Islam und Muslime in (Südost)Europa. Kontinuität und Wandel im Kontext von Transformation und EU-Erweiterung

Place
Berlin
Host/Organizer
Institut für Slawistik der Humboldt-Universität zu Berlin in Zusammenarbeit mit der Südosteuropa-Gesellschaft e.V. München
Date
07.11.2008 - 08.11.2008
By
Martin Sanner, Berlin

Die Konferenz “Islam und Muslime in (Südost)Europa“ fand unter der Leitung von Christian Voss (Lehrstuhl für südslawische Sprach- und Kulturwissenschaft) zusammen mit seiner Mitarbeiterin Jordanka Telbizova-Sack statt. Obwohl der Hinweis auf die EU im Titel der Veranstaltung eine politikwissenschaftliche Ausrichtung vermuten lässt, war die Tagung ausgesprochen interdisziplinär angelegt. Zu den 16 Vortragenden gehörten neben den Slawisten Historiker, Politologen, Religions- bzw. Islamwissenschaftler, Turkologen sowie Journalisten. Der Germanist MICHAEL KÄMPER-VAN DEN BOOGAART hielt in seiner Funktion als Dekan der Philosophischen Fakultät II der Humboldt-Universität zu Berlin die Begrüßungsrede und erinnerte provozierend an einen verklärenden Traum des Christentums aus dem späten 18. Jahrhundert, in dem die Vorstellung von einem einheitlich christlichen Europa vorherrschte. Diese homogenisierende Haltung schwingt möglicherweise immer noch mit, wenn in aktuellen Debatten von dem Islam oder den Muslimen die Rede ist. Ein großes Verdienst dieser Veranstaltung war, zu zeigen, wie enorm ausdifferenziert diese Glaubensrichtung ist. Diese Diversität ist nicht nur auf der religiösen Ebene im engeren Sinne (Sunniten, Aleviten, Schiiten, Sufisten etc.) zu verorten, sondern auch in ihren vielschichtigen Kontexten hinsichtlich Gesellschaft, Staat und Politik. Auf die daraus resultierende Vielzahl islamischer Identitäten in den verschiedensten gesellschaftlichen Rahmenbedingungen wies bereits CHRISTIAN VOSS in seiner einführenden Rede als wissenschaftlicher Gastgeber bzw. als Leiter der Berliner Zweigstelle der Südosteuropa-Gesellschaft hin.

Muslime in der Minderheit

Ein konstituierender Kontext für Muslime in Europa ist die Selbsterfahrung als Minderheitengruppe. Diese Erfahrung erfolgt sowohl in angestammten Gebieten, wo die religiöse Gruppe seit Jahrhunderten lebt, als auch in der Migration. In beiden Fällen gibt es sowohl Assimilations- als auch Separierungstendenzen. Für die vergleichende Perspektive der Muslime in Westeuropa lieferten JAMAL MALIK aus Erfurt („Muslims in the West – A Muslim ‚Diaspora’?“) DIETRICH REETZ aus Berlin („Zum europäischen Selbstverständnis islamischer Akteure und Projekte in Westeuropa“) Einblicke, wie sich zum Beispiel in Frankreich und England muslimische Gruppen als defensive Außenseiter verhalten oder sich wie in Marseille offen in die Stadtkultur einbringen. Migrationsbedingte Pluralisierungen und Vermischungen der Angehörigen der Glaubensrichtung stehen hierbei immer wieder versuchten pan-islamischen Homogenisierungs- und Missionierungsbestrebungen entgegen. Für Südosteuropa veranschaulichten ULF BRUNNBAUER aus Regensburg („Muslime und Exklusionserfahrungen auf dem Balkan: Sozialhistorische Perspektiven“), JORDANKA TELBIZOVA-SACK aus Berlin („Die Aleviten in Bulgarien – Tradition und Neubestimmung im Kontext gesellschaftlichen Wandels“) und EVGENIJA KRĂSTEVA-BLAGOEVA mit GORAN BLAGOEV aus Sofia („Symbols of Muslim Identity in Bulgaria – Traditions and Innovations“) historische und gegenwärtige Erfahrungen und Lebensbedingungen von Muslimen in der Minderheit. So galt es beispielsweise im sozialistischen Bulgarien als poltisch-ökonomischer Fortschritt, die muslimische Bevölkerung zur Schweinezucht zu zwingen. Eine indirekte Benachteiligung der Muslime im sozialistischen Jugoslawien – speziell in der Republik Makedonien - erfolgte durch eine wirtschaftspolitische Bevorteilung der Städte, die zu den Zentren der Industrialisierung entwickelt wurden. Da die muslimische Bevölkerung hauptsächlich ländlich war, geriet sie auf diese Weise sozioökonomisch ins Hintertreffen. Die programmatische Differenzierung zwischen ‚Aleviten’ und ‚Muslim Identity’ im heutigen Bulgarien, in dem derzeit circa zwölf Prozent Muslime leben, zeugt erneut von der hohen Heterogenität dieser Religion. So sind die Aleviten auf keinen Fall der sunnitischen Untergruppe des Islams zuzurechnen, die Zurechnung zu den Schiiten ist jedoch auch sehr umstritten. Hinzu kommt, dass die Gebräuche der Aleviten wiederum regional sehr unterschiedlich sind.

Islam in der Mehrheit

Kosovo, Albanien und Bosnien-Herzegowina gehören zu den Staaten in Südosteuropa, in denen die Muslime den stärksten Bevölkerungsanteil stellen. FABIAN SCHMIDT aus Bonn („Kosovo zwischen osmanischem Erbe und europäischer Zukunft“), NATHALIE CLAYER aus Paris („Some considerations on the ways of adaption of Islam to Europe: the Albanian example“), die Erfurter Wissenschaftlerin ARMINA OMERIKA („Islam und gesellschaftlicher Wandel in Bosnien-Herzegowina seit 1995 – Bestandsaufnahme und Analyse“) sowie ZRINKA ŠTIMAC aus Jena („Der Islam in Bosnien-Herzegowina. Sophia perennis als ein dialogisches Konzept“) und CHRISTINA KRAUSE aus Sarajevo („Erfahrungen mit interreligiösen Dialog in Sarajevo“) äußerten sich konkret zu diesen Ländern. Dabei stellte sich heraus, dass in Kosovo und Albanien die religiöse Identität stark hinter die nationale Identität zurücktritt. In der Geschichte Albaniens dienten religiöse Konversionsstrategien regelmäßig der nationalen Sache. Die Religiosität ist in Albanien deutlich schwächer ausgeprägt als in Kosovo. Trotz der muslimischen Mehrheit wird dort das Christentum oft mit modern westlich assoziiert. In Bosnien-Herzegowina hingegen ist ein starker Diskurs zu erkennen, der die Konstruktion einer spezifisch bosniakischen (muslimisch-bosnischen) Identität forciert. Diese Identität speist sich sowohl aus religiösen als auch aus säkularen Elementen der politischen Geschichte Bosnien-Herzegowinas, die immer wieder in der streitbaren Denkfigur eines europäischen Islams mündet, der eine Brückenfunktion zum arabischen Islam darstellen solle. Zentrale Figur dieses Diskurses sowohl hinsichtlich der bosniakischen Identität als auch der Idee eines ‚liberalen’ Islams ist Mustafa Cerić, der Großmufti Bosnien-Herzegowinas. Da die Parteienlandschaft in Bosnien-Herzegowina in hohem Maße entlang der ethnisch-religiösen Grenzen ausdifferenziert ist und die Kriegsvergangenheit noch sehr präsent ist, stellt der interreligiöse Dialog in diesem Land eine besonders große Herausforderung dar, der sich das Sarajevo-Büro der Konrad-Adenauer-Stiftung mit wachsendem Erfolg stellt.

Verhältnis zwischen Religion und Staat

Unter dem Vorzeichen ethnisch-religiöser Parteibildungen drängt sich die Frage nach dem institutionellen Verhältnis zwischen Religion und Staat auf. XAVIER BOUGAREL aus Paris (“Balkan Islam as European Islam: Historical Background and Present Challenges”) und KONRAD CLEWING aus Regensburg („Islam und Konstituierung nationaler Identitäten im Balkanraum”) äußerten sich hierzu allgemein, während VALERIA HEUBERGER aus Wien („Modell ‚Donau-Islam’? Zum Islam in Österreich unter besonderer Berücksichtigung von Muslimen aus Südosteuropa“) und RAOUL MOTIKA aus Hamburg („Religion und Staat in der Türkei vor dem Hintergrund des türkischen EU-Beitrittsprozesses“) die konkreten institutionellen Rahmenbedingungen in Österreich und der Türkei beleuchteten. Generell gibt es trotz religiös gefärbter Parteibildungen keine nachhaltige Tendenz einer staatlich institutionellen Islamisierung in Südosteuropa. Auch eine weiträumige, grenzüberschreitende muslimische Vergemeinschaftung, die sich institutionell verfestigen könnte, ist nicht festzustellen. Dies liegt nicht nur an der bereits mehrfach erwähnten Diversität des Islams, sondern auch an einem wichtigen Erbe des Osmanischen Reiches, dem Millet-System, das das Osmanische Reich extrem dezentral organisiert hat. In Österreich, wo laut Erhebung von 2001 400.000 der acht Millionen Einwohner muslimischen Glaubens sind, genießt diese Glaubensgemeinschaft als Körperschaft des öffentlichen Rechts formal den gleichen Status wie beispielsweise die römisch-katholische Glaubensgemeinschaft. Aufgrund der Bestrebung, alle Muslime - egal welcher Ausrichtung - unter einem institutionellen Dach zu vereinigen, ist nur ein kleiner Bruchteil von ihnen offiziell registriert. Ferner führt das vergleichsweise äußerst xenophobe Klima in Österreich, das den rechtspopulistischen Parteien eine starke Position verleiht, in manchen Bundesländern zum Beispiel dazu, dass Bauordnungen erlassen werden, die die Errichtung von Moscheen faktisch unmöglich machen. Die Türkei hingegen pflegt institutionell weiterhin die kemalistische Tradition des strengen Laizismus, sodass trotz der relativen religiösen Homogenität im Lande (circa 80 Prozent Sunniten) eine Islamisierung des Staatswesens nicht zu befürchten ist. Diskriminierungen der religiösen Minderheiten - meist aus der Vergangenheit - sind in erster Linie nicht religiös sondern, nationalistisch motiviert. Sie richten sich primär gegen kurdische Aleviten und griechische Christen. Die Beitrittsperspektive der Türkei in die EU trägt in hohem Maße dazu bei, das Land hinsichtlich der Toleranz gegenüber den ethnisch-religiösen Minderheiten zu disziplinieren.

Das Beispiel Velishta in Makedonien

In der empirischen Analyse des Dorfes Velishta von Dr. Robert Pichler aus Graz („Makedonische Albaner im Spannungsfeld von Nationsbildung und islamischer Erneuerung. Alltagsperspektiven aus einem transstaatlichen sozialen Milieu“) spiegelten sich eine Vielzahl der Aspekte der gesamten Tagung. Das Dorf hat circa 3.000 Einwohner, befindet sich im Südwesten Makedoniens nahe der albanischen Grenze und ist als albanischsprachig-moslemisch zu charakterisieren. Die Analyse beruht auf einer Vielzahl von Interviews, die Pichler insbesondere mit den Hodschas des Ortes führte und auf umfangreichem Bildmaterial. Ein sehr anschauliches Beispiel für die Transformationsprozesse der muslimischen Gemeinschaft stellt der Blick auf die Grabsteinkultur in diesem Dorf dar. Während bis in die 1940er-Jahre arabische Grabinschriften noch üblich waren, erfolgte in den darauffolgenden Jahrzehnten der Wechsel zur lateinischen Schrift. Bis dahin war der Textinhalt ausschließlich religiös. In den 1980er-Jahren setzten sich zum Teil religionsneutrale Grabsteine durch. Ab den späten 1990er-Jahren erscheint eine nationale Symbolik (in der Regel der Adler der albanischen Flagge) neben den religiösen Zeichen auf den Grabmälern, wobei die religiösen Symbole zum Teil sogar verdrängt werden. Ein anderer interessanter Aspekt ist die sozioökonomische Schichtung im Dorf. Die Spannbreite geht von der sehr kleinen Gruppe der so genannten Strenggläubigen, die am liebsten nur den Koran als Lebens- und Gesetzesnorm anerkennen will, und den Arbeitsmigranten, die nur während der Sommermonate in ihren Heimatort zurückkehren. Während die Strenggläubigen eine Außenseiterrolle im Dorf spielen und sozioökonomisch unterprivilegiert sind, stellen die Arbeitsmigranten die Gruppe der Überprivilegierten dar, die ihren Status unter anderem durch den Bau kostspieliger Häuser demonstriert.

Weder Systemgrenzen noch Religionsgrenzen für die EU

Nachdem nun seit einigen Jahren eine ganze Reihe von Staaten des ehemaligen kommunistischen Systems erfolgreich in die EU integriert sind, stellt sich die Frage der Transformierbarkeit der Gesellschaftssysteme heute nicht mehr. Angesichts der Diskussionen um die Beitrittsperspektive der Türkei scheint jedoch der von Kämper-van den Boogaart zitierte Traum vom christlichen Europa im wertkonservativen Milieu immer noch herumzugeistern. Wer jedoch die EU als Staatenbündnis begreift, das auf Menschenrechten, demokratischer Rechtsstaatlichkeit, Wohlstandssicherung auf breiter Basis und Pazifismus beruht, und nicht als supranationalen Heimatverein versteht, sollte keine Vorbehalte gegen Staaten mit muslimischer Bevölkerung haben. Die Tagung hat nicht zuletzt einen sehr wertvollen Beitrag dahingehend geleistet, zu zeigen, dass die muslimischen Gemeinschaften Südosteuropas in ihrer großen Mehrheit im Einklang mit den Grundwerten der EU stehen.

Kurzübersicht:

Begrüßung

Michael Kämper-van den Boogaart (Berlin)

Christian Voß (Berlin)

Keynotes

Xavier Bougarel (Paris):
Balkan Islam as European Islam: Historical Background and Present Challenges

Ulf Brunnbauer (Regensburg):
Muslime und Exklusionserfahrungen auf dem Balkan: Sozialhistorische Perspektiven

Vergleichende Perspektive

Jamal Malik (Erfurt):
Muslims in the West – A Muslim “Diaspora”

Dietrich Reetz (Berlin):
Zum europäischen Selbstverständnis islamischer Akteure und Projekte in Westeuropa

Islam, Gesellschaft und Politik

Konrad Clewing (Regensburg):
Islam und Konstituierung nationaler Identitäten im Balkanraum

Armina Omerika (Erfurt):
Islam und gesellschaftlicher Wandel in Bosnien-Herzegowina seit 1995 – Bestandsaufnahme und Analyse

Zrinka Štimac (Jena):
Der Islam in Bosnien-Herzegowina. Sophia perennis als ein dialogisches Konzept

Christina Krause (Sarajevo):
Erfahrungen mit interreligiösen Dialog in Sarajevo

Muslimische Identitäten

Robert Pichler (Graz):
Makedonische Albaner im Spannungsfeld von Nationsbildung und islamischer Erneuerung. Alltagsperspektiven aus einem transstaatlichen sozialen Milieu

Jordanka Telbizova-Sack (Berlin):
Die Aleviten in Bulgarien – Tradition und Neubestimmung im Kontext gesellschaftlichen Wandels

Evgenija Krăsteva-Blagoeva/Goran Blagoev (Sofia):
Symbols of Muslim Identity in Bulgaria – Traditions and Innovations

Valeria Heuberger (Wien):
Modell “Donau-Islam“? Zum Islam in Österreich unter besonderer Berücksichtigung von Muslimen aus Südosteuropa

“Europa“ – Vision und Realität

Nathalie Clayer (Paris):
Some considerations on the ways of adaption of Islam to Europe: the Albanian example

Fabian Schmidt (Bonn):
Kosovo zwischen osmanischem Erbe und europäischer Zukunft

Dr. Raoul Motika (Hamburg):
Religion und Staat in der Türkei vor dem Hintergrund des türkischen EU-Beitrittsprozesses

Citation
Tagungsbericht: Islam und Muslime in (Südost)Europa. Kontinuität und Wandel im Kontext von Transformation und EU-Erweiterung, 07.11.2008 – 08.11.2008 Berlin, in: H-Soz-Kult, 14.01.2009, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-2462>.
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14.01.2009
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