Regionalität und Globalität in der jüngsten Zeitgeschichte Europas. Vermessung eines neuen Forschungsfeldes

Place
München
Venue
Institut für Zeitgeschichte München, Leonrodstraße 46 b, 80636 München
Host/Organizer
Christian Rau / Thomas Schlemmer, Martina Steber, Institut für Zeitgeschichte München-Berlin; Malte Thießen, LWL-Institut für westfälische Regionalgeschichte, Münster; Kirsten Heinsohn, Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg
Date
12.09.2019 - 13.09.2019
Deadline
02.09.2019
By
Malte Müller

Dass die Globalisierung zu den Grundprozessen der jüngsten Zeitgeschichte gehört, ist fast schon eine Binsenweisheit. Was sie bedingte, welche Wirkungen sie zeitigte, was sie dynamisierte oder wo ihre Grenzen lagen – diese Fragen werden in der Geschichtswissenschaft erst seit Kurzem gestellt. Dagegen beobachten die Sozialwissenschaften die Globalisierung seit Jahren, und sie sind es auch, die den Diskurs prägen. Einer ihrer einflussreichsten Begriffe ist das Schlagwort von der „Glokalisierung“ (Roland Robertson), mit dem die Interdependenz von einerseits global und andererseits lokal verankerten Prozessen beschrieben wird. Die Globalisierung, so die zugrunde liegende These, durchdringe im Sozialen lokale Gesellschaften, beeinflusse im Ökonomischen die Produktionsprozesse, Handelswege sowie die Arbeitspraxis vor Ort und werte die subnationale Ebene auch politisch auf. Der Bedeutungsgewinn des Globalen gehe einher mit einem Bedeutungsgewinn des Lokalen oder Regionalen; universale und partikulare Tendenzen bedingten einander.

Die These der „Glokalisierung“ bietet für die Geschichtswissenschaft Ansatzpunkte zur Erschließung und Historisierung des Verhältnisses von Lokalität, Regionalität und Globalität. Dass kleinräumige Einheiten in ein Geflecht von Raumbezügen integriert waren, ist keine neue Entwicklung, die erst in den 1970er Jahren eingesetzt hat, sondern eine Grundkonstante der Raumgeschichte der Moderne. Das interdependente Verhältnis von lokalen, regionalen, nationalen, europäischen und globalen Ebenen wäre aber für die jüngste europäische Zeitgeschichte zunächst differenziert zu beschreiben, um Verschiebungen oder Neujustierungen zeigen und weitere Wirkungen untersuchen zu können. Die Globalisierung kann also als historische Kategorie gefasst werden. Die Voraussetzung dafür bildet ein dynamischer, konstruktivistischer Raumbegriff. Räume als veränder- und gestaltbar, als Produkte von Kommunikation, sozialer und ökonomischer Interaktion, politischem Handeln und mentaler Kartierung zu verstehen, macht es möglich, Lokalität, Regionalität und Globalität in ihren wechselseitigen Bezügen zu erfassen.

Es geht, mit anderen Worten, darum, in welchen Bereichen sich in der europäischen Geschichte seit den 1970er Jahren Verschränkungen von „kleinem“ und „großem“ Raum identifizieren lassen, welche Bedingungen ihnen zugrunde lagen, welche Prozesse ihnen vorgelagert waren, welche Praktiken sie beförderten und welche Folgen sie zeitigten. Welche sozialen, kulturellen, politischen und ökonomischen Räume wurden überhaupt erfasst und wie prägten sie den Globalisierungsprozess mit? Wie funktionierte die Verflechtung zwischen den verschiedenen Ebenen, wer waren die Akteure, wie konnten globale Netze überhaupt geknüpft werden? Wie veränderten sich soziale Beziehungen im Großen und im Kleinen? Welche Rolle spielte die Politik auf den verschiedenen Ebenen in ihren Bemühungen, Veränderungsprozesse anzustoßen, zu steuern, zu beschleunigen oder zu bremsen? Und nicht zuletzt: Wie weit reichte das Globale, wo lagen seine Grenzen, wer waren die Gewinner, wer die Verlierer der Globalisierung?

Diese Fragen zielen darauf ab, das Forschungsfeld konzeptionell zu fassen. Wir laden ein, grundlegende Thesen zu formulieren, am Beispiel konkreter Projekte neue methodische Ansätze zu testen sowie theoretische und methodische Reflexionen anzustellen. Neben einer Auseinandersetzung mit der sozialwissenschaftlichen Forschung bieten sich dafür Überlegungen der Globalgeschichte, der europäischen Regionalgeschichte, der Stadtgeschichte wie der Raumgeschichte an, die für frühere Epochen entwickelt und getestet wurden. So dient der Workshop auch dazu, traditionell getrennte Forschungsfelder miteinander in Beziehung zu setzen und disziplinspezifische Theorie- und Methodendiskussionen füreinander fruchtbar zu machen.

Am Workshop interessierte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler können sich bis zum 02.09.2019 unter glokal@ifz-muenchen.de anmelden.

Programm

Donnerstag, 12. September 2019

13.30–14.00 Uhr: Ankunft und Erfrischungen

14.00–14.30 Uhr: Begrüßung und Einführung

14.30-18.00 Uhr: Sektion 1 – Globalisierungen. Das 19. und 20. Jahrhundert im Dialog

Moderation: Anette Schlimm (München)

14.30-16.00 Uhr:

Geert Castryck (Leipzig): Europa – Afrika hin und zurück. Imperialismus, Kolonialismus und globale Neuverräumlichungen seit dem 19. Jahrhundert

Bernhard Gissibl (Mainz): Rewilding Europe. Zur Rekonfiguration europäischer Natur im Anthropozän

Kommentar: Martin Rempe (Konstanz)

16.00–16.30 Uhr: Kaffee & Tee

16.30-18.00 Uhr:

Roland Wenzlhuemer (München): Diskonnektivität in Globalisierungsprozessen

Bernhard Schär (Zürich): (Dis-)Connected. Die Familie Wyrsch zwischen Nidwalden und Borneo, ca. 1825–1875

Kommentar: Stefan Scheuzger (Bern)

18.00–19.00: Uhr Imbiss

19.00–21.00 Uhr: Podiumsdiskussion – Glokalisierung. Vom Nutzen und Nachteil eines Forschungskonzepts

Moderation: Kiran Klaus Patel (Maastricht)

Podium: Malte Thießen (Münster) – Angelika Epple (Bielefeld) – Benno Werlen (Jena) – Martina Steber (München)

Freitag, 13. September 2019

9.00-12.00 Uhr: Sektion 2 – Urbane Räume. Stadt und Globalität

Moderation: Dieter Schott (Darmstadt)

9.00-10.15 Uhr:

Christian Rau (Berlin): Von New York zu Neom? Global Cities als Gegenstand der Zeitgeschichte

Susanne Schregel (Köln): Thesen zu Raum und Skalierung in sozialen Bewegungen

Kommentar: Arndt Neumann (Hagen)

10.15–10.45 Uhr: Kaffee & Tee

10.45-12.00 Uhr:

Christoph Strupp (Hamburg): Hafenstädte. Tore zur Welt zwischen Mythos und Realität

Christoph Kalter (Berlin): Lissabon in der Welt. (Post-)Imperialismus, Migration und Tourismus

Kommentar: Lasse Heerten (Bochum)

12.00–13.00 Uhr: Mittagessen in der Cafeteria

13.00-16.00 Uhr: Sektion 3 – Regionalität und globale Verflechtung

Moderation: Martin Knoll (Salzburg)

13.00-14.15 Uhr

Andrea Rehling (Augsburg): Das Spiel der Ebenen im UNESCO Welterbeprogramm

Thomas Küster und Matthias Frese (Münster): Die Region als Handlungs- und Erfahrungsebene. Globale Perspektiven in der Methodik der regionalen Zeitgeschichte

Kommentar: Thomas Schlemmer (München)

14.15–14.45 Uhr: Kaffee & Tee

14.45-16.00 Uhr

Andreas Wirsching (München): Deindustrialisierung und Globalisierung – Nullsummenspiel oder Abstieg?

Martina Steber (München): Boomregionen. Überlegungen zu räumlichen Dynamiken seit den 1970er Jahren

Kommentar: Bernhard Löffler (Regensburg)

16.00–16.30 Uhr: Schlussdiskussion

Moderation: Kirsten Heinsohn (Hamburg)

Kontakt

Christina Rothenhäusler

Leonrodstraße 46 b
80636 München

glokal@ifz-muenchen.de

Citation
Regionalität und Globalität in der jüngsten Zeitgeschichte Europas. Vermessung eines neuen Forschungsfeldes, 12.09.2019 – 13.09.2019 München, in: H-Soz-Kult, 02.09.2019, <www.hsozkult.de/event/id/termine-40962>.
Editors Information
Published on
02.09.2019
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Regional Classification
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