Imperiale und postimperiale Biographien im östlichen Europa in der Neuzeit. Internationale und interdisdiplinäre Sommerakademie

Place
Marburg
Host/Organizer
Herder-Institut Marburg
Date
20.09.2009 - 26.09.2009
By
Marc Zivojinovic, Max-Weber-Kolleg für kultur- und sozialwissenschaftliche Studien, Universität Erfurt

Die Vorwürfe an den Historismus, ein übertriebenes Interesse für die „Geschäftsführer des Weltgeistes“[1] gepflegt und Geschichte zu sehr an den „großen Männern“ festgemacht zu haben, treffen auch auf klassische Biographien zu. Trotz dieser Kritik an einer als überkommen empfundenen Wissenschaftsperspektive spielen Biographien in der Geschichtswissenschaft auch nach den zahlreichen „turns“ der vergangenen Dekaden weiterhin eine bedeutsame Rolle. Als Genre für akademische Qualifikationsarbeiten werden sie indes oft müde belächelt, wenn nicht gar als karriereschädlich gebrandmarkt. Methodische Anspruchslosigkeit, Anbiederung an ein Publikum jenseits des Fachbetriebes und Strukturvergessenheit werden dafür ins Feld geführt. Demgegenüber stehen in der Fachwelt anerkannte Biographien, die innovative Ansätze verfolgen, indem sie etwa vollkommen unbekannte Individuen in den Fokus rücken oder ihre Protagonisten per Zufallsprinzip aus dem Aktenmaterial destillieren.[2]

Wie kann nun eine methodisch und analytisch anspruchsvolle Biographik aussehen, die sich nicht mehr der Konstruktion eines kohärent-sinnhaften „Lebensplanes“ (Dilthey) [3] verschreibt oder den Struktur gebenden Rahmen des „biographischen Streckennetzes“ aus den Augen verliert?[4] Und welche Erkenntnismöglichkeiten für die Imperienforschung liefern biographische Ansätze? Diese Leitfragen wurden im Rahmen der diesjährigen Sommerakademie des Marburger Herder-Instituts unter der fachkundigen Leitung von Heidi-Hein Kircher und Martin Aust facettenreich und kontrovers diskutiert. Einen „biografic turn“ auszurufen – soviel sei vorweg genommen – war dabei dezidiert nicht das Anliegen der Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Vielmehr ging es darum, eine für Ansätze unter anderem aus den post-colonial studies, der imperialen kognitiven Kartographie und Strukturgeschichte offene Imperienforschung in transregionaler Perspektive mit der historischen Biographik als Forschungssonde zusammenzubringen.

Während der Sommerakademie hatten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer die Möglichkeit, nicht nur die verschiedenen Arbeitsbereiche des Herder-Instituts kennen zu lernen, sondern auch die Angebote der wissenschaftlichen Bibliothek und des umfangreichen Archivs für ihre eigenen Forschungen in Anspruch zu nehmen. Kern des Programms waren indes Impulsvorträge ausgewiesener Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie die Präsentationen der Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Gerade für den geographischen Raum Ostmittel- und Südosteuropas, der im Fokus der Sommerakademie stand, ergaben sich in den vergangenen Jahrhunderten zahlreiche Überschneidungen verschiedener imperialer Einflusszonen. TIMOTHY SNYDER (Yale) wies vor diesem Hintergrund darauf hin, dass Biographien eine adäquate Möglichkeit böten, andere Geschichten als die Nationalen zu erzählen. „Biography happens“ lautete dabei das Fazit seiner eigenen Beschäftigung mit imperialen Schnittpunkten, die er in seiner eigenen Arbeit am Beispiel verschiedener Individuen vorführte.

Dass imperiale Armeen als Forschungsgegenstand eine Verbindung von Imperienforschung mit methodischen Ansätzen der Kollektivbiographie erlauben, zeigten TAMARA SCHEER (Wien), FRANZISKA DAVIES (München) und CHRISTHARDT HENSCHEL (Leipzig) anhand ihrer Forschungsprojekte. Mit ihren Forschungsvorhaben lösten sie gleichsam die Forderungen von MATHIAS MESENHÖLLER (Leipzig) ein, den „Container Imperium“ durch biographische Ansätze zu sprengen, sich von der Obsession des Nationalstaats zu befreien und die Imperiengeschichte näher an den Akteur zu rücken.

Mit ihren Protagonisten Nestor Machno und Mychajlo Drahomanov rückte VERONIKA WENDLAND (Marburg) zwei Vertreter anti-imperialer Diskurse und Vordenker postimperialer Raumkonzepte in den Blick, deren Biographien sie mit dem Instrumentarium der neueren Transferforschung sezierte. Dabei verwies sie auf die Bedeutung der Gefängnisse im zaristischen Russland als imperiale Stätte der Begegnung.

Den Variantenreichtum möglicher methodischer Zugriffe zeigten die höchst unterschiedlich ausgerichteten Forschungsvorhaben zur imperialen Biographik, die von ROBERT SPÄT (Freiburg), ALEXANDRA SCHWEIGER (Berlin) und KASIA SHANNON (Warschau) präsentiert wurden. Sie zeigten, wie sich die Biographien von paradigmatischen Schlüsselfiguren unterschiedlicher historischer Zusammenhänge als Sonden nutzen lassen, um strukturelle, mentalitäts- und wirtschaftsgeschichtliche Gegebenheiten imperialer Kontexte zu erhellen. Ausgehend von ihren Beiträgen wurden in den Diskussionen immer wieder praktische Problemen im Umgang mit heterogenem Quellenmaterial diskutiert. Dabei wurde deutlich, dass Forscherinnen und Forscher in der biographischen Arbeit mit verschiedenen Ego-Dokumenten auch „Mut zur Lücke“ beweisen müssten, da eine vollumfängliche Aufklärung aller Lebensumstände auch bei hervorragender Quellenlage kaum möglich sei.

Einen Blick hinter die Kulissen der in Russland erscheinenden Zeitschrift „Ab Imperio“, die sich als unabhängiges Forum der Imperienforschung versteht, ermöglichte ALEXANDER KAPLUNOVSKIY (Mainz). Dabei konstatierte er ein wachsendes Interesse an neuen Theorien und Konzepten der Imperienforschung im wissenschaftlichen Diskurs des post-sowjetischen Raums. Zugleich verwies er auf die praktischen Schwierigkeiten einer alternativen Fachzeitschrift im heutigen (post-)imperialen Russland.

Kollektive Biographik und Raumkonzepte vor imperialem Hintergrund in einem konzisen Forschungsdesign zusammenzubringen, zeigte sich als das Anliegen des Projekts von MARTINA NIEDHAMMER (München), die ihre Studie dem jüdischen Großbürgertum im Prag des 19. Jahrhunderts widmet. Auch in dem Projekt von JANKA TIMM (Siegen), das biographische Muster von Bürgermeistern der bulgarischen Stadt Plodiv in diachroner Perspektive untersuchen möchte, wurde die Bedeutung des imperial imprägnierten Raums deutlich.

Dass politische Mythen in biographischen Erzählmustern nicht nur wirksam werden können, sondern im Rahmen von Erinnerungskulturen bis in die heutige Zeit hineinwirken, zeigte HEIDI HEIN-KIRCHER (Marburg) eindrucksvoll am Beispiel des Piłsukski-Kultes, der sich im Polen der Zwischenkriegszeit entwickelte. In einer ebenfalls an politischen Mythen interessierten Perspektive verwies MARC ZIVOJINOVIC (Erfurt) ausgehend von der Frage ob sich Charisma konstruieren lasse auf Untiefen in der Tito-Biographik, die sowohl charismatisierende Implikationen wie devianzsoziologisch zu beschreibende Stigmatisierungsprozesse zur Folge haben könnten.

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer erhielten ihren Input nicht nur durch die Impulsvorträge und die gegenseitigen Präsentationen der eigenen Forschungsprojekte, sondern auch durch die Lektüre grundlegender Texte aus der Imperienforschung und der historischen Biographik, was dem theoretischen und methodischen Tiefgang der Diskussionen zu Gute kam. Die Diskussionen zeigten, dass biographische Ansätze, ob nun mit der Forschung zu Imperien verbunden oder nicht, ihren eigenen analytischen Wert besitzen. Allerdings, so lautete der recht einmütige Tenor, müsse man sich als Autor von überlebten Authentizitätsvorstellungen verabschieden. Dazu gehöre auch, nicht auf die moralischen Implikationen eines als kohärent angenommenen Identitätskerns der zu erforschenden Person hereinzufallen. Die Lebenswege einzelner Menschen oder von Gruppen als Bildungsroman zu erzählen, könne demnach nicht das vordergründige Anliegen einer wissenschaftlich fundierten Biographik sein. Begreife man Biographien als „Forschungssonden“, so ließen sie sich mit verschiedensten strukturellen Aspekten kombinieren: mit Militär und Expansion in imperialen Systemen, genauso wie mit Inszenierungen und Mythen politischer Systeme. Werden Lebenswege in politische und kulturelle Zusammenhänge eingebunden und als Teil einer historischen Lebenswelt gezeigt, können sie zu relevanten Erkenntnissen führen. Auffällig war indes, dass Genderaspekte trotz der thematischen Breite im Rahmen der Sommerakademie nicht berücksichtigt wurden. Versucht man vor dem Hintergrund der Diskussionen der Sommerakademie die Ansprüche an eine innovative Biographik zu formulieren, so muss es vor allem darum gehen, narrative Elemente biographischer Konstruktionen sichtbar zu machen, sich auf eine Historisierung des Subjektbegriffs einzulassen und Brüche in Selbst- und Fremdkonstruktionen aufzuzeigen ohne einen biographischen Scherbenhaufen zu hinterlassen, der sich in dekonstruktivistischer Beliebigkeit erschöpft.

Konferenzübersicht:

Impulsvortrag: Martin Aust (Kiel): Imperialgeschichte und Biographik

Impulsvortrag Timothy Snyder (Yale): Imperial and postimperial biografies in East Central Europe

Sektion: Militärische Biographien

Tamara Scheer: „Die Faszination des Fremden“ oder der „Clash of Civilizations“ – Osmanische und österreichisch-ungarische Besatzungsstrategien im Fokus der multiethnischen- und multikonfessionellen Bevölkerung des Sandžak Novi Pazar/Plevlje (1878-1908)

Franziska Davies: Muslime im Dienst des Russländischen Imperium. Loyalitäten in einer multireligiösen Armee, 1874-1917

Impulsvortrag: Mathias Mesenhöller (Leipzig): Postimperiale Historiographien in Ostmitteleuropa

Impulsvortrag: Veronika Wendland (Marburg): Ukrainische (post-)imperiale Biographien von Drahomanov bis Machno

Sektion: Politische Biographien

Robert Spät: Für eine deutsch-polnische Zukunft: Hans Hartwig von Beseler als Generalgouverneur in Polen 1915–1918

Christhardt Henschel: Vom kollektiven Gedächtnisort zur nationalen Institution. Juden, Polen und die polnischen Streitkräfte 1918–1939

Kursarbeit: Historische Biographik II: Lebenskonstruktionen

Alexandra Schweiger: Staatskonzeption und Kresy-Diskurs zwischen Januaraufstand und Erstem Weltkrieg (1864-1918): biografische Zugänge

Melanie Nekić: Überlegungen zur Konstruktion einer kroatischen Identität vor der Folie imperialer Herrschaft

Sektion: Bürgerliche Biographien

Kasia Shannon: Unternehmer gegen Etatismus und Wirtschafts-nationalismus in Ost-Oberschlesien 1922-1939

Impulsvortrag: Alexander Kaplunovskiy (Mainz): Ab Imperio als Forum der Imperienforschung

Martina Niedhammer: Die Früchte des Wohlstands? Jüdisches Großbürgertum in Prag 1800-1867

Esther Abel: „Peter Scheibert – eine deutsche Karriere“

Janka Timm: Der Weg vom Osmanischen Reich zum bulgarischen Nationalstaat am Beispiel der Stadt Plovdiv. Imperiale und postimperiale Biographien, kommunale Eliten und die Nationalisierung des urbanen Raumes

Sektion: Zum Umgang mit imperialen und postimperialen Biographien in der Erinnerungskultur

Impulsvortrag: Heidi Hein-Kircher (Marburg): Biographische Illusion vs. Gedächtnisgeschichte – der Piłsudski-Mythos als Beispiel

Marc Zivojinović: Tito-Biografik und Tito-Mythos – Lässt sich Charisma konstruieren?

Sektion: Der biografic turn in der Imperienforschung. Zusammenfassung und Schlussdiskussion

Martin Aust (Kiel): Der biografic turn in der Imperienforschung

Anmerkungen:
[1] Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte, hrsg. von Eva Moldenhauer, Frankfurt am Main 1986 (Werke, Bd. 12).
[2] Vgl. die biographischen Arbeiten von Carlo Ginzburg, Il formaggio e i vermi: Il cosmo di un mugnaio del ´500, Turin 1976 und Alan Cobin, Le monde retrouvé de Louis-François Pinagot, Paris 1996.
[3] Joachim Thielen, Wilhelm Dilthey und die Entwicklung des geschichtlichen Denkens in Deutschland im ausgehenden 19. Jahrhundet, Würzburg 1999, S. 150f.
[4] In Anlehnung an das „Metro-Zitat“, siehe: Pierre Bourdieu, Die biographische Illusion, in: Bios 6 (1993), S. 72-82, S. 80.

Citation
Tagungsbericht: Imperiale und postimperiale Biographien im östlichen Europa in der Neuzeit. Internationale und interdisdiplinäre Sommerakademie, 20.09.2009 – 26.09.2009 Marburg, in: H-Soz-Kult, 31.10.2009, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-2826>.
Editors Information
Published on
31.10.2009