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Title
The Future of War. The Re-Enchantmant of War in the Twenty-First Century


Author(s)
Coker, Christopher
Series
Blackwell Manifestos
Published
Oxford 2004: Wiley-Blackwell
Extent
162 S.
Price
£ 12,99
Rezensiert für 'Connections' und H-Soz-Kult von:
Herfried Münkler, Institut für Sozialwissenschaften der Humboldt-Universität zu Berlin Email:

Entgegen dem in die Zukunft verweisenden Titel beschäftigt sich das Buch vor allem mit der Vergangenheit des Krieges, um die Geschichte seiner “Entzauberung” nachzuzeichnen. Die große Wende der Kriegsgeschichte, in der Krieger und Krieg ihren romantisch-heroischen Glanz verloren haben, ist danach die Zeit zwischen dem amerikanischen Bürgerkrieg und dem Ersten Weltkrieg in Europa, als parallel zur allgemeinen gesellschaftlichen Entwicklung auch der Krieg in das Stadium der Industrialisierung eingetreten ist und sich dabei in ein großes Massaker verwandelt hat. Aber Coker hält diese Entwicklung, wie der Titel seines Buches anzeigt, für reversibel, und die Möglichkeit hierzu bieten die computergestützte Informationsverarbeitung und die Biotechnologie. Informationsdominanz und ein energisches Verrücken der Todesschwelle haben demnach schon jetzt dazu geführt, dass an die Stelle des Prinzips der Maximierung, das die Geschichte des industrialisierten Krieges bestimmt hat, das der Optimierung getreten ist, bei dem die Folgen und Nebenfolgen der Gewaltanwendung so weit minimiert werden, dass nur noch das unmittelbare Ziel getroffen wird und seine Umgebung unbeschädigt bleibt. Cokers Beispiel dafür: Im Golfkrieg von 1991 erzielte der Angriff eines einzigen F-117 Tarnkappenbombers dieselbe Wirkung, zu der im Zweiten Weltkrieg noch 1500 Einsätze des B-17 Bombers erforderlich waren. Cokers triumphierend klingendes Resümee lautet, das damit an die Stelle einer Ausbeutung der Natur deren Kultivierung getreten sei. An dieser Stelle könnte man das Buch zuklappen und es als eine weitere Festschrift der Hersteller von High-tech-Waffen ablegen. Doch dann hätte man eine vorschnelle Entscheidung getroffen und würde übersehen, was den eigentlichen Reiz und das Anregungspotential des Textes ausmacht.

Bemerkenswert ist zunächst, dass Coker, wenn er sich mit der Geschichte des Krieges auseinandersetzt, dies weniger in der Form der klassischen Kriegsgeschichte tut, sondern sich auf die literarische Verarbeitung des Krieges und die epische Konturierung des Kriegers bzw. Soldaten von Homer bis Ernst Jünger konzentriert. Hier nämlich findet er reichlich Material, um den romantischen Zauber nachzuzeichnen, der den Krieger einst umgab, ebenso wie den Prozess der „Entzauberung“, durch den der Soldat, um eine Formulierung Jüngers aufzunehmen, zum Arbeiter wurde. Das analytische Instrumentarium dazu findet Coker im übrigen weniger bei dem Soziologen Max Weber, der für die Moderne den Begriff der Entzauberung geprägt hat, sondern bei den Philosophen Hegel, Nietzsche und Heidegger, die er freilich nicht aus erster Hand kennt, sondern sich qua Sekundärliteratur verfüglich macht. Auf dieser Basis konturiert Coker drei Dimensionen des Krieges: die instrumentelle, die existenzielle und die metaphysische; die Kriegsgeschichte, die er schreibt, ist eine Analyse der wechselnden Dominanzverhältnisse dieser drei Dimensionen. Die Entzauberung des Krieges ist danach nichts anderes als das Dominantwerden der instrumentellen und das tendenzielle Verschwinden der existenziellen bzw. metaphysischen Dimension. Demgemäß läuft eine Wiederverzauberung des Krieges darauf hinaus, dass neben dem Instrumentellen das Existenzielle und Metaphysische wieder größere Bedeutung erlangt. Auf dieser Grundlage kommt Coker am Schluss auch zu einer entschiedenen Ablehnung jener Formen des Krieges, wie sie von den Produzenten der High-tech-Waffen in Umlauf gebracht werden.

Aber der Reihe nach: Selbstverständlich haben Kriege seit jeher eine instrumentelle Dimension gehabt, durch die sie ein Mittel zur Erreichung außerhalb seiner liegender Zwecke sind. Selbst die Helden der Ilias betreiben den Krieg nicht nur als Kampfspiel, in dem sie die Kräfte messen und Ruhm anhäufen, sondern sie wollen mit ihm etwas erreichen: die Eroberung Trojas als Voraussetzung für die Rückführung Helenas. Aber Homer geht es nicht um den Zweck des Krieges, sondern um die Form, in der er geführt wird. Als existenzielle Dimension bezeichnet Coker die Form kompetitiver Gewaltanwendung, in der und durch die sich die Krieger ihr spezifisches Menschsein und ihre Werthaftigkeit bestätigen. Die metaphysische Dimension des Krieges schließlich steht für die Verwandlung des Todes ins Opfer, also für die Sakralisierung des Sterbens der Krieger, die als Hingabe des Lebens für höhere Ziele und Zwecke begriffen wird. Letzteres ist dem Krieg keineswegs von Anfang an verbunden, sondern wird von Coker als politisch-kulturelle Errungenschaft begriffen, die erst relativ spät beobachtet werden kann. Den Helden der Ilias war sie gänzlich fremd, aber in Vergils Aeneïs lässt sie sich an dem heroischen Protagonisten bereits beobachten. Ein anderes Beispiel, das Coker für die Herstellung einer Metaphysik des Krieges gibt, sind die Kreuzzüge, mit denen es zu einer Verwandlung der rauen Haudegen in die milites christiani gekommen sei, die ihr Tun als Opfergang für eine höhere Idee auffassten. Historiker der Kreuzzugsepoche dürften da geteilter Meinung sein, aber dass die abendländische Idee der Ritterlichkeit mitsamt dem sie umgebenden Werte- und Tugendkanon auf die Kreuzzüge zurückgeht, kann als gesichert gelten.

Zweifellos bieten Cokers Überlegungen für Ideologiekritiker ein reiches Betätigungsfeld: Was diese beiseite schaffen, um den wahren und eigentlichen Kern des Menschseins freizulegen, muss nach Cokers Auffassung immer wieder von neuem produziert werden, um nicht bloß den Krieg, sondern alles soziale Geschehen vor dem Abgleiten ins bloß Instrumentelle zu bewahren. Dementsprechend steht Coker auch in Opposition zu den Utilitaristen, wie Bentham oder John St. Mill, die mit Hilfe fortgesetzter Nützlichkeitstest die Dysfunktionalität des Krieges zu erweisen und einen Beitrag zu seinem Verschwinden leisten wollen. Sie haben, so sein Einwand, den Krieg keineswegs zum Verschwinden gebracht, sondern ihn bloß auf seine Instrumentalität reduziert. Während für Bentham, Mill und nicht zuletzt auch Kant dies die Voraussetzung dafür war, sich über die Nutzlosigkeit bzw. Sinnlosigkeit des Krieges Klarheit zu verschaffen und so einer aufgeklärten Menschheit die Mittel für die Herstellung des Ewigen Friedens in die Hand zu geben, besteht Coker darauf, dass damit bloß ein Schritt in die Richtung gemacht worden ist, bei der schließlich Cyborgs anstelle von Menschen das Geschäft des Krieges übernehmen, um den Menschen Schmerz, Leid und Tod zu ersparen. Nicht der Krieg werde verschwinden, sondern der Mensch werde sich aus seiner Führung zurückziehen und ihn kybernetisch gesteuerten Maschinen überlassen. Das ist für Coker die eigentliche Schreckensvision, gegen die er die Idee einer Wiederverzauberung des Krieges aufbietet. Ein dem Menschengeschlecht aus den Händen genommenes Kriegsgeschehen würde sich nämlich, so seine Überzeugung, sehr bald gegen dieses wenden und es verschlingen. Natürlich kann Coker dafür keine sozialwissenschaftlich stichhaltigen Belege beibringen, sondern er bedient sich hier derselben Methode, mit der er auch die Vergangenheit des Krieges untersucht und beschrieben hat: der literarischen Rezeption bzw. Antizipation, hier also der Science-fiction, in der die tiefsitzenden menschlichen Ängste vor einem Aufstand der Roboter, gar der Kriegsroboter, erfasst und dargestellt werden.

Was ist die Alternative? Coker beschreibt ausführlich die technischen wie biomedizinischen Möglichkeiten zur Steigerung der menschlichen Leistungsfähigkeit, von der Zusammenführung der verfügbaren Informationen im Computer über die Leistungssteigerung mit Hilfe synthetischer Drogen bis zu koevolutiven Systemen von Mensch und Maschine, die das Prinzip des Herzschrittmachers für die Effektivierung des Kriegers nutzen. Aber er tut dies ohne jene Begeisterung, wie sie für die Propagandisten der RMA (Revolution in Military Affairs) typisch ist. Die posthumane (nicht bloß postheroische) Kriegführung ist für ihn gerade keine Wiederverzauberung des Krieges, sondern das endgültige Dominantwerden der instrumentellen Dimension. Coker geht es aber um die Wiedergewinnung der existenziellen und metaphysischen Dimension, und die ist mit selbstregulativen Mensch-Maschine-Systemen kaum möglich. Vielmehr interessiert sich Coker für den Gedanken des Opfers, wie er zuletzt von den islamistischen Selbstmordattentätern wieder ins Spiel gebracht worden ist. Man mag sie für verwerflich halten, die Heimtücke ihrer Attacken herausstellen und darauf verweisen, dass bei ihren Anschlägen zumeist Zivilisten zu Tode kommen – aber man kommt um das Selbstopfer ihrer Art von Kriegführung nicht herum. Im Vergleich dazu treten die ethischen Dilemmata der amerikanischen Form der Kriegführung besonders scharf zu Tage. Nur wer Opfer zu bringen bereit sei, so Cokers Credo, bestätige dadurch die Werte, um die es ihm gehe und unter Verweis auf die er die Würde des Menschen definiere. Ein Leben ohne Gefahr, Risiko und Schmerz, so Coker unter Hinweis auf Hannah Arendts Vita activa, sei keines, das wirklich gelebt werde. Im Krieg der Roboter werde die moralische Indifferenz dominant. – Nur wie ein Weg aus dieser vorherrschenden Entwicklungstendenz herauszufinden sei, vermag auch Coker nicht zu sagen. So enden seine Überlegungen eher in einem Appell als in einer Analyse. Aber das ändert nichts daran, dass hier die Dilemmata einer weiteren Technisierung und Computerisierung der Kriegführung sehr genau durchdacht werden. Freilich: postheroische Gesellschaften, wie es die des Westens nun einmal sind, kommen in der Konfrontation mit heroischen Gemeinschaften nicht ohne diese Krücken aus.

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29.06.2007
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Diese Rezension entstand im Rahmen des Fachforums 'Connections'. http://www.connections.clio-online.net/
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