R. Skinner: Modern South Africa in World History

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Title
Modern South Africa in World History. Beyond Imperialism


Author(s)
Skinner, Rob
Published
New York 2017: Bloomsbury
Extent
216 S.
Price
$24,26
Rezensiert für 'Connections' und H-Soz-Kult von:
Hanno Plass, Fellow am Zentrum für Antisemitismusforschung, Technische Universität Berlin

Ein Vierteljahrhundert nach dem Ende der Apartheid wird bei Wahlen allein über die Höhe der absoluten Mehrheit für den African National Congress spekuliert. Seine politischen Konkurrenten sind abgeschlagen, doch die bis heute ungelösten Probleme des Landes beherrschen die Debatte. Mit dem Schlagwort des „State Capture“ wurde der Ausverkauf des Staates durch den ANC benannt, der sich so seiner Mittel entledigt hatte, das Unrecht der Apartheid zu mildern und strukturell zu sühnen. Die aktuelle Krise der mächtigsten Partei zwischen Limpopo und Kap der Guten Hoffnung stellt das letzte der acht Kapitel von Rob Skinners „Modern South Africa in World History“ besonders heraus. Die jüngsten wegweisenden Gesamtübersichten von Christoph Marx und Saul Dubow enden 2011 bzw. 1994.[1] Skinner postuliert, „über den Imperialismus hinaus“ schreiben zu wollen. Vor dem Hintergrund, dass der britische Journalist J.A. Hobson den Begriff „Imperialismus“ um die letzte Jahrhundertwende am Beispiel Südafrikas entwickelte, ist Skinners Anspruch ambitioniert.

Ausgangspunkt seiner acht gleichmäßig unterteilten, chronologischen Kapitel sind drei unterschiedliche Strömungen, die Skinner zufolge das moderne Südafrika konstituieren und über die Grundlegung Südafrikas durch den europäischen Imperialismus hinausweisen sollen. Er sieht darin vor allem die seit dem 17. Jahrhundert entwickelten inter- und transnationalen Verbindungen, die beigetragen hätten, die Entität „Südafrika“ zu formen. Die imperialistische Form der transnationalen Beziehungen sei nur eine von mehreren Formen gewesen, die Interpretationsangebote und Deutungsmuster bestärkten, die bei der Suche nach „South Africanness“ Sinn stiften sollten. Dieser „Internationalismus“ soll dem Narrativ, das Skinner entwickelt, Perspektive und Rahmung geben. Er unterteilt es in „Ideologien“ und das „Feld sozialer und politischer Interaktion“, in „Netzwerke des Austauschs“, die Politik, Kultur und Ökonomie geprägt hätten, sowie zuletzt in die Position des Landes im regionalen und kontinentalen Rahmen: Südafrika als Teil des afrikanischen Kontinents. Skinner verschreibt sich zudem dem Anspruch, „multiple Perspektiven“ (S. 6) zu berücksichtigen, welche die interne Geschichtsschreibung von Kontinuität und Wandel sowie afrikanischer Politik einbeziehen soll, statt sich auf dem etablierten Deutungsweg von Eroberung und Reaktion, Widerstand und Wandel zu folgen.

Skinner zufolge sind ab dem 18. Jahrhundert die Grundzüge kolonialer Herrschaft entwickelt: eine sklavenhaltende, exportorientierte Gesellschaft, die in der Küstenregion zu massiven Konflikten mit der KhoiSan-Bevölkerung führt. Parallel prägen territoriale Auseinandersetzungen zwischen afrikanischen Königreichen das Land, welches nicht durch die Europäer erobert wird, wie die Berichte über den Zulu-König Shaka und seinen Halbbruder Dingane belegen. Skinner verzeichnet bezüglich der britischen Herrschaft ab der Jahrhundertwende, dass sich „Tempo und Qualität“ (S. 8) der globalen Einflüsse veränderten, da der Stützpunkt am Kap eine Basis für die ostwärts gerichteten Expansionsbestrebungen des Empires war.

Die reichhaltigen Mineralienfunde – Diamanten in Kimberley, Gold in Johannesburg – Ende des 19. Jahrhunderts schleuderten Südafrika vom Kielwasser des Empire in die Moderne, so Skinner. Alle Erscheinungsformen der Moderne waren auch in Südafrika vorhanden, Johannesburg wandelte sich rasant zum kosmopolitischen Zentrum des südlichen Afrikas. Den Schritt in die Moderne sieht Skinner auch als Tigersprung in die Netzwerke des Empire, während zugleich eine koloniale Ausbeutungsstruktur vorhanden blieb: Rohstoffexport durch monopolistische Unternehmen. Südafrika wird in diesem Zeitraum zum Sprungbrett für nordwärts drängende kolonialistische Unternehmungen (S. 32). Die drei imperialen Mächte England, Deutschland und Portugal rangen um die Dominanz im südlichen Afrika; auf Eigenständigkeit im europäischen Ringen pochten die Burenrepubliken, die mit dem Südafrikanischen Krieg gebrochen wurden. Korrekterweise nimmt Skinner Abstand von der Bezeichnung des „Burenkrieges“ oder „Anglo-Boer War“, denn es war kein Konflikt zwischen Burenrepubliken und Empire, sondern bezog internationale Akteuren ebenso ein wie die gesamte Bevölkerung Südafrikas. Entsprechend betont der Autor die kulturellen und politischen Allianzen quer zu den ‚Rasse‘-Grenzen.

Die Gründung der Südafrikanischen Union stellt den Schritt ins 20. Jahrhundert dar, dem Skinner den Hauptteil seiner Darstellung widmet. Strukturiert wurden Teilhabe und Gesellschaftsverständnis dieser Union von rassistischem (und zeitweise antisemitischen) Ausschluss und rassistisch hierarchisierter Ausbeutung. Diese unterlag Konjunkturen, die sowohl internationale Ereignisse wie der Zweite Weltkrieg als auch interne Widerstände beeinflussten. Stets traf die Segregation auf Widerspruch und Widerstand. Ab 1948 wurde sie als Apartheid weiter systematisiert, rationalisiert und kodifiziert und, darin anders als frühere rassistische Spaltungen, in eine Art nationales Selbstverständnis gegossen. Doch sie blieb eine eklektische Sammlung aus Ideologemen der Niederländisch-Reformierten Kirche, burischem Volksnationalismus, Eugenik und wissenschaftlichem Rassismus (S. 75). Entgegen seinem zuvor artikulierten Vorgehen positioniert Skinner die geschichtlich wirkenden Kräfte immer wieder in der Triade von weißer Vorherrschaft – Widerstand – internationale Situation, an die er die Themen Politik, Ökonomie, Kultur, (weniger) Alltagsleben knüpft.

Das Apartheidregime wie die radikale, ins Exil getriebene Opposition agierten auf den internationalen Parkett und situierten sich in der Ost-West-Konfrontation. Die Internationalisierung der Konflikte nahm mit der Gründung der Vereinten Nationen und der Dekolonisierung Fahrt auf. Zugleich trugen auch die Kosten der Aufrechterhaltung der Kolonisierung zur Krise der „Mutterländer“ und dem Ende der Kolonialherrschaft bei. Parallel zur portugiesischen Lage erkennt Skinner ebenfalls, wie die Grenzkriege der 1980er-Jahre zur ökonomischen Destabilisierung Südafrikas beitrugen (S. 121, S. 135f.). In der Darstellung der Endphase des Apartheidregimes und der Transition verengt sich der zuvor geweitete historiographische Blick zusehends auf eine politisch-ökonomische Geschichtsschreibung.

Seinen anfangs gestellten Ansprüchen nach 'multiplen Perspektiven' und einer 'über den Imperialismus hinaus gehenden' Geschichtsschreibung – sowie Dubows Forderung nach einer „integrated history“ Südafrikas[2] – kann die Darstellung Skinners leider nicht gerecht werden. Besonders die Darstellung der Rolle der südafrikanischen kommunistischen Partei (S. 63, S. 80ff., S. 141), die seit den 1940er-Jahren Ort (teilweise erstmaliger) egalitärer Begegnung zwischen Südafrikanern aller Hautfarben geschaffen hatte, überzeugt mich nicht. Der Autor übergeht etwa die zentrale Bedeutung der Partei für die theoretische Positionierung und die internationalen Verbindungen des ANC, vor allem nach Moskau.[3] Weiterhin finden sich am Ende des Buches Formulierungen, die dem westlich-liberalen Narrativ des „Endes der Geschichte“ folgen, welches im Neuen Südafrika symbolisiert werde (vgl. S. 145). Zwar durchbricht Skinner den Eindruck einer friedlichen Transformation, da er auf die extrem gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen 1990 und 1994 hinweist. Doch die lapidare Formulierung, Südafrika sei nun in eine Phase „intensivierter globaler Verbundenheit“ (S. 156) mit „widersprechenden Dilemmata“ (S. 160) eingetreten, erscheint mir zu unpolitisch, gerade weil der südafrikanische politische Diskurs explizit die Folgen der Abhängigkeit vom Neuen Imperialismus (David Harvey) benennt. Signifikant für das geringe politische Sensorium ist die Bewertung des Verhaltens der Treatment Action Campaign während der AIDS-Krise der 1990er-Jahre, die die ANC-Regierung massiv kritisierte, aber zugleich darin unterstützte, günstige antiretrovirale Generika zu importieren (S. 155). Diese Haltung war nicht „somewhat ironically“, sondern den politischen Realitäten geschuldet.[4]

Über die Richtung, in die sein „über den Imperialismus hinaus“ führen soll, bleibt Skinner unklar. Denn entgegen anderer Postulate verfällt auch seine Darstellung wieder und wieder auf die drei historiographischen Grundmotive von Imperialismus, Ausbeutung der Bodenschätze und 'Rassen'-Trennung. Ihnen entsprechen weiße Herrschaft und kapitalistische Ausbeutung, Widerstand und der internationale Möglichkeitsrahmen von Apartheid und Befreiungsbewegung. Dass Skinner in dieses Muster verfällt, deutet an, dass ohne diese Punkte keine Geschichte Südafrikas geschrieben werden kann, und eben nicht über den Imperialismus hinaus kommt. Zugleich würde eine anders gelagerte Geschichtsschreibung weg von den aus der Erblast von Apartheid und Befreiungskampf herrührenden brennenden politischen und ökonomischen Fragen des Landes führen.

Dennoch bereichert Skinner die aktuelle Literatur um ein vielseitiges, einführendes und zügig lesbares Buch, welches die Grundkonstellationen der Geschichte Südafrikas aufzeigt. Durch die vielfältigen Hinweise auf kulturelle und soziale Entwicklungen weckt er das Interesse, einzelnen Aspekten gründlicher nachzugehen und die Geschichte der modernen Gegenwart Südafrikas zu erforschen.

Anmerkungen:
[1] Christoph Marx, Südafrika. Geschichte und Gegenwart, Stuttgart 2012; Saul Dubow, Apartheid. 1948–1994, Oxford 2014.
[2] Dubow, Apartheid, S. 301.
[3] Siehe Eddy Maloka, The South African Communist Party. Exile and After Apartheid, Johannesburg 2013; Hanno Plass, Zwischen Antisemitismus und Apartheid. Jüdische Südafrikaner im Kampf gegen die ‚Rassen‘herrschaft, 1948-1990, erscheint im Frühjahr 2020.
[4] Vgl. Steven Robins, Slow Activism in Fast Times: Reflections on the Politics of Media Spectacles after Apartheid, in: Journal of Southern African Studies 40 (2014), S. 91–110.

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Published on
18.10.2019
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Diese Rezension entstand im Rahmen des Fachforums 'Connections'. http://www.connections.clio-online.net/
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