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Title
Studio Moskau. Westdeutsche Korrespondenten im Kalten Krieg


Author(s)
Metger, Julia
Published
Paderborn 2016: Ferdinand Schöningh
Extent
288 S.
Price
€ 39,90
Reviewed for Connections. A Journal for Historians and Area Specialists by
Jörn Happel, Departement Geschichte, Universität Basel

Im Kalten Krieg kam den Moskauer Auslandskorrespondenten eine besondere Rolle zu. Sie sollten „die Lage in der Sowjetunion entschlüsseln“ (S. 7). Julia Metger informiert in ihrer Berliner Dissertation darüber, wer diese einflussreichen Autorinnen und Autoren waren, die den Bundesbürgern aus dem Studio Moskau die sowjetische Gesellschaft erklärten. Ganz gleich ob Hermann Pörzgen, Fritz Pleitgen oder Gerd Ruge, allesamt waren sie „eigenwillige Persönlichkeiten“ (S. 31). Bislang wussten wir wenig über ihre Arbeitsweisen und ihre internationalen Kontakte. Diese Forschungslücke schließt Julia Metger jetzt mit ihrer auf einer sehr großen Quellen- und Interviewbasis fußenden Studie. Es entsteht in neun Kapiteln ein plastisches Bild „von formellen und informellen, absichtlichen und unwillkürlichen, politischen und alltäglichen Interaktionen und Interferenzen an der Schnittstelle Moskau“ (S. 17) zwischen 1955 und den 1970er-Jahren. Die mikro-, alltags- und mediengeschichtliche Analyse leistet einen wichtigen Beitrag zur Erforschung des Ost-West-Konflikts.

Auch wenn das Interesse der westdeutschen Politik an inner-sowjetischen Belangen vor allem nach Stalins Tod 1953 groß war, so ging die Initiative doch von der Sowjetunion aus: Die Prawda wollte ihren Journalisten Pawel Naumow nach Bonn entsenden. Im Gegenzug sicherte die sowjetische Regierung die Akkreditierung deutscher Korrespondenten in Moskau zu. Zu dieser Zeit, Anfang 1955, saß der ehemalige Korrespondent der „Frankfurter Zeitung“ Hermann Pörzgen immer noch in sowjetischer Haft. Von 1937 bis 1941 hatte Pörzgen aus Moskau berichtet. 1945 als angeblicher Spion in der Sowjetunion zu 15 Jahren Haft verurteilt, bemühte er sich kurz nach seiner Freilassung im Oktober 1955 um die Rückkehr als FAZ-Korrespondent nach Moskau. Dies gelang ihm bereits 1956. Vor Ort kämpfte er um seine Rehabilitierung. Sein Wunsch war, „die eigene Ehre vor der Sowjetunion und der Gerechtigkeit wiederherzustellen“.[1] Ihm, Bernd Nielsen-Stokkeby, Klaus Mehnert und Gerd Ruge widmet Julia Metger eingangs kurze biographische Abschnitte. Unklar bleibt, warum nur diese vier Männer eingeführt werden, zumal Pörzgen später noch einmal ausführlicher charakterisiert wird (S. 103–106). Auch wirkt die Rezeption der Literatur hier bisweilen oberflächlich: Gerade zu Klaus Mehnert gibt es umfangreicheres und zuverlässigeres Wissen als den von Metger herangezogenen Wikipedia-Artikel (S. 243, Anm. 92).

Gerd Ruge ist von den Portraitierten vielleicht die interessanteste Figur, denn er kam im Gegensatz zu seinen älteren Kollegen erstmals nach Moskau. Intensiv hatte sich der junge Journalist auf die sowjetische Hauptstadt vorbereitet. Vor Ort nützte das nur bedingt, denn in Moskau herrschte bis zum März 1961 die Zensur – für Ruge eine „reine Glückssache“ –„man könne nie voraussagen, wie die Zensur reagiere“ (S. 42). Tatsächlich empfahl ein Zensor sogar die Ausweisung Ruges, weil er angeblich nicht die Wahrheit berichte.

Erst nach dem Ende der Zensur wurde das Arbeiten selbstbestimmter: Nun konnten die Korrespondenten ihre Berichte telefonisch übermitteln und standen nicht mehr stundenlang nervös im Telegrafenamt. Die Angst, ausgewiesen zu werden und das Gefühl der Isolation blieben jedoch bestehen. Deswegen interpretierten die Journalisten die Vorgänge in der Sowjetunion vorsichtig. Vor allem Pörzgen zeichnete sich durch Zurückhaltung aus, während seine Heimatredaktion in Frankfurt am Main die Kommentierung der politischen und weltanschaulichen Fragen übernahm. Metger zeigt anschaulich, wie schwer es war, den sowjetischen Medien relevante Informationen zu entnehmen. So hatte Pörzgen 1957 festgehalten, die Journalisten gelangten aus dem „Leeren“ zu Schlussfolgerungen (S. 74). Im Wettstreit mit allen anderen westlichen Berichterstattern versuchte man, „journalistische Scoops“ (S. 85) zu landen. Jede Äußerung einer staatlichen Institution wurde ausgewertet, man versuchte, aus Plakaten, Parolen oder Tribünenaufstellungen Schlussfolgerungen zu ziehen. Dabei kam es vielfach zu Fehlinterpretationen, aus denen bisweilen auch Verwerfungen auf diplomatischer Ebene erwachsen konnten. Angesichts des Mangels an Informationen und der Unsicherheit des Kalten Krieges war den Korrespondenten die Aufmerksamkeit zuhause dennoch sicher. Die Heimatredaktionen griffen begierig alles auf, was sie aus Moskau geschickt bekamen.

Im Laufe der 1960er-Jahre setzte sich bei den Korrespondenten die Einsicht durch, dass „die sowjetische Gesellschaft bei Weitem nicht so einheitlich war, wie es vorherrschende Postulate vom atomisierten Individuum“ nahelegten (S. 91). Insbesondere die Intelligenzija vertrat eigene Meinungen, und dementsprechend war Vertrauensaufbau gefragt. Freundeskreise entstanden, aber immer wieder suchten die Korrespondenten auch Gespräche mit „normalen Leuten“ auf der Straße oder mit ihren Hausmädchen, Sekretärinnen und Fahrern. Ebenso neugierig fragten die Sowjetbürger umgekehrt die westlichen Journalisten über ihr Leben aus.

Im Vorfeld der Neuen Ostpolitik bauten ARD und ZDF Studios in Moskau auf. Die Fernsehbilder erweiterten den Blick der westdeutschen Öffentlichkeit auf die Zustände in der Sowjetunion. Fritz Pleitgen drehte 1972 eine viel beachtete Sibirien-Reportage. Sie steht am Anfang zahlreicher filmischer Reiseberichte durch Russlands Osten, die seitdem von beinahe allen Korrespondenten vorgelegt worden sind und eine Begeisterung für Sibirien entfachten. Schon zwei Jahre zuvor hatte der Moskauer Vertrag zwischen der Bundesrepublik und der Sowjetunion den Journalisten Auftrieb gegeben. Pleitgen zeigte sich im November 1970 zuversichtlich: „Generell ist die Atmosphäre gut, zum Teil sogar freundschaftlich.“ (S. 185) Probleme mit den sowjetischen Stellen blieben aber nie aus.

Mitte der 1970er-Jahre fand im Studio Moskau der Generationenwechsel statt. Kontinuierlich wurden zudem in den unterschiedlichen Büros der Fernsehanstalten und Zeitungen mehr Mitarbeiter eingestellt. Dass Metger ihren Untersuchungszeitraum hier enden lässt, ist kein Zufall: Gab es in den ersten Jahren noch eine Art Zusammengehörigkeitsgefühl der Korrespondenten, so war dies spätestens mit dem Beginn der 1970er-Jahre nicht mehr so eindeutig. Zu viele Menschen berichteten über die unterschiedlichsten Dinge. Hinzu kamen direkte Überspielleitungen, die den Absatz an Meldungen beschleunigten.

Ein großes Verdienst der Studie liegt in der Einbettung der westdeutschen Studios in die internationale – hier die US-amerikanische – Berichterstattung aus der sowjetischen Hauptstadt. Leider ist dieser Perspektivenwechsel im Buch bisweilen sprunghaft und dadurch etwas irritierend. Wo Aussagen deutscher Journalisten fehlen, werden amerikanische Zeugnisse herangezogen. Die Westdeutschen hatten aber ganz andere biografische Hintergründe als die Amerikaner und sie stellten auch eine vergleichsweise kleine Gruppe dar. Dieser Unterschied wird nicht immer deutlich gemacht.

Auch wenn man sich bisweilen eine bessere Leserführung, ein ausführlicheres Buchregister und einige Fotografien gewünscht hätte, ändert dies nichts daran, dass es sich bei „Studio Moskau“ um ein sehr informatives Buch handelt. Es bleibt zu hoffen, dass es weitere Arbeiten zu den Moskau-Korrespondenten inspirieren wird, zu deren Biografien immer noch zu wenig bekannt ist.

Warum war und ist Moskau so anziehend? Während des Kalten Kriegs entwickelte sich die sowjetische Hauptstadt zu einem Karrieresprungbrett für „mutige Journalisten und Abenteurer“ (S. 225). Heute ist diese Aura zwar verloren gegangen, doch die Fragen an die Korrespondenten gleichen jenen des Kalten Krieges: Wer lenkt die Politik; wie leben die Menschen; wie kann man das „wahre“ Russland beschreiben?

Anmerkung:
[1] Vgl. die Eingabe Pörzgens an die Hauptstaatsanwaltschaft der UdSSR vom 12. April 1957: V. S. Christoforov u.a. (Hrsg.), Tajny diplomatii Tret’ego Rejcha. Germanskie diplomaty, rukovoditeli zarubežnych voenych missij, voennye i policejskie attaše v sovetskom plenu, dokumenty iz sledstvennych del 1944–1955, Moskva 2011, S. 419–422, Zitat: S. 419.

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27.10.2016
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