A. Zimmerman: Alabama in Africa

Reviewed for Connections. A Journal for Historians and Area Specialists by
Bernd-Stefan Grewe, Institut fuer Politik- und Geschichtswissenschaft, Pädagogische Hochschule Freiburg im Breisgau

„Alabama in Africa?“ – Der zunächst irritierende Titel verweist auf eine Expedition afroamerikanischer Baumwollspezialisten in die deutsche Kolonie Togo im Jahr 1901. Diese sollte zur Initialzündung für einen exportorientierten Baumwollanbau in Westafrika werden. Im Auftrag des Kolonialwirtschaftlichen Komitees wandte sich ein deutscher Landwirtschaftsattaché an den Gründer des Tuskegee Institutes (in Alabama), Booker T. Washington – für mehrere Jahrzehnte eines der bekanntesten Sprachrohre afroamerikanischer Emanzipation –, um zwei schwarze Baumwollpflanzer und einen schwarzen Mechaniker zu engagieren, die den „Negern“ beibringen sollten, wie man auf rationale und wissenschaftliche Weise Baumwolle pflanzte und erntete. Doch diese Geschichte ist keineswegs nur für die koloniale Entwicklung Togos wichtig, Andrew Zimmerman gelingt hier eine faszinierende Verbindung von amerikanischer, deutscher und togolesischer Geschichte, aber auch von Sozial- und Wirtschaftsgeschichte mit politischer Geschichte und Ideengeschichte. Das macht seine Untersuchung für mehrere Lesergruppen zu einer interessanten Lektüre, da er immer wieder Verbindungen zwischen dem New South, der deutschen Sozialwissenschaft (Nationalökonomie) und der kolonialen Praxis nachspürt.

Das Tuskegee Institute hatte sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts einen guten Ruf als Hochschule für Afroamerikaner erarbeitet und dabei statt auf humanistische Bildung ganz auf die gewerbliche und agrarische Ausbildung gesetzt. Washington vertrat dabei eine konservative Position und setzte ganz auf Segregation von Schwarz und Weiß und eine rigorose Kontrolle der Arbeit. Deshalb erschienen die Tuskegee-Absolventen den deutschen Kolonialenthusiasten als geeignete Vorbilder, um den „Negern“ in Togo diese landwirtschaftlichen Techniken zu vermitteln. Die Baumwollsorten Togos, die in Heimarbeit gesponnen und zu strapazierfähigen Stoffen gewoben wurden, konnten wegen ihrer kürzeren Fasern nicht maschinell verarbeitet werden. Durch Anbau neu zu züchtender Sorten in den Kolonien sollte die deutsche Textilindustrie von der amerikanischen Baumwolle unabhängig werden. Diese hochwertige Baumwolle wurde in den amerikanischen Südstaaten nun meist nicht mehr durch Sklaven auf Plantagen angebaut, sondern durch Farmpächter, die den Grundeigentümern oft einen Teil der Ernte (sharecropping) abliefern mussten oder durch Schulden in einem neuen Abhängigkeitsverhältnis gehalten wurden. Diese im New South propagierte Lösung für das Arbeits- und Disziplinproblem weckte auch das Interesse des Vereins für Sozialpolitik. Vielen Mitgliedern erschien das Problem des Landarbeitermangels im ostelbischen Preußen der in den USA diskutierten „Negerfrage“ sehr ähnlich. Auf beiden Seiten des Atlantiks bevorzugte man in den wissenschaftlichen und politischen Debatten das Ideal eines bäuerlichen Kleinbetriebs, der einige lebensnotwendige Ressourcen bereits selbst erwirtschaftete, aber ohne zusätzliche Lohnarbeit in den agrarischen Großbetrieben nicht überleben konnte. Dieses im New South als Pachtbetrieb zunehmend etablierte System setzte sich im ostelbischen Preußen jedoch nicht durch – trotz aller Germanisierungspolitik und forcierten Ansiedlung mussten die Gutsbesitzer auf polnische Wanderarbeiterinnen und Arbeiter zurückgreifen. Die dabei im Verein für Sozialpolitik und in der preußischen Bürokratie kursierenden Vorstellungen über die Polen als zwar fleißige, aber undisziplinierte Arbeitskräfte, die einer strengen Aufsicht bedürften, glichen auf verblüffende Weise den amerikanischen Stereotypen des „Negers“. Weil Zimmerman herausarbeitet, wie sich führende Mitglieder des Vereins (Schmoller, Knapp, Kaerger, später auch Max Weber) mit den Südstaaten nach dem Bürgerkrieg befassten und dass W.E.B. DuBois über diese Frage eine staatswirtschaftliche Dissertation bei Gustav von Schmoller und Adolph Wagner verfasste, wird die These plausibel, wonach der New South als Modell einer auf die östlichen Teile Preußens und die deutschen Kolonien übertragbaren sozialen Ordnung gedacht wurde. Dass jedoch der New South zum Fundament eines „colonial New South, a global South“ (S. 204) wurde, diese These erscheint insgesamt überzogen, auch wenn sie geradezu paradigmatisch in eine Publikationsreihe mit dem Titel „America in the World“ passt. Eine ethnisch segregierte Arbeitsteilung war nämlich im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts weder eine Besonderheit des New South, noch lassen sich am Beispiel Togos allgemeine Aussagen über einen „globalen Süden“ fällen.

Der Verlauf der Expedition und ihre Folgen werden von Zimmermann an ihren Zielen gemessen und deshalb als eine Geschichte des Scheiterns dargestellt: Eine bis dahin nach Geschlecht getrennte und auf der jeweiligen wirtschaftlichen Autonomie von Frauen und Männern beruhende Landwirtschaft ließ sich nicht mit dem angestrebten Ideal eines bäuerlichen Kleinbetriebs mit einer europäisch-monogamen Familienstruktur vereinbaren. Auch die unter der Leitung von (schwarzen) Experten gegründeten Landwirtschaftsschulen zogen keine Schüler an. Der Bildungseifer der Afrikaner richtete sich vielmehr auf Englisch-Kenntnisse, die für den Handel nützlich waren oder für eine Bürotätigkeit und damit einen sozialen Aufstieg qualifizierten. Das aus Tuskegee übernommene Konzept einer praktischen Ausbildung war für die Togolesen wenig attraktiv, pointiert bezeichnet Zimmerman das Projekt als eine „Colonial Decivilising Mission“. So erstaunt es wenig, dass fast alle Schüler durch Zwangsmaßnahmen rekrutiert werden mussten. Die amerikanischen Lehrkräfte wollten eine Baumwollproduktion entwickeln und dazu beitragen, die Afrikaner wirtschaftlich autonomer zu machen, sie verstanden sich gewissermaßen als Entwicklungshelfer. Ebenso wie die externe Wahrnehmung ihrer Mission blendeten sie völlig aus, dass alle ihre Maßnahmen Zwangscharakter trugen, dass den Afrikanern ihre wirtschaftliche Autonomie genommen und sie in eine dauerhafte wirtschaftliche Abhängigkeit gebracht wurden. Nach den mehrfach dokumentierten Fehlschlägen ist es allerdings für den Leser sehr überraschend und kaum mehr nachvollziehbar, dass der Baumwollanbau in Togo trotzdem zu einer mehrfach imitierten Erfolgsgeschichte wurde, die sich nach dem Ende der deutschen Kolonialherrschaft und bis nach der Unabhängigkeit fortsetzte. Dieser Überraschungseffekt entsteht, weil es Zimmerman in diesem Kapitel primär darum geht, den von Zeitgenossen und Kolonialapologethen verbreiteten Mythos einer erfolgreichen Tuskegee-Expedition und einer deutschen "Musterkolonie" zu widerlegen, indem er den "Erfolg" eben nicht nur an den Exportzahlen, sondern auch an den dabei eingesetzten Mitteln bewertet.

Dass der in Washington lehrende Zimmerman ein Spezialist für die deutsche Ideengeschichte des Kaiserreichs und kein Sozial- und Wirtschaftshistoriker ist, merkt man der Studie an vielen Stellen an. Sein Interesse gilt mehr den intellektuellen Beziehungen zwischen führenden deutschen und amerikanischen Sozialwissenschaftlern und den Auswirkungen dieser Verflechtungen auf die verwendeten wissenschaftlichen Kategorien und die Konzeptionierung von Forschungen als etwa den Handlungsspielräumen und Widerständen amerikanischer oder afrikanischer Pflanzer. In dieser ideengeschichtlichen Perspektive liegt auch die besondere Stärke dieser wichtigen transatlantischen Studie.

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Bernd-Stefan Grewe: Rezension zu: in: , 29.09.2011, </publicationreview/id/reb-14512>.
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29.09.2011
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