M. North: Zwischen Hafen und Horizont

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Title
Zwischen Hafen und Horizont. Weltgeschichte der Meere


Author(s)
North, Michael
Published
München 2016: C.H. Beck Verlag
Extent
340 S.
Price
€ 19,95
Reviewed for Connections. A Journal for Historians and Area Specialists by
Klaus Weber, Kulturwissenschaftliche Fakultät, Europa-Universität Viadrina, Frankfurt an der Oder

Die Meere sind in der deutschsprachigen Geschichtsschreibung lange vernachlässigt worden, aber in den vergangenen Jahren stärker in den Fokus gerückt – nicht zuletzt unter dem Eindruck von Globalisierungsprozessen. Immerhin wird weiterhin der Löwenanteil des interkontinentalen Handels per Schiff abgewickelt. Allein dies ist ein wichtiger Faktor für jede Exportnation, und so eröffnete das Deutsche Historische Museum in Berlin im Sommer 2018 mit Förderung von Seiten des Bundes eine große Sonderausstellung „Europa und das Meer“. Neben dem obligatorischen Ausstellungskatalog erschien dazu ein wissenschaftlicher Begleitband, herausgegeben von Jürgen Elvert und Martina Elvert: „Agenten, Akteure, Abenteurer“.[1] Die „Meere und Ozeane“ waren zudem der Schwerpunkt des DFG-Wissenschaftsjahres 2016/17. Auch im ohnehin stärker maritim orientierten Westeuropa ist das Interesse am Thema wieder gewachsen. Das von Christian Buchet und Gérard Le Bouëdec herausgegebene große vierbändige Sammelwerk „La Mer dans l'histoire“ erschien 2017 zugleich in französischer und in englischer Fassung.[2] Neben solchen Gesamtdarstellungen sind Bücher zu bestimmten Aspekten, etwa zu Häfen und Hafenstädten, noch häufiger.[3] In diesen breiteren Zusammenhang ist auch Michael Norths Monografie einzuordnen.

„Eine Weltgeschichte der Meere“ zu schreiben, ist für einen Einzelnen freilich eine Herausforderung, insbesondere was die angemessene Abdeckung des Gegenstandes in seiner Breite angeht. Ein Team von Autor/innen sollte im Zusammenspiel eine breitere Expertise einbringen können, allerdings birgt diese Herangehensweise auch das Risiko von konzeptionellen, inhaltlichen oder begrifflichen Inkohärenzen. Um es vorwegzunehmen: Michael North hat die mit der Alleinautorschaft einhergehende Herausforderung sehr gut bewältigt. Sein Buch folgt einer chronologischen und zugleich regionalen Systematik, in der er die Epochen und Weltregionen in erforderlicher Breite behandelt. Es beginnt mit einem Kapitel zum Mittelmeer, an dessen Rändern die ersten für Europa prägenden Thalassokratien entstanden – über Küsten und Inseln verstreute Gebiete, „die mit Hilfe der Seefahrt zusammengefügt [wurden] und damit einen bestimmten Herrschaftsraum“ bildeten (S. 22): die Herrschaftsräume der Phönizier, der Griechen und der Römer. Insofern leugnet das Buch seine eurozentrische Perspektive nicht. Es folgen Kapitel zu dem von den Wikingern durchdrungenen Raum zwischen Nord- und Ostsee und Schwarzem Meer, zur Bedeutung der südasiatischen Küstenmeere zur Zeit Marco Polos (13. Jahrhundert), zu dem arabischen Weltreisenden und Kartografen Ibn Battuta (14. Jahrhundert) und dem chinesischen Gesandten und Seefahrer Zheng He (frühes 15. Jahrhundert), zum venezianisch und genuesisch beherrschten Mittelmeer der Renaissance, zur hansisch beherrschten Ostsee, zur Erschließung des Indischen Ozeans für den portugiesischen und niederländischen Handel, und schließlich zur Europäischen Expansion über den Atlantik und in den Pazifik. Zu jedem der aufeinander folgenden Zeitabschnitte wird also diejenige Weltregion in den Blick genommen, in der maritime Aktivitäten sich gerade besonders verdichteten. Es folgt dann ein Kapitel zur Globalisierung seit dem Umbruch vom Segel- zum Dampfschiff, das mehr als die vorigen Teile erdumspannend angelegt ist. Der Band schließt mit einem Kapitel zu den Gefährdungen der Meere durch intensive Befahrung, durch Tourismus, Überfischung, Rohstoffgewinnung und Verschmutzung. So bietet er ein geografisch mäanderndes, aber durchgehendes Narrativ, das auch ein nichtwissenschaftliches Publikum anspricht.

Hier wäre auch die einzige Kritik anzubringen: Eine bedeutende Phase außereuropäischer Seegeschichte, die maritime Expansion Chinas unter der späten Tang- und der Song-Dynastie (9.–13. Jahrhundert), ist in diesem Narrativ nur ganz knapp angeschnitten (S. 71). Weil die Verbindungen über die Seidenstraße ab dem 9. Jahrhundert durch Eroberer aus dem Norden lange unterbrochen waren, wich der Fernhandel auf die Seewege bis ins Rote Meer aus, wodurch China zur größten und technisch fortschrittlichsten See(handels)macht wurde, auch dank vieler arabischer und persischer Kaufleute in seinen Häfen.[4] Der Grund für die Auslassung dieser Phase könnte darin liegen, dass ihre Einbeziehung das Narrativ ein wenig verworren hätte. Aber da Michael North den europäischen Blick in vielen anderen Kapiteln kräftig re-orientiert, ist sie zu verschmerzen.

Von den Phöniziern über Griechen, Römer, Araber und Hanseaten bis zu den kolonialen Seemächten der Frühmoderne hat der Autor durchgängig die eigentliche Triebkraft aller maritimen Expansion im Blick, den Fernhandel. Allein über Herkunft und Bestimmungsorte vieler Handelswaren macht North die Handelsgeografie der immer dichter vernetzten Welten anschaulich: Gewürze und Baumwollstoffe aus Südasien; Kupfer aus Zypern (später aus Oberungarn und Schweden); griechischer und italienischer (später auch französischer und iberischer) Wein; Getreide aus Sizilien und Nordafrika (später auch aus Ostelbien); Elfenbein, Araberpferde und indische Elefanten; Tee, Seide, Kampfer und Keramik aus China; und schließlich Silber, Zucker, Kakao, Tabak, Farbhölzer etc. aus Amerika. Mit der Verschiffung von Sklaven aus dem Schwarzmeerraum, aus Gallien und später auch aus Westafrika sowie mit dem im 19. Jahrhundert einsetzenden Strom von Vertragsarbeitern aus Südasien in die Plantagenregionen im Indik und Pazifik und in den Amerikas geht North auf die Verschränkung von Arbeits- und Migrationsregimen ein. Sie wären ohne zuverlässige Seeverbindungen undenkbar gewesen.

Der Autor hat aber auch weitere Dimensionen der maritimen Welten im Blick: europäische, indische und chinesische Schiffbautechniken und Takelagen; die zwischen Mittelmeer, Ostafrika und Südasien gespannten Netzwerke jüdischer und muslimischer Kaufleute; die hybriden Identitäten der Menschen in diesen maritimen Räumen. Besonders anschaulich wird das zum Beispiel bei den muslimischen und christlichen Männern und Frauen, die von 1450 bis 1850 zu Hunderttausenden von Freibeutern der jeweiligen Gegenseite entführt wurden, vor allem über das Mittelmeer. Viele konnten freigekauft werden, aber so manche der an die maghrebinischen Küsten oder nach Istanbul entführten Christinnen und Christen assimilierten sich auch und machten nach der Konversion teils erstaunliche Karrieren.

Ein besonderes Verdienst des Buches liegt darin, den Blick weit über den atlantischen Raum hinaus zu weiten. Insbesondere dem breiteren deutschsprachigen Publikum ist die enorme Bedeutung der asiatischen Waren und der asiatischen Seehändler im Welthandel bis um 1800 noch immer verstellt, vor allem durch den Fokus auf den näherliegenden atlantischen Raum. Umso bedeutender ist es, dass der Autor die Leser/innen in seinem Kapitel „Indischer Ozean“ weit über den eurozentrischen Horizont hinausführt. Dort drangen Europäer in einen bereits sehr regen fremden Seehandel ein und mussten in den vorhandenen Strukturen und auf den existierenden Märkten ihre Nischen finden und ausbauen. Sie trieben Handel mit in Indien ansässigen Armeniern und Sefarden, mit auf Java etablierten Chinesen, mit Malaien, Arabern, Tamilen und anderen mehr.

Eine weitere Stärke dieser „Weltgeschichte der Meere“ liegt darin, dass sie sich nicht auf den Raum „zwischen Hafen und Horizont“ beschränkt, sondern auch die Wechselwirkungen zwischen Meeren und tiefen Hinterländern aufzeigt. Dabei lenkt North den Blick selbst in der westlichen Hemisphäre auf bislang wenig bekannte Regionen, etwa das langlebige Handelsreich der nordamerikanischen Comanchen, das wesentlich auf Zucht und Handel mit Pferden und auf Waffen- und Pelzhandel beruhte. Die Comanchen vermittelten dabei zwischen Spaniern in Florida, Franzosen in Louisiana und Briten in Carolina.

Mit immer wieder eingeschobenen Abschnitten zur kontinuierlichen Entwicklung von Navigation und Kartografie, der dafür wesentlichen Astronomie, der praxisorientierten Schifffahrtsmanuale und Seekarten, der Ethnografie und Biologie eröffnet das Buch auch Einblicke in eine global vernetzte Wissensgeschichte – man denke nur an Charles Darwins Weltumsegelung. Dabei berücksichtigt es, und sei es sporadisch, auch außereuropäisches Wissen, etwa nautische Kenntnisse im pazifischen Raum.

Selbst die gewichtigen vier Bände von Buchet und Le Bouëdec weisen größere Lücken bzw. Ungleichgewichte auf als das kompakte Buch von Michael North. Dies gilt vor allem für Buchets und Le Bouëdecs vierten Band, der sich fast ganz auf die maritime Militärgeschichte des 20. Jahrhunderts beschränkt. Die Containerisierung findet darin zum Beispiel nicht statt. Und während North auch auf die jüngsten verstörenden Entwicklungen auf dem für Europa historisch bedeutendsten Seegewässer eingeht – der Flucht von Hunderttausenden über das Mittelmeer – findet dies etwa in dem Sammelband von Jürgen und Martina Elvert keine Erwähnung.

Michael Norths Buch ist sehr gut lesbar, auch weil es immer wieder zwischen Makro-, Meso- und Mikroebenen wechselt und dabei einzelnen Akteuren eine Stimme gibt. Es ist mit Anmerkungsapparat und einer Auswahlbibliografie versehen. Das Werk ist als Überblicksdarstellung und als Einführung für ein akademisches wie für ein nichtakademisches Publikum unbedingt zu empfehlen.

Anmerkungen:
[1] Jürgen Elvert / Martina Elvert (Hrsg.), Agenten, Akteure, Abenteurer. Beiträge zur Ausstellung „Europa und das Meer“ am Deutschen Historischen Museum Berlin, Berlin 2018.
[2] Christian Buchet / Gérard Le Bouëdec (Hrsg.), La Mer dans l'histoire, 4 Bde., Woodbridge 2017; dies. (Hrsg.), The Sea in History, 4 Bde., Woodbridge 2017.
[3] Christina Reimann, Rezension zu: Brad Beaven / Karl Bell / Robert James (Hrsg.), Port Towns and Urban Cultures. International Histories of the Waterfront, c.1700-2000, London 2016, in: H-Soz-Kult, http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2017-3-091 (08.02.2019).
[4] Ronald Findlay / Kevin H. O'Rourke, Power and Plenty. Trade, War, and the World Economy in the Second Millennium, Princeton 2007, S. 61–66; L. J. C. Ma, Commercial Development and Urban Change in Sung China (960-1279), Ann Arbor 1971.

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Published on
08.03.2019
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