S. Danneberg: Wirtschaftsnationalismus lokal

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Title
Wirtschaftsnationalismus lokal. Interaktion und Abgrenzung zwischen rumänischen und sächsischen Gewerbeorganisationen in den siebenbürgischen Zentren Hermannstadt und Kronstadt, 1868–1914


Author(s)
Danneberg, Stéphanie
Published
Göttingen 2018: Vandenhoeck & Ruprecht
Rezensiert für 'Connections' und H-Soz-Kult von:
Bernd Robionek, Berlin

Bereits in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts waren im Habsburgerreich wirtschaftsnationalistische Bestrebungen zu vernehmen. Dies greift Stéphanie Danneberg mit ihrer Dissertation auf. Sie untersucht mit einem lokalen Fokus die sächsischen und rumänischen Gewerbeorganisationen in Siebenbürgen nach dem doppelmonarchischen Ausgleich 1867. Im Mittelpunkt steht dabei ein Vergleich zwischen den beiden Städten Hermannstadt (Sibiu) und Kronstadt (Brasov). Danneberg möchte zeigen, wie die Gewerbeorganisationen wirtschaftsnationalistische Zielsetzungen verfolgten oder bedienten. Wie sich auch in den zahlreichen Tabellen zeigt, nutzt sie als wesentlichen Indikator zur Behandlung der Leitfragen die personelle Zusammensetzung der Gewerbevereine nach ethnischen Gesichtspunkten.

Nach einer konzisen Einleitung, in der die Autorin eine Rivalität der städtischen Gewerbevereine zur Prämisse erhebt, verweist sie auf die Aufhebung des Zunftzwangs 1872 als entscheidende Zäsur (S. 62 f). Seitdem stand auch den örtlichen Nichtdeutschen (vor allem Magyaren, Rumänen und Juden) eine berufliche Betätigung im Handwerk offen. Diese Entwicklung führte zu einer defensiven Haltung der „sächsischen“ Gewerbevereine gegenüber der Konkurrenz durch die benachbarten Nationalitäten, während die rumänischen Gewerbeorganisationen eine expansive Zielsetzung verfolgten (S. 33). Insgesamt war die „sächsische“ Bevölkerung in den drei Jahrzehnten von 1880-1910 in Hermannstadt (von drei Vierteln auf ungefähr die Hälfte) und Kronstadt (von einem Drittel auf rund ein Viertel) im Rückgang begriffen (S. 92 f). Auf Basis einer anhand der Hermannstädter Adressbücher durchgeführten Namensanalyse kommt Danneberg zu dem Ergebnis, dass die Zahl der „deutschen“ Handwerksbetriebe zwischen 1878 und 1911 zwar zunahm (von 407 auf 751), sie in Relation zu rumänischen, magyarischen und „anderen“ Betrieben jedoch von rund drei Vierteln auf 58 % zurückging (S. 122 f). Die Verfasserin erhebt hier keinen Anspruch auf Vollständigkeit, da nicht alle lokalen Handwerksbetriebe im Adressbuch erfasst waren. Aber auch im Hinblick auf die Zuverlässigkeit der Namenskategorisierung müssen Bedenken bestehen. Auch wenn die ethnic boundaries (F. Barth) zwischen „Sachsen“, Rumänen und Ungarn wegen der unterschiedlichen Konfessionen relativ stabil waren, kann das Kriterium der Nachnamen in multiethnischen Städten keine statistische Eindeutigkeit beanspruchen. Bekanntlich fanden gesellschaftliche Prozesse wie eine Magyarisierung (S. 92) oder eine „Verdeutschung“ (S. 120) statt. Dadurch wurden ethnische Kategorien aufgeweicht.

Mit bemerkenswerter Akribie demonstriert Danneberg, wie sich Wirtschaft auf kommunaler Ebene nach ethnischen Zugehörigkeiten verdichtete, ohne dass sie dabei die zeitgenössischen Kontexte (etwa die Verkehrserschließung, den Einfluss migrationsbedingter Faktoren, den Konkurrenzdruck aus dem industriell weiterentwickeltem Cisleithanien oder den Zollkrieg) aus den Augen verliert. Sie zeichnet ein detailreiches Bild der regionalen Wirtschaftsverhältnisse im Spiegel (nachholender) Industrialisierung und Investitionskapitalakkumulation nach nationalen Gesichtspunkten (S. 166-171). Auf der Mikroebene gelingt ihr der Nachweis einer um die Jahrhundertwende neben der inneren Berufsdiversifizierung erfolgten ethnischen Homogenisierung der bereits in den frühen 1840er Jahren gegründeten „sächsischen“ Gewerbevereine Siebenbürgens (S. 188-193). Ebenso konstatiert die Verfasserin eine Verdrängung rumänischer und ungarischer Handwerker auf den Gewerbeausstellungen (203 f). Besonders interessant ist die Erkenntnis, dass das „sächsische“ Handwerk sich durch die fortschreitende Industrialisierung, die häufig von gleichethnischen Unternehmerpersönlichkeiten vorangetrieben wurde, kaum weniger bedroht sah als durch die Konkurrenz der Nachbarnationalitäten (S. 292, 230-233). Das wäre womöglich auch eine Erklärung für die Zweckentfremdung der im frühen 20. Jahrhundert in erster Linie ethnopolitisch ausgerichteten Gewerbevereine: „Die Ziele des Gewerbevereins waren am Vorabend des Ersten Weltkrieges sozusagen ein Vorwand geworden: Der Verein diente nicht mehr den [sic] Schutz oder der Stärkung des Kleinhandwerks, sondern hatte sich zu einem Schutzverein für das gesamte Kronstädter ‚Sachsentum‘ gewandelt.“ (S. 229)

Hier begegnet uns die Tendenz einer gruppenidentitären Befriedung innerethnischer Interessenkonflikte. Bezeichnend (und diese These stützend) ist jedenfalls, dass die Träger dieser Entwicklung vielfach dem Großbürgertum zuzurechnen waren. In Hermannstadt (und darüber hinaus) war Carl Wolff, Direktor der „Hermannstädter allgemeinen Sparkassa“, eine zentrale Figur im Bereich der ethnoökonomischen Organisierung (S. 175-177). Gerne würde man Genaueres darüber erfahren, wie der Widerstand des örtlichen Gewerbevereins gegen eine ethnisch übergreifende und von Wolff gegründete Konsumgenossenschaft 1910 angeblich zum Verlust seines Abgeordnetenmandats führte (S. 241 f). Danneberg verweist auf materialistische Opportunitäten, wenn es um die Gewinnung neuer Kunden für rumänische Banken im ländlichen Raum geht (S. 182). Eine Verflechtung materieller und politischer Interessen sieht sie jedoch nur einseitig in Richtung einer gesteigerten Attraktivität bestimmter Banken durch ihre politisch engagierten Führungspersönlichkeiten, obwohl die engen Verbindungen zwischen Politikern und wirtschaftlichen Unternehmungen seinerzeit vor allem in Budapester Regierungskreisen ein heikles Thema waren. Dass die Anhängerschaften „sächsischer“ und rumänischer Politiker durch die günstigen Konditionen der von ihnen geführten Geldinstitute auch in quantitativer Hinsicht profitierten konnten, liegt zumindest nahe.

An der Arbeit überzeugt besonders die Darstellung der kulturpolitischen Relevanz der siebenbürgischen Gewerbeorganisationen. So bezeichnet Danneberg das 1901 in Kronstadt errichtete sächsische Gewerbevereinshaus, für die Kronstädter Zeitung damals „eine neue Burg des Sachsentums, des Deutschtums“, als „Ausdruck des Strebens nach Aneignung des öffentlichen Raums und Stärkung des ‚Wir-Gefühls‘, einer auf die Spitze getriebenen Vergemeinschaftung“ (S. 229). Erweitert wird das Bild durch die kulturellen und sportlichen Aktivitäten, die von den Gewerbevereinen unterstützt wurden (S. 242). Hier wird deutlich, wie die ethnopolitische Mobilisierung breitere Teile der Bevölkerung erreichte. Ein ethnonationales Engagement war seinerzeit, wie die Autorin herausstellt, unter allen Bevölkerungsgruppen verbreitet: „Einflusssphäre und Tragweite der einzelnen siebenbürgisch-sächsischen Gewerbevereine behielten immer eine lokale Bedeutung, wiesen aber gleichzeitig mit anderen Nationalitäten der Habsburgermonarchie vergleichbare Handlungsweisen und Diskurse auf – ersichtlich etwa am Beispiel der Genossenschaftsbewegung oder am konkreten Beispiel der deutschen Ansiedlungs- und ‚Bodenpolitik‘.“ (S. 255)

Was die sächsisch-siebenbürgische Minderheit jedoch von den Nachbarnationalitäten unterschied, waren ihre imaginären oder realen Verbindungen zum „Mutterland“. Dieser external homeland nationalism (R. Brubaker) findet jedoch kaum eine Thematisierung, obwohl das Wirken von Organisationen wie des 1891 in Berlin gegründeten „Alldeutschen Verbandes“ für den ungarischen Teil der Doppelmonarchie im Untersuchungszeitraum belegt ist.[1] Vor diesem Hintergrund wäre eine kritische Reflexion der Theorie des „Wirtschaftsnationalismus“, die Danneberg von der an der Viadrina-Universität angesiedelten „Frankfurter Schule“ um Helga Schultz übernommen hat, wünschenswert gewesen. Es ist fraglich, ob das herkömmliche Konzept des Wirtschaftsnationalismus für die „Sachsen“, die weder die Verwirklichung eines eigenen Nationalstaates anstrebten noch über staatliche Organe zur Umsetzung der partikularistischen Wirtschaftsmaßnahmen verfügten, ohne Modifizierung tauglich ist (vgl. S. 341f.).

Die Verfasserin betont die Reziprozität der wirtschaftsnationalistischen Diskurse, die vor allem ein Elitenphänomen waren, und verweist auf den ökonomischen Pragmatismus an der Basis (S. 305, 342). Zudem arbeitet sie heraus, dass der rumänische Gewerbeverein in Sibiu, der 1867 (also 27 Jahre nach dem „sächsischen“!) gegründet wurde, im nationalen Sinn weit reichende Ziele verfolgte, was angesichts der sozialpolitischen Leerstelle, die von offizieller Seite oft hinterlassen wurde, auf fruchtbaren Boden fiel (S. 333, 335). In diesem Kontext besticht Danneberg mit ihrem aus dem sächsisch-rumänischen Vergleich gewonnenen Fazit: „Die städtische siebenbürgische Gesellschaft hatte sich sowohl professionalisiert als auch aufgefächert, und zu den Angehörigen einer Mittelschicht zählte man unter anderem Grundschullehrer sowie Kleinbeamte und Angestellte. Die rumänische Gesellschaft konnte bis zum Ersten Weltkrieg ebenfalls eine solche entstehende Mittelschicht vorweisen, doch im Vergleich zu den Sachsen und den Magyaren war diese Schicht schwächer entwickelt. Aus diesen ungleichen Entwicklungen entstand der rumänische Wirtschaftsnationalismus, als die Bewusstwerdung der ‚Rückständigkeit‘ gegenüber den anderen Bevölkerungsgruppen als Frustration empfunden wurde.“ (S. 331f.)

Hiermit leistet die Autorin einen wertvollen Beitrag zum tieferen Verständnis der Entstehung des Wirtschaftsnationalismus bei den Rumänen, der zwischen den Weltkriegen eine Hochkonjunktur erlebte.[2] Da die Wirtschaftsgeschichte der deutschen Minderheiten im östlichen Europa insbesondere für das 19. Jahrhundert bisher von der Wissenschaft eher stiefmütterlich behandelt wurde, ist es umso erfreulicher, dass Danneberg in diesem Bereich eine vergleichsorientierte Studie vorgelegt hat.

Anmerkungen:
[1] Rainer Hering, Konstruierte Nation. Der Alldeutsche Verband 1890 bis 1939 (= Hamburger Beiträge zur Sozial- und Zeitgeschichte, Bd. 40), Hamburg 2003, bes. S. 124-132.
[2] Elisabeth Weber, Economic Nationalism in Romania and its Impact on National Identities 1918-1944, in: Christoph Kreutzmüller / Michael Wildt/ Moshe Zimmermann (Hrsg.), National Economies. Volks-Wirtschaft, Racism and Economy in Europe between the War (1918-1939/45), Newcastle upon Tyne 2015, S. 198-211.

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06.03.2020
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Diese Rezension entstand im Rahmen des Fachforums 'Connections'. http://www.connections.clio-online.net/
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