C. Methfessel: Kontroverse Gewalt

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Title
Kontroverse Gewalt. Die imperiale Expansion in der englischen und deutschen Presse vor dem Ersten Weltkrieg


Author(s)
Methfessel, Christian
Published
Köln 2018: Böhlau Verlag
Price
€ 50,00
Reviewed for Connections. A Journal for Historians and Area Specialists by
Benedikt Stuchtey, Philipps-Universität Marburg

Pressegeschichte um 1900 ist ein beeindruckendes Beispiel dafür, wie eine überaus reichhaltige Quellenlage eine ebenso reichhaltige Forschung inspiriert hat. Die Standardwerke von Frank Bösch und Dominik Geppert – beide mit einem deutsch-britischen Vergleich zwischen den 1880/1890er Jahren und dem Ersten Weltkrieg – ragen ohne Zweifel heraus.[1] Aber auch viele andere Arbeiten wie beispielsweise von Thomas Wittek [2] haben unter Beweis gestellt, wie perspektivenreich die medienhistorische Analyse hinsichtlich der deutsch-britischen Beziehungen ist.

Die Studie von Christian Methfessel reiht sich in diese Tradition ein und sticht ihrerseits heraus, indem sie zum einen den Blick auf die Kolonialgeschichte generell und zum anderen auf die zunehmende Kolonialskepsis im Besonderen wirft, die auch auf die Wirkung der Massenmedien und die von diesen verbreiteten Bilder zurückging. Die Kontroverse um die Gewalt der Expansion spiegelte die politischen und gesellschaftlichen Kontroversen im Kaiserreich und im spätviktorianischen bzw. edwardianischen England. Sie waren kaum voneinander zu trennen, so wie die Fremd- und die Selbstwahrnehmung zwei Seiten eines die Bilder verflechtenden Prozesses waren: nämlich desjenigen des unaufhaltsamen Vordringens der Massenmedien in den Alltag, das die Rezeption auch noch so entfernter Kolonialkriege in die öffentlichen Debatten der “Metropolen” einspeiste. Wie dies geschah, die Wahrnehmung der kolonialen Welt allmählich veränderte und Kritik am Expansionismus lauter werden ließ, ist das Thema von Methfessels Buch. Dass es in der neuen und überaus attraktiven Reihe “Peripherien. Neue Beiträge zur europäischen Geschichte” erschienen ist, lässt eine breite Auseinandersetzung mit ihm erwarten.

Auf der Grundlage der Auswertung von zwanzig ausgewählten Tageszeitungen, von der “Berliner Morgenpost” über den “Manchester Guardian” zum “Vorwärts”, untersucht das Buch unter anderem Kolonial- und Imperialkriege, darunter den Sudankrieg (1896-99), den Südafrikanischen Krieg (1899-1902), den sogenannten Boxerkrieg (1900-01), der wohl genauer als “Boxerbewegung” bezeichnet werden sollte, sowie im jungen 20. Jahrhundert die Kriege in Somalia, Tibet und den von der seinerzeitigen Öffentlichkeit wie der heutigen Forschung mit außerordentlich viel Aufmerksamkeit versehenen Krieg in Deutsch-Südwestafrika (“Herero-Krieg”). Konnten bis zum späten 19. Jahrhundert Kolonialkriege noch durchaus eine gewisse Popularität in den europäischen Öffentlichkeiten hervorrufen, so wendete sich bald das Blatt. Ähnlich wie Kolonialskandale, deren Hintergründe Korruption, Misswirtschaft, brutale Gewalt im Alltag bis hin zu willkürlichen Todesstrafen, wie Carl Peters sie in Ost-Afrika verhängte, darstellten, waren Kolonialkriege und die äußerste Brutalität, mit der sie geführt wurden, ein Grund für die wachsende Skepsis und sich festigende Fundamentalkritik an der Expansion.

In der Regel nahmen die Medien, insbesondere also die Presse, die koloniale Gewalt rasch auf. Gesellschaftliche Grundstimmungen wie einerseits ein durch den Imperialismus ausgelöster Optimismus, und andererseits ein mit der Kolonialismuskritik sich verknüpfender Pessimismus, der der Idee der Zivilisierungsmission durch die imperiale Expansion keinen Glauben mehr schenken konnte, prallten aufeinander. Wenn Skandale, Gewalt und koloniale Krisen die Zukunftserwartungen erschütterten, so schufen sie auch eine Form der Distanz zur eigenen Epoche. Grundsätzlich stellte sich daraus die Frage, ob die imperiale Erfassung der Welt ein Massenphänomen zu Beginn des neuen Jahrhunderts war, oder ob die kritische Auseinandersetzung mit ihr zu einem solchen werden würde. Man wird indessen beide als selektive beschreiben können, indem sie Normenverständnisse ihrer Zeit hinterfragten. Ob aus diesem Grund ein längerer zeitlicher Horizont für die Fragestellung des Buches attraktiv wäre, schließt sich dem an. Denn war die Zeitgenossenschaft um 1900 von einem grundsätzlichen Skeptizismus geprägt, so war das Phänomen einer breiten Wirksamkeit der Medien neu, das der Kolonialismuskritik aber nicht. Was als Kolonialproblem sagbar und erörterbar war, musste stets neu verhandelt werden. Entscheidend aber war, dass die öffentlichen Debatten über die Kolonialprobleme überhaupt erst allgemeine Wissensbestände über die jeweiligen Kolonien schufen, es in diesem Sinne die öffentliche Meinung war, die den Krisen ihrerseits ihre Bedeutung zuschrieb.

Dieser Befund muss umso mehr für Kolonialkriege und imperialistische Interventionen gelten. Die Presse berichtete und kommentierte über sie ausführlich. Sie ist insofern ein sehr wertvolles Medium für das Studium der Eigen- und Fremdbilder und darüber hinaus desjenigen transnationaler Europabilder, wie sie sich an den Vorstellungen von der nicht-europäischen Welt schärften. Wie bereits Heinz Gollwitzer in seiner Studie von 1962 [3] anregte, war nämlich das Projekt der Expansion ein gesamteuropäisches – mit allen seinen rassistischen und gewaltnahen Aspekten. Normenbrüche, ob zu Kriegs- oder Friedenszeiten in den Kolonien, lösten nicht zuletzt deshalb Skandale und damit heftige Kritik aus, weil sie unerwartet individuell, durch soziale Gruppen oder auch ein System hervorgerufen worden waren; d.h. beispielsweise durch politische oder militärische Akteure, die eigentlich die Normenbewahrung garantieren sollten.

Aber der Ausdruck des Verfalls, gegebenenfalls der Auflösung der imperialen Idee sowie die Wahrnehmung von kolonialer Macht im nicht-europäischen Raum war selbstverständlich keine lediglich britische oder deutsche Angelegenheit. Ging es bei aller Kontroverse um die koloniale Gewalt nicht um die extreme Delegitimierung imperialer Herrschaft, so standen in den Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg die politische Stabilität, die gesellschaftliche Kohäsion und die kulturelle Homogenität zur Disposition. Es wäre von daher besonders reizvoll, pressegeschichtliche Studien zukünftig auch über “kleinere” und bisher nur unzureichend untersuchte europäische Kolonialmächte, beispielsweise Belgien oder die Niederlande, in den Blick zu nehmen und daran das Europäische der imperialen Expansion weiter zu testen.

Anmerkungen:
[1] Frank Bösch, Öffentliche Geheimnisse. Skandale, Politik und Medien in Deutschland und Großbritannien 1880-1914. München 2009), Dominik Geppert, Pressekriege. Öffentlichkeit und Diplomatie in den deutsch-britischen Beziehungen (1896-1912), München 2007.
[2] Beispielsweise von Thomas Wittek, Auf ewig Feind? Das Deutschlandbild in den britischen Massenmedien nach dem Ersten Weltkrieg, München 2005.
[3] Heinz Gollwitzer, Die Gelbe Gefahr. Geschichte eines Schlagworts. Studien zum imperialistischen Denken, Göttingen 1962.

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24.01.2020
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