T. Ballantyne(Hg.):Science,Empire & the Europ.Exploration of the Pacific

Cover
Titel
Science, Empire and the European Exploration of the Pacific.


Herausgeber
Ballantyne, Tony
Reihe
The Pacific World: Lands, Peoples and History of the Pacific, 1500–1900
Erschienen
Aldershot 2004: Ashgate
Anzahl Seiten
394 S.
Preis
75,00 Pfund
Rezensiert für Connections. A Journal for Historians and Area Specialists von
Christian Holtorf Stiftung Deutsches Hygiene Museum Lingnerplatz 1 01069 Dresden Christian.Holtorf@dhmd.de

Der Sammelband ist Teil eines Editionsprojektes des englischen Ashgate Verlags, das aus 14 Bänden ähnlicher Art besteht, die sich mit der Geschichte des Pazifiks zwischen 1500 und 1900 beschäftigen. Vorbild ist die bestehende Reihe "An Expanding World. The European Impact on World History, 1450-1800", die insgesamt 31 Bänden umfasst. Offensichtlich richten sich die Bücher vor allem an Studierende, denen von ihrer Universitätsbibliothek ein schneller Überblick über die wissenschaftliche Diskussion erleichtert werden soll. Schon der hohe Anschaffungspreis und die sorgfältige Bindung deuten darauf hin, dass weniger an private Käufer gedacht ist.

Der Band versammelt 17 unverändert abgedruckte Schlüsseltexte der wissenschaftlichen Forschung, die zuerst zwischen 1969 und 2002 in englischsprachigen, meist geschichtswissenschaftlichen Zeitschriften und einem Buch erschienen sind. Ein Index ermöglicht die schnelle Suche nach Schlüsselbegriffen. Der gedankliche Zusammenhang wird durch eine zwanzigseitige Einführung des Herausgebers Tony Ballantyne hergestellt. Ballantyne ist Jahrgang 1972 und als Lehrbeauftragter an der Otago University Dunedin, Neuseeland, beschäftigt. Er ist durch Arbeiten zur transnationalen Geschichte mit einem Schwerpunkt auf der Geschichte Südasiens im 19. Jahrhundert ausgewiesen und hat sich daneben mit Kolonialismus und Orientalismus beschäftigt. Ziel des Bandes sei es, sagt er, "the interrelationships between exploration, empire-buildung and science in the Pacific" (S. XV) darzustellen. Ballantyne betont die Bedeutung des gesellschaftlichen Kontextes in Europa für die Methoden und Ergebnisse der Wissenschaft, aber auch den Einfluss des Pazifiks auf die europäische Kultur: der pazifische Raum wird "testing ground for European science" und "Darwins Laboratory" (S. XV).

Das Handbuch folgt dem Schwerpunkt der Forschung, der im Süd- und Zentralpazifik sowie bei der britischen Seefahrt liegt. Dabei wird auch immer wieder auf die evolutionistischen Fragestellungen der Ethnologie des 19. Jahrhunderts Bezug genommen 1, etwa bei der Suche nach den ältesten menschlichen Wesen im Übergang zum Affen (S. 89, 263), nach einer ursprünglichen Harmonie zwischen Mensch und Natur (S. 286, 336) und der Naturgeschichte der Zivilisation (S. 277, 301ff.). Es ist deshalb ein echtes Versäumnis, dass Ballantyne den Evolutionismus nicht eigens thematisiert und noch nicht einmal in dem ansonsten nützlichen Index aufgeführt hat.

1775 erschien ein Bericht über die zweite Weltreise Cooks unter dem Titel "Journal of the Resolution's Voyage ... by which the Non-Existence of an undiscovered Continent between the Equator and the 50th Degree of Southern Latitude is demonstrably proved." (Sorrenson, S. 135) Die Formulierung könnte als Motto des ganzen Bandes dienen, denn er beschreibt den Pazifik als Projektionsfläche des Unentdeckten, das im Laufe der Zeit widerlegt oder bestätigt wurde und die unterschiedlichen Kulturen aufeinander stoßen ließ. Die drei Aufsätze des ersten Abschnitts diskutieren die Ideengeschichte des europäischen Blicks auf die "Südsee". Zwar soll der Begriff "Pacific" schon 1518 von Magellan verwendet worden sein (S. 3), doch zeigt O. H. K. Spate (1977), dass der Begriff sich erst in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts gegen das populäre "South Sea" durchsetzte. Dabei spielte nicht nur zunehmendes Wissen eine Rolle, sondern wohl noch mehr, dass der pazifische Handel mit Fellen und die regionale Ausweitung der Waljagd, der Aufstieg Honolulus und die russische Expansion allesamt im Nordpazifik spielten - die Bezeichnung "Südsee" also fehl ging.

Ebenfalls um Begriffe geht es W.A.R. Richardson (1993), wenn er mit dem englischen Bischof Joseph Hall im Jahr 1609 fragt, warum der Südkontinent "terra australis incognita" auf unterschiedlichsten Karten seit Mercator ähnlich eingezeichnet wurde, obwohl er doch unbekannt war (S. 12). Die Vorstellung, dass ein großer Südkontinent das Gewicht der Landmassen der nördlichen Halbkugel ausbalancieren müsste, ist viel älter als Mercators Weltkarte von 1541, denn er stützte sich bereits auf Reiseberichte. Dabei unterliefen ihm Irrtümer, Missverständnisse und Fehlschlüsse wie dieser: wo Mercator "Beach" schrieb, bezieht er sich auf "Boeach", das bei Marco Polo als Eigenname "Locach" gelesen werden sollte (S. 19).

Dennis Reinhartz (1987) stellt den Geographen Hermann Moll vor, der in der Zeit von Robinson Crusoe (1719) und Gullivers Reisen (1726) die Vision einer "Great South Sea" entwickelte. Durch die Anfertigung detaillierter Karten von durch Bodenschätze reichen und für den Handel günstigen Küsten brachte er die skeptische britische Regierung dazu, sich stärker gegenüber den spanischen Interessen zu engagieren. Molls "Great South Sea Bubble" (S. 43ff.) bereitete den Boden für James Cook, dessen Weltreisen eine "flood of knowledge" (Ballantyne, S. XVIII) in den Wissenschaften auslöste, die im Mittelpunkt des zweiten Abschnitts des Bandes steht.

Harry Kelsey (1986) beschreibt die Navigationskunst der spanischen Seefahrer und deren Routen im 16. Jahrhundert. J.C. Beaglehole (1969) gibt einen Überblick über die Bedeutung, die Cooks Weltreisen für Astronomie, Ethnologie, Biologie, Geographie und Navigationstechnik hatten. Barbara G. Beddall (1979) und Iris H. W. Engstrand (2000) beschäftigen sich mit der spanischen Expedition von Alessandro Malaspina und Antonio Pineda im Jahr 1789: während Beddall deren Bibliothek und Instrumentenliste rekonstruiert, stellt Engstrand deren ozeanologischen Forschungsergebnisse vor. Alexei V. Postnikov (2000) beschreibt den Wettlauf zwischen England und Russland um die Entdeckung der Nordwestpassage. Erstaunt zeigt er sich vor allem über die Qualität der Seekarten, die die Eskimos in den Ufersand malten (S. 218). William T. Stearn (1969) gibt die Ergebnisse wieder, die Cooks zweite Weltreise zur Beobachtung des Venus-Transits vor der Sonne für die Botanik gebracht hat: seitenlange Listen sollen "the industrious manner" (S. 114) belegen, mit der Cooks Begleiter Joseph Banks bei der Beschreibung neuer Pflanzenarten vorgegangen war.

Unter diesen Aufsätzen mit Überblickscharakter oder Aneinanderreihungen historischer Ereignisse ragen die originellen Arbeiten von David Mackay und Richard Sorrenson besonders heraus. Mackay (1974) beschreibt den Aufstieg des Nützlichkeitsdenkens am Ende des 18. Jahrhunderts anhand des Transfers der Brotfrucht von Tahiti nach Jamaika, um eine dort bestehende Hungersnot unter Sklaven zu lindern. Die Brotfrucht traf 1787 auf der "Bounty" in der Karibik ein, nachdem ein erster Versuch wegen der bekannten Meuterei gescheitert war. Von Banks beschrieben und in seinem Botanischen Garten auf Jamaika wegen Kriegswichtigkeit unter Kontrolle des britischen War Office angebaut, war sie "more than a food plant: it was a symbol of a simple and idyllic life free from worries about work or property. The scientists had lost their objectivity by idealising Tahitian society." (S. 141) Weil sie jedoch in Tahiti nur in Kombination mit Bananen- und Taro-Staude ihre Bedeutung für die Ernährung hatte, konnte sie sich in der Karibik nie in vergleichbarer Weise durchsetzen (S. 155).

Sorrenson (1996) beschreibt das Schiff als wissenschaftliches Instrument. Denn erstens beeinflussten seine Bauart und Navigationsmöglichkeit die Forschungsergebnisse; zweitens hinterließ es durch die Aufzeichnung der Fahrtrouten Spuren auf den frühen Seekarten; drittens bot es einen günstigen, erhöhten Aussichtsplatz auf fremde Landschaften und Kulturen (S. 124). Indem das schwimmende Schiff als Standort gewählt wurde, scheint geradezu das Land zum Schwanken gebracht worden zu sein - eine bemerkenswerte Umkehrung der gewohnten Überlegenheit wissenschaftlicher Aufzeichnung.

Von den weiteren Schwierigkeiten im Kulturkontakt berichtet der dritte Abschnitt des Buches - es ist der theoriereichste mit den jüngsten wissenschaftlichen Arbeiten. Die Verlegenheit der Europäer angesichts ihrer evolutionistischen Vorurteile hat 1910 der britische Ethnograph George Brown ausgedrückt, als er die "Wilden" in Schutz zu nehmen versuchte: "Many cannibals, indeed, are very nice people." (S. 315) Nicholas Thomas (1997) stellt dieses Fundstück in den Zusammenhang kolonialen Denkens und evolutionistischer Rassenlehre seit dem 18. Jahrhundert. Umgekehrt haben jedoch, wie Tony Ballantyne (1999) zeigt, auch missionierte neuseeländische Maori begonnen, sich als "God's chosen people" (S. 333) zu verstehen, die zum Millennium von den eingewanderten Europäern befreit würden. Diese "Oriental Renaissance" im Pazifik, die die indoeuropäische Sprachfamilie bis zu den Maori ausweitete, lebt fort, wenn heutige neuseeländische Historiker und Anthropologen zwar bereit seien, die historische Einwanderung aus Polynesien zu akzeptieren, doch die bestehenden kulturellen Verbindungen nach Asien übersähen und daher die derzeitige Migration aus diesem Gebiet ablehnten (S. 339).

Auch David Turnbull (2000) führt die wechselseitige Beeinflussung von Wissenschaft und Gesellschaft und die Schwierigkeit des Austauschs zwischen Europäern und Ureinwohnern vor. Zwischen einer von James Cook angefertigte Skizze des Venus-Transits und der Pazifikkarte des polynesischen Priesters Tupaia stellt er überraschende Übereinstimmungen fest: beide bilden Handlungen und Bewegungen ab. Während für Tupaia die Lage der Inseln von den Umständen der Navigation und dem Handeln auf See abhängig ist, vermag auch Cook den Flug der Venus nur bruchstückhaft aus einer Einzelperspektive zu beschreiben. Da beide performatives Wissen verwenden, stellt Turnbull die Frage, warum sie - wenn sie schon kaum miteinander kommunizierten - nicht einmal gemeinsam handeln konnten.

Tom Ryan (2002) vorverlegt den Beginn der französischen Anthropologie auf das Erscheinen der Geschichte der Navigation von Charles de Brosses im Jahr 1756. Darin entdeckt er kritische Auseinandersetzungen mit der herrschenden Rassenlehre, wenn de Brosses sich bemüht, wie er sagt, "the most ancient inhabitants of the universe" (S. 263) wissenschaftlich zu beschreiben. Glyndwr Williams (1979) sieht den Ursprung der zivilisationskritischen Südseemythen europäischer Philosophen sowohl in zahlreichen Missverständnissen als auch in drei Abwesenheiten: "In the South Sea there had been no slave trade, no frontier wars. Here in unspoilt surroundings would surely be found the evidence to prove or disprove the presumptions of the 'noble savagery' school of thought in Europe" (S. 278). Jonathan Lamb (1995) beschließt den Band mit einer Gegenüberstellung verschiedener narrativer Repräsentationsstrategien der Entdeckungsgeschichte des Südpazifiks.

Der Band lebt vom Engagement des Herausgebers für Literaturwissenschaft, ihrer sprachgeschichtlichen Aufmerksamkeit und historischen Methodenkritik. Wie im Vorübergehen wird die pazifische Geschichte etwa durch die kulturhistorische Einordnung von Robinson Crusoe, Gullivers Reisen oder der Meuterei auf der Bounty veranschaulicht. Doch leidet die Zusammenstellung der Aufsätze darunter, dass die Problemanalyse zu kurz kommt: weder werden Kontroversen dargestellt, noch Angaben zu den Verfassern gemacht, noch wird der aktuelle Stand der Forschung deutlich erkennbar. Nur selten argumentieren die Autoren im Sinne moderner Wissenschaftsgeschichte 2. Die zahlreichen Abbildungen sind zwar sorgfältig recherchiert, aber oft zu klein und kaum erkennbar wiedergegeben. Den Überblick über die Forschungsentwicklung erleichtert dies alles nicht; doch bieten Materialfülle und leichte Zugänglichkeit des Bandes dennoch wie erhofft eine schnelle und gute Gelegenheit, "to comprehend the vastness of the globe or the broad expanse of the Pacific Ocean" (Kelsey, S. 57).

1 Vgl. Koloss, Hans-Joachim, Der ethnologische Evolutionismus im 19. Jahrhundert. - Darstellung und Kritik seiner theoretischen Grundlagen, in: Zeitschrift für Ethnologie, Bd.111 Heft 1 (1986), S.15-46.

2 Vgl. Hagner, Michael (Hg.), Ansichten der Wissenschaftsgeschichte, Frankfurt a. M., 2001.

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Veröffentlicht am
03.06.2005
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