P. Y. Beaurepaire: Les lumières et le monde

Cover
Titel
Les lumières et le monde. Voyager, explorer, collectionner


Autor(en)
Beaurepaire, Pierre-Yves
Erschienen
Paris 2019: Belin
Anzahl Seiten
320 S.
Preis
€ 24,00
Rezensiert für Connections. A Journal for Historians and Area Specialists von
Hans-Jürgen Lüsebrink, Universität des Saarlandes Saarbrücken

Der Titel ebenso wie der Klappentext des vorliegenden Bandes des französischen Kulturhistorikers Pierre-Yves Beaurepaire versprechen sehr viel. Das 246 Textseiten umfassende Werk, an die sich knapp 60 Seiten Anhang und Endnoten anschließen, zielt darauf ab, die wissenschaftlichen Formen der Erforschung und Erkundung der außereuropäischen Welt im Aufklärungszeitalter in einer europäischen Dimension zu erfassen. Mit Recht unterstreicht der Verfasser, dass die “Welt der Aufklärung heute unter dem Blickwinkel einer europäischen Aneignung der Welt auf symbolischer, kartographischer, toponymischer, territorialer und natürlich auch ökonomischer Ebene betrachtet wird” (S. 244, Übers. H.-J. Lüsebrink). Die vier Kapitel dieses Buches, an die sich eine recht umfangreiche Schlussfolgerung (“Conclusion”, S. 239–246) anschließt, lösen diese ambitiöse Zielsetzung leider nur zum Teil und auch nicht immer in sehr zufriedenstellender Weise ein. Nachdem im ersten Kapitel die Aufarbeitung der Altertümer des Vorderen Orients, vor allem aus französischer Sicht, im Mittelpunkt steht, folgt im zweiten Kapitel eine Analyse des Phänomens der “Collection”, der musealen Sammlung, aber auch des wissenschaftlichen Sammlergestus. Das dritte Kapitel trägt den sehr allgemeinen Titel “Immer weiter” (“Toujours plus loin”) und beschäftigt sich mit verschiedenen Entdeckungsreisen, vor allem britischer und französischer Reisender in den Pazifik und ins Innere des afrikanischen Kontinents. Das letzte größere Kapitel (IV), “Eine Welt der Objekte, von Bildern und Büchern” (“Un monde d’images, d’images et d’objets”) betitelt, ist auf die Rolle von Forschungsreisen, die in diesem Kontext nach Europa mitgebrachten Objekte, vor allem aus dem Bereich der Botanik, und die hierauf bezogenen Bilder und Texte fokussiert. Die kontinuierliche Erfassung und Beschreibung der Objekte in Schrift und Bild versuchten der von Beaurepaire immer wieder evozierten Fragilität und Vergänglichkeit der Objekte und drohenden Verlusten (etwa auch bei den zahlreichen Schiffbrüchen und Bränden) entgegenzuwirken oder diese zu kompensieren. Das Kapitel endet mit einem kurzen Unterkapitel zu Alexander von Humboldt, dessen Wirken und dessen Hauptwerk Kosmos (1845) als genuines Erbe der Aufklärungsbewegung und ihrer wissenschaftlichen Erkenntnisparadigmen gesehen wird. In dem anschließenden Schlusskapitel versucht der Verfasser, einige Leitgedanken des Buches – wie die „Erfindung“ der wissenschaftlichen „Sammlung“ im Aufklärungszeitalter und die zunehmende Bedeutung nationalen Konkurrenzdenkens bei der wissenschaftlichen Erschließung außereuropäischer Welten – zusammenfassend zu entwickeln.

Der umrissene Inhalt des vorliegenden Werkes deutet bereits an, dass die recht weitgesteckten Erwartungen, die sein Titel und sein Klappentext wecken, nur zum Teil eingelöst werden. Die einzelnen Kapitel enthalten unbestritten eine ganze Reihe interessanter Details und zum Teil auch neue Erkenntnisse aus Studien und punktuellen Archivrecherchen des Verfassers. Dies gilt etwa für die Ausführungen zu Buffon und seinem wissenschaftlichen Netzwerk, durch das die Ende des 18. Jahtrhunderts weltweit führenden Botanik-Sammlungen des Jardin des Plantes in Paris aufgebaut werden konnten. Sie belegen auch eine äußerst effiziente und in dieser Weise singuläre Kooperation zwischen dem Gelehrten Buffon, der selbst keine Forschungsreisen unternahm, sich auf wissenschaftliche Auswertungen und Synthesen beschränkte, aber im wissenschaftlichen Milieu des 18. Jahrhunderts in Paris eine Schlüsselrolle einnahm, und zahlreichen Forschungsreisenden verschiedener Nationen, die weltwelt neue Objekte sammelten, wissenschaftlich erfassten und nach Paris mitbrachten oder sandten. Aufschlussreich ist in den vier Kapiteln des vorliegenden Buches auch die umrissene transkulturelle Perspektive, die Parallelentwicklungen, vor allem jedoch die transkulturelle Dynamik des wissenschaftlichen Austauschs in der République des Lettres des Aufklärungszeitalters in den Blick rückt. An ihr partizipierten die großen Wissenschaftskulturen der Epochen mit herausragenden Institutionen wie der Société Royale des Sciences in Frankreich, der Royal Society in London, den Universitäten Göttingen und Oxford, aber auch in zunehmendem Maße Wissenschaftler der „Peripherie“, aus Italien, Spanien und den skandinavischen Ländern. Empirische Beobachtung und systematische Sammlung, Klassizifierung und Typologisierung, präzise Beschreibung und Erfassung in den Medien Schrift und Bild und schließlich Publikation und gegebenenfalls auch öffentliche Zuschaustellung der Forschungsergebnisse in Museen und öffentlich zugänglichen Sammlungen (“Collections”) entwickelten sich zu Grundelementen eines neuen gesamteuropäischen Paradigmas der wissenschaftlichen Aneignung außereuropäischer Welten, von Kunst und Architektur bis zur Botanik und zur Anthropologie. An vielen, wenn auch häufig eher versteckten Stellen (unter anderem im umfangreichen Anmerkungsapparat am Ende des Buches) verdeutlicht Beaurepaire auch die zentrale Rolle von Übersetzungen in diesem transkulturellen wissenschaftlichen Austausch- und Erkenntnisprozess. Mehrfach unterstreicht er die Schnelligkeit (“rapidité”), mit der die Übersetzung von Reiseberichten und wissenschaftlichen Forschungsergebnissen erfolgte – häufig gleichzeitig in mehrere Sprachen, wie das Beispiel von Richard Pocockes Description of the East, and Some Other Countries (1743) und ihre Übersetzung ins Deutsche, Französische und Holländische belegt (S. 55). Und schließlich wird durch die Lektüre dieses Werkes deutlich, wie eng ökonomische und politische – und damit koloniale – Interessen mit wissenschaftlichen Erkenntnisinteressen verknüpft waren. Die scharfe Konkurrenz zwischen den verschiedenen europäischen Mächten, vor allem zwischen Frankreich und England, um die Vorrangstellung bei der topographischen und kartographischen Erfassung neu „entdeckter“ Regionen, aber auch der Wettbewerb um die größten Sammlungen und die spektakulärsten Erkenntnisfortschritte schlossen wissenschaftliche Kooperation – fast paradoxerweise – keineswegs aus. Sie führten jedoch, wie Beaurepaire aufzeigt, zu einer zunehmenden nationalen Vereinnahmung wissenschaftlicher Erkenntnisfortschritte in der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert. Aufschlussreich und sicherlich vielen Leser/innen nicht bekannt sind Beaurepaires Ausführungen zur Rolle von Joseph Banks bei den großen britischen Entdeckungsreisen des 18. Jahrhunderts und seine europaweiten Verbindungen; zur 1788 in London gegründeten African Association; zu Persönlichkeiten mit europaweitem Einfluss wie dem in Niedersachsen geborenen und über seine Reisen nach Ägypten und ins Innere Afrikas auf Englisch publizierenden Gelehrten Friedrich Conrad Hornemann (1772–1801) (S. 173); sowie zu dem immer noch in der Forschung zum 18. Jahrhundert viel zu wenig rezipierten Werk Cérémonies et Coutumes de tous les Peuples du Monde von Jean-Frédéric Bernard und Bernard Picard (Amsterdam, 1723–1737). Dabei handelt es sich um ein monumentales Pionierwerk der vergleichenden Religions- und Kulturgeschichte im Zeichen der Aufklärungsbewegung, das in den letzten 15 Jahren durch die Forschungen von Margaret Jacob, Lynn Hunt und Wijnand Mijnhardt wissenschaftlich (wieder)entdeckt und in wegweisenden Publikationen aufgearbeitet wurde. Mit Recht bezeichnet Beaurepaire das Werk als eine “wirkliche Grammatik der Zivilisationen” (S. 226), die für den interkulturellen und interreligiösen Dialog im und seit dem Aufklärungszeitalter völlig neue Grundlagen geschaffen habe.

Zugleich enttäuscht das vorliegende Werk in mehrfacher Hinsicht: Es enthält so gut wie keine Zahlen, etwa zur quantitativen Entwicklung und zur geographischen Ausrichtung der Forschungsreisen, zur Zahl wissenschaftlicher Abhandlungen über außereuropäische Welten oder zur rapide zunehmenden Publikation von Reiseberichten zu den unterschiedlichen Weltgegenden, wie sie sich teilweise in Daniel Roches Werk Humeurs Vagabondes. De la circulation des hommes et de l’utilité des voyages (2003) oder in Pierre Chaunus (leider nicht erwähnten) immer noch lesenswerten Synthesewerk La Civilisation des Lumières (1971) finden. Bei vielen Ausführungen fehlen elementare Informationen wie Jahreszahlen und Lebensdaten, die sich der/die Leser/in während der Lektüre, um halbwegs den Überblick zu behalten und die Kontexte zu verstehen, selbst beschaffen muss. Bezugnahmen auf Bilder (Zeichnungen, Gemälde, Porträts) spielen in dem vorliegenden Buch eine recht große und durchaus originelle Rolle – allerdings findet sich in dem vorliegenden Werk keine einzige Abbildung, sodass die auf Bilder bezogenen Ausführungen häufig kaum bzw. schwer nachvollziehbar sind (wie z.B. S.128ff., 133, 185, 218f., 221, 224, 235). Zu bedauern ist auch das Fehlen eines Registers (vor allem von Namen und gegebenenfalls auch von Begriffen und Institutionen), das gerade bei einem Werk wie dem vorliegenden, das zahlreiche Referenzen, aber auch häufig wiederholte Erwähnungen desselben Autors, Reisenden und Wissenschaftlers und derselben Institutionen enthält, sehr wünschenswert und äußerst nützlich gewesen wäre. Und schließlich fallen in der Bibliographie und im Anmerkungsapparat, die sich fast ausschließlich auf französisch- und englischsprachige Titel beschränken, neben den bereits genannten Werken einige frappierende Lücken auf: Guillaume-Thomas Raynals Histoire des deux Indes (1770/80), ein für die behandelte Problematik zentrales Werk der Spätaufklärung, das ab 1780 in zahlreichen Ausgaben auch mit einem Atlas publiziert wurde, wird nur in einer knappen Anmerkung in einem Nebensatz kurz erwähnt (S. 300f., Anmerkung 89); auf Georg Forster und die vor allem deutschsprachigen Publikationen zu seinem Werk wird kaum und auf die für die entstehende anthropologische Rassentheorie zentrale Kant-Forster-Blumenbach-Kontroverse nicht eingegangen. Das Pionierwerk des österreichischen Naturforschers und Forschungsreisenden Nicolas Jacquin, das unter anderem in Studien von Helda Hühnel aufgearbeitet wurde[1], hätte einen Platz neben den von Beaurepaire behandelten Wissenschaftlern verdient. Auch die umfangreiche internationale Forschung zum Werk Alexander von Humboldts wird kaum erwähnt, vor allem was die deutschsprachigen Titel angeht, wie die einschlägigen Werke von Ottmar Ette und Oliver Lubrich.[2] In der insgesamt recht lückenhaften Bibliographie fehlt zudem eine Reihe für die behandelte Problematik durchaus einschlägiger Werke.[3]

Anmerkungen:
[1] Helda Hühnel, Die Neue Welt. Österreich und die Erforschung Amerikas, Wien 1992.
[2] Ottmar Ette, Weltbewusstsein. Alexander von Humboldt und das unvollendete Projekt einer anderen Moderne, Weilerswist 2003; ders., Alexander von Humboldt und die Globalisierung. Das Mobile des Wissens, Frankfurt am Main 2009; Oliver Lubrich, Alexander von Humboldt. Das graphische Gesamtwerk, Darmstadt 2014; Botanik in Bewegung. Alexander von Humboldt und die Wissenschaft der Pflanzen, Bern 2019.
[3] Wie etwa Philippe Despoix, Die Welt vermessen. Dispositive der Entdeckungsreise im Zeitalter der Aufklärung, Göttingen 2009 (frz. Originalausgabe 2005); Benjamin Schmidt, Inventing Exoticism. Geography, Globalism and Europe’s Early Modern World, Philadelphia 2015 und die wegweisenden Studien von Krzysztof Pomian zur Entstehung und zur Geschichte von Sammlungen und Kuriositätenkabinettten in der Frühen Neuzeit: Collectionneurs, amateurs et curieux: Paris, Venise, XVIe–XVIIIe siècle, Paris 1987.

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28.07.2020
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