L. Sturm-Lind: Actors of Globalization

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Title
Actors of Globalization. New York Merchants in Global Trade, 1784–1812


Author(s)
Sturm-Lind, Lisa
Published on
Extent
XXII, 180 S.
Price
€ 116,00
Reviewed for Connections. A Journal for Historians and Area Specialists by
Margrit Schulte Beerbühl, Institut für Geschichtswissenschaften, Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf

Bei der vorliegenden Arbeit handelt es sich um die überarbeitete Fassung einer Dissertation, die 2014 an der Europa-Universität Viadrina Frankfurt an der Oder eingereicht wurde. Die Autorin untersucht eine Gruppe von New Yorker Kaufleuten, die unmittelbar nach der Unabhängigkeit der USA den ostasiatischen Handel eröffneten. Sie waren globale Akteure, deren Handelstätigkeit über Asien hinaus Europa und die Karibik einschloss. Die untersuchten Kaufleute gehörten nicht zur etablierten Handelselite des kolonialen New Yorks, sondern waren self-made men, die familiär und verwandtschaftlich verflochten waren. Ihr Erfolg beruhte im Wesentlichen auf ihrem weitreichenden, interkontinentalen Netzwerk.

Die Studie beginnt mit einem für den Leser überraschenden und leicht irritierenden zehnseitigen Vorspann, in dem die Autorin die familiären und ansatzweise die wirtschaftlichen Tätigkeiten ihrer neun Hauptprotagonisten in Kurzbiographien vorstellt. Erst dann folgt das Einleitungskapitel, in dem die Autorin ihre Ziele und Vorgehensweise beschreibt. Die Auswahl der Protagonisten, so bemerkt sie, hing von ihrem Ziel ab, jene Kaufleute zu untersuchen, die den amerikanischen Ostasienhandel erschlossen, zugleich aber über den ostasiatischen Raum hinaus global agierten. Abhängig war die Auswahl auch von der Quellenlage. Hier konnte sie bei einigen der ausgewählten Kaufleute auf recht umfangreiche Bestände zurückgreifen.

Ihr Ziel ist es, die inneren Mechanismen eines solchen Netzwerkes, die der Gruppe in schwierigen Zeiten zu Erfolg verhalfen, zu rekonstruieren. Methodisch geht sie vom Konzept einer „entangled global“ bzw. „glocal history“ aus. Eine gewisse Anlehnung nimmt ihre Studie dabei an die Arbeit von David Hancock[1], indem sie nicht nur die Handelstätigkeit ihrer Protagonisten untersucht, sondern auch ihre wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Aktivitäten auf lokaler Ebene.

Die Arbeit ist in drei große Kapitel gegliedert. Im ersten Kapitel beschreibt sie die wirtschaftlichen und sozialen Rahmenbedingungen, in denen ihre Protagonisten agierten, unter anderem die Finanzreformen Hamiltons. Diese gewährten amerikanischen Geschäftsleuten einen breiten Zugang zum Kapitalmarkt, der auch weniger betuchten Kaufleuten den Einstieg in den Fernhandel erlaubte und hierdurch die soziale Mobilität förderte. Einen ebenso wichtigen Anteil am Aufschwung des amerikanischen Außenhandels hatte die Entscheidung Washingtons, im europäischen Krieg neutral zu bleiben. Amerika wurde hierdurch zum großen Profiteur der europäischen Kriege zwischen 1793 und 1812, wie die Autorin im folgenden zweiten Kapitel auch quantitativ darlegt.

In dem zweiten Kapitel, das zugleich das ausführlichste und aufschlussreichste ist, untersucht sie die Entwicklung des Handels ihrer Protagonisten. Die Autorin beschreibt zunächst ausführlich die ersten erfolgreichen Handelsunternehmungen nach Ostasien, bevor sie sich den Handelsaktivitäten ihrer Gruppe mit Europa und dem revolutionären Haiti zuwendet.

Die Amerikaner profitierten in zweifacher Weise von den europäischen Kriegen. Als neutrale Transporteure versorgten sie die Europäer mit heimischen Produkten wie Weizen und Mehl, ferner mit Waren aus dem pazifischen bzw. indischen Raum wie Tee, und aus der Karibik mit begehrten Kolonialwaren wie Zucker oder Kaffee. Aus Spanien bzw. den spanischen Kolonien brachten die Amerikaner Silber und europäische Waren, unter anderem alkoholische Getränke, Eisen, Blei und Kupfer nach Asien. Die Revolution auf Haiti sowie die notgedrungene Öffnung der spanischen und portugiesischen Kolonien für fremde Transporteure machten sie auch hier zu den großen Gewinnern der kriegerischen Auseinandersetzungen. Die Autorin schließt das Kapitel mit der Beschreibung einiger Schiffsrouten. Hierdurch gewinnt der Leser ein bemerkenswertes Bild des weltweiten Handels ihrer Protagonisten.

Im dritten Kapitel wendet sie sich den Aktivitäten der Gruppe auf lokaler Ebene zu. Diese verwandten das im Fernhandel erwirtschaftete Vermögen zum Ausbau und zur Verbesserung des kommerziellen und gesellschaftlichen Lebens der rasch expandierenden Stadt New York. Sie investierten in die gewerbliche Infrastruktur, die Erschließung des Landes durch Landkauf sowie den Ausbau von Straßen und Siedlungen und saßen an führender Stelle in der neugegründeten Nationalbank. Globalisierung, so resümiert die Autorin, beschränke sich nicht allein auf den quantitativen Anstieg des Handels, sondern habe auch zur qualitativen Transformation der Gesellschaft beigetragen.

An manchen Stellen, insbesondere im letzten Kapitel, bleiben die Aktivitäten der Protagonisten etwas blass, vermutlich bedingt durch die Quellenlage. Sturm-Lind versteht es jedoch sehr geschickt, die ihr zur Verfügung stehenden Informationen in einen größeren Kontext einzufügen. Wie erwähnt, ergeben sich durch das gewählte Eingangsformat leichte Redundanzen, doch es handelt sich insgesamt um eine sehr detailreiche Arbeit. Aus der mikrohistorischen Perspektive gewinnt der Leser einen aufschlussreichen Einblick in die weltweite Handelstätigkeit und die lokalen Geschäftsaktivitäten der ausgewählten Gruppe von Kaufleuten. Darüber hinaus gewährt die Studie auch Einblicke in die Expansion des amerikanischen Handels und seine Integration in die entstehende Weltwirtschaft.

Anmerkung:
[1] David Hancock, Citizens of the World: London Merchants and the Integration of the British Atlantic Community, 1735–1785, Cambridge 1995.

Citation
Margrit Schulte Beerbühl: Rezension zu: : Actors of Globalization. New York Merchants in Global Trade, 1784–1812. Amsterdam  2018 , in: H-Soz-Kult, 15.01.2019, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-30230>.
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15.01.2019
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