M. Bühler: Von Netzwerken zu Märkten

Cover
Title
Von Netzwerken zu Märkten. Die Entstehung eines globalen Getreidemarktes


Author(s)
Bühler, Martin
Series
Studien zur Weltgesellschaft – World Society Studies 5
Published
Frankfurt am Main 2019: Campus Verlag
Extent
196 S.
Price
€ 39,95
Reviewed for Connections. A Journal for Historians and Area Specialists by
Bastian Linneweh, Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte, Georg-August-Universität Göttingen

Während die aktuelle Presse von immer neuen protektionistischen Maßnahmen für die Weltmärkte berichtet und unsere gegenwärtige Zeit nur mehr als eine Phase der Globalisierung erscheint, bleibt das Interesse an der historischen Erforschung globaler Märkte weiterhin hoch. Martin Bühler nähert sich ihrer Entstehung aus einer neuen Perspektive. Interdisziplinär verbindet seine Dissertation aus dem Fachbereich der Soziologie das Feld der Wirtschaftssoziologie mit einer mikrohistorischen Analyse des Getreidemarktes. Im Gegensatz zu den dominierenden Erklärungsansätzen zur Entstehung globaler Märkte, die quantitativ auftretende Phänomene wie Preiskonvergenzen, globale Vernetzung in Warenketten oder die Herausbildung von globalen Institutionen als Kennzeichen sehen, setzt Bühler auf die Wahrnehmung und konkreten Praktiken der Marktteilnehmer, um Globalität nachzuweisen.[1] Diese Vorgehensweise ist nicht nur für Historiker interessant, die sich mit wirtschaftlichen Prozessen auseinandersetzen, sondern beschäftigt sich ebenso mit einem der zentralen Probleme der derzeitigen globalhistorischen Forschung.

Der wirtschaftssoziologische Zugriff von Bühler setzt sich kritisch mit der bisherigen Forschung zu Märkten auseinander, die diese als Orte der Konkurrenzverhinderung analysieren. Da hierbei der Blick für die Entstehung und Bedingungen von Konkurrenz verloren gehe, wird an Überlegungen von Georg Simmel angeknüpft. Eine Trennung von Transaktion und Konkurrenz ermöglicht es, nach den Voraussetzungen für die Entstehung von Märkten zu fragen, die Bühler auf insgesamt drei Bedingungen beschränkt: Knappheit, Mitteilungen und Vergleich. Diese bedingen einander zum Teil. So ist die Wahrnehmung von Knappheit an die gewählte Kommunikationstechnologie gebunden, die wiederum den Vergleich von zwei Angeboten ermöglicht. Für das Fallbeispiel des Getreidemarktes bedeutet dies, dass Produktkategorien gefunden werden müssen und eine Bewertung von Angeboten erfolgen muss, um eine Konkurrenz zuzulassen. Globalität stellt sich dann ein, wenn sich die Beobachtungs- und Vergleichsordnungen der Akteure nicht mehr nur auf das lokale Geschäft beziehen, auch wenn die tatsächliche Transaktion dort stattfindet. Damit knüpft die Arbeit an die Forschungen zur Weltgesellschaft an, die die weltweiten Zusammenhänge nicht so sehr in den grenzübergreifenden Kontakten sieht, sondern vielmehr in den kulturellen Deutungs- und Aneignungsprozessen der Akteure am Markt. So vergleicht etwa der russische Bauer in Nikolaev die Angebote nicht mehr nur am lokalen Marktplatz, sondern mit den Weltmarktpreisen, auch wenn er sein Getreide weiterhin lokal verkaufen wird. Ähnliches gilt für Händler oder Käufer von Getreide, die diesen Vergleich nutzen, um im idealen Fall die benötigte Sorte oder Qualität zum besten Preis zu kaufen. Der Entstehung von Globalität im Getreidemarkt geht Martin Bühler anhand eines mikrogeschichtlichen Vergleichs der Zeitpunkte um 1800 und 1900 nach. Der Vergleich stützt sich dabei vornehmlich auf Sekundärliteratur, wobei der Autor auch neue Quellen für die Rekonstruktion der Märkte verwendet.

Die Analyse der Märkte konzentriert sich in drei Teilen auf die im theoretischen Abschnitt vorgestellten Fragen. In einem ersten Schritt wird nach der Vergleichbarkeit von Angeboten gefragt, bevor die Mitteilung von Angeboten und Marktinformation im Mittelpunkt stehen. Zuletzt werden diese Vergleichs- und Konkurrenzsysteme mit den Vorstellungen der Marktteilnehmer in Bezug auf ihre potenzielle Konkurrenz in Beziehung gesetzt. Obwohl Getreide bereits seit frühen Zeiten ein Produkt des Fernhandels darstellte, wird in der Analyse der lokalen Getreidemärkte um 1800 schnell deutlich, dass einige praktische Probleme der Vergleichbarkeit der Güter vorhanden waren. Anhand von ausführlichen Kommissionsunterlagen des britischen Parlaments, welches sich 1834 mit hohen Getreidepreisen auseinandersetzte, rekonstruiert Bühler die Praktiken der Marktakteure und zeichnet ein detailliertes Bild des Londoner Getreidemarktes. Zusätzlich zu London werden vergleichende Dokumente zu den Märkten in Frankreich und den USA hinzugezogen. Das Ergebnis ist eindeutig: Weder existierten objektivierte Vergleichskriterien, wie Messtechniken zur Beurteilung von Qualitäten, noch war das bereits weitläufige Korrespondenznetzwerk der Händler in der Lage, Informationen schnell genug zu teilen, um Preise miteinander in Beziehung zu setzen. Im Gegensatz zu anderen Historikern bewertet Bühler dabei Preiskuranten nicht als Phänomen für eine zunehmende Integration von Märkten, sondern als ein obrigkeitliches Mittel der Steuerung und des „Gedächtnisses“, da sie für die Händler vor Ort kein Hilfsmittel für das tägliche Geschäft darstellen konnten. Weitere Praktiken wie das Feilschgespräch zeigen die Bedeutung der lokalen Interaktion und der Marktöffentlichkeit, auch wenn der Getreidehandel bereits um 1800 in ein weitreichendes Netzwerk von Nachrichten eingebunden war.

Um 1900 hatte sich dies nach Meinung vieler damaliger Getreidehändler fundamental geändert. Anhand zahlreicher Handbücher für den Getreidehandel rekonstruiert Martin Bühler die wesentlichen Voraussetzungen für die Globalität der Getreidemärkte. Mit der Durchsetzung von Standardmaßen sowie Qualitätsklassen ersetzten objektive Bewertungskriterien bisherige Expertenmeinungen und ermöglichten den Vergleich von Getreide aus verschiedenen Regionen. Telegraphen ermöglichten hingegen eine schnellere Übertragung von Angeboten und zogen neue Praktiken wie das „Fischen“ nach sich, bei dem Scheinofferten genutzt wurden, um Preisinformationen zu erhaschen. Dabei wurden Marktinformationen durch Nachrichtenagenturen schnell zirkuliert und standen den Händlern durch neue Zeitschriften mit nur geringem zeitlichem Verzug zur Verfügung. Diese Veränderungen erzeugten bei den Marktakteuren einen Eindruck von ständiger Erreichbarkeit und Gleichzeitigkeit der Informationen. Die entstehenden „Weltmarktpreise“ dienten in dieser erreichten Globalität als Referenzrahmen, an dem sich nicht nur die großen Märkte wie London oder Berlin orientierten, sondern wie oben bereits beschrieben auch kleinere wie Zürich oder eben Nikolaev.

Insgesamt bietet die Studie einen detaillierten Einblick in die jeweiligen Praktiken des Getreidehandels im Zeitraum zwischen 1800 und 1900. Dabei kommt das Werk ohne eine einzige Tabelle über Produktions- oder Verbrauchszahlen von Getreide in verschiedenen Regionen der Welt aus und geht kaum auf die zahlreichen regionalen oder kontinentalen Unterschiede in der Getreideproduktion oder dem Handel ein. Dass besonders der Getreidemarkt ein nahezu perfektes Fallbeispiel für eine zunehmende Globalität darstellt, liegt vor allem an der Reichweite der Getreideproduktion, die in fast jeder Region eine immense Bedeutung besaß und deren Absicherung oft von staatlicher Seite gefördert, aber auch kontrolliert wurde. Getreidemärkte gehörten dabei von Beginn an zu den am stärksten regulierten globalen Märkten. Inwiefern diese Reaktionen auch auf die Wahrnehmung von Globalität nicht nur bei Händlern, sondern vor allem bei Politikern zurückzuführen ist, bleibt unbeantwortet, obwohl Arbeiten von Cornelius Torp bereits darauf hindeuten.[2] Diese Hinweise sollen den Wert der Arbeit nicht schmälern. Die innovative Studie vereint gerade die interdisziplinäre Sichtweise auf die Entstehung globaler Märkte, die zu weiteren Untersuchungen anregt. Die Lektüre wird dabei allen empfohlen, die an den Praktiken und der Wahrnehmung von Märkten interessiert sind. Eine detaillierte, umfassende globalgeschichtliche Erforschung des Getreidemarktes steht hingegen weiterhin aus.[3]

Anmerkungen:
[1] Vgl. zu Preiskonvergenzen: Kevin H. O'Rourke / Jeffrey G. Williamson, Globalization and history. The evolution of a nineteenth-century Atlantic economy, 3. Aufl., Cambridge, Mass. 2000; zu Warenketten: Gary Gereffi / Miguel Korzeniewicz, Commodity chains and global capitalism, Westport, Conn. 1994; und zu globalen Institutionen: Marie-Laure Djelic / Sigrid Quack (Hrsg.), Globalization and Institutions. Redefining the Rules of the Economic Game, Cheltenham 2003.
[2] Cornelius Torp, Weltwirtschaft vor dem Weltkrieg. Die erste Welle ökonomischer Globalisierung vor 1914, in: Historische Zeitschrift 279 (2004), S. 561–609.
[3] Ein erster Vorgeschmack findet sich in Steven Topic / Allen Wells, Warenketten in der globalen Wirtschaft, in: Akira Iriye / Jürgen Osterhammel (Hrsg.), 1870–1945. Weltmärkte und Weltkriege, München 2012, S. 589–814, bes. S. 684– 750.

Editors Information
Published on
29.11.2019
Contributor
Edited by