W. Luutz: Raum, Macht, Einheit

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Title
Raum, Macht, Einheit. Sozialphilosophische und politiktheoretische Reflexionen


Author(s)
Luutz, Wolfgang
Series
Forum Philosophie 2
Published
München 2005: Martin Meidenbauer
Extent
163 S.
Price
€ 29,90
Reviewed for Connections. A Journal for Historians and Area Specialists by
Guillaume Garner, Mission Historique Française en Allemagne, Göttingen Email:

Die Auffassung, dass seit drei Jahrzehnten die Globalisierung mit der Infragestellung des Nationalstaats und infolgedessen mit einer Enträumlichung sowohl der politischen als auch der sozialen Phänomene einhergeht, ist zu einem wichtigen Motiv des medialen und sozialwissenschaftlichen Diskurses geworden. Dieser Band reiht sich in die seit einigen Jahren zahlreichen Versuche, diese These zu widerlegen, da es Wolfgang Luutz um den « Zusammenhang von kognitiven Raumkonzepten, politischen Machtstrategien und sozialer Einheitsbildung » (S. 7) geht – wie es das im Titel formulierte Wortspiel betonen will. Mit dieser Sammlung von sieben Aufsätzen will also Wolfgang Luutz einen theoretischen und programmatischen Entwurf zur Untersuchung der räumlichen Dimension des Sozialen und des Politischen vorlegen.

Das Buch beginnt mit einer Überlegung über die verschiedenen Ansätze, die die Erforschung der „regionalen Identität“ ermöglichen. Von seinen essentialistischen Vorannahmen entlastet, erweist sich der Durkheimsche Begriff der kollektiven Identität als eine theoretische Stütze für die Erarbeitung des Forschungsbegriffs der „regionalen Identität“. Diese wird als eine „raumbezogene Form der Identifikation“ (S. 33) definiert, die mehr auf einer „Besonderung“ als auf einer „Absonderung“ (S. 39) – im Gegensatz zur nationalen Identität – beruhe. Der Beitrag zur sächsischen regionalen Identitätspolitik seit den neunziger Jahren fungiert einigermaßen als die Anwendung dieses Programms: Wolfgang Luutz will mit diesem Fallbeispiel die These erhärten, dass mit ihrem Diskurs zur sächsischen regionalen Identität die politischen Eliten Sachsens eine Modernisierungsstrategie verfolgen, die eine Mobilisierung der sächsischen Bewohner ermöglicht, insofern dieser Begriff für seine Adressaten Identität stiftend sein will und soll.

Die vier folgenden Aufsätze verlassen dieses Feld der kollektiven bzw. regionalen Identität, und setzen sich mit der „Rede der Entgrenzung“ auseinander, und zwar mit dem Ziel einer „Rehabilitation des Territorialitätsprinzips“ (wie es in den Titeln respektive des dritten und vierten Kapitels formuliert wird). Zielscheiben der Kritik sind vor allem Ulrich Beck und Jürgen Habermas als die beiden Hauptträger des Entgrenzungsdiskurses, während Wolfgang Luutz seine These der wirklichen und notwendigen territorialen Verankerung des politischen und sozialen Lebens eines demokratischen Sozialstaats unter Bezugnahme auf Arnold Gehlen einerseits (Kap. 5) und Michael Walzers Konzept der Autonomie der Sphären und einer gerechten gesellschaftlichen Ordnung andererseits (Kap. 6) untermauern will.

Der Raummetaphorik im sozialwissenschaftlichen Diskurs ist das letzte Kapitel gewidmet: Anhand der Beispiele von Georg Simmel und Niklas Luhmann wird behauptet, dass diese räumlichen Metaphern konstitutiv für diesen Diskurs sind, auch wenn es, wie bei Luhmann, um die Relativierung der Räumlichkeit der gesellschaftlichen Phänomene geht. Wolfgang Luutz plädiert also „für ein höheres Maß an Reflexion im Umgang“ mit diesen Metaphern, da immer die Gefahr besteht, einer impliziten „Essentialisierung von Raumbildern“ (S. 146) Vorschub zu leisten, wie es bei Luhmann (anscheinend) paradoxerweise der Fall wäre.

Da Wolfgang Luutz mehrfach die Notwendigkeit betont, diesen Problemkomplex mit einem politisch und sozialphilosophisch normativen Gerüst zu erforschen, ist es legitim, die hier vertretenen Kernthesen zusammenzufassen. Erstens hat die Globalisierung weder Enträumlichung, noch Deterritorialisierung zur Folge, und es gilt also, die unterschiedlichen Machtinteressen zu entlarven, die dem Enträumlichungsdiskurs zugrunde liegen. Zweitens ist diese Abkoppelung des Politischen vom Raum und Territorium weder wirklichkeitsbegründet, noch wünschenswert – da die Vorstellung einer ortspluralen und offenen Weltgesellschaft neue Grenzziehungen verbirgt, die die Zerreißung des sozialen und politischen Bandes zwischen den Staatsbürgern mit sich tragen. Drittens plädiert Wolfgang Luutz nicht für ein hartnäckiges Festhalten am Modell des Nationalstaats, sondern für die institutionelle Umsetzung eines „gestuften Territorialitätskonzepts“ (S. 81), da die soziale Identität der Individuen und sozialen Kollektivitäten auch räumlich gestuft sei, das heißt sich über den Bezug auf verschiedenen räumlichen Maßstabsebenen definiere.

Ein Hauptverdienst von Wolfgang Luutz besteht darin, zu unterstreichen, dass „Enträumlichung“ und „Deterritorialisierung“ keineswegs als Synonyme zu betrachten sind: Die Infragestellung der Befugnisse des Nationalstaats, die Verflüssigung der staatlichen, das heißt territorialen Grenzen – welche Tragweite man ihnen beimessen mag – bedeutet keine „Enträumlichung“, sondern vielmehr eine Neukonturierung der räumlichen Verankerung der wirtschaftlichen, sozialen oder politischen Phänomene und Prozesse, wie es z.B. die Abwanderung von Firmen ins Ausland zeigt (S. 83). Die Überlegungen von Wolfgang Luutz zu diesem Punkt sind überzeugend und anregend, so dass man sich ihre Fortsetzung und Vertiefung gewünscht hätte, z.B. durch die Berücksichtigung der technischen Seite dieser Neukonturierung (Transport- und Verkehrsmöglichkeiten, Aufschwung der elektronischen Kommunikationsmittel), die den Raum immer mehr als relationales Konstrukt, und immer weniger als „Container“ erscheinen lässt. In dieser Hinsicht ist es auch etwas bedauerlich, dass das Globalisierungskonzept nicht näher definiert wird, und dass seine historische Dimension nur flüchtig erwähnt wird (S. 129).

Angesichts seines weitgespannten Gegenstandbereichs bietet also dieser Sammelband von „Reflexionen“ Anlass zur Kritik und weitere Fragen: Lücken sind unvermeidlich, zumal Wolfgang Luutz keineswegs beansprucht, das Thema erschöpfend zu behandeln. Man wird trotzdem bedauern, dass zu diesem Problemkreis „Raum – Macht – soziale Einheit“ Michel Foucault kaum und Anthony Giddens überhaupt nicht erwähnt werden, sei es um ihren Überlegungen zuzustimmen oder sie zu widerlegen. Ein zweiter Punkt betrifft die enge Verflechtung von deskriptiven und normativen Standpunkten, die das Verdienst haben, explizit dargestellt zu werden. Diese Stellungnahmen können selbstverständlich diskutiert oder nuanciert werden, was über Umfang und Ziel vorliegender Rezension hinausgehen würde. Wolfgang Luutz betont aber die Notwendigkeit, die gesellschaftlichen und politischen Machtinteressen in den Blick zu nehmen, wenn es um Diskurse über „Entgrenzung“, „regionale Identität“, oder um die Neugestaltung der politischen und sozialen Institutionen geht. Diese methodologische Vorgehensweise ist für ihn unerlässlich, einerseits um die Einseitigkeiten der rein konstruktivistischen Betrachtungsweise zum Problemdreieck „Raum – Macht – soziale Einheit“ zu überwinden (siehe vor allem das erste und das gelungene zweite Kapitel), andererseits um den sozialen Standort der Soziologen und Sozialphilosophen zu berücksichtigen, die das Ende des Nationalstaats und die Entgrenzung der heutigen sozialen Welt proklamieren (S. 17f., 64, 116). Man kann aber hier feststellen, dass dieser mit Hinweisen auf Pierre Bourdieu behauptete und durchaus legitime Imperativ offenbar nur für die Zielscheiben des ab und zu scharfen polemischen Diskurses (Beck und Habermas), nicht aber für Arnold Gehlen und Michael Walzer gilt. In dieser Hinsicht kommen die Anspielungen, worauf die Hypothesen und die Begrifflichkeit von Gehlen die heutige dominante „politische Korrektheit“ (S. 96) widerlegen würden, etwas zu kurz, und verleihen letztendlich den hier verteidigten Thesen nur ein geringes Mehr an Überzeugungskraft.

Wolfgang Luutz, insbesondere im letzten Kapitel, berührt außerdem die Frage der Beziehungen der Sozialwissenschaften zum Raum im historischen Prozess ihrer Konstitution: einerseits behauptet er, dass „die Soziologie sich von ihren Entstehungskontext her zu weiten Teilen – anders als beispielsweise die Geschichtswissenschaft – als a-räumliche Handlungswissenschaft verstanden hat“ (S. 129), andererseits aber, dass Simmels Raumvorstellung sich nicht auf das gängigen „Container-Raummodell“ reduzieren lässt, sondern dass sie vielmehr „Ansätze einer relationalen Theorie sozialer Räume“ beinhaltet (S. 130). Diese etwas widersprüchlichen Äußerungen zeigen, dass eine unter diesem Blickwinkel durchgeführte wissenschaftsgeschichtliche Berücksichtigung der Sozialwissenschaften – sowie der politischen und Wirtschaftswissenschaften – die von Wolfgang Luutz dargelegten Überlegungen zur Thesen der „Enträumlichung“, „Deterritorialisierung“ oder „Entgrenzung“ angereichert hätten.

Insgesamt erweist sich also die Studie von Wolfgang Luutz als durchaus lesenswert. Sie hat außerdem das doppelte Verdienst, ein Forschungsprogramm vorzuschlagen, dabei aber nicht im „Programmatischen“ steckenzubleiben, sondern im zweiten Kapitel eine konkrete Anwendung der formulierten Forschungshypothesen vorzulegen, und anregende Forschungsperspektiven zu eröffnen – was eigentlich dem Ziel eines Essays völlig entspricht.

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16.05.2007
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