: Diaspora. Heimat im Exil. München  2003. ISBN 3-89660-191-1

Mirzoeff, Nicholas (Hrsg.): Diaspora and Visual Culture. Representing Africans and Jews. London  1999. ISBN 0-415-16670-5

Wettstein, Howard (Hrsg.): Diasporas and Exiles. Varieties of Jewish Identity. Berkeley  2002. ISBN 0-520-22864-2

Münz, Rainer; Ohliger, Rainer (Hrsg.): Diasporas and Ethnic Migrants. Germany, Israel and Post-Soviet Sucessor States. London  2003. ISBN 0-7146-8384-1

Reviewed for Connections. A Journal for Historians and Area Specialists by
Anna Lipphardt, DFG-Graduiertenkolleg Makom, Universität Potsdam

In dieser Rezension werden vier Publikationen näher vorgestellt, die sich ausgehend von jüdischen Kontexten, z.T. auch unter vergleichender interethnischer Perspektive, mit diasporischer Vielfalt beschäftigen. Doch zunächst einige einleitende Bemerkungen zur Genese und aktuellen Entwicklung des Diaspora-Begriffs:

Im jüdischen Kontext und im allgemeinen Verständnis wird Diaspora meist mit Vertreibung, Versklavung und Heimatlosigkeit verbunden. Gleiches gilt für die alternativen, wenn auch nicht deckungsgleichen hebräischen Begriffe galut und t‘futsot. Mit der Zerstörung des Zweiten Tempels im Jahre 70 v.Chr. wurde die Diaspora zur Grundbedingung jüdischen Lebens, zu einem zentralen Bezugspunkt jüdischen Denkens und jüdischer Religionspraxis. Politisch relevant wurde der Begriff erst in der Neuzeit. Infolge des Holocaust geriet der affirmative Diaspora-Nationalismus Dubnow’scher Prägung, der unter osteuropäischen Juden in der Zwischenkriegszeit großen Einfluss gehabt hatte, in weitgehende Vergessenheit.[1] Den Zionisten, die die Diaspora vehement ablehnten, gelang es nun hingegen den Staat Israel zugründen, was zu einer fundamentalen Rekodierung von Zentrum/Heimatland und Zerstreuung/Diaspora führte.

Diaspora-Konzepte und -Erfahrungen sind seit jeher vielschichtig und nicht nur negativ besetzt. Diaspora ist Fremde und Heimat zugleich, sie umfasst „routes and roots“ (James Clifford) und stellt einen dynamischen Prozess zwischen diesen beiden Polen dar. Zudem ist Diaspora nicht auf den jüdischen Kontext beschränkt. Im deutschsprachigen Raum überwiegen jedoch innerhalb der Jüdischen Studien und auch der Migrationsforschung weiterhin Vorstellungen einer „victim diaspora“.[2] Migration wird meist als „Einbahnstrasse“ von einem klar umgrenzten nationalstaatlichen Territorium in ein anderes konzeptionalisiert und als Problem für den Nationalstaat verstanden, das mit negativen Konnotationen wie „Entwurzelung,“ „Anpassung“ und „Krise“ einher geht. Im englischsprachigen Raum begannen hingegen in den 1970er-Jahren Vertreter minorisierter Gruppen mit Migrationshintergrund und Wissenschaftler aus den Post-Colonial Studies bei ihrer Analyse von transnationalen Migrationsbewegungen und Mehrfach-Ortsbindungen von Diaspora zu sprechen und so die Ressourcen, individuellen Erfahrungen und Handlungsspielräume von Migranten in den Mittelpunkt zu rücken.[3] Seit den späten 1980er-Jahren verdichtete und institutionalisierte sich dieser affirmativ-emanzipatorisch ausgerichtete Diskurs mit der Gründung entsprechender Journale und der Einrichtung universitärer Programme für Diaspora Studies.[4] Mit der positiven Umwertung des Diasporabegriffs im öffentlichen Diskurs ging vor allem in den USA jedoch auch seine Inflation einher, so dass er dort inzwischen unterschiedslos für alle Formen von Migration und Dispersion verwandt wird. Um dieser Tendenz entgegen zu wirken, haben sich im wissenschaftlichen Bereich inzwischen einige grundlegende Kriterien etabliert: „Dispersal from an original homeland, often traumatic, to two or more foreign regions"; " the expansion from a homeland in search of work, in pursuit of trade or to further colonial ambitions,” [5]; ein gewisser Gemeinschaftssinn im Bezug auf geteilte Vergangenheit, Erinnerung und Kultur; die Absicht bzw. der Mythos der Rückkehr in das Ursprungsland. Dieser letzte Aspekt, der in diasporischen Gruppen, welche infolge von Arbeitsmigration entstanden, oft stark verbreitet ist, findet sich bei anderen Gruppen grundsätzlich nicht, deren Wissen um den genauen geografischen Herkunft durch gewaltsame Entwurzelung und Sklaverei verloren ging oder deren Heimat durch menschenverursachte Katastrophen wie Krieg und Genozid grundlegend zerstört wurde.[6]

Das Diaspora-Konzept basiert also auf einem neuen Ordnungsbegriff, der alternative Blickwinkel auf das Phänomen Migration erlaubt, indem er den Schwerpunkt verschiebt von den Nationalstaaten, ihren Kontrollinstitutionen und den Grenzen, die Migration regulieren, hin zu den Menschen, die freiwillig oder unfreiwillig migrieren, und den Erfahrungen, die sie unterwegs machen und dort, wo sie ankommen. Aus dieser Sicht müssen historische Prozesse ganz anders, eben transnational und auch mit anderen Methoden beschrieben werden, als in der traditionellen Nationalhistoriografie.

Der von Howard Wettstein 2002 herausgegebene Sammelband „Diasporas and Exiles. Varieties of Jewish Identity“ ging aus einer interdisziplinären, überwiegend aus Geisteswissenschaftlern bestehenden Forschungsgruppe am University of California Humanities Research Institute (UCHRI) hervor. Die Schwerpunkte wurden folgendermaßen gesetzt: „Our topic was Jewish identity, which one can hardly mention without reference to diaspora. [...]. Early in our discussion, however, it emerged that the term exile rather than the more modern diaspora better translates galut, the traditional Hebrew expression for the Jews’ perennial condition. The distinction between diaspora and exile proved controversial, difficult to analyze, but focal to our discussion.” (S. 1) Der Herausgeber verzichtet dann leider auch auf eine übergreifende systematische und problematisierende Einführung in die beiden zentralen Begriffe Diaspora und Identität. Weil auch nicht alle Einzelbeiträge eine Begriffsklärung aus den spezifischen Fachdiskursen heraus vornehmen, verschenkt der Band damit Einiges an theoretischem Potential und wissenschaftlicher Anschlussfähigkeit über den Bereich der Jüdischen Studien hinaus.

Der Band ist mehr oder weniger chronologisch geordnet und umfasst Beiträge zum jüdischen Altertum sowie zum 19. und 20. Jahrhundert mit einem Schwerpunkt auf den Entwicklungen nach der Shoah und der israelischen Staatsgründung. Geografisch-räumlich reicht die Bandbreite vom Mittelmeerraum und Vorderasien, über Frankreich, Wien bis hin zu transnational agierenden jüdischen Wohlfahrtsorganisationen. Dazu gesellen sich national übergreifende Analysen individueller Diasporaerfahrungen, die etwa ein polnisches Shtetl, die Metropole Warschau, Israel und New York mit einem jüdisch-orthodox geprägten Suburb in New Jersey als vorläufiger Endstation verbinden.

Der Historiker Erich Gruen legt detailliert dar, dass die jüdische Zerstreuung nicht erst mit der Zerstörung des Tempels begann, sondern dass bereits seit dem 4. Jahrhundert v.u.Z., vorwiegend infolge von freiwilliger Migration, 3-5 Millionen Juden in stabilen, wirtschaftlich, sozial und politisch gut integrierten Diasporagemeinden des hellenistischen Reiches lebten. Jerusalem, das die wenigsten von ihnen selbst kannten, blieb weiterhin das spirituelle Zentrum und damit auch der Dreh- und Angelpunkt der Juden innerhalb und außerhalb Israels. Gruens Fazit ist richtungsweisend weit über die von ihm behandelte Epoche hinaus: „[T]he whole idea of privileging homeland over diaspora, or diaspora over homeland, derives from a modern, rather than an ancient, obsession.” (S. 20)

Der Historiker Daniel J. Schroeter wendet sich der jüdischen Identität innerhalb der arabischen Welt zu und zeigt am Beispiel der marrokanischen Juden im 19. und 20. Jahrhundert, wie schwierig es ist, deren Identität zu definieren – und eindeutige Antworten zu finden auf Fragen wie: Was ist zu Hause/Heimat? Was ist Diaspora? In die Thematik steigt er mit einer aktuellen Szene aus der Synagoge in Agagir ein, einem marrokanischen Badeort, der hauptsächlich von Berbern bewohnt ist, während der Ferienzeit jedoch marrokanische Juden aus der ganzen Welt anzieht. Vor dem Morgengebet an einem Shabbat, fragte der Rabbiner die zahlreichen Feriengäste, die sich eingefunden hatten, ob er seine Predigt auf Französisch, Hebräisch oder Arabisch halten solle. Die einstimmige Antwort lautete „bi-l-arabiya!“ [auf Arabisch!]. – Schroeter stellt die komplexen Bezüge marrokanischer bzw. arabischer Juden in den Rahmen der Modernisierungsprozesse innerhalb der arabischen Welt und argumentiert, dass jene drei Kräfte – Aufklärung, Antisemitismus und Zionismus – die nach Michael Meyer moderne jüdische Identität entscheidend geformt haben, für Juden in Asien und Afrika nicht von Bedeutung waren.[7] Er legt überzeugend dar, dass für sie vor allem Kolonialismus und Islam prägend waren, was aus einer eurozentrischen Perspektive selten berücksichtigt wird und schließlich zu dem Paradox von Akkulturation ohne Assimilation und zu einer jüdischen Moderne ohne die Erosion des religiösen Glaubens führte.

Um individuellen Migrationserfahrungen nachzugehen, begibt sich die Soziologin Diane Wolf auf die Mikroebene. Anhand eines lebensgeschichtlichen Interviews mit “Jake,” einem orthodoxen, aus Polen stammenden Holocaustüberlebenden, der mit seiner Frau zu deren Verwandten in den USA emigrierte, arbeitet sie die Abfolge der einzelnen Verfolgungs- und Migrationsphasen wie auch die Zusammenhänge von Familie, Heim/at und Diaspora heraus, einschließlich der Abhängigkeiten, der fortdauernden Unsicherheiten und Ambivalenzen, die sich für Migranten aus dieser Konstellation ergeben. Ausgehend von Jakes Geschichte hinterfragt Wolf Kernbegriffe wie "agency", "kin networks" oder "co-ethnic solidarity", die sich vor allem in der anglo-amerikanischen Debatte großer Popularität erfreuen und warnt davor, Migration und Diaspora zu idealisieren: “[It] is important to explore, rather than make assumptions about, the natural altruism of kin, particularly from (trans)migrants.“ (S. 206). Darüber hinaus stellt sie ihre Überlegungen in einen vergleichenden Kontext zu multidiasporaischen Erfahrungen anderer "middlemen minorities" und plädiert angesichts von Mehrfach- und Zwangsmigrationen und den „multiple notions of home“ für eine konzeptionelle Differenzierung des dualen Paradigmas von „Zuhause“ (Punkt A) und „Diaspora“ (Punkt B), das bis heute innerhalb der Migrationsforschung dominiert (S. 207f.).

Auch unter den weiteren Beiträgen gehen einige über die Ebene von Fallstudien hinaus und stellen innovative, übergreifende Fragen. Hingewiesen sei besonders auf Bernard Sussers Reflexionen über die jüdische “ideology of affliction” und Catherine Sousloffs Aufsatz zur jüdischen (Un)Sichtbarkeit und den komplexen Interaktionen zwischen Malern, Portraitierten und Betrachtern am Beispiel der Portraitmalerei im Wiener Fin de Siècle. Leider fehlt jedoch ein kumulativer Index, durch den sich die einzelnen Beiträge im Zusammenhang besser erschließen ließen.

Der von Rainer Münz und Rainer Ohliger herausgegebene Sammelband „Diasporas and Ethnic migrants. Germany, Israel and Post-Soviet Successor States in Comparative Perspective” (2003) ist stark sozialwissenschaftlich ausgerichtet. Bis auf drei Philologen sind die Autoren des Bandes in Politikwissenschaft, Soziologie, der europäischen Zeitgeschichte oder der Osteuropa-Forschung angesiedelt. Wie die Herausgeber in der Einleitung darlegen, ging es ihnen darum, Unterschiede und Ähnlichkeiten in der Minderheitenexistenz und den Migrationsprozessen von drei Gruppen zu beleuchten, die in politischen Debatten vehement auf der Einzigartigkeit und Unvergleichbarkeit der jeweiligen (Leidens-)Geschichte bestehen. Ausgangspunkt für dieses vergleichende Projekt sind der jahrhundertelange gemeinsame Siedlungsraum von Juden, Russen und Deutschen in Mittel- und Osteuropa und die beiden zentralen Ereignisse des 20. Jahrhunderts – der Zweiten Weltkrieg und das Ende der kommunistischen Herrschaft –, in die alle drei Gruppen, wenn auch auf ganz unterschiedliche Weise, involviert waren, und die radikale Veränderungen für sie zur Folge hatten.

Die klare Gliederung umfasst eine Einleitung zur übergreifenden theoretischen und vergleichenden Perspektive, einen Abschnitt über die historischen Hintergründe der ethnischen Entflechtungen und Zwangsmigrationen im Europa des 20. Jahrhunderts und drei regionale Schwerpunkte: Russland und die Nachfolgestaaten der UdSSR, die Bundesrepublik Deutschland und Israel. Der eng begrenzte Zeitraum mit den beiden gesetzten Zäsuren – das Ende des Zweiten Weltkriegs und das Ende des Ost-West-Konflikts –, die Fokussierung auf einen geografischen Raum bzw. drei ethnische Gruppen und deren Bezüge zueinander, sowie die disziplinäre Nähe der beteiligten WissenschaftlerInnen zueinander und das Augenmerk, das die Herausgeber auf übergreifende und vergleichende Fragestellungen legen, führen zu produktiven Kontrastierungen und Synergieeffekten zwischen den Einzelbeiträgen und insgesamt zu einem hohen theoretischen Mehrwert. Dieser wird zusätzlich noch unterstützt durch einen differenzierten Index und eine 43-seitige Sammelbibliografie mit den zentralen wirtschafts- und sozialwissenschaftlichen Publikationen zum Thema Transnationalismus.

Mit den Politologen Gabriel Sheffer und William Safran sowie mit dem Literatur- und Kulturwissenschaftler Kaching Tölölyan konnten drei Vordenker des angloamerikanischen Diaspora-Diskussion gewonnen werden, so dass der Band die theoretischen Grundlagen aus dem anglo-amerikanischen Bereich mit den historischen Entwicklungen in Mittel- und Osteuropa und der Empirie der gegenwärtig davon betroffenen Gesellschaften zusammenführt. Sheffer diskutiert in seinem Beitrag die Faktoren, die im Kontext von Globalisierung zur Entstehung und zur Disintegration von ethno-nationalen Diasporas führen. Tölölyan nimmt eine kritische Bestandsaufnahme des gegenwärtigen Diaspora-Diskurses in den USA vor und verortet dessen aktuelle Schwerpunkte in ihren spezifischen sozialen, kulturellen und akademischen Kontexten. Safran wendet sich in seinem politisch z.T. stark polarisierenden Schlussbeitrag dem zu, was er die partielle kulturelle, religiöse und politische „Diasporisierung“ Israels nennt, und damit den (erfolglosen) Versuchen des ersten Staates, der auf Initiative einer weltweiten, staatenlosen Diaspora entstand, diese mit der Staatsgründung zu überwinden.

Insgesamt fällt auf, dass die Mehrzahl der Autorinnen und Autoren der historisch und empirisch ausgerichteten Beiträge eher mit Begriffen aus dem semantischen Umfeld von „ethnische Migranten“ operieren als mit dem Diaspora-Begriff, wobei leider nur wenige ihre Begriffswahl näher erläutern. Durch die Fokussierung auf unfreiwilliger Migration stehen zwangsläufig die dadurch verursachten Probleme im Mittelpunkt, und nicht so sehr das soziokulturelle Potential und die spezifischen Ressourcen, auf die Diaspora–Gemeinden zurückgreifen können. Die starke sozialwissenschaftliche Ausrichtung des Bandes führt außerdem dazu, dass den Migrationsprozessen auf der Metaebene weit mehr Aufmerksamkeit zuteil wird als auf der Mikroebene, dass hier vor allem etwas über Ursachen und Wirkungen von Migration aus nationalstaatlicher oder internationaler Perspektive zu erfahren ist und weitaus weniger über die Erfahrungen, Perspektiven und Handlungsstrategien derjenigen, die migriert sind.

Kultur und moderne Kunst stehen dagegen im Mittelpunkt des laut Verlagsankündigung ersten Buches, das die Verbindung von Diaspora und deren Repräsentation in der visuellen Kultur untersucht. Herausgegeben vom Kunsthistoriker Nicholas Mirzoeff wendet sich der Sammelband "Diaspora and Visual Culture. Representing Africans and Jews" (2000), dem künstlerischen Prozeß wie auch der Diasporaerfahrung zu und damit den zutiefst individuellen, subjektiven Momenten, auf denen diese, eingebettet in soziokulturelle Kontexte und politische Realitäten, basieren. Mirzoeff hat für sein Projekt Kolleginnen und Kollegen aus der Kunstgeschichte, der Kulturwissenschaft, den Gender und African American Studies aber auch KünstlerInnen und KuratorInnen zusammengebracht, die über Bilder der Diaspora, über kulturelle Produktionsbedingungen in der Diaspora, über Sichtbarmachung, visuelle Wahrnehmung und Ausblendungen berichten. Den zugrunde liegenden vergleichenden Ansatz skizziert er in der Einleitung: „There is a growing sense that we now find ourselves at [...] ‚the in-between of different cultures.‘ This book is dedicated to thinking through what that in-between looks like in the African and Jewish diaspora. It is motivated by the belief that diaspora is an inevitable plural noun [...], that [it] cannot be properly understood in isolation. [...] Africans and Jews have long looked to each other for an explanation of what it means to be in diaspora, an understanding that is now in urgent need of renewal.“ (S. 2) Mirzoeff weist weiter auf zwei grundlegende Probleme bezüglich der Repräsentation von Diaspora hin, erstens dem Umstand, dass diese qua ihrer Natur niemals vollständig gesehen, verstanden oder repräsentiert werden kann, auch nicht von ihren eigenen Mitgliedern. Das zweite Problem liegt in der Marginalisierung diasporischer Gruppen innerhalb und mittels der Visualisierungsstrategien der westlichen Nationalkulturen. Diasporische Gruppen haben dennoch anhand visueller Mittel ihr Verständnis von Verlust und Zugehörigkeit, von Verstreuung und Identität zum Ausdruck gebracht, wenngleich die Mehrheitsgesellschaften dies kaum wahrnehmen. Mirzoeffs Einleitung bietet zudem weitere anregende konzeptionelle Überlegungen wie z.B. zur Intervisualität oder zur Integration einer zukunftsgerichteten Dimension in den bisher vor allem vergangenheitsbezogenen Diaspora-Begriff. Weitere Ausgangspunkte für die in diesem Band versammelten "diaspora visual studies" bilden Stuart Halls zum Klassiker gewordener Essay „Cultural identity and diaspora“ und das „First diasporist manifesto“ des Malers R.B.Kitaj, die von beiden Autoren explizit in ihre persönlichen Erfahrungshorizonte der afro-amerikanisch-europäischen Diaspora bzw. der jüdischen „post-Holocaust Diaspora“ eingebettet werden.

Diasporische Identität im 19. Jahrhundert ist das Thema des nächsten Abschnitts, der Beiträge zu Mary Edmonia Lewis und ihrer Selbstinszenierung als indigene amerikanische Künstlerin (J.M. Holland), zu Pissaros Beschäftigung mit der karibisch-jüdischen Diaspora, aus der er stammte (N. Mirzoeff), sowie zur Dreyfus-Affäre und den damit verbundenen Körperbildern (N.L. Kleeblatt) umfasst.

Die dritte Sektion, überschrieben mit „Engendering diaspora“ beginnt mit dem Versuch Alan Sinfields, Diaspora und schwule Identität in einen theoretischen Zusammenhang zu bringen. Anhand des in der Yoruba Religion praktizierten bembe-Rituals beschäftigt sich Mary Thompson Drewal mit nomandischer Kulturproduktion in der afro-amerikanischen Diaspora und lenkt dabei den Blick auf die Bedeutung des Körpers, der infolge der durch Kolonialismus und Sklaverei verursachten Entwurzelung und Besitzlosigkeit zum zentralen Kultur- und Erinnerungsmedium geworden ist. Der Maler Moyo Okediji stellt die Konzept-Künstlerin Adrien Piper vor, und zeigt, wie auch diese sich bestimmter Yoruba-Rituale bedient, um die Grenzen von “Rasse,“ Geschlecht und sozialer Zugehörigkeit zu überschreiten und in radikaler Art zu hinterfragen. Irit Rogof befasst sich mit Frauenbildern und der israelischen Produktion einer visuellen Kultur der Zugehörigkeit, mit der versucht wurde, das Konzept der Differenz auszulöschen, welches jüdische Identität in der Diaspora so grundlegend geprägt hatte. Als empirische Basis dienen ihr Bilder aus israelischen Schulbüchern, populärgeschichtlichen Werken und Frauenzeitschriften, an denen sie die Inszenierung des visuellen Gegensatzes zwischen aktiven, produktiven, maschinen-ähnlichen europäischen Frauenkörpern und den passiven, schweigend und unbeweglichen „orientalischen“ Frauenkörpern heraus arbeitet. In einem sehr persönlichen Essay gibt Eunice Lipton Auskunft darüber, weshalb sie, aus einem jüdischen Arbeiterhaushalt in der Bronx stammend, Kunsthistorikerin wurde – „[an] expert in the pleasures of seeing“. Selbstkritisch reflektiert sie den Zusammenhang zwischen ihrer jüdischen Identität und der Tatsache, dass sie in ihrer Betrachtung von Kunst und ihrer wissenschaftlichen Produktion bestimmte Momente lange Zeit völlig ausblendete, die diese Identität indirekt bedrohten oder in Frage stellten, wie etwas Degas‘ notorischen Antisemitismus.

In der letzten Sektion sind Essays versammelt, die sich mit Visualisierungen der Diaspora in Polen bzw. in Brasilien beschäftigen. Carol Zemel analysiert die Produktionsbedingungen und das Zielpublikum für die bekannten Fotografien von Moshe (Ravish) Vorobeytshik und Alter Kaczyne, die in den 1920er und 1930er-Jahren entstanden, um jüdischen, meist in Westeuropa und den USA lebenden Betrachtern das osteuropäische Shtetl näher zu bringen. Sie diskutiert die Verbindung zwischen der abgebildeten, zeitlos wirkenden Tradition und der modernen, invasiven Technologie der Fotografie, beleuchtet Ausbildungsmöglichkeiten für jüdische Künstler und Fotografen im Osteuropa der Zwischenkriegszeit wie auch die Ausstellungs- und Finanzierungsmöglichkeiten, die ihnen offen standen, und den Einfluss, den diese Faktoren auf die Motivwahl und Gestaltung ihrer Bilder hatten.

Paula Birnbaum widmet sich der Konstruktion künstlerischer Identität am Beispiel der Malerin Alice Halicka, die ihre polnisch-jüdische Herkunft im Paris der Zwischenkriegszeit gezielt verschleierte, in ihren Bildern jedoch immer wieder jüdische Motive aufnahm, und diese in stark stereotypisierender Art und Weise umsetzte. Simone Osterhoff setzt sich mit dem Werk des brasilianischen Performance Künstlers Hélio Oiticia auseinander, während Henry John Drewal den Einfluss von Bantu- und Yoruba-Kunst auf die brasilianische Kultur behandelt. Das abschließende Resümee von Aline Brandauer hebt das Motiv der „interpenetration“ bzw. Hybridität heraus, welches im lateinamerikanischen Kontext immer wieder auftaucht, und ihrer Ansicht nach auch hilfreich für den Aufbau eines übergreifenden, transkulturellen Verständnisses von Diaspora sein kann.

Trotz kleiner Einschränkungen – wie der nicht ganz nachvollziehbaren Zuordnung einiger Artikel, dem Fehlen eines Indexes, der Querverbindungen erleichtern würde, und einem stellenweise theoretischen Übergewicht – ist dieser Band mit seinen innovativen Fragestellungen und methodischen Ansätzen eine große Bereicherung für die Diasporaforschung und sei allen ans Herz gelegt, die sich für die Verbindung von "spatial" und "visual turn" interessieren und zudem noch ihren theoretischen Horizont erweitern möchten.

Beim letzten hier vorgestellten Buch geht es ebenfalls um die Visualisierung von Diaspora unter komparativen, diesmal allerdings ausschließlich intrakulturellen Blickwinkeln – um die fotografische Darstellung weltweiter jüdischer Vielfalt. Frédéric Brenners Bildband „Diaspora. Heimat im Exil“ (2004), der viel Material aus seinen vorangegangenen Einzelausstellungen umfaßt [8], stellt kein wissenschaftliches Werk dar, sondern eine breitgefächerte fotografisch-künstlerische Primärquelle zum Thema Diaspora – eine „visuelle Anthologie der Juden,“ wie er es selbst nennt. Hinzu kommt einen zweiter Band mit dem Untertitel „Stimmen“, der zu ausgewählten Bildern Erläuterungen Brenners sowie Kommentare von Freunden des Fotografen, von jüdischen Intellektuellen und den Portraitierten selbst versammelt und so als Hypertext gelesen werden kann. – Um Missverständnissen vorzubeugen: Brenner ist kein Dokumentarfotograf und seine Bilder folglich kein Versuch, jüdische Wirklichkeit im realistischen Modus abzubilden. Der Bildband ist weder strikt chronologisch noch strikt thematisch oder geografisch geordnet; eher werden Bildergruppen assoziativ nebeneinander gestellt und kontrastiert, was zu einer weiteren, spannenden Reflexionsebene führt. Dennoch ergibt sich – unterstützt u.a. von einer Weltkarte mit eingezeichneter Reiseroute der vergangenen 20 Jahre – ein komplexer Einblick in die fortlaufende Entwicklung des Anthropologen, Fotografen und Künstlers Frédéric Brenner und seine sich wandelnden Sichtweisen. Wie er in den Einführung feststellt, ging es ihm zu Beginn seiner Arbeit Ende der 1970er-Jahre darum, „das Essentielle,“ „Authentische“ bedrohter jüdischer Kulturen fotografisch festzuhalten und dementsprechend fokussierte er das zeitlos, archaisch Wirkende, d.h. Szenen, welche die jüdische Tradition der von ihm besuchten Gemeinden in Mea Sharim, in Äthiopien, Indien oder dem Jemen widerspiegelten: „Als ich begann, war mein Projekt unvermeidlich, wenn nicht absichtlich, ethnografisch angelegt. Doch je weiter ich voran kam, desto mehr sah ich mich gezwungen, den Mythos vom ‚einen Volk’ aufzugeben. Ich suchte nach dem, woran ich glaubte – Kontinuität, fand aber nichts als Diskontinuität. Und je mehr Juden ich traf, desto weniger wußte ich, wie ein Jude aussieht.“ (Bd. 2, S. IX) Nach und nach rückten für ihn Widersprüchlichkeiten und Ambivalenzen jüdischer Gegenwart in den Mittelpunkt, die er heute in groß angelegten Tableaus zu Themen der jüdischen Diaspora für seine Kamera inszeniert, wobei kein Detail dem Zufall überlassen bleibt. Der nach Gemeinsamkeiten suchende, konservierende Blick wurde abgelöst durch bewusst konstruierte provozierende, z.T. verstörende Blickwinkel, durch (In)Fragestellungen, Spiegelungen sowie eine Hinwendung zum Moment der Veränderung und den dynamischen Wechselwirkungen zwischen jüdischen Lebensformen einerseits und ihren spezifischen geokulturellen Kontexten in der Diaspora andererseits.

Bereits die Eingangsseiten setzten das Programm – jüdische Vielfalt in der Diaspora zu zeigen – eindrücklich um. Aufeinanderfolgend präsentiert Brenner hier u.a.: Birossa Yaich, den Wächter der Synagoge im tunesischen Djerba, auf einer Matraze vor dem Gemeindeofen ruhend, in dem das Brot für das Shabbatmahl gebacken wird – Jacobo Beiss aus Havanna di Cuba, auch bekannt als „El Chino“ in einem verstaubten Arbeitszimmer, in dem vor allem ein Bild von Che Guevara und ein alter Karton Manischewitz-Mazzos ins Auge fällt – ein Arrangement historischer Familienportraits der Familie Rothschild im französischen Château Lafite, vor dem eine Kinderhand von vorne ins Bild hinein einen Akkord auf dem Klavier anschlägt – Khayim Yossifovich Kazhokin und seine Frau Sara Michaylovna, Kolchosarbeiter aus dem Oblast Woronesch, damals noch UdSSR, die in Arbeitskleidung zusammen mit ihrem Enkelkind im ärmlichen Wohnzimmer zu sehen sind – General David Abramovitch Dragunsky, Vorsitzender des Antizionistischen Komitees in Moskau, der in ordensbeschmückter Galauniform zusammen mit seiner Frau unter dem Kronleuchter ihres edlen Salon für die Kamera posiert – und schließlich Yeworq Wooha, eine junge, in schlichtes Leinen gekleidete Frau aus dem äthiopischen Ambover mit nach hinten gebundenen Rastazöpfen, die im Halbprofil zur Kamera ruhig vor sich hinschaut.

Das Einzeltableau, das ich hier als Beispiel für Brenners Arbeitsweise vorstellen möchte, trägt den Titel „Brendas jüdischer Kochkurs für Haushälterinnen, Johannesburg 2001“ (Bd. 1, S. 254f.): Im Vordergrund liegen auf einem Tisch zwei Laib Challah, Salat und ein riesiger Suppentopf, daneben sitzt Brenda, eine sorgfältig zurechtgemachte, weiße Mittvierzigerin samt umgebundener Küchenschürze und Perlenkettchen, dahinter schwarze Dienstmädchen mit Notizblöcken in der Hand, zu einem Gruppenportrait arrangierte, an den Wänden ausgestopfte Antilopen, Zebras und andere Trophäen. – Wer den zweiten Band zur Hand nimmt, findet dort Brenners Anmerkungen zur Entstehungsgeschichte dieses Bildes. Als er zum ersten Mal in Südafrika war, sah er in ganz Johannesburg Plakate, die für Brendas Kochkurs warben. Gleichzeitig war Brenner immer wieder irritiert von der Situation der Dienstmädchen, die für die weißen jüdischen Familien arbeiteten. „Mehrere Monate später fand ich im Haus eines Tierpräparators in Pretoria die Kulisse für dieses Bild, aber ich überlegte, wie ich den Präparator, Brenda und die Dienstmädchen zur Teilnahme überreden könnte. Mir war nicht klar, in welchem Maß alle Teilnehmer ihre Rolle verinnerlicht hatten. Das Foto erzählt auch die Geschichte dieser Tragödie.“ (S. 112) Die Kommentare zu diesem Bild spiegeln die immense Irritation der BetrachterInnen wider. Die Kulturwissenschaftlerin Barbara Kirshenblatt-Gimblett merkt an: „Kenntnisse über die jüdische Küche werden nicht von der Mutter an die Tochter, sondern von Brenda an die schwarzen Dienstmädchen weitergegeben, die in jüdischen Haushalten arbeiten. Sie werden für ihre Arbeitgeber die Hüterinnen des Küchenjudentums sein. – Die Apartheid mag offiziell vorbei sein, die bleibenden Folgen der Rassentrennung und Ungleichheit sind es nicht. [...] Wie sieht die Zukunft Südafrikas aus, die Brenners Photo von Brendas jüdischem Kochkurs ins Auge fasst?“ (S. 112) Julius Lester, Professor für Jüdische Studien kommentiert: „Als schwarzer Jude stehe ich, auf einem Bild vereint, den beiden Polen meiner politischen und religiösen Identität gegenüber, und ich kann sie nicht versöhnen, weil weder die Schwarzen noch die Juden auf diesem Bild meinem Idealbild von Schwarzen und Juden nahe kommen. [...] Was ist eigentlich „jüdische Küche“? Ist sie noch „jüdisch“, wenn das Kochen von schwarzen Südafrikanerinnen erledigt wird? Geht es nur darum, sich an ein Rezept zu halten? [...] Als Schwarzer und als Jude weckt dieses Photo in mir Wut und Scham.“ (S. 113) Und Ammiel Alcalay, Autor, Übersetzter und Literaturwissenschaftler beschäftigt schließlich die Macht des Fotografen: “Dieses Bild hält einen konfrontativen, keinen intimen Augenblick fest: Der Fotograf zielt mit seiner Waffe und die Fotografierten starren ihn an. Das Bild ist gestellt, der Rahmen streng kontrolliert. Die Fotografierten haben nur den Raum, den ihnen der Fotograf zugewiesen hat; sie erwidern unseren Blick durch die Linse des Fotografen. Wir sehen uns gezwungen, an diesem verstörenden Ritual teilzunehmen.“ (S. 113)

Der zweite Band, in dem Brenner seine Arbeit näher erläutert und gleichzeitig zur Diskussion stellt, sie von den Portraitierten und von Betrachtern wie Stanley Cavell, Natalie Zemon Davis, Daniel Dayan, Jaques Derrida, Carlos Fuentes, Elfriede Jelinek, George Steiner oder Yosef C. Yerushalmi be- und hinterfragen lässt, ist ein gewagtes, jedoch sehr geglücktes Experiment, dem ich auch entsprechende Übertragungen auf den akademischen Bereich wünsche. Eine einzige Einschränkung gilt für den zweiten Band – von den 26 Intellektuellen, die zum Kommentar eingeladen wurden, sind nur sechs Frauen, so dass also auch hier der männliche Blick, männliche Deutungen dominieren. Dies ist umso bedauerlicher, als der Geschlechteraspekt auch starken Einfluss auf die Motivwahl hatte. Gerade in traditionellen jüdischen Gesellschaften und Milieus wie in Mea Sharim oder dem Jemen ist es für einen Mann mit Kamera weitaus schwieriger, Zugang zur Sphäre der Frauen zu bekommen. Das gemeinschaftliche und individuelle Leben von Männern ist hingegen gut sichtbar, u.a. da es viel stärker im öffentlichen Raum stattfindet. Nichts desto trotz sind die beiden Bände uneingeschränkt jeder Universitätsbibliothek zu empfehlen und darüber hinaus auch allen Schul- und öffentlichen Bibliotheken, die dem in Deutschland bis heute weit verbreiteten Bild der osteuropäischen “Shtetl-Juden” etwas entgegensetzten wollen. Bilder sagen tatsächlich oft mehr als 1.000 Worte, und diese Bilder, die keine Antworten geben, sondern Fragen aufwerfen, ermöglichen der heutigen, stark visuell ausgerichteten Schüler- und Studentengeneration vermutlich einen unmittelbareren (und vielleicht auch nachhaltigeren) Zugang zum komplexen Thema “jüdische Identität” als die meisten wissenschaftlichen Abhandlungen, die dazu geschrieben wurden, und darüber hinaus regen sie auch noch zur Reflexion über das Medium Foto und unsere eigenen visuellen Fixierungen an.

Die hier vorgestellten Sammelbände machen die vielfältigen Dimensionen von Diaspora deutlich und auch, dass die Diaspora-Forschung in ganz besonderem Maße von wissenschaftlicher Kooperation abhängig ist. Die Diskussionen, wie sie derzeit etwa innerhalb des Fachforums geschichte.transnational oder in den Publikationen und Veranstaltungen des Network Migration in Europe e.V. stattfinden, zeigen, dass es im deutschsprachigen Raum eine neue Aufmerksamkeit und Offenheit für transkulturellen und interdisziplinären Austausch gibt. Weil jüdische Diaspora weltweit existiert und in besonderem Maße mit Translokalität und Mehrfach-Diasporisierung einhergeht, können auch jüdische Geschichte/n und Gegenwart/en einen wichtigen Beitrag zur momentan stattfindenden Öffnung und Neuausrichtung von Forschungsperspektiven leisten.[9]

Diese aktuellen Entwicklungen stellen uns jedoch nicht nur vor methodologische und konzeptionelle Herausforderungen, sondern immer wieder auch vor sprachliche. Wer sich mit Migrationforschung beschäftigt, betreibt in besonderem Maße auch Spracharbeit und stößt dabei unausweichlich auf die Grenzen von Übersetzung und Übertragungen, sei es auf der empirischen oder der theoretischen Ebene. Es gilt zum einen, sich damit zu arrangieren, dass Übersetzungen sich immer nur annähern, nie jedoch eindeutige Entsprechungen herstellen können; es gilt, die sprachlichen Irritationen, die sich daraus ergeben, zunächst einmal stehen lassen zu können, und auf sie hinzuweisen, anstatt sie umgehend unserem herkömmlichen Sprachkonventionen anzupassen. Auf der anderen Seite geht es darum, den Prozess der sprachlichen Annäherungen und Rekodierungen voran zu bringen, gerade auch im deutschsprachigen Raum, wo das Vokabular und Begriffsinstrumentarium, das uns im Zusammenhang mit Migrationsphänomenen und gesellschaftlicher Vielfalt zur Verfügung steht, den Ausdrucksmöglichkeiten, die beispielsweise im Englischen entwickelt wurden, weit hinterher hinkt.[10] Ausdrückliches Lob kommt an dieser Stelle denjenigen zu, die das Brenner-Buch so umsichtig ins Deutsche übertragen haben. Es sollte jedoch nicht nur den ÜbersetzerInnen überlassen bleiben, sondern in Zukunft auch noch stärker zur Aufgabe der hiesigen Transnationalismus-Forschung selbst werden, diese sprachlichen Herausforderungen anzunehmen und den Sprach und Diskursraum für Migration und ethnokulturelle Vielfalt aktiv mitzugestalten, zu öffnen und zu flexibilisieren.

Anmerkungen:
[1] Zur Einführung siehe Dubnov-Erlich, Sophie, The Life and Work of S.M. Dubnov. Diaspora Nationalism and Jewish History, hg.v. Shandler, Jeffrey, Bloomington 1991.
[2] Cohen, Robin, Rethinking ‚Babylon.’ Iconoclastic Conceptions of the Diasporic Experience, in: New Community Nr. 1 (21.) Jan. 1995, S. 5-18, hier S. 5.
[3] Einen guten Einblick in die theoretische Diskussion, die einen vorläufigen Höhepunkt Mitte der 1990er-Jahre erreichte, vermitteln die folgenden Aufsatzsammlungen und Grundlagenwerke: Vertovec, Steven; Cohen, Robin (Hgg.), Migrations, Diasporas and Transnationalism (The International Library of Studies on Migration 9), Cheltenham 1999; Evans Braziel, Jana (Hg.), Theorizing Diaspora. A Reader (Keyworks in Cultural Studies 6), Oxford 2003; Chow, Rey, Writing Diaspora, Bloomington 1993; Clifford, James, Routes. Travel and Translation in the Twentieth Century, Cambridge 1997; Cohen, Robin, Global Diasporas. An Introduction, Seattle 1997; Gilroy, Paul, The Black Atlantic. Modernity and Double Consciousness, Cambridge 1993; Sheffer, Gabriel, Diaspora Politics – At Home Abroad, Cambridge 2003; siehe auch Chaliand, Gerard; Rageau, Jean-Pierre, Atlas des diasporas, Paris 1991.
[4] Dazu zählen die Journale "Diaspora", "Callaloo", "Public Culture", "Contemporary Sociology" oder "Transition". Das Institut für Diaspora- und Genozidforschung an der Universität Bochum ist im deutschsprachigen Raum die einzige Forschungsinstitution, in der Diasporaforschung programmatisch verankert ist. Wie die Forschungsschwerpunkte des Instituts – Genozid- und Gewaltforschung, die armenische Diaspora, Erinnerung infolge von Völkermord etc. – zeigen, wird Diaspora jedoch auch hier in der traditionellen Lesart als ‚victim-diaspora’ verstanden; vgl. website http://www.ruhr-uni-bochum.de/idg/, Rubriken „Aufgaben“ und „Forschungsschwerpunkte“.
[5] Cohen, Robin, Diasporas and the Nation-State. From Victims to Challengers, in: International Affairs 72 (1996), S. 507-520, hier S. 515.
[6] Zum traditionellen jüdischen Verständnis von Diaspora/Galut s. Eisen, Arnold, Galut. Modern Jewish Reflection on Homelessness and Homecoming, Bloomington 1986; vgl. auch den wegweisenden Essay von Hayim Yerushalmi, Yosef, Exil und Vertreibung in der jüdischen Geschichte, in: Ders., Ein Feld in Anatot. Versuche über jüdische Geschichte, Berlin 1993, S. 21-38; eine umfassende Begriffsgeschichte von den traditionellen Verwendungen über die Rezeption in den Post-Colonial Studies seit den 1960er bis in die 1990er-Jahre ist zu finden bei Tölölyan, Kaching, The Nation-State and Its Others. In Lieu of a Preface, in: Diaspora 1 (1991), S. 3-7; Ders., Rethinking Diaspora(s). Stateless Power in the Transnational Moment, in: Diaspora 1 (1996), S. 3-36.
[7] Meyer, Michael A., Jüdische Identität in der Moderne, Frankfurt am Main 1992.
[8] Zu den Büchern, die aus Brenners Ausstellungen hervorgegangen sind, zählen Jérusalem. Instants pour l’éternité (1984), Israel (1988), Marannes (1992), Jews/America. A Representation (1996), Exile at Home (1998). Hinzu kommt der Film "The Last Marranos" (1990). Eine Auswahl der Bilder ist online unter http://www.diasporathebook.com/ zu finden, weitere Aufnahmen aus der Serie Jews/America unter http://www.photoarts.com/greenberg/brenner1.html.
[9] vgl. Diner, Dan, Geschichte der Juden – Paradigma einer europäischen Geschichtsschreibung, in: Ders., Gedächtniszeiten. Über jüdische und andere Geschichten, München 2003, S. 246-87; Brenner, Michael, Abschied von der Universalgeschichte. Ein Plädoyer für die Diversifizierung der Geschichtswissenschaft, in: Geschichte und Gesellschaft 30,1 (2004), S. 118-124.
[10] Vgl. in diesem Zusammenhang auch den forschungsstrategischen Vorschlag von Adrian Gerber „Lexika der politisch-sozialen Sprache mit transkultureller oder transnationaler Ausrichtung“ zu schreiben, „welche zwei, drei oder mehrere Sprachkulturen im Vergleich und Transfer historisch erfassten.“ Adrian Gerber, Transnationale Geschichte «machen» – Anmerkungen zu einem möglichen Vorgehen, geschichte.transnational, 2.4.2005; http://geschichte-transnational.clio-online.net/forum/2005-04-001.

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09.07.2005
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