A. Michaelis-König (Hrsg.): Auf den Ruinen der Imperien

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Title
Auf den Ruinen der Imperien. Erzählte Grenzräume in der mittel- und osteuropäischen Literatur nach 1989


Editor(s)
Michaelis-König, Andree
Published
Berlin 2018: Neofelis Verlag
Extent
240 S.
Price
€ 25,00
Rezensiert für 'Connections' und H-Soz-Kult von:
Nina Weller, Europa-Universität Viadrina

Wie kaum eine andere europäische Region wurde Mittel- und Osteuropa in den letzten Jahren zum Terrain kultureller Wiederentdeckungen und geschichtspolitischer Projektionsflächen. Zahlreiche Publikationen widmen sich der wechselvollen (trans)nationalen Verflechtungs- und Gewaltgeschichte Mittel- und Osteuropas und seinen (Neu)Verortungen zwischen regionalen und globalen Herausforderungen.[1] Die Faszination für die Heterogenität in den vielvölkerreichen Peripherien der ehemaligen Imperien wie Galizien, die Bukowina, die Karpaten, die Prypjatregion, die Walachei, das Banat u.a. ging einerseits mit neuen Impulsen für eine „Relektüre [dieser] Territorien“[2] jenseits alter Stereotype und Orientalismen einher. Vor dem Hintergrund der politischen Umwälzungen der letzten Jahre haben wir es andererseits aber nicht selten auch mit geschichtsideologisch überfrachteten und nostalgisch abgenutzten Mythisierungen der mittel-osteuropäischen Regionen zu tun, von denen auch geisteswissenschaftliche und literarische Texte nicht immer frei sind.

Der von Andree Michaelis-König herausgegebene Band sticht hier aus drei Gründen bereichernd hervor: Erstens richtet er seine Aufmerksamkeit auf die häufig immer noch unterbelichtete kulturelle Verflechtungsgeschichte und leitet daraus zurecht die Notwendigkeit anderer flexibler Beschreibungskonzepte ab. Zweitens werden ebensolche in Kunst und Literatur als Austragungsorte für jene Grenz- und Übergangsräume dingfest gemacht, die Karl Schlögels Plädoyer zufolge, den eigentlichen „Reichtum Europas“[3] darstellen. Dass die spezifischen Sensibilisierungsmöglichkeiten der literarischen Darstellung als Desiderat in einem von imperiums-, gewalt- und gesellschaftsgeschichtlicher Perspektive dominiertem Forschungsfeld verstanden werden, ist ein gewinnbringender, wenn auch nicht ganz neuer, Ausgangspunkt des Bandes. Drittens fällt die Gestaltung des beim Berliner Neofelis Verlag erschienen Bandes positiv auf: das schlanke Format, die überschaubare Länge der insgesamt elf Beiträge, der Verzicht auf wuchernde Kommentar- oder Bibliographieapparate wie auch die dezenten Einlassungen von drei historischen Karten als illustrierende Deckblätter der Buchteile machen die Lektüre zum aufschlussreichen Lesevergnügen.

Die dreiteilige Gliederung folgt dem Vorhaben des Herausgebers, die „erzählten Grenzräume“ in den mittel- und osteuropäischen Literaturen nach dem Zerfall der großen Imperien des 20. Jahrhunderts zu erkunden. Leitend ist der Anspruch, Literatur und Kunst als „Stätten“ ernst zu nehmen, „an denen sichtbar und erfahrbar wird, was in der politischen Realität unkenntlich gemacht wurde“ (S. 9). So beschäftigen sich die Beiträge aus unterschiedlichen Perspektiven mit nach 1989 erschienen literarischen Werken von polnisch-, ukrainisch-, belarussisch-, deutsch- oder ungarischsprachigen Autoren, in denen die Aushandlungen der (konflikt)reichen neben- und miteinander existierenden multiethnischen und -religiösen (Lebens)zusammenhänge auch als Ausdruck gegenwärtiger europäischer Befindlichkeiten verhandelt werden. Einen besonderen Blick werfen die Beiträge auf die poetologische Reflexion des Schreibens in postimperialen Grenzräumen im Horizont postmoderner Begrifflichkeiten und postkolonialer Theorien: Peripherien, (Nicht)Orte, Zwischenräume, die Wiederentdeckung vergessener Plätze oder verschütteter Erinnerungslandschaften, die Demontage, aber auch die Neuetablierung von Mythen machen einen zentralen Fokus des Bandes aus.

Im ersten Teil Poetiken auf den Ruinen der Imperien werden die literarischen „Ruinenlandschaften und Zwischenräume der galizischen Grenzregionen unter ideologiekritischen Aspekten des imperialen Erbes zwischen westlichem Europa und östlichem Nationalismus analysiert. Am Beispiel von Joseph Roth und Jurij Andruchovyč zeigt Ievgeniia Voloshuk zwei einander geradezu konträr gegenüberstehende Konzeptionen Galiziens als kultureller Heimat auf. Sie wertet Roths transnational-multikulturelle Selbstverortung positiv gegenüber deren Umkodierung bei Andruchovyč als einer im Kern nationalen ukrainischen Idee, die sich gegen den ‚russifizierten‘ Osten als dem ‚Anderen‘ des europäischen Erbes wendet, auf. Ebenfalls am Beispiel von Andruchovyč, nun im Vergleich zu Andrzej Stasiuk, legt Erik Martin die störrische Langlebigkeit des Imperialen bloß, das selbst noch in den anti-hegemonialen und imperiumskritischen postmodernen Erzählverfahren der beiden Autoren – als post-tragischer Verfall bei Stasiuk und als post-ironische Farce bei Andruchovyč – in den Logiken der Ökonomisierung und Naturalisierung scheinbar unausweichlich wiederkehrt. In der Sphäre eines zeitlichen und räumlichen Zwischenreichs entzieht sich, wie Christoph Maisch hervorhebt, bei Bruno Schulz die galizische (habsburgisch, polnisch, ukrainische) Region simulakrenhaft jeglicher vereindeutigenden Verortung. Eine „Entortung der Erzählung“ (S. 71) entspricht hier der Negierung zwanghafter Notwendigkeit zur Formgebung.

Die Beiträge des zweiten Teils Artefakte, Spuren und Palimpseste der Erinnerung führen an konkrete Handlungsorte, Erinnerungsräume und Dingwelten, die ihrerseits derart von den unentwirrbaren Spuren der komplexen Geschichte Mittel-Osteuropas und seiner vielfachen Grenzverschiebungen und Einkerbungen durchzogen sind, dass eine eindeutige Zuordnung von Eigenem und Fremden, eine Einteilung nach Tätern und Opfern unmöglich und geradezu sinnlos erscheint, obgleich genau dies immer wieder ein Impuls menschlicher Orientierung in Umbruchzeiten zu sein scheint, wie die Analysen spezifischer Figuren- und Handlungsgestaltungen in den Beiträgen überzeugend verdeutlichen. Die darin aufgezeigten erzählerischen Selbstvergewisserungen und Spurensuchen in den erinnerungsgesättigten und zugleich im Schweigen versunkenen, von Gewalt und Vertreibung geprägten „kontaminierten Landschaften“ [4] changieren zwischen detailsensiblen Vergegenwärtigungen des Verlorenen und symbolisch überformten persönlichen Kartographierungen der traumatisierten Grenzlandschaften Polens wie Anna Pastuszka am Beispiel von Hanna Kral und Andrzej Stasiuk erläutert, während Maryna Orlova anhand von Maria Matios zeigt, wie sich die traumatische Erinnerungsarbeit des Einzelnen in der von Gewalterfahrungen und von Konflikten zwischen ukrainischen, polnischen und sowjetischen Machtsphären eingekeilten Bukowina im kollektiven Gedächtnisdimensionen verdichtet.

In einer eher dingbezogenen Spannung von Grenzziehung und -erweiterung stehen die Raum-Geschichten und Alltagstopographien des (Nicht)Erinnerns wiederum in den Werken von Olga Tokarczuk, Joanna Bator und Żanna Słoniowska, wie Jolanta Pacyniak aufzeigt, indem sie das Augenmerk sensibel auf die materiellen und memorialen Funktionen der Dinge in deren ukrainisch-polnischen Lebenswelten lenkt und zeigt, wie diese mal als Bewahrer und Vermittler, mal als Zerstörer der fragilen Erinnerungsspuren fungieren. Wie stark sich in der gleichzeitigen Ungleichzeitigkeit ideologischer Systeme und Lebensräume permanente Grenzziehungen und -brechungen hinsichtlich verdrängter Vergangenheiten als kontinuierliche Alltagserfahrung artikuliert, in denen stets auch die Brüchigkeit der Spuren jüdischer Vergangenheiten aufscheint, diskutiert Johannes Kleine am Beispiel Jan Faktors und hebt überzeugend hervor, wie bei diesem der Mythos des freien Österreich-Ungarn gegenüber dem national eingeengten totalitären tschechischen System zwar, evoziert zugleich aber ironisiert wird.

Der dritte Teil, Grenzräume, Konflikträume, bündelt Beiträge mit dem Schwerpunkt auf Ungarn, Rumänien und Belarus, die die große Brisanz aber auch die Ambivalenz der Versuche ästhetischer und narrativer (Gegen)darstellungen zu ideologisierter/n Geschichte/n argumentativ differenziert im Lichte literarisch-diskursiver Aus- und Abgrenzungsmechanismen reflektieren. Petra Varga betrachtet am Beispiel von Márton Kalász und Pál Závada die literarischen Aushandlungen multiethnischer Konflikträume in der Spannung zwischen ländlicher ungarischer Provinz und urbanem Raum. Grenzräume erscheinen hier in ihrer gegenüber dem ‚Anderen‘ verschlossenen oder von außen aufgezwungenen Hermeneutik und eröffnen zugleich enttabuisierende Gegennarrative zu offiziellen Geschichtsbildern. Die Inszenierung kultureller Fremdheit wird an den Themen der Stigmatisierung der rumänischen Minderheiten im deutschsprachigen Ungarn und an der Entlarvung ideologischer Vereinnahmungen des Weiblichen im Werk von Herta Müller deutlich, wie Ana-Maria Schlupp und Tamila Kyrylova überzeugend herausarbeiten und zeigen, dass bei Müller Sprache jenseits ideologischer Instrumentalisierungen von Selbst- und Fremdbildern kaum vorkommt. Die Ambivalenz literarischer (Neu)Verortungen des mittel-osteuropäischen Raums wird wohl am deutlichsten in Aleksandr Chertenkos Beitrag, der einen kritischen Blick auf Artur Klinaus literarisch-ironische Schelmenreise als einer Konzeption von Belarus wirft, das als postkolonial bzw. neoimperial entsemantisierter (Nicht)Ort zwischen Ost und West konzipiert ist aber imperiale Stereotype nicht nur repetiere sondern erneut in den Text einschreibe.

Die Beiträge stellen in der perspektivischen Vielseitigkeit an besprochenen Werken einen wichtigen Konnex zwischen den Aspekten Raum und Grenze, Zentrum und Peripherie, Macht und Ideologie, Erfahrung und Projektion, Geschichte und Ästhetik her und bereichern damit den Blick auf Mittel- Osteuropa und dessen Konzeptualisierungen. Für den Gesamtentwurf des Bandes wäre es interessant gewesen, wenn die Konturen hinsichtlich der spezifischen Poetiken der Grenze und der Ästhetiken der Erinnerung und der (Um)Kodierung von Topographien etwas pointierter herausgestellt worden wären. Denn die Beiträge bieten ein überaus fruchtbares Vergleichspotential für die genuin literarischen Aushandlungen poetologischer Wirklichkeitszugänge, die Modelle und Spezifika des Erzählens selbst – über den mittel- und osteuropäischen Bereich hinaus – mitreflektieren und weitere Aufschlüsse über historische Zäsuren des Erzählens nach 1989 zulassen. In diesem Sinne stellt der Band eine wichtige Einladung zum Weiterdenken dar.

Wenngleich sich auch dieser Band bisweilen der überstrapazierten Hervorhebung des Vergessenen oder subaltern Ausgegrenzten gegenüber dem Mythisierten oder (neo)imperial Gesetzten wie auch der gewaltgeschichtlichen Perspektive gegenüber den multikulturell hybriden Horizonten als Spezifikum der mittel-osteuropäischer Territorien nicht entziehen kann, so regt er doch fraglos dazu an, eingeschliffene Kategorisierungen des Imperialen, Nationalen und der kulturellen Identitäten zu überdenken. Mit ihrem sensiblen und differenzierten Blick auf die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der untersuchten mittel-osteuropäischen Werke ist dem Herausgeber und den Autorinnen und Autoren des Bandes die Vermittlung ihrer einleitend formulierten Prämisse gelungen: Eine facettenreiche „Wiederkehr des Raums“[5] als eine über literarische Weltzugänge vermittelte Dynamik zu begreifen, über die eine „Performanz machtgesättigter Ausschlussmechanismen“ ebenso zutage tritt wie die praktische Unhaltbarkeit eindeutiger Identitäten“ (S. 12).

Anmerkungen:
[1] Siehe etwa Magdalena Baran-Szoltys / Olena Dvoretska / Nino Gude / Elisabeth Janik-Freis / Heinz Faßmann (Hrsg.), Galizien in Bewegung. Wahrnehmungen - Begegnungen – Verfechtungen, Göttingen 2018.; Irene Kacandes / Yuliya Komska (Hrsg.), Eastern Europe Unmapped. Beyond Borders and Peripheries, New York 2018.; Béatrice von Hirschhausen / Hannes Grandits / Claudia Kraft / Dietmar Müller / Thomas Serrier (Hrsg.), Phantomgrenzen. Räume und Akteure in der Zeit neu denken (Reihe: Phantomgrenzen im östlichen Europa), Göttingen 2015.; Stefan Garsztecki/ Christop G. Waack (Hrsg.), Regionale Identität und transnationale Räume in Ostmitteleuropa, Dresden, 2012.
[2] Magdalena Marszałek / Sylvia Sasse (Hrsg.), Geopoetiken. Geographische Entwürfe in den mittel- und osteuropäischen Literaturen, Berlin 2010.
[3] Karl Schlögel, Im Raume lesen wir die Zeit. Über Zivilisationsgeschichte und Geopolitik, München/Wien 2003, S. 9.
[4] Martin Pollack, Kontaminierte Landschaften, St. Pölten 2014.
[5] Karl Schlögel, Im Raume lesen wir die Zeit. Über Zivilisationsgeschichte und Geopolitik, München/Wien 2003, S. 394.

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15.11.2019
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Diese Rezension entstand im Rahmen des Fachforums 'Connections'. http://www.connections.clio-online.net/
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