R. Tucker u.a. (Hrsg.): Environmental Histories of the First World War

Reviewed for Connections. A Journal for Historians and Area Specialists by
Daniel Marc Segesser, Historisches Institut, Universität Bern

Die Umweltgeschichte von Kriegen gehört trotz einiger in jüngerer Zeit erschienener Studien[1] weiterhin zu denjenigen Feldern der Geschichtswissenschaft, die noch wenig Aufmerksamkeit erhalten haben. Das gilt besonders für den Ersten Weltkrieg, wie Tait Keller in seiner Einleitung zu Recht feststellt (S. 4), und dies obwohl dieser weltumspannende Konflikt[2] immense Spuren in der Umwelt hinterlassen hat, die teilweise bis heute in der Landschaft sichtbar sind. Vielleicht liegt dies allerdings auch gerade daran, dass speziell an denjenigen Orten, die zu Ikonen der Erinnerung geworden sind, genau diese Zerstörungen der Umwelt durch eine bewusst gewählte Landschaftschoreographie weitgehend unsichtbar gemacht wurden und an anderen Stellen die Natur die bestehenden Wunden in der Landschaft zudeckte (S. 1–2). Gerade deshalb ist es das Ziel des vorliegenden Sammelbandes, nicht nur Lücken in der bestehenden Forschung mit Blick auf eine Umweltgeschichte des Ersten Weltkrieges zu schließen, sondern auch deutlich zu machen, dass es aus umweltgeschichtlicher Perspektive wichtig ist, den Betrachtungszeitraum auszudehnen, um die Komplexität, die geographischen Rahmenbedingungen sowie die längerfristigen Auswirkungen besser in den Blick zu nehmen.

Thema des Bandes sind so Fragen der Lebensmittelproduktion und Lebensmittelversorgung, die Auswirkungen des industriellen Charakters des Krieges auf Rohstoffquellen sowie die Bedeutung des Krieges für Umweltbewegungen oder die Rolle der Umwelt in der Erinnerungskultur. Im ersten Beitrag widmet sich Alice Weinreb dem Einsatz von Lebensmitteln als Waffe im Rahmen der britischen Blockadepolitik sowie den amerikanischen Food-Relief Bemühungen. Angesichts durchaus seit einiger Zeit vorliegender Studien[3] ist es erstaunlich, dass die Autorin ihren Beitrag als „first attempt to conceptualize food qua food as a way of linking environmental history and the history of warfare“ bezeichnet (S. 21). Dies lässt sich aber wohl dadurch erklären, dass die Autorin aus einer engeren umweltgeschichtlichen Perspektive argumentiert und daher Studien, welche das gleiche Thema aus einer anderen Richtung betrachten, nicht miteinbezieht. Dass es auch anders geht, zeigt der nachfolgende, sehr gelungene Beitrag von Ernst Langthaler zur Ernährungssituation in der Habsburgermonarchie. Der Linzer Historiker verknüpft dabei überzeugend die Zusammenhänge zwischen Produktionsrückgang, sozialer Krise und der Delegitimierung von Herrschaft. Das kriegsbedingte Ende der Kooperation der verschiedenen Teile der Monarchie mit Blick auf die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln nahm nämlich den Zerfall der Habsburgermonarchie vorweg. Der folgende, etwas als Fremdkörper im ersten Teil wirkende Beitrag von Gerard J. Fitzgerald beschäftigt sich mit den Umweltfolgen des Baus der amerikanischen Edgewood-Fabrik für Giftgaswaffen im Jahr 1917. Sehr überzeugend erläutert der Autor darin die Auswirkungen der verwendeten giftigen Substanzen auf Umwelt wie Arbeiter und betont zu Recht, dass dem Umgang mit Abfallprodukten in der Produktion dieser neuen Waffen bisher kaum Beachtung geschenkt wurde.

Der zweite Teil des Buches ist dem Umgang mit Rohstoffquellen gewidmet. Roy MacLeod betont dabei, dass nicht nur Kohle oder Eisen für die Krieg führenden Mächte von großer Bedeutung waren, sondern ebenso seltene Mineralien wie Wolfram oder Molybdän. Im zweiten Teil seines Beitrages thematisiert der australische Historiker zudem den spannenden, aber in der Zwischenkriegszeit gescheiterten Versuch von Thomas Holland, Kriege durch die Verhängung von so genannten „mineral sanctions“ zu verhindern. MacLeod ist zwar beizupflichten, dass es sich dabei um eine interessante Idee handelte; angesichts der Tatsache, dass sich Wirtschaftssanktionen in den vergangenen siebzig Jahren aber selten bewährt haben, ist allerdings doch daran zu zweifeln, für wie bedenkenswert diese Idee für die Gegenwart gelten kann. Der folgende Beitrag von Dan Tamir zur während des Ersten Weltkrieges massiv gestiegenen Bedeutung des Erdöls und den dadurch bedingten Veränderungen in den geopolitischen Rahmenbedingungen ist zwar interessant, bringt aber kaum neue Erkenntnisse, auch weil der Autor nur sehr am Rand auf die Folgen für die Umwelt eingeht. Sehr spannend ist hingegen der Beitrag von Ingo Heidbrink zu den Auswirkungen des Ersten Weltkrieges auf die Nordseefischerei. Überzeugend gelingt es ihm aufzuzeigen, wie wichtig es gerade mit Blick auf die Fischbestände ist, die Veränderungen auf längere Zeit hin zu betrachten. Heidbrink zeigt auch überzeugend auf, dass der kriegsbedingte Bau einer Vielzahl von Schiffen während der Jahre 1914 bis 1918 danach wegen des Überangebots wie eine staatliche Subvention für die Fischerei wirkte (S. 144), was wiederum die Überfischung der Nordsee nach dem Krieg verschärfte und die kriegsbedingte Erholung der Fischbestände in den Jahren 1914–1918 wieder zunichtemachte. Schade ist, dass Heidbrink die ambivalenten Auswirkungen des Krieges gerade in einer längerfristigen Perspektive nicht stärker als solche herausarbeitet. Er hat wohl Mühe, dass zumindest zeitweise und nur für die Fische der Weltkrieg auch positive Folgen hatte. Der letzte Beitrag von Jack Patrick Hayes zum ökologischen Fußabdruck des japanischen Imperialismus in Ostasien thematisiert überzeugend den Abbau von Lakritze, das Abholzen der Wälder oder die Ausbeutung von Minen. Leider zeigt sein Beitrag allerdings auch auf, wie wenig Weltkriegsforschung und Umweltgeschichte gerade zu Themen aus diesem Teil der Welt bisher miteinander kommunizieren.[4]

Der dritte Teil des Buches ist Regionen gewidmet, die lange Zeit weder in der Umweltgeschichte noch in der Weltkriegsforschung eine große Rolle spielten. In seiner überaus differenzierten Analyse der Hungersnot im Libanon weist Graham Auman Pitts nach, dass weder natürliche Faktoren allein, noch eine bewusste politische Entscheidung der osmanischen Behörden für den Tod von bis zu 30 Prozent der dortigen Vorkriegsbevölkerung verantwortlich gewesen seien. Zur Katastrophe habe vielmehr eine Kombination der Blockade des Gebiets durch die Mächte der Entente, eine hohe Vulnerabilität aufgrund einer primär auf den Export von Seide, Oliven und Tabak ausgerichteten landwirtschaftlichen Produktion sowie das Horten von Getreide durch einheimische Eliten geführt. Der nachfolgende Beitrag von Zachary J. Foster ist leider kaum mit demjenigen von Pitts abgestimmt und thematisiert ähnliche Aspekte, ignoriert die Thematik der Blockade aber fast vollständig. Auch er kommt zum Schluss, dass die Verletzlichkeit von Wirtschaft und Gesellschaft im Nahen Osten entscheidend dafür war, dass die von ihm an anderer Stelle ausführlich diskutierte Heuschreckenplage von 1915[5] solch schwerwiegende Konsequenzen haben konnte. Die bisher kaum beachteten Versorgungsengpässe im Sudan, Somalia, Äthiopien und Eritrea thematisiert Steven Serels. Überzeugend zeigt er auf, wie der Krieg bestehende Probleme verschärfte, wie es den Kolonialbehörden danach aber auch gelang, ihre Maßnahmen im besten Licht darzustellen und damit dazu beizutragen, dass diese Probleme außerhalb der jeweiligen Gebiete rasch wieder vergessen gingen. Die massiven Auswirkungen des Krieges auf Wälder, Wildtiere und die Lebensgrundlagen der Menschen in Afrika thematisiert Thaddeus Sunseri. Er führt dabei allerdings zu viele Beispiele aus unterschiedlichen Teilen des schwarzen Kontinents an und schwächt damit die Kohärenz seines Beitrages. So bleibt häufig unklar, welche Entwicklungen primär durch den Krieg und welche durch die Kolonialherrschaft bedingt waren.

Der letzte Teil des Buches ist erinnerungskulturellen Beiträgen gewidmet. Ralf De Bont und Anna Katherina Wöbse zeigen dabei auf, wie der Krieg die Kooperation der „epistemic communities“ auch im Bereich des Umwelt- und Naturschutzes beendete oder zumindest erschwerte. Am Beispiel des Schutzes von Vögeln und Wisenten zeigen die beiden aber ebenfalls, wie eine Kooperation kriegsbedingt auch neu entstehen konnte. In jedem Fall blieben die Spuren des Krieges sichtbar, wurden aber auch durch spätere Entwicklungen wie dem Aufstieg des Nationalsozialismus überlagert. Im letzten, leider etwas sprunghaften Beitrag thematisiert Frank Uekoetter die „legacies“ des Ersten Weltkrieges. Er verweist auf die Dynamik der Entwicklung und zeigt, dass sich die Umwelt selten an die Planung des Menschen hält.

Insgesamt lässt sich festhalten, dass es sich beim vorliegenden Band um eine sehr wichtige Studie handelt, die verschiedenste Aspekte von Umweltgeschichte und Weltkriegsforschung zusammenbringt. Der Band zeigt aber auch, dass die Kommunikation zwischen den beiden Bereichen der Geschichtswissenschaft noch viel Potential hat und es für eine Synthese noch zu früh ist. Vielleicht haben die Herausgeber gerade deshalb auf einen zusammenfassenden Schlussbeitrag verzichtet. Was noch nicht ist, wird vielleicht eines Tages noch werden. Das Feld steht auf alle Fälle offen, wie das Buch zeigt.

Anmerkungen:
[1] Ergänzend zu den von Keller selber genannten Beispielen anzuführen sind Yuri Brugnara et al., Dezember 1916. Weisser Tod im Ersten Weltkrieg (Geographica Bernesia G91), Bern 2016, doi:10/4480/GB2016.G91.02; oder Gábor Demeter / András Vadas (Hrsg), Environments of War, in: Hungarian Historical Review 7 (2018), 3, S. 419–624.
[2] Vgl. u.a. Daniel Marc Segesser, Rezension zu: Stefan Rinke, Latin America and the First World War, und Heather Streets-Salter, World War One in Southeast Asia. Colonialism and Anticolonialism in an Era of Global Conflict, in: H-Soz-Kult, 22. 05. 2018, https://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-27895 (09.07.2019).
[3] Trotz erheblicher Relevanz für ihren Untersuchungsgegenstand nimmt Weinreb nie Bezug auf Avner Offer, The First World War. An Agrarian Interpretation, Oxford 1989, Stephen Cobb, Preparing for Blockade 1885–1914. Naval Contingency for Economic Warfare, Surrey 2013; oder Daniel Krämer et al. (Hrsg.), «Woche für Woche neue Preisaufschläge». Nahrungsmittel-, Energie- und Ressourcenkonflikte in der Schweiz des Ersten Weltkrieges, Basel 2016.
[4] Auf den Seiten 154–155 fehlen wesentliche Autoren zur Rolle Japans im Ersten Weltkrieg, die sich auf https://encyclopedia.1914-1918-online.net/regions/East_Asia einfach hätten finden lassen.
[5] Zachary J. Foster, The 1915 Locust Attack in Syria and Palestine and its Role in the Famine During the First World War, in: Middle Eastern Studies 51 (2015), S. 370–394.

Citation
Daniel Marc Segesser: Rezension zu: in: , 19.07.2019, </publicationreview/id/reb-27486>.
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19.07.2019
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