P. Ziegler: Legacy. The Cecil Rhodes Trust

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Title
Legacy. Cecil Rhodes, the Rhodes Trust and Rhodes Scholarships


Author(s)
Ziegler, Philip
Published
Extent
388 S.
Price
€ 37,99
Rezensiert für 'Connections' und H-Soz-Kult von:
Stefanie Baumert, Universität Leipzig

Der Ausspruch „from Cape to Cairo“ und der Traum „to paint the [African] map red“ sind ganz eindeutig einer Person zuzuordnen. Cecil John Rhodes, britisch-stämmiger Imperialist und erfolgreicher Geschäftsmann im südlichen Afrika sowie Oxford-Absolvent, gehört zu den prominentesten Figuren britischer (Empire-)Geschichte. Mit ihm verbinden wir vor allem die ausbeuterischen Praxen der British South Africa Company im südlichen Afrika zur Ausweitung des britischen Herrschaftsgebiets gen Norden, die Namensgebung für Rhodesien sowie die Gründung des de-Beers-Diamantenimperiums. Auch die Bemühungen um die Einheit Südafrikas und die Versöhnung von Buren und Briten unter britischer Vorherrschaft gehen auf seine Person im Amt des Premierministers der Kolonie Südafrika zurück. Weniger bekannt dürfte die Tatsache sein, dass er mit seinem Testament den Grundstein für das erste internationale Stipendienprogramm gelegt und mit der Vision einer Stiftung zur Verbreitung britischer Werte in der Welt den Weg für eine bis heute begehrte Studienfinanzierung für einen Aufenthalt in Oxford bereitet hat. Mit letzterem Aspekt beschäftigt sich die Monographie des Biographen und Historikers Philip Ziegler. Als Institutionengeschichte der mittlerweile über 100 Jahre alten Stiftung ist das knapp 400 Seiten dicke Buch reich an Details und Anekdoten und spannt einen Bogen von der Biographie und dem Testament des Ideengebers bis zur neuesten Geschichte der Stiftung im 21. Jahrhundert. Zwei zentrale Fragenkomplexe leiten dabei die Darstellung ihrer Entwicklung. Erstens: Was geschieht mit einem System, das seine Existenz sowie die ersten 50 Jahre seines Bestehens einem leidenschaftlichen Imperialismus verdankt, wenn dieser Imperialismus aufhört zu bestehen? Und zweitens: War das System erfolgreich? Was ist dadurch erreicht worden, dass eine Gruppe junger talentierter Männer und ab 1976 auch Frauen, die ohne Stipendium wohl kaum ein Studium in Oxford absolviert hätten, diese Möglichkeit erhielten? Inwiefern unterschieden sich diese Stipendiaten von anderen Oxford-Studenten? Und waren und sind die Rhodes-Stipendiaten das, was Cecil Rhodes gehofft hatte, das sie sein würden – eine Kraft, die die Welt verändern würde (S. 329)?

Rhodes’ Intention war die Ausbildung und Förderung der Besten – einer Elite von „well-rounded men“, zukünftigen Führungskräften und Transformern, die nicht nur zur Vergrößerung des britischen Imperiums, sondern ganz im Zeichen der Zeit vor allem zu dessen Unterhaltung in Funktion des Kolonialbeamten beitragen sollte. Rhodes träumte von der Einheit des britischen Weltreichs – auch unter Einbeziehung der amerikanischen Kolonien – sowie von einer weißen, maskulinen, angelsächsischen Hegemonie, die die Welt zu Frieden und Wohlstand führen würde. Vor diesem Hintergrund waren die Auswahlkriterien für zukünftige Rhodes-Stipendiaten 1899 testamentarisch festgelegt worden. Dazu gehörten die folgenden Elemente: „(i) his literary and scholastic attainments (ii) his fondness of and success in manly outdoor sports such as cricket football and the like (iii) his qualities of manhood truth courage devotion to duty sympathy for and protection of the weak kindliness unselfishness and fellowship and (iv) his exhibition during school days of moral force of character and of instincts to lead and to take an interest in his schoolmates for those latter attributes will be likely in afterlife to guide him to esteem the performance of public duties as his highest aim” (aus dem Testament von Cecil John Rhodes, S. 341). Auch die Gewichtung dieser Leistungen war im Testament vermerkt, ebenso wie die Verteilung der Stipendien. Nach Rhodes’ Wünschen sollten jährlich 52 Stipendien in der englischsprachigen Welt vergeben werden: 20 in den Kolonien mit Schwerpunkt südliches Afrika und 32 in den USA. Weitere fünf waren für deutsche Studenten vorgesehen. Sowohl Kriterien und Gewichtung als auch die regionale Verteilung der Stipendien führten im Laufe der Zeit immer wieder zu heftigen Auseinandersetzungen unter Stiftungsverwaltern und lokalen Auswahlgremien. Der letzte Wille des Stifters musste notwendigerweise kontinuierlich an aktuelle Entwicklungen angepasst werden. Die erste Gruppe von Studenten kam 1902 nach Oxford; sie bestand beispielsweise bereits aus 74 Stipendiaten – deutlich mehr als vom Stifter vorgesehen. Die Stipendien für deutsche Studenten wurden infolge der Weltkriege ausgesetzt und später wieder aufgenommen. Die Einschränkung auf unverheiratete männliche Stipendiaten in hervorragender körperlicher Verfasstheit wurde ebenso aufgehoben wie die Auswahl ausschließlich weißer Südafrikaner. Indien wurde erst durch die Stiftungsverwalter mit Stipendien ausgestattet, die Vergabe von Rhodes-Stipendien an europäische Studenten war nur von kurzer Dauer in den 1990er-Jahren. Mehr als 7.000 Studenten profitierten seit der Gründung der Stiftung von einem der begehrten Stipendien. Bis heute zählen die Stipendien zu den prestigeträchtigsten Auszeichnungen unter den mittlerweile unzähligen Angeboten internationaler Stipendienprogramme.

Rhodes’ Vision vom britischen Imperium erfüllte sich nicht. Nach dem Ende des zweiten Weltkriegs verschwand die rote Farbe fleckenweise auf den Landkarten. Die zukünftige Rolle, Aufgaben und Wirkungsfelder der Stiftung mussten daher neu definiert werden. Das Ende des Empires und eine schrittweise Abkehr von der Idee hatten jedoch bemerkenswert wenig Veränderung innerhalb der Stiftung zur Folge. Ihre Position konzentrierte sich zunehmend auf Internationalisierung und internationalen Austausch durch Bildung und Stipendien und damit auch auf die Internationalisierung von Universitäten. Das in Oxford errichtete Rhodes House mitsamt seiner Bibliothek wurde zum Zentrum für Commonwealth Studien für die Erforschung von Empiregeschichte erklärt. Hierzu kann auch die 1994 mit 150.000 Pfund finanzierte fünfbändige Oxford History of the British Empire aufgeführt werden. Nach dem Ende der Apartheid in Südafrika entschied die Stiftung, die Mehrheit der jährlich zur Verfügung stehenden Gelder Bildungsprojekten in Afrika zu widmen. Ein Beispiel ist die 2005 ins Leben gerufenen Mandela Rhodes Foundation und ihr Stipendienprogramm, das für die klügsten Köpfe des afrikanischen Kontinents die Möglichkeit bereithält, ein postgraduales Studium in Südafrika zu absolvieren.

Der Fragenkomplex zum Erfolg des Stipendienprogramms ist für Ziegler weitaus schwieriger zu beantworten. In Bezug auf die Idee des Empires hat das Programm wenig bewirkt, die Solidarität unter Englischsprechern ist möglicherweise vage gestärkt worden. Hervorgebracht hat das System vor allem politisch und wirtschaftlich sehr erfolgreiche Einzelbiographien, darunter einen jamaikanischen Premierminister (Norman Manley), einen australischen Premierminister (Bob Hawke) und schließlich mit Bill Clinton 1992 einen amerikanischen Präsidenten. Inwiefern jedoch die Stipendien einen signifikanten Beitrag zur Veränderung der Welt, für Frieden und Wohlstand, geleistet haben, bleibt unbeantwortet.

Philip Ziegler leistet mit seiner umfangreichen Recherche und der ausführlichen Darstellung und Entwicklung der Rhodes-Stipendien einen detailreichen und bisweilen sehr amüsanten Beitrag zur „corporate history“ der Rhodes-Stiftung. Diese kann als wertvolles Puzzlestück für eine Globalgeschichte des internationalen Stipendienwesens betrachtet werden und damit auch für eine Geschichte der Internationalisierung von Universitäten. Insbesondere die Universität Oxford dürfte über die regelmäßige Aufnahme von internationalen Studenten schon früh ein Bewusstsein für deren Rolle und Bedeutung im Jahrhundert der weitläufigen Internationalisierung von Hochschulen gewonnen haben. Sie profitierte von der privaten Rhodes-Stiftung zudem nicht nur in Form der Präsenz sehr ambitionierter internationaler Studenten und einem vermeintlichen Rhodes-Geist von Toleranz und Gerechtigkeit, sondern über die in Großbritannien ansässige Stiftungsverwaltung auch durch anderweitige finanzielle Zuwendungen. Mit der deutlichen Betonung der oben erwähnten Verknüpfung der Namen Rhodes und Mandela am Ende des Buches bietet Zieglers Darstellung eine höchst zuversichtliche Perspektive auf die Rhodes-Stiftung und erlaubt dem Leser nachträglich einen versöhnlichen Blick auf die ausbeuterische Kolonialpraxis Cecil Rhodes’.

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13.05.2011
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Diese Rezension entstand im Rahmen des Fachforums 'Connections'. http://www.connections.clio-online.net/
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