D. Calabi: The Market and the City

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Title
The Market and the City. Square, Street and Architecture in Early Modern Europe


Author(s)
Calabi, Donatella
Series
Historical Urban Studies
Published
Aldershot 2004: Ashgate
Extent
217 S.
Price
GBP 60.00
Rezensiert für 'Connections' und H-Soz-Kult von:
Marc Schalenberg, Universität Zürich, Historisches Seminar

Seit einigen Jahren erlebt die vergleichende Stadtgeschichte auf europäischer Ebene einen spürbaren Aufschwung. Dessen sichtbarste Erscheinungsform sind die zweijährlich ausgetragenen Kongresse der European Association of Urban Historians (www.eauh.org), zuletzt im September 2006 in Stockholm mit gut 500 Teilnehmern und rund 60 Sektionen. Die vor einigen Jahren von Richard Rodger (Leicester) und Jean-Luc Pinol (Lyon) begründete Reihe „Historical Urban Studies“ nimmt schwerpunktmäßig die überarbeiteten Beiträge ausgewählter Sektionen dieser Kongresse auf. Aber auch monographische Studien, die inhaltlich und methodisch den Kernzielen der Vereinigung so deutlich verpflichtet sind wie die vorliegende, aus der Feder der in Venedig am Istituto Universitario di Architettura lehrenden Stadthistorikerin Donatella Calabi, selber Mitglied des Internationalen Kommitees der EAUH, sind vertreten.

An nicht weniger als zwölf europäischen Beispielstädten (Venedig, Florenz, Genua, Barcelona, Sevilla, Paris, London, Antwerpen, Amsterdam, Lübeck, Nürnberg und Augsburg) dekliniert die Autorin durch, wie Marktplätze und dem Handel dienende Zweckbauten als Ergebnisse und Grundlagen historischer Veränderungen betrachtet werden können. „Early modern“ meint dabei de facto – und für die deutschsprachige Forschung ungewohnt - die Zeit zwischen etwa 1350 und 1700; Querverweise und Kontinuitätslinien werden eher zurück ins Mittelalter als nach vorne in die Neueste Geschichte gezogen, etwa zu den Galerien und Markthallen des Industriezeitalters oder den Shopping Malls unserer Tage. Auch die Strukturierung und Darstellung des Materials in der von Calabi vorgenommenen Art findet man nördlich der Alpen nicht allzu häufig; man könnte von einem topographisch-morphologisch-funktionalen Ansatz sprechen, der Anleihen bei der „Annales“-Schule, vor allem bei Braudel selbst nimmt. Es geht mithin um Strukturell-Typologisches („Is there or is there not an inner logic to the conformation and typology of marketplaces?“ xxiv), nicht um einzelne Städte oder gar einzelne „große Persönlichkeiten“ in ihnen. Wenn dennoch exemplarisch vorgegangen wird, so findet das seine Erklärung in Gründen der Arbeitsökonomie.

Ausgangspunkt der Verfasserin war Venedig, genauer: der Rialto-Markt, zu dem sie bereits mehrere detaillierte Arbeiten vorgelegt hat. Für „The Market and the City“, von Marlene Klein ins Englisch übersetzt, hat sie zusätzliche Archivstudien unternommen, vor allem in Florenz und Paris, sowie eine breite, mitunter bunt anmutende Sekundärliteratur ausgewertet, vorzugsweise in italienischer und französischer Sprache, zudem vielfältige zeitgenössische Texte, auch narrativer Art. Wie wichtig Calabi der „Quellenmix“ ist, verdeutlichen im übrigen die 115 in den Band aufgenommenen Abbildungen, aus denen die Planungs- wie Nutzungsgeschichte städtischer Strukturen abzulesen sind. Diese reizvolle Kombination aus seriellen und normativen Quellen einerseits sowie erzählenden und visuellen Zeugnissen andererseits, freilich ohne Anspruch auf Vollständigkeit und im Bewusstsein um die Schwierigkeit ihrer Interpretation, ist in der deutschsprachigen Forschung bisher alles andere als selbstverständlich.

Im Ergebnis liefert die Autorin eine vielfältig beleuchtete, wiewohl diskontinuierlich erzählte Geschichte der - zunehmend zentral angesiedelten - Markt- und Handelsräume in den genannten Beispielstädten. Dabei handelte es sich ganz überwiegend um architektonisch definierte Räume, ob es nun Tuchhallen, überbaute Brücken, Lonjas, Börsen oder einfache Marktstände auf offenem Platz waren. Diese räumlichen Figurationen werden (sicher nicht in allen Fällen erschöpfend) beschrieben und analysiert. Die in der Architekturgeschichtsschreibung üblicherweise bevorzugte Betonung stilistischer oder konstruktiver Innovationen und die Betrachtung herausragender Einzelbauten, bestimmter Baumeister und Auftraggeber tritt indes ausdrücklich zurück hinter die sich aus juristischen Vorschriften, sozialen Praktiken und wirtschaftlichen Notwendigkeiten ergebende räumliche Logik: „…The market’s configuration was more heavily determined by the norms dictating spaces of movement and pause (streets, squares, the canal or riverbanks) than by the building design“ (S. 92).

Das Interesse an der longue durée schärft zudem den Blick für eher die Regel als die Ausnahme darstellende Überlagerungen von Strukturen aus verschiedenen Bauphasen. Ob die theoretischen Traktate über die Anlage von Plätzen, namentlich der Vitruv-Rezeption bei Alberti und Filarete, in der Praxis wirklich so bedeutungslos für den Städtebau seit der Renaissance geblieben sind wie von der Autorin behauptet (S. 128f.), müsste erst noch auf breiterer Grundlage nachgewiesen werden. Weniger strittig erscheint dagegen die vorsichtig modernisierungstheoretisch begründete, allmähliche Separierung von Funktionen während des 15. und 16. Jahrhunderts, welche den ursprünglich häufig multifunktionalen Räumen am und um den Marktplatz klarere Aufgaben zuordnete (S. 116ff.). Betrieben wurde sie nicht zuletzt von der politischen Obrigkeit der Städte, die sich in der Folge freilich nicht zwangsläufig von Marktplätzen oder anderen Orten des Handels entfernte. Die bei Calabi wesentlich dichotomisch verstandenen Sphären – Politik hier und Wirtschaft dort – müssten wohl noch stärker auf etwaige Durchdringungen hin befragt werden; waren „city authorities“ bzw. „magistracies in charge“ den Händlern und Geschäftsleuten wirklich immer entgegen gesetzt? Erfuhr „Herrschaft“ in Venedig, London, Amsterdam und Lübeck nicht grundsätzlich verschiedene Ausprägungen? Was heuristisch zunächst Sinn macht, kann sich bei einem stärker personengeschichtlichen Zugang schnell als fragwürdig erweisen.

Der konsequent problemgeschichtliche Ansatz der Verfasserin ist mit häufigen Sprüngen „erkauft“: zwischen den Jahrhunderten und zwischen den ausgewählten Städten. Dies macht den Nachvollzug ihrer Argumente nicht unbedingt leichter, zumal wenn die beschriebenen Stadträume nicht aus eigener Anschauung und/oder Literaturkenntnis geläufig sind. Den Charme der kontextualisierenden Breite von – meist chronologisch angelegten – „Stadtbiographien“ mag mancher Leser vermissen und vermutlich auch die eine oder andere Stadt kennen, in der alles ganz anders war. Dass „östlich der Linie Lübeck – Nürnberg – Venedig“ keine Städte berücksichtigt wurden, hat bereits ein anderer Rezensent bemängelt [1]. Doch überwiegen insgesamt klar die Vorzüge der hier praktizierten innereuropäisch (sicher nicht „transnational“!) vergleichenden Perspektive. Wenn es die „europäische Stadt“ gegeben haben soll, so muss sie sich nicht zuletzt an einander entsprechenden Strukturen wie dem Marktplatz festmachen lassen: räumlich, morphologisch und funktional. Donatella Calabis Studie legt dar, dass diese Vermutung keineswegs abwegig ist.

Anmerkungen:
[1] Igel, Karsten, in: www.sehepunkte.historicum.net/2005/06/6020.html

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Published on
16.02.2007
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Diese Rezension entstand im Rahmen des Fachforums 'Connections'. http://www.connections.clio-online.net/
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