H. Carter u.a. (Hgg.): The Middle East´s Relations with Asia and Russia

Cover
Titel
The Middle East´s Relations with Asia and Russia.


Herausgeber
Carter, Hannah; Ehteshami, Anoushiravan
Reihe
Durham Modern Middle East an Islamic World Series 5
Erschienen
London 2004: Taylor & Francis
Anzahl Seiten
176 S.
Preis
0-415-33322-9
Rezensiert für Connections. A Journal for Historians and Area Specialists von
Johannes Reissner, Stiftung Wissenschaft und Politik, Berlin

Dass die Beziehungen zwischen Asien und dem Mittleren Osten in den internationalen Beziehungen und globalstrategischen Konstellationen erheblich an Gewicht gewonnen haben, ist seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001, dem Irakkrieg 2003 und den massiven, gerade auch von asiatischen Erdölabnehmern, vor allem China, hervorgerufenen Ölpreiserhöhungen offensichtlich. Der Titel des Buches verspricht, eine wichtige Lücke zu schließen, wird aber dieser Erwartung nur eingeschränkt gerecht. Denn es handelt sich um die Papiere einer Konferenz vom Januar 2001, die im Sommer 2004 als Buch erschienen. Entgegen dem Vorwort wurden die Konferenzpapiere nicht ernsthaft aktualisiert, nur der 11. September wurde nachträglich kursorisch eingebaut. Dafür ist der Preis von 88,50 Euro angesichts der wichtigen Entwicklungen in den letzten drei Jahren zum Thema etwas ärgerlich.

Anoushiravan Ehteshami behandelt einleitend “Asian Geostrategic Realities and their Impact on Middle East – Asia relations”. Als wichtigste Faktoren der Beziehungen erscheinen Energie, Waffenhandel, Handel und Investitionen, Migration (Arbeitskräfte) und Religion. An der überragenden Bedeutung der Wirtschaftsbeziehungen hat sich nichts geändert. Des Autors leitende Frage zielt auf eine Einbindung oder zumindest Nutzung der sich verstärkenden Beziehungen zwischen dem Mittleren Osten und Asien in eine übergreifende Sicherheitsarchitektur, doch davon ist (noch) nichts in Sicht. Die sich nach dem Afghanistankrieg 2001 abzeichnende Ausweitung der amerikanischen Hegemonie wird im Text zwar angedeutet, dann aber verliert er sich in einer theoretischen Diskussion über Sicherheit und Multi- bzw. Bipolarität. Ein Eingehen auf die innere Dynamik der genannten Faktoren des Beziehungsgeflechts, die die einzelnen Beiträge des Buchs in ihrem Facettenreichtum darstellen, hätte dem Leser einen anregenden Leitfaden bieten können.

In Roland Dannreuthers Beitrag „Russia and the Middle East“ kommt die Dominanz der Wirtschaftsbeziehungen gegenüber den politischen im Unterschied zu Sowjetzeiten klar zum Ausdruck. Auch haben Moskaus Waffenlieferungen für Russland primär wirtschaftliche Bedeutung, nicht mehr die politische wie einst. Im israelisch-arabischen Konflikt ist Moskau nicht mehr Widerpart des Westens. Die Darstellung der russischen Haltung zum Irak hat sich überholt, was zum russisch-iranischen Verhältnis ausgeführt wird, hat wegen des iranischen Atomprogramms noch immer Relevanz.

Michael Dillons Beitrag „The Middle East and China“ behandelt zu Recht das chinesische Energieinteresse (und Waffenlieferungen) als zentralen Faktor chinesischer Mittelostpolitik. Leider wird das heute erkennbare Interesse Pekings, durch behutsame Politik gegenüber der Region und unter Vermeidung ernster Konflikte mit den USA auch einen Beitrag zur Sicherung der Produktion von Erdöl und Erdgas zu leisten, noch nicht sichtbar.

Die komplexe Rolle des Islams in den asiatisch-mittelöstlichen Beziehungen wird in drei Beiträgen behandelt. Olivier Roy bringt in „Present Patterns of Islamisms in Central Asia“ seine bekannte These vom Post-Islamismus ein: Islamismus lebt zwar fort, hat aber in seiner politischen Zielsetzung versagt. Dazu lässt sich heute umfassender, aktueller und detaillierter sein Buch „Globalized Islam“ heranziehen, das fast zeitgleich mit der hier anzuzeigenden Aufsatzsammlung erschien.

Regional mit O. Roys Beitrag überlappend untersucht Shirin Akiner in „The Contestation of Islam in post-Soviet Central Asia – A Nascent Security Threat“ die Bedeutung vor allem auch des militanten Islamismus in Zentralasien. Interessant ist die von ihr anvisierte Möglichkeit, das Regime in Usbekistan könnte sich selbst autoritär islamisieren, sozusagen als letzte Zuflucht, um sich gegenüber dem Druck der islamistischen Bewegungen behaupten zu können. Hier ließe sich die Frage anknüpfen, inwieweit der Versuch des usbekischen Potentaten Karimov, den „traditionellen Islam“ als „aufgeklärt“ darzustellen, im Zusammenhang mit den internationalen Islamdiskursen nach dem 11. September steht – und mit der amerikanischen Truppenpräsenz in Usbekistan.

In ganz anderer Weise kommt der Faktor Islam in C. W. Watsons Beitrag über „Muslim South Asia and the Middle East“ zum Tragen. Für die südostasiatischen Staaten Indonesien, Malaysia und Brunei, so Watsons Einstiegsthese, bewirkt das Bekenntnis zum Islam und die muslimische Bevölkerungsmehrheit kaum mehr als nominelle Unterstützung internationaler politischer Positionen der Muslime des Mittleren Ostens. Er deutet aber auch an, dass sich gerade hierbei nach dem 11. September 2001 etwas ändern könnte, und weiß dies durch eine überlegte und differenzierte Darstellung der religiös-kulturellen Beziehungen und der radikal-islamistischen Bewegungen in Süd-Ost-Asien zu stützen.

Rodney Wilsons Ausführungen zu „Economic Relations between the GCC and South and South East Asia“ bieten über die Darstellung sonst keineswegs leicht zugänglicher Daten die interessante Perspektive von den Ländern des Golf Kooperationsrats als wirtschaftliche Brücke. Dabei ist aber auch die fehlende Institutionalisierung der Beziehungen der ölreichen Staaten zu Asien auf GCC-Ebene bemerkenswert, wenn auch nicht überraschend.

Ben Sheppard schließlich behandelt in seinem Beitrag „India and Pakistan’s military and security relations with the Middle East“ zwei für die Sicherheitspolitik der Region wichtige Akteure. Er hebt hervor, dass trotz der politischen Träume von einer „islamischen Bombe“ unter den Muslimen des Mittleren Ostens Pakistans militärische und politische Beziehungen zur Region nicht die gleiche Kohärenz und Bedeutung haben wie die zwischen Indien und Israel. Zu ergänzen wäre die jüngere Entwicklung, in der Indien als Energieabnehmer und allgemein im Wirtschaftlichen und Technologischen mehr Bedeutung als Pakistan für den Mittleren Osten erlangt hat.

Alles in allem enthält das Buch wichtige und grundlegende Aspekte zu einer (allein schon geografisch bedingt) vielfältigen Thematik. Die Fäden jüngerer Entwicklungen wird man selbst weiterspinnen müssen. Dabei müsste dann auch die Frage gestellt werden, inwieweit es sich überhaupt rechtfertigen lässt, ganz Asien, sogar unter Einschluss Russlands, dem auch nicht gerade homogenen Mittleren Osten gegenüberzustellen. Die Perspektiven mittelöstlicher und asiatischer Akteure kommen hier so gut wie nicht zum Tragen.

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Veröffentlicht am
20.05.2005
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