A. Fischer-Tahir u.a. (Hrsg.): Disciplinary Spaces

Cover
Titel
Disciplinary Spaces. Spatial Control, Forced Assimilation and Narratives of Progress since the 19th Century


Herausgeber
Fischer-Tahir, Andrea; Wagenhofer, Sophie
Anzahl Seiten
300 S.
Preis
€ 39,99
Rezensiert für 'Connections' und H-Soz-Kult von:
Andreas Weiß, Helmut-Schmidt-Universität - Universität der Bundeswehr Hamburg

Nicht nur in den Politikwissenschaften wird zentral über die Kontrolle von Raum respektive Territorium als Bedingung für die Herausbildung moderner Staatlichkeit nachgedacht, vielmehr lädt das Thema zu Beiträgen aus verschiedenen Fächern ein. Die vielfachen Querverweise im Band zeigen die enge Zusammenarbeit von Herausgeber_innen und und Autor_innen in dem hier vorzustellenden Sammelbandes, der auf einer Londoner Tagung von 2017 basiert [1]: Die Artikel beschäftigen sich mit diesem Prozess sozusagen von der Gegenseite: den Ausgegrenzten, „Randständigen“, überspitzt gesagt, den Verlieren von Modernisierungsprozessen und Nationalstaatsbildungen nach vermeintlich westlichem Vorbild. Der Sammelband folgt einer historisierenden und international vergleichenden Perspektive, die Beispiele reichen von Debatten über „Zigeuner“ seit dem 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart, wobei der Schwerpunkt auf der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts liegt, von den Indianern Nordamerikas über die Situation der Nubier im Sudan bis hin zu den australischen Aborigines. Geographisch sind drei Schwerpunkte erkennbar: Ostafrika, wenn man den Sudan hier einordnet, die Amerikas und Irakisch-Kurdistan sowie je ein Beispiel zu Zentralasien (dem Fergana-Tal) und dem deutschsprachigen Raum.[2] Die insgesamt zehn Artikel sind in vier thematische Blöcke eingeordnet: 1) Into the East, into the West: Spatial Control and Property Relations; 2) Settlement Schemes and Development Dreams; 3) Spatial Control, Knowledge and the ‚Other‘; und 4) Disciplinary Spaces as Counterinsurgancy – Encountered and Countering. Der Band schließt mit einem Resümee und kritischen Kommentar von Matthew Hannah, der auch als integrierte Rezension des Bandes gelesen werden.

Eine Dominante aller Themen, und damit der in der Einleitung formulierten Programmatik folgend, ist der Kontrast zwischen physischer Umsiedelung und Konzentration zwecks wie auch immer gearteter Modernisierungsversprechen, die potentiell durchaus auf die Zustimmung der Bevölkerung treffen können (wie in dem Artikeln zum Sudan, aber auch zu den frühen Umsiedelungsversuchen in Irakisch-Kurdistan), und reinen Zwangsumsiedelungen zur Unterdrückung und Vernichtung. Auch wenn einige Autoren, wie Karin Mlodoch und Anika Oettler für ihre Beispiele aus dem irakisch-kurdischen Raum Kontinuitäten oder graduelle Übergange beschreiben, scheint mir dies eine wichtige Differenz zu dem im Titel betonten Aspekt der „Zwangsassimilierung“. Die größere Bandbreite vom Umsiedlungsvorgängen, die der Band vorstellt, hätte stärker herausgearbeitet werden können. Allen Artikeln ist gemeinsam, dass sie die sozialen Verwerfungen in den Vordergrund rücken, die durch diese Prozesse initiiert werden.

Immer wieder schließen die AutorInnen an klassische Theoriedebatten an. Vor allem Michel Foucaults Konzeption der Bedeutung der Kontrolle über und von Körper im frühmodernen Staatsbildungsprozesses wird immer wieder produktiv genutzt. Es ließen sich zahlreiche weitere Beispiele nennen, auch im europäischen Raum, wie die aktuelle Situation der Krimtataren.
Viele der Beispiele und „Ideen“ kommen einem wieder bekannt vor, seien es die aldeas modelos im Guatemala der 1980er Jahre und die Errichtung von Umerziehungslagern in China heute, die so nur für die bedrohlichen Minderheiten existieren, während die „eigene“ Bevölkerung „nur“ karzeliert wird. Oder die großen Umsiedlungs- und Dammprojekte, die nicht nur im Sudan, sondern auch in Lateinamerika populär sind – man denke nur an Brasiliens Präsident Bolsonaro und den Amazonas. Insofern trägt der Sammelband zur Historisierung einer Debatte bei, die in der Gegenwart (wieder) geführt wird. Immer wieder fallen die Parallelen zwischen diesen Fallbeispielen auf, nicht nur wegen des thematischen Zuschnitts. Die Verbindung von territorialer Kontrolle und Staatsbildung ist zu einem scheinbar universell exportierbaren Modell des westfälischen Staates geworden – warum dieser Export oft scheitert wird in den Fallbeispielen allerdings nur gelegentlich diskutiert.[3]

Hier wäre auch die Frage anzuschließen, ob nicht die Konzentration, sprich die Verwendung eines theoretischen Modells, Vergleiche zwischen den Befunden der Artikel erlaubt und damit geholfen hätte, die Frage nach der Funktion der räumlichen Kontrolle besser herauszuarbeiten. Zwar stützen sich viele Autoren auf Foucault, doch ist bei diesem der Territorialbildungsprozess nur eine historische Bedingung, sein wesentliches Erkenntnisinteresse liegt auf anderen Aspekte der Sozialdisziplinierung.[4] Vielleicht wäre hier der Bezug zu Pierre Bourdieu oder Anthony Giddens, die sich stärker an der klassischen Moderne abarbeiten, hilfreich gewesen; was allerdings der Festlegung auf ein theoretisches Modell widerspricht. Oder man wendet sich hier gleich Theoretikern wie Anibal Quijano zu, die die Übertragung eurozentrischer Perspektiven auf den außereuropäischen Raum kritisch hinterfragen und die Überwindung der Coloniality of Power fordern.[5] Dieser Vorwurf richtet sich allerdings weniger an die Herausgeberinnen, die dieses Spannungsverhältnis in ihrer Einleitung thematisieren, sondern zeigt sich in der Schwäche einiger Artikel, die den Prozess der räumlichen Kontrolle oder Relokation quasi voraussetzen und nicht in seinen theoretischen Bedingungen und Konsequenzen diskutieren.

Ein Aspekt der nur am Rande auftaucht, aber für die Debatten und unseren Blick auf diese Phänomene von zentraler Bedeutung ist, betrifft die globale Wahrnehmung dieser Probleme, wie der Relokation von Minderheiten oder wieder zunehmende Territorialisierungsbestrebungen von Staaten. Solidarisierung medial unterstützter Kampagnen mit dem „globalen Süden“, die diese Entwicklungen in das Bewusstsein des „Westens“ bringen wollen, existieren in Dauerform spätestens seit den 1960er Jahren – daher müsste auch ihre Erfolglosigkeit Gegenstand einer Untersuchung werden. China wird die derzeitige Internierungspolitik in dieser Form nicht beenden, wenn der „Westen“ vor allem am ökonomischen Austausch interessiert ist und dieser vor allem muslimischen Minderheiten selbst als Sicherheitsrisiko definiert.

Trotz dieser Einwände handelt es sich um einen facettenreichen Sammelband, der spannende Analysen zu einem wichtigen Thema vereint. Er ist, ganz im Sinne von Hannahs Schlusswort, ein wertvoller Anstoß zur weiteren kritischen Auseinandersetzung mit diesen (und weiteren) Räumen und Geschichten, denn das Thema ist höchst aktuell.

Anmerkungen:
[1] Die Herausgeberinnen betonen die sehr lobenswerte Wertschätzung kollaborativen Forschens. Dass diese Forderung aufgeht, zeigen Querverweise wie in dem Artikel von Karin Mlodoch auf den Seiten 264-265.
[2] Diese räumliche Zuordnung spiegelt die Forschungsinteressen der Herausgeberinnen wieder; aus Sicht eines Historikers hätte man sich hier weitere historische Beispiele oder Bezüge, auch aus den genannten Regionen gewünscht; Forschungen zum osmanischen und russländischen Imperium existiert ja, zum Beispiel Michael Khodarkovsky, Russia‘s Steppe Frontier. The Making of a Colonial Empire, 1500-1800, Bloomington 2002; Sally Cummings / Raymond Hinnebusch (Hrsg.), Sovereignty after Empire. Comparing the Middle East and Central Asia, Edinburgh 2011.
Anzumerken wäre in diesem Kontext auch, dass die gesamte neuere Forschung zu Lagern als Instrument kolonialer Unterwerfungspolitik hier anscheinend nicht berücksichtigt wurde. Zwar untersucht diese weiterhin die Sicht von „oben“ - im Gegensatz des Fokus dieses Bandes, doch wurde auch hier immer wieder das Widerstandspotential verhandelt; verwiesen sei nur auf die Kriege auf Kuba und den Philippinen 1898.
[3] Hier wäre zum Beispiel auf Untersuchen zu verweisen, die die Grenzen der Exportfähigkeit, aber auch des Vergleichs aufzeigen, zum Beispiel Michael Riekenberg, Geteilte Ordnungen. Eine Geschichte des Staates in Lateinamerika, Frankfurt am Main 2017.
[4] Eine ähnliche Kritik wird auch in Hannahs Intervention am Ende des Bundes vorgebracht; siehe dort S. 292. Allerdings scheint mir die Kritik am Titel etwas weit herbeigeholt, wenn man die heutzutage starke Einflussnahme der Verlage auf diese berücksichtigt.
[5] Einführend zum Beispiel in Anibal Quijano, Colonity and Power, Eurocentrism and Latin America, in: Nepantla. Visions from the South 1 (2000), 3, S. 533-580.

Redaktion
Veröffentlicht am
06.09.2019
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Diese Rezension entstand im Rahmen des Fachforums 'Connections'. http://www.connections.clio-online.net/