zum „Eigenen“ zurückzukehren. Transfers und ihre lokale Implementierung wurden als Adaption, Kompromiss oder Modifikation angesehen, oder aber als Verzerrung, Simulation, Verkleidung, Karikatur. So variabel wie die Verflechtungen zwischen „Europa“ und dem „Balkan“ waren, so deutlich wird auf der anderen Seite, dass binäre Selbstprojektionen wie „Wir“ und „Europa“, lokale Tradition und Fremdimport, Authentizität und Imitation, Rückständigkeit und Zivilisation durchaus die lokalen Semantiken und die perpetuierten Diskussionen um die opportune Repräsentation der eigenen Nation formten. Wichtig für eine Justierung hierarchischer Betrachtungen von „Original“ und „Kopie“, „Fortschritt“ und „Rückständigkeit“, so die Autoren, sei die Herausarbeitung der zeitgenössischen Wahrnehmungen von Asymmetrie und Asynchronität, die keineswegs mit einem Mangel an lokaler agency einhergingen. Südosteuropäische Intellektuelle waren europäisch, sie waren balkanisch, und sie waren serbisch, bulgarisch, rumänisch oder griechisch. Mit Blick auf die Herausforderungen der Moderne zeigten sie eine beachtliche Konvergenz, was die Lösungen angeht, die zur Bewältigung der Herausforderungen vorgeschlagen, nicht immer umgesetzt, wurden. Binäre historiographische Interpretationen entlang monolithischer Gegenpositionen wie Modernisten vs. Traditionalisten, Westler vs. Anti-Westler, Europäisten vs. Nationalisten tappen in die methodisch-epistemologische Falle und greifen viel zu kurz.

Die weiteren Kapitel des Bandes deklinieren dies anhand wichtiger politischer Ideologien der Moderne durch. Diana Mishkova („Balkan Liberalisms: Historical Routes of a Modern Ideology“) bietet nichts weniger als die Grundlage für weiterführende vergleichende Forschungen zu liberal orientierten Netzwerken auf europäischer und (intra-)regionaler Ebene und ihren multilateralen Effekten. Die rasante Politisierung der südosteuropäischen Gesellschaften im 19. Jahrhundert wurde von liberal orientierten Akteuren vorangebracht, die vor drei zentralen Herausforderungen standen: Staatsbildung, Nationsbildung und Demokratisierung. Der Liberalismus lieferte die Semantiken für diese neue Form politischer Legitimierung des modernen Nationalstaates. Mishkova zeigt, dass parlamentarische Institutionen im südöstlichen Europa zwar – wie in anderen Peripherieregionen auch – nicht so solide funktionierten wie in einigen westlichen Ländern, dass dies aber keineswegs bedeutete, dass diese rein dekorativer Art gewesen wären. Liberale Theorie und Praxis prägten den normativen Horizont der südosteuropäischen Gesellschaften nachhaltig.

Blagovest Njagulovs Kapitel über den frühen Sozialismus („Early Socialism in the Balkans: Ideas and Practices in Serbia, Romania and Bulgaria“) liest sich wie eine besonders eindringliche Veranschaulichung von Kosellecks „Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen“ (ohne dass der Autor sich explizit auf diese Denkfigur bezöge). Um den Sozialismus, als Kind der Industrialisierung, für die südosteuropäischen Agrargesellschaften „passgenau“ zu machen, bedurfte es kontextspezifischer Ideen wie die, man könnte bestimmte historische Prozesse – im Sinne Marx’ – entweder auslassen oder beschleunigt durchlaufen. Tatsächlich war die Agrarfrage der Gradmesser für Erfolg oder Misserfolg sozialistischer Legitimations- und Lösungsstrategien auf dem Balkan. Trotz ähnlicher Modernisierungsprozesse, analoger Transferkanäle und politischer Ziele, trotz der gemeinsamen Vision einer Balkan-Föderation zur Lösung der nationalen Fragen waren es gerade die nationalen Dispute und die Angriffe der politischen Gegner, der Sozialismus sei unpatriotisch, die einen intensiven intrabalkanischen ideologischen Austausch verhinderten. Die Balkan-Sozialisten schauten jeweils in Richtung Westeuropa und Russland. Insbesondere mit Blick auf den Glauben an die Notwendigkeit einer beschleunigten kapitalistischen Entwicklung zum Zwecke der Realisierung der sozialistischen Gesellschaft vermischten sich zudem sozialistische Ideen mit liberalen, eben kapitalismusaffinen.

Entsprechend der Verfasstheit der südosteuropäischen Gesellschaften waren Agrarideologien und Bauernbewegungen diejenigen soziopolitischen Bewegungen, die am meisten in der Region verwurzelt waren und die am wenigsten auf Einflüsse von außen reagierten. Roumen Daskalov („Agrarian Ideologies and Peasant Movements in the Balkans“) zeichnet die eher an der politischen Praxis im spezifischen Kontext als an ideologischen Überbauten orientierten Bewegungen nach. Das Konzept der „Mittelschicht“ wie auch die Idee bäuerlicher Vermittlung zwischen „Arbeit“ und „Kapital“, so Daskalov, seien demselben modernistischen ideologisch-politischen Konvolut wie der Sozialismus und der Liberalismus entsprungen. Die Versuche der Agrarbewegungen, ökonomische Rückständigkeit durch alternative Konzepte zu überwinden, lassen sich mit den Kernstichworten „kooperative Gesellschaft“, „Volksstaat“ und „dritter Weg“ umreißen, waren aber durchaus selbständige politische Praxis, mit einer größeren Affinität zum Kapitalismus als zum Kommunismus. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Landbevölkerung dann nachgerade ein Opfer des letzteren.

Constantin Iordachi („Fascism in Southeastern Europe: A Comparison between Romania’s Legion of the Archangel Michael and Croatia’s Ustaša“) kommt anhand einer an der internationalen Forschung orientierten Typologie der radikal rechten und faschistischen Bewegungen in der Region zu dem Schluss, dass die meisten nicht genuin faschistisch gewesen seien, mit Ausnahme der Legion des Erzengel Michael in Rumänien und der Ustaša in Kroatien. Es geht um die Tendenzen einer Sakralisierung der Politik und um den Faschismus als charismatischen Nationalismus. Während das südöstliche Europa in den westlichen Ländern allzu oft beiseite bleibe, reagierten die lokalen Historiker – als Folge des stalinistischen historiographischen Dogmas – allzu oft mit einer reaktiven Forschungspraxis, bis hin zur Glorifizierung faschistischer als patriotische nationale Bewegungen. Eine solche „herumgedrehte“ Schwarz-Weiß-Optik sei nicht anschlussfähig an die internationale Forschung. Iordachis Vorschlag zur Erneuerung der Agenda sieht keine „Erweiterung“ der bestehenden theoretisch-methodischen Diskussion auf bislang unterbeforschte Weltgegenden wie den Balkan vor, sondern die Entwicklung neuer transnationaler Perspektiven auf den Faschismus, welche die ideologischen Synkretismen aller faschistischen Bewegungen sichtbar machte.

Im letzten Kapitel schließen Tchavdar Marinov und Alexander Vezenkov an das Thema des ersten Bandes an, die nationalistischen Ideologien („Communism and Nationalism in the Balkans: Marriage of Convenience or Mutual Attraction?“). Die theoretische Schwäche des Marxismus mit Blick auf die nationale Frage, Lenins Unterstützung „unterdrückter Nationalitäten“ und die nationalstaatlichen Parteiorganisationsstrukturen von Komintern und Kominform bildeten die Grundlage für die Verquickung des Kommunismus mit dem Nationalismus von Anbeginn an. In der Zwischenkriegszeit mussten die Kommunisten auf die Erstarkung faschistischer Bewegungen reagieren, inklusive der daraus resultierenden Widerstandsbewegungen im Zweiten Weltkrieg, die durchsetzt waren von patriotischen Maximen. Einerseits gehört zur Einstellung von Kommunisten zum Nationalismus dessen, oft zynische, Instrumentalisierung. Andererseits dachten und handelten auch Kommunisten in nationalen bzw. nationalstaatlichen Referenzrahmen. Nationalismus ist die wandelbarste unter den politischen Ideologien – verknüpft sowohl mit dem Funktionieren des aufgeklärten, pluralistischen modernen Staates an sich als auch mit einer Vielzahl antimodernistischer und antidemokratischer Strömungen. Insofern sollte es nicht verwundern, dass auch die Kommunisten hieraus legitimatorisches Kapital zu schlagen suchten bzw. dass die Frage „Patriot oder nicht?“ von ihren Gegnern so wirkungsvoll eingesetzt werden konnte. Wie die Autoren überzeugend darlegen, ist ein historiographischer Ansatz, der Kommunismus und Nationalismus als zwei sich gegenseitig ausschließende Ideologien begreift, analytisch wertlos, insbesondere auch dann, wenn es darum geht, Nationalismus nach dem Ende des Kommunismus zu verstehen.

Die Überwindung eingeschliffener historiographischer Interpretationsschemata steht im Mittelpunkt des abschließenden dritten Bandes der Trilogie. Die südosteuropäischen Historiographien seien überwiegend traditionalistisch und nationalistisch, so Roumen Daskalov und Alexander Vezenkov in ihrer Einleitung, funktionierten großteils quasi autistisch, die Nachbarstaaten ignorierend, außer wenn nationalistische Sichtweisen sich konkurrierend auf dasselbe Objekt richteten. Dabei erzählten die lokalen Historiker – über allen politischen Wandel des 20. Jahrhunderts hinweg – analoge Geschichten, ein Epos nationaler Kontinuität seit frühesten Zeiten, eine Heldengeschichte, in welcher das „Volk“ sogar unter brutaler Fremdherrschaft zu überleben wusste. Aus diesen Analogien gälte es in künftigen Forschungen zu schöpfen, um das Repertoire, das die Vorstellungswelten des Balkans ausmacht, in transnationaler und beziehungsgeschichtlicher Perspektive besser zu verstehen.

Anhand des in Rumänien, Bulgarien und Griechenland etablierten Forschungsfeldes „Thrakische Studien“ etwa lässt sich die durch Fiktion und Mythologisierung geprägte Konstruktion nationaler „Anfänge“ in prähistorischen Epochen in der Nationalgeschichtsschreibung aufzeigen, so Tchavdar Marinov („Ancient Thrace in the Modern Imagination: Ideological Aspects of the Construction of Thracian Studies in Southeast Europe (Romania, Greece, Bulgaria)“). Die dünne Quellenlage macht die Interpretationsmöglichkeiten elastisch. Insgesamt würden die Thrakischen Studien nur profitieren, löste man sie aus ihren jeweiligen nationalisierenden Korsetts, dekonstruierte man die Anhäufung fiktiver Erklärungen seit dem 19. Jahrhundert und konzentrierte man sich auf das empirisch Belegbare.

Diana Mishkova fokussiert in ähnlicher Weise auf Byzanz, einem zentralen gemeinsamen historiographischen Topos Griechenlands, Bulgariens, Serbiens und Rumäniens („The Afterlife of a Commonwealth: Narratives of Byzantium in the National Historiographies of Greece, Bulgaria, Serbia and Romania“). Auch hier konkurrieren die Interpretationen, nicht zuletzt jene, die Byzanz als Teil der europäischen Kultur oder aber als deren Gegenstück sehen. Würden die Aushandlungen darum, wie die byzantinische Geschichte Teil der jeweiligen Nationalgeschichte sein sollte, transnationalisiert, würde die gemeinsame historische Matrix sichtbarer werden – eine weitere Forschungsagenda.

Die bulgarisch-rumänische „Fehde“ um das Mittelalter ist Roumen Daslakovs Beitrag zum Großthema dieses Bandes („Feud over the Middle Ages: Bulgarian-Romanian Historiographical Debates“), aber eigentlich geht es um etwas Grundsätzliches, um das Konzept der „historischen Wahrheit“. Der Appell an diese „Wahrheit“ war, wie Daskalov zeigt, politisch motiviert, meist implizit, manchmal explizit. Im bulgarisch-rumänischen Fall war es der geopolitische Zankapfel Dobrudscha, der die Debatte um das Mittelalter, um die „Ursprünge“, befeuerte. Daskalov illustriert in überzeugender Weise den Unsinn einer analytischen Trennung zwischen moderner, konstruierter Nation und primordialem Ethnos, die nichts anderes bedeutet als eine Re-Essentialisierung der Nationalgeschichte durch die Hintertür. Ethnogenese ist als ein fortwährender Prozess bis in jüngste Zeiten zu verstehen; historische „Wahrheit“ im Zeichen der Nation in fernen Zeiten zu suchen führt zwangsläufig zu einer ahistorischen Perspektivverengung.

Die Osmanen und/oder der Islam stehen ganz oben auf der Liste der Dinge, die genannt werden, wenn es darum geht, den Balkan vom Rest Europas zu unterscheiden, so eröffnet Bernard Lory sein Kapitel („The Ottoman Legacy in the Balkans“) und verweist auf die aktuelle Relevanz dieser Frage. Zweifellos jedoch ist der Balkan Europa; zweifellos hat der Balkan eine osmanische Vergangenheit; und zweifellos ist somit das osmanische Erbe ein Teil des europäischen „Schmelztiegels“ (S. 355). Lorys Kapitel ist bemerkenswert kurz, im Vergleich der drei Bände, aber er verweist auf wichtige Aspekte: zum einen die Tatsache, dass die Historiographie zentralstaatlich organisiert ist, unter häufiger Ausblendung der Peripherien, was es beispielsweise den hauptsächlich in Zagreb arbeitenden kroatischen Historikern erlaubt, die 150 Jahre osmanische Zugehörigkeit von Teilen Slawoniens und Dalmatiens aus der kroatischen Nationalgeschichte „herauszuschreiben“, nicht zuletzt mit dem Ziel, das Etikett „Balkan“ abzuwerfen. Auch in Griechenland und Serbien kannten verschiedene Landesteile unterschiedlich lange Zeiten osmanischer Herrschaft, ohne dass deren Geschichte als repräsentativ für die Nationalgeschichte gälte. Erst eine transnationale Sichtweise erlaubte eine sinnvolle, nicht durch nationalgeschichtliche Separierungen zerstückelte diachronische und synchrone Perspektive, zumal die Topoi, die die südosteuropäischen Gesellschaften bis heute beeinflussen, analoge sind: die Eroberung, der Widerstand dagegen, die Janitscharen, die Islamisierung und die Überhöhung der Kirche.

Alexander Vezenkov und Tchavdar Marinov knüpfen im Schlusskapitel an diese Überlegungen an und problematisieren den Begriff des „nationalen Erwachens“ („The Concept of National Revival in Balkan Historiographies“). Bislang gilt die „Befreiung“ von der „Fremdherrschaft“ der Osmanen als eine kaum hinterfragte Prämisse der modernen Nationalgeschichte, und zwar wiederum analog in allen ehemals osmanischen Ländern. Sie machen einmal mehr deutlich: Der Balkan würde gerade dann zu einer europäischen Region par excellence, wenn man die fragmentarisch und jeweils teleologisch angelegte nationale Geschichtsbetrachtung transnationalisierte und auch das imperiale Erbe ein „normalisierter“ Teil der eigenen Geschichte werden dürfte.

Die bislang von sogenannten Allgemeinhistorikern wohl am meisten rezipierte Südosteuropa-Historikerin, Maria Todorova [2], wird an mehreren Stellen der Trilogie konzeptuell herausgefordert, etwa mit Blick auf die erwähnte Kosellecksche „Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen“ oder „relative synchronicity“, in Todorovas Worten. Diana Mishkova hält dem eine stärkere Trennung von zeitgenössischen und ex-post epistemologischen Interpretationen entgegen – ein wichtiger Hinweis, auch wenn sich ihre Analyse schlussendlich weniger von Todorovas Argumenten unterscheidet, als sie selbst suggeriert. Tchavdar Marinov und Alexander Vezenkov widerlegen überzeugend die auch von Todorova nahegelegte Sequenz der dichotomischen Existenz von Kommunismus und (dann auch) Nationalismus in den Staatssozialismen. Und Bernhard Lorys Verweis darauf, dass erst die Überwindung exklusiver Parallelgeschichten das osmanische Erbe zu einem Teil Europas machte, ist ebenfalls eine Variation zur Konstruktion des osmanischen Balkans a là Todorova. Vielleicht war es nach knapp zwanzig Jahren tatsächlich Zeit, diesen gewichtigen Schritt in Richtung „Beyond [imagining] the Balkans“ [3] zu tun: hin zu einer empirischen Beschäftigung mit dem Balkan jenseits von Nationalgeschichten und jenseits von Orientalismus und Essentialisierungen / Exotisierungen. Insofern seien diesem auf einem ERC Advanced Grant basierenden dreibändigen Grundlagenwerk viele „westlich orientierte“ Leserinnen und Leser sowie ein intensivierter kollegialer Dialog gewünscht. Dies könnte substantiellen, inhaltlichen und methodischen, Erkenntnisgewinn für die moderne europäische (und globale) Geschichte nach sich ziehen.

Anmerkungen:
[1] Vgl. Sabine Rutar: Rezension zu: Daskalov, Roumen; Marinov, Tchavdar (Hrsg.): Entangled Histories of the Balkans. Volume One: National Ideologies and Language Policies. Leiden 2013 , in: H-Soz-Kult, 04.02.2014, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-21253>.
[2] Maria Todorova, Imagining the Balkans, New York 1997 (aktualisierte Neuauflage 2009).
[3] Sabine Rutar (Hrsg.), Beyond the Balkans. Towards an Inclusive History of Southeastern Europe, Wien 2014.

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20.07.2016
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