J. Brunner: Wörterbuch Land- und Rohstoffkonflikte

Cover
Title
Wörterbuch Land- und Rohstoffkonflikte.


Editor(s)
Brunner, Jan; Dobelmann, Anna; Kirst, Sarah; Prause, Louisa
Series
Global Studies
Extent
327
Rezensiert für 'Connections' und H-Soz-Kult von:
Kai Roder, SFB 1199, Universität Leipzig

Die Weltwirtschaftskrise der Jahre 2007/8 befeuerte Investitionen in „reale Werte“, also Land und Rohstoffe. Damit gingen steigende Preise, etwa für Gold und Nahrungsmittel sowie Konflikte um Land einher, die oft in Vertreibung, Enteignung und Gewalt gipfelten. Schlagwörter wie Land Grabbing tauchten daraufhin bald in kritischen, öffentlichen Diskursen auf. Doch auch von akademischer Seite entstand schnell ein reges Interesse an jenen Dynamiken, die sich besonders im globalen Süden, teils aber auch im globalen Norden niederschlugen. In den Folgejahren erschienen eine Vielzahl von Publikationen und Debatten zu allen erdenklichen Nuancen des Themenfeldes um Land- und Rohstoffkonflikte mitsamt einer gewissen Unübersichtlichkeit in der Terminologie.

Mit dem vorliegenden Wörterbuch Land- und Rohstoffkonflikte legen die Herausgeberinnen ein kleines Lexikon von Kernbegriffen sozialwissenschaftlicher Debatten um Land, Ressourcen, Bergbau- und Agrarsektor vor, das als ein Werkzeug zum schnellen Einstieg in die Thematik dienen soll. Auch wenn im Titel ein Wörterbuch angekündigt ist, stellen die Herausgeberinnen klar, dass es sich bei der vorliegenden Publikation um ein einführendes Handbuch handelt. Vierundvierzig Einträge umfasst die Publikation, welche maßgeblich vom Team der BMBF-Nachwuchsgruppe GLOCON an der Freien Universität Berlin, sowie ihr nahestehenden Autor*innen aus der Taufe gehoben wurde.

Die einzelnen Beiträge versuchen auf drei bis acht Seiten überblickshaft und verständlich Begriffsklärungen und Einblicke in damit verbundene Debatten zu geben und somit die Einarbeitung in und Auseinandersetzung mit dem Themenfeld der Land- und Rohstoffkonflikte zugänglich zu machen. Anhand von Beispielen und entsprechenden Kontextualisierungen werden die jeweiligen Termini anschaulich und verständlich dargestellt. Dabei reicht das Spektrum von grundlegenden Termini wie „Ressourcen“ oder „Staat“ über raumtheoretische Begriffe (Frontier, Kontrolle, Territorialisierung) bis zu bergbau- (handwerklicher und industrieller Bergbau, Fracking) und agrarspezifischen Begriffen (Agrarkraftstoffe, Glyphosat, REDD+). Trotz des insgesamt breitgefächerten Spektrums ist allerdings ein leichtes Übergewicht agrarischer Terminologie auszumachen. Dies ist nicht verwunderlich, da GLOCON stark von Ansätzen der Critical Agrarian Studies und deren Anwendung im Kontext Afrikas und Lateinamerikas geprägt ist.

Neben den kompakt und allgemeinverständlich gehaltenen Beiträgen sind besonders die Querverweise innerhalb des Handbuches gut gelungen. So werden nicht nur Verbindungen hergestellt, sondern auch direkte Hinweise auf weitere relevante Begriffe gegeben, die für Leserinnen interessant sein können. Als Übersichtswerk adressiert das vorliegende Handbuch einerseits Neueinsteigerinnen in die sozialwissenschaftlichen Themenfelder Land- und Ressourcenkonflikte, Bergbau oder Critical Agrarian Studies. Gleichermaßen möchten die Herausgeberinnen „diese relativ neue Debatte mit ihrem spezifischen Vokabular einer breiten Leserinnenschaft“ (S. 14) eröffnen machen. Dies zeigt sich auch im Versuch, die Sprache allgemeinverständlich zu halten und nicht zu tief in wissenschaftliches Geplänkel abzudriften. Doch auch für diejenigen, die sich bereits mit dem Themenfeld auseinandersetzen, bietet sich hier eine kompakte Zusammenfassung einzelner Kernbegriffe und -debatten.

Das Handbuch ist als Gesamtprojekt gelungen und stellt einen durchaus zufriedenstellenden Überblick der Thematik bereit, gleichwohl gibt es die ein oder andere Schwachstelle. Von formaler Seite wäre beispielsweise eine Zuordnung der Autorinnen bereits im Inhaltsverzeichnis, nicht erst bei den jeweiligen Beiträgen wünschenswert gewesen. Gerade für ein Handbuch wichtige, weiterführende Literaturhinweise zu den einzelnen Themen, Debatten und Begriffen, die über die direkt zitierten Referenzen hinausgehen, fallen dürftig aus. Zudem führen diese oft nicht allzu weit über den erweiterten Kreis von GLOCON-Autorinnen hinaus.

Die Auswahl der Beiträge wirft weiterhin Fragen auf. Zwar deckt das Handbuch zahlreiche relevante Begriffe ab, spart aber andere zentrale Termini aus. So ist es verwunderlich, dass Begriffe wie Glyphosat oder REDD+ einen eigenen Eintrag erhalten. Glyphosat und REDD+ sind in Debatten um die Agrarindustrie fraglos relevant, bei konsequentem Befolgen dieser Vorgehensweise müsste das Handbuch allerdings auch Einträge für chemische Substanzen wie Quecksilber oder Zyanid beinhalten, welche im handwerklichen Bergbau zum Einsatz kommen und selbst soziale und ökologische Folgen mit sich bringen. Zudem waren Enklaven oder Enklavenökonomien, welche besonders im Kontext industrieller Rohstoffförderung zentrale Elemente der Debatten darstellen, für die Herausgeber*innen offenbar nicht relevant genug, um einen entsprechenden Eintrag zu rechtfertigen. Die Bedeutung dieser Begriffe zeigt sich jedoch u.a. in den andauernden Debatten um und Publikationen zu Enklaven in den letzten Jahren [1].

Es ist offenkundig, dass ein Handbuch nicht allumfassend in theoretische Debatten eintauchen und erschöpfende Erläuterungen bieten kann und die die Herausgeber*innen weisen eingangs auch darauf hin, dass zivilgesellschaftliche und aktivistische Debatten im Fokus stehen. Dennoch geht der Spagat zwischen Wissenschaft und breiterem Publikum auf Kosten der Begriffsauswahl und sind tendenziell eher Termini aufgegriffen, die häufig im öffentlichen Diskurs vorkommen (Stichwort Glyphosat), als jene, die die wissenschaftlichen Debatten prägen.

Insgesamt bietet das vorliegende Handbuch dem adressierten Publikum ungeachtet des eigenen Interessenhintergrundes eine sehr gute Möglichkeit, mit vergleichsweise geringen Barrieren in die brisante und aktuell höchst relevante Thematik der Land- und Rohstoffkonflikte einzutauchen. Als kleines Nachschlagewerk ist es zudem auch für etablierte Wissenschaftlerinnen durchaus empfehlenswert. Der Anspruch, mit diesem Buch eine Brücke zwischen Wissenschaft, Zivilgesellschaft, Aktivistinnen und der allgemeinen Öffentlichkeit zu schlagen ist äußerst löblich und ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung. Von dieser Warte aus ist eine entsprechend weite Rezeption des Handbuches äußerst wünschenswert.

Anmerkungen:
[1] Vgl. z.B. Johnathan Conning / James Robinson, Enclaves and Development. An Empirical Assessment, in: Studies in Comparative International Development 44,4 (2009), S. 359–385. und James Ferguson, Seeing like an Oil Company. Space, Security, and Global Capital in Neoliberal Africa, in: American Anthropologist 107,3 (2005), S. 377–382. und Katja Werthmann, Enklaven. Berlin 2020.

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Published on
29.05.2020
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Diese Rezension entstand im Rahmen des Fachforums 'Connections'. http://www.connections.clio-online.net/
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