K. Naumann: Laboratorien der Weltgeschichtsschreibung

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Title
Laboratorien der Weltgeschichtsschreibung. Lehre und Forschung an den Universitäten Chicago, Columbia und Harvard 1918 bis 1968


Author(s)
Naumann, Katja
Series
Transnationale Geschichte 7
Published
Göttingen 2018: Vandenhoeck & Ruprecht
Extent
542 S.
Price
€ 75,00
Reviewed for Connections. A Journal for Historians and Area Specialists by
Carolin Liebisch-Gümüş, Deutsches Historisches Institut, Washington D.C.

Historiker/innen sind darauf spezialisiert, historische Mythen und Gründungsnarrative zu dekonstruieren. Jedoch erzählen sie zuweilen selbst eigene kleine Gründungsmythen über ihre Institutionen und Subströmungen. Ein Paradebeispiel dafür ist die Globalgeschichte. Sie gehe, so die geläufige Annahme, auf die amerikanische World History der 1980er-/1990er-Jahre zurück, welche den postkolonialen Bruch mit älteren Traditionen europäischer Welt- und Universalgeschichte vollzogen habe. Da sie sowohl den Eurozentrismus als auch den methodischen Nationalismus ihrer Vorläufer hinter sich lasse, gilt Global History ihren Vertreter/innen oft als besonders gegenwartsgemäß und innovativ. Diesem Neuheitspostulat entzieht Katja Naumann in ihrer an der Universität Leipzig verteidigten und in gekürzter Form veröffentlichten Dissertation die Grundlage. Es gelingt ihr eindrücklich zu zeigen, dass die Erprobung neuer Wege für eine weniger europazentrierte Globalgeschichtsschreibung in den USA bereits nach dem Ersten Weltkrieg begann.

Anhand einer Analyse von Forschung und Lehre an drei amerikanischen Eliteuniversitäten – Chicago, Columbia und Harvard – fragt Naumann nach Innovationstendenzen, Konjunkturen und Veränderungsprozessen in der universitären Beschäftigung mit Weltgeschichte im 20. Jahrhundert. Der Begriff von Weltgeschichte, den sie dafür verwendet, ist der aktuellen Globalgeschichtsforschung entlehnt. Er meint also keinesfalls nur weltumspannende Gesamtbetrachtungen, sondern jegliche Perspektiven, die auf kultur- und grenzübergreifende Verflechtungen abheben. Dies ist die große konzeptuelle Stärke der Studie.[1] Dadurch kann die Autorin die große Bandbreite an im heutigen Sinne globalhistorischen Ansätzen herausstellen, die zwischen den 1920er- und 1970er-Jahren an Colleges, History Departments und aus den Area Studies heraus erwogen und debattiert wurden. Der Fokus auf drei Leuchtturminstitutionen ist schlüssig und ergiebig, wenn dabei auch die interessante Frage offenbleibt, wann und inwiefern auch an provinzielleren Colleges Debatten um Weltgeschichte und ihre Erneuerung geführt wurden.

Mit ihrem Ansatz geht Naumann weit über eine Ideengeschichte hinaus. Zum einen ist ihre Studie sozial- und institutionengeschichtlich angelegt, wodurch sie eine große erklärende Kraft entwickelt. Universitäre Organisationsstrukturen, lokale Akteursdynamiken, etablierte Praktiken in Lehre und Forschung und institutionelle Konkurrenzen werden so zu Erklärungsfaktoren, warum neue globale Geschichtsperspektiven aufkamen, verfolgt oder auch abgelehnt wurden. Zum anderen ist die Analyse der institutionellen Prozesse gesellschaftshistorisch eingebettet. Naumann zeigt, dass die Auseinandersetzung mit Globalität im akademischen Kontext an die sich wandelnde Rolle der USA in der Weltpolitik rückgebunden war.

Der erste von drei Hauptteilen des Buches ist dem Bachelorstudium an den drei Universitäten gewidmet. Inner- und außeruniversitäre Forderungen nach Gegenwartsrelevanz in der geisteswissenschaftlichen Lehre bildeten eine wichtige Triebfeder für die Neukonzeption von Weltgeschichte in den Curricula. Der zweite Teil zeigt, wie neue Perspektiven aus der Lehre in die Promotionsausbildung und damit auch in die Forschung übertragen wurden. Im dritten Teil stehen institutionelle Konkurrenzen und außeruniversitäre Geldgeber als Faktoren für Wandel im Vordergrund. Stiftungen, vor allen Dingen die Rockefeller Foundation, waren ein „Transmissionsriemen für den Bedarf der Historisierung der zeitgenössischen globalen Verflechtungsdynamik“ (S. 478) und damit eine wichtige Brücke zwischen Wissenschaft, Weltgeschehen und politischen Interessen in den USA.

Besonders spannend ist der erste Teil des Buches, in dem die Autorin die nach wie vor aktuelle Debatte um „Western Civ.“-Kurse an US-Colleges historisiert. Gerade am Columbia College, so kann Naumann zeigen, gerieten die Kurse schon früh in die Kritik. Dort zeichneten sich nach dem Ersten Weltkrieg zwei unterschiedliche Tendenzen ab, die europäische Tradition der Weltgeschichte unter Einbezug der USA zu erneuern. Die eine schrieb die USA in das Narrativ vom Aufstieg Europas und der „westlichen Zivilisation“ ein. Die andere kritisierte dieses Narrativ und strebte nach einer polyzentrischeren Betrachtung. Selbst am College in Harvard, das in dieser Hinsicht konservativer als Columbia und Chicago war, machte sich ab den 1930er-Jahren ein Trend zur Polyzentrierung bemerkbar, da Wissen über nichtwestliche Regionen zunehmend in den Prüfungsplänen an der Universität verankert wurde. Diese regionale Diversifikation, die mit dem Ausbau der Area Studies einherging, bildete nach 1945 auch in Harvard die Grundlage für die Konzipierung von allgemeinen Geschichtskursen mit globalerem Horizont. Wird in der Gründungsgeschichte der heutigen Global History auf den starken Einfluss der Area Studies verwiesen, ist dies in der Sache richtig, nur – das zeigt uns Naumanns Buch – oft zeitlich etwas zu spät angesetzt.[3]

Empirisch steht die Studie auf beeindruckend breiter Basis. Das üppige Quellenkorpus – darunter Vorlesungs-, Dissertationsverzeichnisse und Studienordnungen ebenso wie Korrespondenzen und Berichte etwa von Gremien oder einzelnen Forschenden – nutzt die Verfasserin methodisch souverän für qualitative wie quantitative Analysen. Gleichwohl stößt sie punktuell auch auf Grenzen der Aussagekraft ihrer Quellen. Konkret betrifft das die Vorlesungsverzeichnisse. An ihnen kann Naumann plausibel den Stellenwert bestimmter Weltregionen und Schwerpunktverlagerungen in der Lehre ablesen. Wenn sie aber versucht zu eruieren, wie verbreitet eurozentrische Sichtweisen in den Veranstaltungen waren, ist dies ein methodisch wackeliges Unterfangen. Die Veranstaltungstitel hat die Autorin dafür nach europäisch geprägten Entwicklungsbegriffen wie „Fortschritt“/„Rückständigkeit“ oder „Industrialisierung“ durchsucht. Sie räumt selbst ein, dass dies nur begrenzt aussagekräftig ist, benutzt die Begriffe aber dennoch als „Indikatoren für einen eurozentrischen Maßstab in der Auseinandersetzung mit anderen Kulturen“ (S. 222). Doch nicht nur kann das, was tatsächlich im Classroom gelehrt und diskutiert wird, mitunter deutlich von Ankündigungen abweichen. Auch lässt sich eine nicht-eurozentrische Beschäftigung mit anderen Regionen vorstellen, selbst wenn diese thematisch um Prozesse wie „Nationalisierung“ oder „Säkularisierung“ kreist.

Aus globalhistorischer Sicht liefert Naumanns Studie gleich mehrere wichtige Erträge. Sie schärft das Bewusstsein für die Ursprünge heutiger Ansätze und fördert die Erkenntnis, dass globale Geschichtsentwürfe vor dem Hintergrund ganz verschiedener weltpolitischer und gesellschaftlicher Entwicklungen diskutiert und für relevant gehalten wurden – im Kontext von Internationalismus und Pazifismus nach den beiden Weltkriegen ebenso wie während der transregionalen Konflikte zur Zeit des Kalten Krieges. Vielleicht kann diese Einsicht als Argument gegen den zuweilen vernehmbaren Vorwurf dienen, globalhistorische Ansätze seien einseitig auf Zeiten eines optimistischen Kosmopolitismus zugeschnitten.[2] So manche der verworfenen Entwürfe für Weltgeschichte, die Naumann freilegt, könnten außerdem auch heute noch Globalhistoriker/innen inspirieren. Beispielsweise wurde schon in den späten 1960er-Jahren an der Columbia University die Idee vorgebracht, in den Einführungskursen historische Verläufe ohne gängige Epochengrenzen zu vermitteln und die Rolle nicht-westlicher Kulturen hervorzuheben (S. 97). Nicht zuletzt enthält Naumanns Studie – auch wenn sie komparativ innerhalb eines nationalen Raums angelegt ist – selbst eine Verflechtungsgeschichte. Sie stellt den Einfluss transnationaler Wissenschaftsnetzwerke wie des Institute for Pacific Relations sowie internationaler (Gast-)Wissenschaftler/innen heraus. Dozent/innen aus dem Ausland brachten ihren aus der jeweiligen Herkunftsregion geprägten Blick auf die Welt in die amerikanischen Institutionen ein. Internationalisierung bildete demnach einen wichtigen Faktor für Innovation in weltgeschichtlichen Zugängen.

Katja Naumann hat ein bislang fehlendes Stück Historiografiegeschichte vorgelegt, das nicht nur die Aufmerksamkeit von Globalhistoriker/innen und allen, die an Geschichtswissenschaft in den USA interessiert sind, verdient. Eine vielleicht überraschende Erkenntnis von allgemeinerem Interesse ist die innovative Kraft der Lehre als Laboratorium für neue Ansätze und Wandel in der Forschung. Dies bestätigt wiederum den hohen Wert von Naumanns institutionengeschichtlichem Zugang gegenüber einer vorwiegend ideengeschichtlich geprägten Geschichte der Geschichtswissenschaft, in der die Rolle der Lehre oft vernachlässigt wird. In unserer akademischen Kultur, wo es nicht unüblich ist, die Lehre in Konkurrenz um Zeitressourcen mit der eigenen Forschung zu betrachten, kann das Buch zum Nachdenken anregen.

Anmerkungen:
[1] Dies widerspricht der Kritik eines Rezensenten, der infragestellt, „ob man generell von einer Weltgeschichtsschreibung sprechen kann, wenn Totalität, zumal in Raum und Zeit, nicht angestrebt wurde“. Andreas D. Boldt, Rezension zu: Katja Naumann, Laboratorien der Weltgeschichtsschreibung, Lehre und Forschung an den Universitäten Chicago, Columbia und Harvard 1918–1968, Transnationale Geschichte Bd. 7, Göttingen 2018, in: Historische Zeitschrift 310 (2020) 1, S. 272–273.
[2] Siehe die Debatte um: Jeremy Adelman, What is Global History Now?, in: Aeon, 02.03.2017.
[3] Vgl. Patrick Manning, Navigating World History. Historians Create a Global Past, New York 2003, S. 145f.

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26.02.2021
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