W. Reinhard: Unterwerfung der Welt

Cover
Titel
Die Unterwerfung der Welt. Globalgeschichte der europäischen Expansion 1415–2015


Autor(en)
Reinhard, Wolfgang
Erschienen
München 2016: C.H. Beck Verlag
Umfang
1648 S.
Preis
€ 58,00
Rezensiert für Connections. A Journal for Historians and Area Specialists von
Felix Brahm, German Historical Institute London

Der Rezensent erinnert sich: „Proseminar Neuzeit I: Geschichte der europäischen Expansion“ – so lautete der Titel seines ersten historischen Seminars in den späten 1990er-Jahren. Begleitendes Standardwerk war Wolfgang Reinhards „Geschichte der Europäischen Expansion“ in vier Bänden, erschienen 1983 bis 1990 in Stuttgart. Nun hat der Freiburger Emeritus sein monumentales Werk in fünfjähriger Arbeit einer Verjüngungskur unterzogen, und es in einem einzigen, dafür umso voluminöseren Band neu vorgelegt. Konnte dieses Unternehmen gelingen, vor dem Hintergrund des sich inzwischen rasant weiterentwickelten Forschungsfeldes der Globalgeschichte, und angesichts der Forderungen nach einer Dezentralisierung der Historiographie und der „Provinzialisierung“ Europas? Um es vorwegzunehmen: ja, durchaus. Nicht nur hat der Autor eine exorbitante Menge neuerer Literatur eingearbeitet. Indem Reinhard europäische Expansion, Herrschaft sowie Herrschaftsverlust im breiten Kontext jeweiliger weltregionaler Geschichte betrachtet, ist die Darstellung auch entschieden dezentraler angelegt, als es der Titel des Buches vermuten lässt.

In seinem Zugang zur europäischen Expansionsgeschichte verbindet Reinhard Ereignis- und Politikgeschichte mit wirtschaftshistorischer sowie ideen- und kulturgeschichtlicher Analyse. Die 24 Hauptkapitel folgen grob einer chronologischen und weltregionalen Ordnung. Aus der Reihe fällt lediglich Kapitel XXII, das gegenseitige Wahrnehmungs- und Aneignungsprozesse epochal und regional übergreifend behandelt. In Teilkapiteln findet sich mitunter ebenfalls ein thematischer Zugriff auf längere Zeiträume, etwa in Kapitel VI.4 zur „Atlantischen Ökologie“. Mit Blick auf Kontinente und Epochen erweist sich die Darstellung als ausgewogen, vorausgesetzt natürlich, dass eine Expansionsbewegung als „europäisch“ angesehen wird: Die Expansion des Russischen Reichs zählt für Reinhard dazu, jene des Osmanischen Reichs nicht. Die US-amerikanische Ausdehnung über den nordamerikanischen Kontinent (und darüber hinaus) wird als europäische „Sekundärexpansion“ mitbehandelt, und auch Israel, wohl die strittigste Entscheidung in dieser Hinsicht, wird als europäische Siedlungskolonie verstanden.

Sowohl einleitend als auch im Laufe der Untersuchung arbeitet Reinhard Faktoren heraus, die dem europäischen Expansionsstreben zu verschiedenen Zeiten Anstoß gaben, zu denen – wenig überraschend – eine spezifische europäische Wissenskultur, weltmissionarischer Eifer, kaufmännisches Profitstreben und nationale Prestige- und Machtpolitik zählten. Er betont aber zugleich Kontingenz und Planlosigkeit des Gesamtprozesses. Seit der Epochenwende um 1800 ist für Reinhard der moderne „Machtstaat“ zum Garanten europäischer Dominanz in der Welt geworden – ein Staat, der im Ernstfall fähig gewesen sei, „grenzenlose Ressourcen zu mobilisieren“ (S. 22). Im Normalfall sei die Kontrolle der überseeischen Kolonialreiche aber nie besonders intensiv gewesen; im Gegensatz zur Metropole sei hier überwiegend mit „vormodernen Methoden der Reichsherrschaft“ regiert worden (S. 23).

Bei der Lektüre des Bandes wird rasch deutlich, dass sich ein tieferes Verständnis europäischer Siedlung und Herrschaft in anderen Weltteilen nur durch ein genaues Studium der komplexen Realitäten vor Ort gewinnen lässt, die stark von gegenseitiger Wahrnehmung und Interaktion von Europäern und Nichteuropäern geprägt waren. Dies ist freilich längst common sense weltregionaler wie kolonialhistorischer Geschichtsschreibung. Das Verdienst von Reinhards Darstellung liegt darin, die Entwicklungen in den einzelnen Weltregionen über lange Zeiträume zu verfolgen und damit ein großes Panorama vorzulegen. Eine Meistererzählung europäischer Expansion entsteht auf diese Weise dennoch nicht. Transregionale Gemeinsamkeiten leitet Reinhard freilich ab, etwa wenn er feststellt, dass sich im Falle der Kolonialherrschaft in der Regel Bündnisse europäischer und außereuropäischer Eliten auf Kosten der Untertanen entstanden, wobei andererseits klar gewesen sei, dass sich der Kolonialstaat „in letzter Instanz jederzeit mit Gewalt durchsetzen konnte“ (S. 979).

Oftmals hätte man sich allerdings eine konsequentere Untersuchung transkulturellen Austauschs in der kolonialen Situation gewünscht, und insbesondere Motivationen außereuropäischer Akteure zur Kooperation und Konfrontation bleiben häufig nebulös. Dies ist nur zum Teil der ungleichen Quellenlage geschuldet; die Forschungsliteratur hätte hier durchaus mehr hergegeben. Breiten Raum nimmt bei Reinhard hingegen die Untersuchung von Handelsbeziehungen, kolonialer Ökonomie und Verwaltung ein, wobei der Autor zu Recht betont, dass nicht nur der Handel zwischen Metropole und Kolonien, sondern auch der Handel zwischen Peripherien eines Imperiums sowie jener, der auf verschiedenen Wegen über dessen Grenzen hinausging, in der Analyse imperialer Ökonomien zu berücksichtigen sind. Ideologien hingegen gewinnen bei Reinhard erstaunlich geringe Erklärungskraft, und Rassismus wird zwar an verschiedenen Stellen thematisiert, aber nicht systematisch untersucht. Die Frage kolonialer Bewusstseinsbildung in der Metropole wird angeschnitten (S. 871ff.), die langfristige Bedeutung der Kolonialreiche für Europa sieht Reinhard aber in erster Linie auf ökonomischen Gebiet, wenngleich Profite überwiegend in private Taschen gewandert seien (S. 1263). Mit Blick auf den Atlantikhandel gibt er eine modifizierte Williams-These zu bedenken, nach der das starke Wachstum des Handels in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, das nur durch die Arbeitsleistung afrikanischer Versklavter und ihrer Nachkommen in Amerika möglich war, zur Bedingung für die Industrialisierung in Großbritannien wird (S. 471f.).

Neben Kooperation ist (physische) Gewalt ein Leitmotiv der Expansionsgeschichte Reinhards. Gesteigerte Gewalt im Zuge kolonialer Herrschaft interpretiert er vor allem als Ausdruck von Schwäche auf Seite der Kolonisierenden (S. 979). Allerdings scheint Gewalt für Reinhard so selbstverständlich, dass ihre Phänomene kaum näher untersucht werden; neuere Gewaltforschung und Militärgeschichte erhalten wenig Einzug in die Analyse. Einer bereits von frühen postkolonialen Theoretikern vermuteten spezifischen kolonialen Gewaltkultur steht der Autor skeptisch gegenüber (S. 871). Daraus erklärt sich möglicherweise, dass koloniale Kriege und Vorgänge exzessiver Gewalt oftmals nur knappe Erwähnung finden; mit Blick auf Afrika wird beispielsweise den Kongogräueln nur wenig Aufmerksamkeit zuteil (S. 951f., 967f.), ebenso dem Vernichtungskrieg gegen Herero und Nama im späteren Namibia (S. 967) und der brutalen Niederschlagung des Mau-Mau-Aufstandes in Kenia (S. 1194).

Ein großer Vorzug des Buches liegt darin, dass Reinhard Dekolonisationsprozesse in vollem Umfang berücksichtigt. Somit beschreibt der Titel des Buches seinen Inhalt lediglich teilweise, denn es wird eben nicht nur untersucht, wie Europa andere Weltteile „unterwarf“, sondern auch, wie Außereuropa sich von dessen Herrschaft befreite. Für Reinhard liegt hierin die große Dialektik des europäischen Expansionsprozesses, wie sie schon früher häufig konstatiert worden ist: Die europäische Expansion hat zugleich die Ideen und Mittel verbreitet, um europäische Herrschaft zu überwinden. Reinhard macht aber deutlich, dass die politische Unabhängigkeit ehemaliger Kolonialländer häufig teuer erkauft war, und besonders im Welthandel erkennt er post- und zum Teil neokoloniale Strukturen.

Das bilanzierende Kapitel XXVI nimmt die Frage auf, in welchem Verhältnis die europäische Expansionsgeschichte zur Geschichte der Globalisierung steht. Die Liste gegenwärtiger globaler Phänomene, deren Genealogien auf Europa verweisen, ist lang, aber Reinhard kommt überzeugend zum Schluss, dass lediglich historisch von einer Europäisierung der Welt die Rede sein kann. Ehemals europäische „Exporte“, wie beispielsweise europäische Sprachen, wurden kreativ angeeignet und zugleich verändert. Dass Globalisierung ein „kontingentes Nebenprodukt“ europäischer Expansion gewesen sei (S. 1259), darf durchaus bezweifelt werden. Mit Blick auf wirtschaftliche Globalisierung, so räumt Reinhard selbst ein, sei „für eine lange, von der europäischen Expansion geprägte Vorlaufphase noch keine Gesamtgeschichte möglich, sondern allenfalls eine partielle Interaktionsgeschichte unterschiedliche Akteure“ (S. 1260).

Der Versuch, Prozesse europäischer Expansion über sechs Jahrhunderte und sieben Kontinente in einer Darstellung zu verbinden, kommt nicht ohne Pauschalisierung aus, und zwingt Reinhard zu mancher tour de force; dennoch basiert die Darstellung stets auf genauer Kenntnis und kritischer Reflexion. Der Autor ist ausgesprochen thesen- und meinungsfreudig, wobei er häufig auf ältere wie neuere Forschungskontroversen reagiert. Diese hätten gerade im Interesse von Studierenden und eines nichtakademischen Leserkreises etwas genauer ausbuchstabiert werden können. Das Schlusskapitel gerät streckenweise welterklärerisch, und der Autor holt hier auch zu einer Polemik gegen postkoloniale Theorie aus, der er eine diskursive Dominanz unterstellt, die sie nach Meinung des Rezensenten niemals hatte. Doch ändern die Kritikpunkte nichts am Gesamteindruck: Wolfgang Reinhard hat eine gelungene Synthese europäischer Expansionsforschung vorgelegt. Das Band ist nicht nur als Gesamtdarstellung, sondern auch als Nachschlagewerk von großem Wert.

Zitation
Felix Brahm: Rezension zu: Reinhard, Wolfgang: Die Unterwerfung der Welt. Globalgeschichte der europäischen Expansion 1415–2015. München 2016 , in: H-Soz-Kult, 12.10.2017, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-25634>.