W. Cristaudo: Religion, Redemption, and Revolution

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Title
Religion, Redemption, and Revolution. The New Speech Thinking Revolution of Franz Rozenzweig and Eugen Rosenstock-Huessy


Author(s)
Cristaudo, Wayne
Published
Extent
624 S.
Price
€ 73,00
Rezensiert für 'Connections' und H-Soz-Kult von:
Andreas Leutzsch, The University of Hong Kong

Das anzuzeigende Buch ist 2012 bei dem Toronto University Press erschienen. Auf 627 Seiten, wovon allein 130 auf den Anmerkungsapparat und Index entfallen, beschäftigt sich Cristaudo mit dem biographischen und ideengeschichtlichen Verhältnis zwischen Eugen Rosenstock-Huessy und Franz Rosenzweig. Dies geschieht unter großzügiger Kontextualisierung der beiden Meisterdenker in der gesamten abendländischen Geistesgeschichte und unter Anschluss an ihre Anamnese der Moderne.

Zwar hat seit einigen Jahren die Forschung zu Rosenstock-Huessy etwas an Fahrt aufgenommen, aber jeder, der sich in der Geistes- und Ideengeschichte der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts auskennt, wird wissen, dass Franz Rosenzweig als Ikone jüdischen Denkens eine ungleich größere Beachtung erfahren hat, als sein christlicher Gegenpart und Lehrer Rosenstock-Huessy. So verwundert es nicht, dass es etwa das „Franz Rosenzweig Research Center for German-Jewish Literature and Cultural History“ an der Hebrew University of Jerusalem gibt sowie eine sehr aktive Forschungslandschaft, in der auch vergleichende Studien, wie etwa Peter Gordons Buch zu Rosenzweig und Heidegger [1], entstanden sind. Abgesehen von einem Tagungsband, der eine kurze vergleichende Studie von Michael Zank beinhaltet, wurde allerdings bislang das Verhältnis der beiden Meisterdenker grosso modo auf Rosenzweig konzentriert.[2]

Die Zahl der Kollegen, die sich primär mit Eugen Rosenstock-Huessy wissenschaftlich auseinandersetzen, ist nämlich relativ überschaubar. Es handelt sich vielleicht um eine Handvoll Autoren, die sich über die ganze Welt verteilt mit dem häufig übersehenen Werk des deutsch-amerikanischen Universalgelehrten auseinandersetzen. Neben Wayne Cristaudo sind sicherlich noch Knut Stünkel, Norman Fiering und ich selbst als speziell um Rosenstock-Huessy bemühte Autoren zu nennen.[3] Daneben gibt es noch einige Editionen, kleinere Einzelstudien oder Aufsätze, die hier nicht im Einzelnen genannt werden können, aber von der amerikanischen Rosenstock-Huessy Gesellschaft im Internet gesammelt werden.[4] Bei „Religion, Redemption, and Revolution“ von Wayne Cristaudo handelt es sich also um ein verdienstvolles Werk, weil es die beiden Dialogpartner Rosenstock-Huessy und Rosenzweig gleichberechtigt und ihrer Dialogik miteinander verschränkt umfassend behandelt – dies ist auch der Anspruch der Arbeit. Rosenzweigs „Stern der Erlösung“ und Rosenstock-Huessys „Kreuz der Wirklichkeit“ werden daher als aufeinander verweisend und angewiesen dargestellt.

Das Buch gliedert sich in 15 Kapitel plus Vorwort, Danksagungen, einer umfangreichen Einleitung, einer kurzen Konklusion, Nachwort, Anmerkungsapparat, Bibliographie sowie Index. Schon im Vorwort und in der Einleitung wird der von beiden Dialogpartnern vertretene Anspruch, einen Paradigmenwechsel innerhalb des modernen Denkens an sich vorzunehmen – und damit ist keineswegs nur die Etablierung einer neuen Matrix für die Philosophie oder Geisteswissenschaften gemeint – als Thema des Buchs klar umrissen. Dabei wird die grundlegende Prämisse, die Rosenstock-Huessy und Rosenzweig teilten, dass nämlich Sprache und nicht rationales Nachdenken (reason) oder Geist (mind) die Basis des Denkens (thinking) ausmache, vorgestellt (S. 1). Die religiös und sozialphilosophische Grundierung des „Neuen Denkens“, das in den weiteren Kapiteln des Buchs hinsichtlich Sprachdenken, Abgrenzung von geistesgeschichtlichen Traditionen und mit Blick auf die spezifische Kritik der behandelten Autoren (und des Autors selbst) an der Moderne entfaltet werden soll, wird also gleich zu Anfang deutlich gemacht.

Eine eigentümliche Doppelung von Vorwort und Einleitung, die jeweils über 30 Seiten lang sind, deutet schon zu Anfang des Buches ein grundlegendes konzeptionelles Problem an, das darin besteht, dass wesentliche Ergebnisse oder Thesen der Studie mehrfach angesprochen werden. Selbst, wenn man in Betracht zieht, dass das Vorwort als eine Art Zusammenfassung der Arbeit und Beschreibung des erkenntnisleitendes Interesse vorangestellt werden sollte, so ist dieses m. E. mit 34 Seiten einfach zu lang geraten. Insgesamt hätte der Autor mit etwas Disziplin zu großzügige Kontextualisierungen vermeiden können oder die Gutachter der University Press hätten ihn dazu zwingen sollen, da es der ansonsten faszinierende Studie nicht an (zu) großzügigen Assoziationsketten mangelt.

Freilich muss eingestanden werden, dass sich der Gegenstand der Untersuchung gegen eine Systematisierung sperrt und zu einer weiten Kontextualisierung und Anschlüssen einlädt. Eine Selbstdisziplinierung mittels der Verwendung einer sozialen Erkenntnistheorie à la Kuhn oder Fleck hätte sicherlich dazu beigetragen, dass nicht der eine oder andere Stamm auf jener Lichtung liegen geblieben wäre, die Wayne Cristaudo zweifellos in das Dickicht der Theorien Rosenstock-Huessys und Rosenzweigs mit dieser Arbeit geschlagen hat.

Gleichwohl behandelt Cristaudo in den Kapiteln einzelne Aspekte der Arbeiten Rosenstock-Huessys und Rosenzweigs systematisch. So wird in den ersten drei Kapiteln in die historisch-anthropologischen Grundannahmen beider Denker eingeführt. Der Dialog zwischen dem Christen Rosenstock und dem Juden Rosenzweig steht hier als Ausgangspunkt der gemeinsamen Entwicklung des Neuen Denkens und der Betonung der Sprachtheorie unter Einbezug der Abgrenzung von der philosophisch-theologischen Tradition und zeitgenössischen Denkern ähnlichen Couleurs im Vordergrund. Ausgehend von der normativen Grundierung und dem Abgrenzungs- sowie Singularitätsanspruch, der sich bei Rosenstock-Huessy zu einer Selbstbeschreibung als Marginalisierter verdichten sollte und leider von Cristaudo nicht kritisch hinterfragt wird, entfaltet der Autor die Grundannahmen der in Sprache sich verdichtenden und sich in Grammatik manifestierenden Zeit- und Raumerfahrung des Menschen als Signatur des Sozialen bei beiden Autoren.

Schon die ersten drei Kapitel zeigen also, dass die Stärke des Buches die Analysen der Theorien Rosenstock-Huessys und Rosenzweigs in ihrer dialogischen Verschränkung sind. Die Analyse erfolgt zumeist sehr erhellend und in einem gemächlichen Tempo bis es zur geistesgeschichtlichen Kontextualisierung kommt. Dann hebt der Autor buchstäblich zu Höhenflügen ab, die sich in der Syntax im Rahmen von schnellen und langen Aneinanderreihungen von Wertungen und Aussagen niederschlagen. Es ergibt sich an diesen Stellen ein Strudel von Gedanken und Assoziationen, von dem man sich teilweise gerne ein Stück mitreißen lässt – auch, weil der Autor zu dezidierten Aussagen neigt und nicht einer Objektivitätschimäre nachjagt, gegen die Rosenstock-Huessy und Rosenzweig ja anschreiben. Cristaudo ist ein für die Sache engagierter Autor und es wäre beinahe falsch, angesichts des Anspruchs des Buchs und des Untersuchungsgegenstandes – eines Denkstils, der sich gerade gegen die rationalistischen Leib-Seele- und Objekt-Subjekt-Differenzierung wendet – dem Forschersubjekt einen Mangel an Distanz zum Untersuchungsobjekt vorzuwerfen. Das „beinahe“ deutet aber an, dass ab und an etwas Distanz nicht geschadet hätte. Bei einigen der Höhenflüge verliert man als Leser den Boden aus den Augen und genau in der Bestellung eines bislang marginalen Forschungsfeldes liegt ja das eigentliche Surplus dieser Arbeit.

Allerdings profitiert auch die Behandlung der von Rosenstock-Huessy und Rosenzweig verwendenden christlichen respektive jüdischen Topoi, Typologien und Normen als Präfigurationen von Gesellschaft von dem gegenwartsdiagnostischen Kontrast zu alternativen Wertehorizonten und Ideologien heutzutage. Denn, nachdem es in den Kapitel 4-12 gewissermaßen um Rosenstocks und Rosenzweigs Konstruktion des Abendlands geht, wird in den Kapiteln 13 (mit Blick auf die „Propheten der Moderne“ Nietzsche und Marx), 14 (mit Blick auf den Islam) und 15 (mit Blick auf Islam, Konfuzianismus, Taoismus und Buddhismus) die spezifische Abgrenzung der Autoren nachvollzogen und gegenwartsdiagnostisch diskutiert. Die Gegenwartsdiagnostik besteht darin, dass die Verortung der unterschiedlichen Haltungen der Autoren zu den Weltreligionen und Rationalitätsmustern teilweise auf gegenwärtige Konfliktlinien appliziert werden. Das mag nicht immer statthaft sein, aber in der Summe überwiegt der Erkenntnisgewinn, wenn Rosenstock-Huessys Konzept der Revolution oder Rosenzweigs Stern der Erlösung nicht nur geistesgeschichtlich archiviert, sondern als lebendige Gedanken betrachtet werden. Besonders luzide sind die Stellen, in denen er auf Rosenstock-Huessys soziale Grammatik der Namen eingeht und damit dessen ganze Ontologie als Grundlage von dessen historischen Anthropologie umreißt (S. 117f).

Neben den oben schon angesprochenen konzeptionellen Problemen gibt es aber auch einige inhaltliche Punkte, die ich mit Cristaudo nicht teile. Beispielsweise hätte ich mir gewünscht, dass er mir dahingehend gefolgt wäre, die bei Rosenstockianern beliebte Kontrastierung Rosenstock-Huessys mit dem „Nazi“ Carl Schmitt und die gängige Fehldeutung des Begriffs des Politischen als Vernichtungslogik zu vermeiden (S. 77). Schmitt selbst war zu Recht der Meinung, dass die Aufhebung der Unterscheidung von Freund und Feind schließlich im eliminatorischen Totalitarismus münden kann, weil der Andere dann nicht mehr als gleichwertig erachtet wird.[5] Überdies hat Rosenstock-Huessy nicht nur „Den Begriff des Politischen“ rezensiert, sondern war bis zu seiner Auswanderung mit Schmitt eng befreundet, der wiederum dessen Revolutionsbuch durchsah.[6]

Zudem ist die Behauptung auf Seite 99, dass wohl nur Hegel der einzige Zeitgenosse gewesen sei, der Kants „Kritik der reinen Vernunft“ verstanden habe, zumindest verwunderlich. Die Metakritik Johann Georg Hamanns scheint er hier genauso vergessen zu haben, wie Elfriede Büchsels Studie zu Hamann und Rosenstock, die als Sprachdenker und Metakritiker nicht zufällig eine Familienähnlichkeit aufweisen.[7]

In der Summe mindern die angesprochenen Probleme aber nicht den Wert der Arbeit, der besonders darin besteht, dass Rosenzweig und Rosenstock-Huessy als Dialogpartner gleichberechtigt behandelt und ihr Denken mit Blick auf die Abgrenzung von verschiedenen Weltbildern besprochen werden. Wayne Cristaudo hat eine Lichtung in das Dickicht des in einer Dialogik aufeinander bezogenen Denkens von Eugen Rosenstock-Huessy und Franz Rosenzweig geschlagen, aber es bleibt noch manch ein Baumstamm für nachfolgende Forscher auf dieser Lichtung liegen. Das Buch bietet damit eine solide Grundlage und Anregungen für zukünftige Forschung.

Anmerkungen:
[1] Peter Eli Gordon, Rosenzweig and Heidegger: Between Judaism and German Philosophy, Weimar and Now, UCP: Oakland 2003.
[2] Michael Zank, Zehn Bemerkungen zum ‘Stern’ als Rosenzweigs ‘Antwort’ auf Rosenstocks ‘Kreuz der Wirklichkeit’” in: Hartwig Wiedebach (Hrsg.), “Kreuz der Wirklichkeit” und “Stern der Erlösung” Die Glaubens-Metaphysik von Eugen Rosenstock-Huessy und Franz Rosenzweig, Freiburg 2010, S. 135-148.
[3] Vgl. u.a.: Knut Stünkel (Hrsg.), Ins Kielwasser der Argo (Schriftenreihe der Herforder Akademie, Bd. 2) 2012; Norman Fiering, http://understandingerh.net/, zuletzt online: 30.09.2014; Andreas Leutzsch, Die Geschichte der Globalisierung als globalisierte Geschichte, Die historische Konstruktion der Weltgesellschaft bei Rosenstock-Huessy und Braudel (Forschung, Vol. 941) Frankfurt/New York 2009.
[4]http://www.erhsociety.org/publications/, zuletzt online: 30.09.2014.
[5] Vgl. u.a.: Carl Schmitt, Donoso Cortés in gesamteuropäischer Interpretation, Vier Aufsätze, 2. Aufl., Berlin 2009, S. 110-112 (1. Aufl. 1950).
[6] Leutzsch; Geschichte der Globalisierung, S. 60-61.
[7] Elfriede Büchsel, Das verlässliche Wort, Eugen Rosenstock-Huessy und Johann George Hamann, Neue Zeitschrift für systematische Theologie und Religionsphilosophie, XLII,. 1 (2000), S. 32-42.

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24.10.2014
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Diese Rezension entstand im Rahmen des Fachforums 'Connections'. http://www.connections.clio-online.net/
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