S. Loidl: Europa ist zu eng geworden

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Europa ist zu eng geworden. Kolonialpropaganda in Österreich-Ungarn 1885 bis 1918


Author(s)
Loidle, Simon
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Reviewed for Connections. A Journal for Historians and Area Specialists by
Sarah Lemmen, Departamento de Historia Moderna e Historia Contemporánea, Universidad Complutense de Madrid

Sowohl in der Historiographie als auch in der breiteren Öffentlichkeit war lange Zeit das Bild Österreich-Ungarns als „koloniefreie“ Großmacht vorherrschend. In größerem Maße wird erst seit zwei Jahrzehnten im Zuge postkolonialer Studien auch über Österreichs Anteil am europäischen Kolonialismus diskutiert, wobei die Frage im Vordergrund steht, inwieweit die Okkupation und dann Annexion von Bosnien und Herzegowina als „Binnenkolonialismus“ und damit als vergleichbar mit Überseekolonien „klassischer“ Kolonialimperien zu interpretieren sei und dementsprechend auch Österreich eine koloniale oder zumindest protokoloniale Vergangenheit aufzuweisen habe.

Simon Loidl nimmt in der auf seiner Dissertation (Universität Wien 2012) beruhenden Monographie zu „Kolonialpropaganda in Österreich-Ungarn 1885 bis 1918“ eine andere, breitere Perspektive ein. Ausgehend von zeitgenössischen Debatten zeigt er auf, dass Kolonialdebatten wesentlich weniger hermetisch geführt wurden, so dass sowohl koloniale Projekte in Afrika als auch Siedlungsprojekte in Südamerika oder eben südeuropäische „Binnenkolonisation“ Teile einer größeren Diskussion über koloniale Aktivitäten Österreich-Ungarns waren. In diesem Sinne war in zeitgenössischen Debatten die Monarchie durchaus Teil des kolonisierenden Europas, wenn auch der Unterschied zu den großen Kolonialmächten im öffentlichen Diskurs (für manche schmerzhaft) bewusst war und es durchaus Bestrebungen gab, Österreich-Ungarn in den Rang einer kolonialen Macht in Übersee zu erheben.

Die Debatten über ein österreichisch-ungarisches koloniales Ausgreifen nach Übersee in den letzten gut dreißig Jahre der Monarchie sind Fokus der nun vorliegenden Monografie. Um diese zu beleuchten, umreißt Loidl zuerst das gesellschaftliche Umfeld der Kolonialdebatte (Kap. 2) und zeigt auf, dass Kolonialismus als Thema in Österreich durchaus breit präsent war. So wurden z.B. die österreichische Sudan-Mission oder die Teilhabe an britischen Expeditionen von den Zeitgenossen durchaus als protokoloniale Aktivitäten wahrgenommen, mit denen Österreich seinen kolonialen Anspruch festigte (S. 27f.). Dass prokoloniale Überlegungen nicht nur auf enge Kreise beschränkt blieb, zeigt der aufschlussreiche Exkurs über Kolonialpropaganda in der Sozialdemokratie.

Institutionell wurde die österreichische Kolonialpropaganda maßgebend geprägt (und schließlich radikalisiert) von der 1894 gegründeten Österreichisch-Ungarischen Kolonialgesellschaft (Kap. 3), deren Forderungen den politischen Begebenheiten angepasst wurden: Zur Gründung der Kolonialgesellschaft wurden noch explizit Übersee-Kolonien gefordert, während sich die Gesellschaft in den folgenden Jahren vor allem auf Fragen der Auswanderung und den Schutz von österreichisch-ungarischen Emigranten in Übersee konzentrierte. Dem Ersten Weltkrieg ging schließlich eine erneute Radikalisierung der Kolonialpropaganda voraus, die während des Kriegs schließlich – in der Hoffnung auf einen vorteilhaften Ausgang des Krieges – von einer kolonialen Neuaufteilung Afrikas zugunsten Österreichs träumte. Nach einer langjährigen Betonung der „pénétration pacifique“ wurde nun auch „Gewalt als Merkmal einer Groß- und Kolonialmacht“ propagiert (S. 133).

Diese prokolonialen Debatten wurden überwiegend von einem „liberalen, konservativen und deutschnationalen Lager“ vertreten und rezipiert (Kap. 4). Dabei schrieb sich die österreichische prokoloniale Debatte in eine allgemein europäische Kolonialtradition ein (Kap. 5), wobei das Spektrum von der Schilderung der Beteiligung an kolonialer Expansion bis hin zur Konstruktion einer spezifisch österreichischen Kolonialgeschichte reichte. Spezifisch österreichisch scheint dabei die Vorstellung eines kolonialen Ausgreifens im Einklang mit und nicht gegen andere europäische Großmächte, wie das Konzept eines „kollektiven Kolonialismus“ in Afrika suggeriert (S. 84).

In den Kolonialdebatten werden sowohl Notwendigkeit als auch Begründung für eine österreichische koloniale Aktivitäten mit wiederkehrenden Motiven erklärt, die sich einem breiteren europäischen Kolonialdiskurs anpassen, etwa das auf Thomas Malthus zurückgehende Konzept der „Überbevölkerung“, welches eigene Kolonien als eine Lösung bereithielt. Auch die Frage nach der sozialen und nationalen Komponente der Auswanderer sowie dem Grad ihres „Auswanderungstriebs“ beschäftigte die Zeitgenossen, weshalb debattiert wurde, ob die Auswanderer für den Aufbau einer Kolonie geeignet seien.

Aufschlussreich ist auch die Debatte über Bosnien und Herzegowina, die in dem Jahrzehnt zwischen deren Annexion durch die Monarchie und dem Ende des Weltkrieges keinen Zweifel daran ließ, dass es sich hier um eine koloniale Eroberung handelte, die noch dazu als positiver Beweis dienen sollte, dass Österreich mit seiner „Kulturmission“ in Bosnien durchaus in der Lage war, als Kolonialmacht auch in Übersee aufzutreten (S. 111-116).

Während also die Kolonialgesellschaft in Publikationen große Pläne für Österreichs überseeische Ambitionen hegte, waren ihre Ausflüge in die praktische Umsetzung derselben ernüchternd (Kap. 5). Trotz teilweise hochrangiger Mitglieder war die Kolonialgesellschaft für direkte politische Einflussnahme zu schwach, während eigene Versuche einer praktischen Umsetzung allesamt erfolglos waren (S. 141f. ): Der Versuch der Gründung einer „Auswandererschutz“-Enquete (1905) sowie der Unterstützung österreichischer Auslandsschulen wurden von den verantwortlichen Ministerien rundweg abgelehnt, so dass die „Versuche der Kolonialgesellschaft, über den Behördenweg offiziell legitimiert zu werden, [allesamt] scheiterten“ (S. 150). Das laut Loidl ambitionierteste Projekt der Gesellschaft, eine Studien-Reise nach Brasilien zum Ausloten möglicher Siedlungsprojekte, war erschreckend dilettantisch geplant und konsequenterweise mit Erfolglosigkeit und dem Verlust der Reputation gestraft. Die Gesellschaft beschränkte sich fortan auf rein publizistische Tätigkeiten. Nach dem Ersten Weltkrieg, dessen Ausgang jegliche kolonialen Hoffnungen Österreichs zunichtemachte, beendete die Kolonial-Gesellschaft ihre Tätigkeit. Einige der exponiertesten Mitglieder aber blieben dem Thema verbunden (Kap. 7) und fanden sich schnell in deutschnationalem und antidemokratischem Fahrwasser wieder, das in den 1930er Jahren auch in die NS-Kolonialbewegung mit einfloss.

Insgesamt folgt Simon Loidl zentralen Aspekten sowie wichtigen Akteuren der österreichischen prokolonialen Debatte und in Ansätzen auch den Bestrebungen außereuropäischer Kolonialisierung. Es ist sein Verdienst, vormalig als Ausnahmen beschriebene Phänomene österreichischer Kolonialpropaganda in einen Gesamtzusammenhang zu stellen und aufzuzeigen, dass die österreichisch-ungarische Monarchie zwar keine Kolonialmacht im „klassischen Sinne“ war, aber dennoch weit über ein paar einzelne Stimmen hinaus koloniale Interessen propagierte und auch in (proto-)kolonialen Aktivitäten kein unbeschriebenes Blatt war.

Dennoch wirkt das hier gezeichnete Bild in manchen Punkten unvollständig. Dies betrifft besonders die Einschätzung der hier im Fokus stehenden Kolonialgesellschaft: Ihre weitgehende Erfolglosigkeit und ihr fehlender Einfluss führen zu der Frage nach ihrer gesellschaftlichen Relevanz und Rezeption. Auch die Positionierung der österreichischen Regierung und Behörden zu kolonialen Fragen wird nicht deutlich geklärt. Es stellt sich ebenfalls die Frage, inwieweit eine Begrenzung auf den deutschsprachigen, österreichischen Teil der Monarchie die letztendlich imperialen Debatten ausreichend wiedergibt. Eine Einbettung in einen weiteren Habsburger Kontext wäre auch in diesem Sinne angemessen gewesen. Insgesamt geht die Vielfalt der hier behandelten Aspekte auf Kosten der argumentativen Strenge der Arbeit. Als Fallstudie zu den Schattierungen des österreichischen Kolonialismus anhand der Kolonialgesellschaft ist diese Monographie durchaus wertvoll. Eine weitergehende Einbettung der Kolonialdebatte in eine gesamtösterreichische Perspektive, eine Kontrastierung mit imperialen, auch staatlichen Bestrebungen oder eine Verortung innerhalb eines allgemein europäischen Kolonialdiskurses wird hier aber leider vermisst.

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17.01.2020
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