G. Philo; M. Berry: Bad news from Israel

Titel
Bad news from Israel.


Herausgeber
Philo, Greg; Mike Berry
Erschienen
London 2004: Pluto Press
Anzahl Seiten
304 S.
Preis
$19.95
Rezensiert für 'Connections' und H-Soz-Kult von:
Peter Ullrich, Zentrum für Höhere Studien, Universität Leipzig

Das vorliegende Buch ist eine Studie zur Nachrichtenberichterstattung über den Konflikt zwischen Israel und den PalästinenserInnen während der zweiten Intifada.
Die Forscher von der Media Group der Universität Glasgow, neben den beiden Hauptautoren Greg Philo und Mike Berry noch deren KollegInnen Alison Gilmour, Maureen Gilmour, Suzanna Rust und Lucy West, haben es sich zur Aufgabe gemacht, fast den gesamten Prozess einer Nachricht aus diesem Themenbereich zu verfolgen. Dementsprechend behandeln sie drei Hauptebenen, nämlich a) die Ereignisse, b) die Auswahl und Behandlung/Darstellung dieser in den Nachrichten und c) die Rezeption beim Publikum.
So ist im wesentlichen auch das Buch aufgebaut. Das erste Kapitel behandelt die Geschichte des Nahostkonfliktes von der ersten Alijah (jüdische Einwanderung) bis zur Sharon-Regierung. Dem folgen die eigentlichen empirischen Kapitel.
Kapitel zwei ist das Resultat einer groß angelegten inhaltsanalytischen Untersuchung der TV-Nachrichtenberichterstattung auf den britischen Sendern BBC1 und ITV. Detailliert ausgewertet wurden vier kürzere Zeitabschnitte aus den Jahren 2000 – 2002. Das Ergebnis ist für die AutorInnen eindeutig. Die britische Nachrichtenberichterstattung, besonders auf BBC1, unterstütze deutlich eine Sichtweise des Konfliktes, die der israelischen Regierung sehr genehm sein kann. So werden Israelis mehr als doppelt so lange und oft interviewt wie PalästinenserInnen. Israelische Handlungen werden eher kontextualisiert und erklärt, meist als „Reaktion“ auf palästinensische, während die palästinensischen Konfliktseite eher als Urheber gewalttätiger Ereignisse erscheint. Israelischen Opfern wird deutlich mehr Raum gewährt, obwohl ihre Zahl deutlich geringer ist als die der PalästinenserInnen. Auch die Art der Präsentation unterscheidet sich gewaltig. Wörter wie „Grausamkeit“, „brutaler Mord“ oder „kaltblütige Tötung“ kommen nur zur Schilderung von palästinensischen Gewaltakten vor. Das Wort „Terrorist“ ist selbst bei deutlich ähnlichen Gewalttaten nur für PalästinenserInnen vorbehalten. Zusätzlich wird US-Offiziellen, die Israel stark unterstützen, großer Raum gelassen. Sie erscheinen in diesem Zusammenhang häufiger als Politiker aller anderen Länder und doppelt so häufig wie britische.
Besonderen Wert legen die AutorInnen auf ihre Feststellung, dass die Berichterstattung von Gewaltereignissen dominiert werde, während Informationen über die Hintergründe und die Entstehung des Konfliktes fast komplett fehlen. So werden die israelischen/jüdischen Siedlungen eher als verletzliche Gemeinden dargestellt, denn als strategische Elemente einer illegalen Besatzungspolitik. All diese Elemente tauchen auch in den in der Rezeptionsanalyse (Kapitel 2) geäußerten Vorstellungen der MedienrezipientInnen vom Konflikt wieder auf.
Das Thema „fehlender historischer Hintergrund“ ist die auf fast jeder Seite zu findende implizite Anklage des Buches an die Medien. Und sie ist auch berechtigt, zu oft ist Medienberichterstattung mehr Form als Inhalt, wenn beispielsweise von gewalttätigen Auseinandersetzungen berichtet wird, aber kaum Zeit für die Benennung von Streitthemen und deren Hintergründen bleibt. Die stete Anklage ist allerdings auch etwas aufdringlich. Denn unbestritten ist sicher, dass die Abendnachrichten kein Ersatz für Geschichtsunterricht sein können.
Aber diese Präsentation der Nachrichten hat Folgen. Sie ist – so Philo, Berry und MitstreiterInnen – die Ursache dafür, das das Publikum, welches sich seine Informationen zum größten Teil nur aus den Fernsehnachrichten hole, reichlich desinformiert ist. Diesen Aspekten widmet sich das zweite Kapitel. Insgesamt 100 Personen unterschiedlichen Alters und unterschiedlicher sozialer Herkunft wurden in Fokusgruppen zum Nahostkonflikt befragt bzw. diskutierten das Thema unter Anleitung eines Moderators mit JournalistInnen. Zusätzlich wurden Fragebögen, mit ähnlichen, aber knapper formulierten Fragen, unter Studierenden in Großbritannien (2 Messzeitpunkte) und Deutschland sowie den USA (je ein Messzeitpunkt) verteilt. Erstaunlich ist das Ergebnis, dass nur wenige auch nur die grundlegendsten Aspekte des Konfliktes kennen. Viele TeilnehmerInnen wissen beispielsweise nicht, wer denn die in den Nachrichten auftauchenden Parteien sind und welchen Konflikt diese eigentlich ausfechten. Kaum bekannt sind die verschiedenen Kriege aus der unendlichen Geschichte des Konfliktes und somit auch nicht die Tatsache, dass die Millionen palästinensischer Flüchtlinge aus diesen Kriegen herrühren. Einige denken, die PalästinenserInnen wären die Besatzungsmacht, andere halten den Konflikt für eine Grenzstreitigkeit zwischen zwei souveränen Staaten. Die Mehrheit überschätzt die Zahl israelischer Opfer und unterschätzt die palästinensischen.
Im dritten empirischen Kapitel schließlich wollen Philo, Berry und ihre MitarbeiterInnen herausfinden, warum die Medien, mit den beschriebenen Folgen, so defizitär berichten. Diese Informationen gewinnen sie aus Gesprächen mit JournalistInnen. Benannt werden verschiedene Elemente. Zuerst wirke die Komplexität des Konfliktes bei gleichzeitig rigiden Zeitvorgaben der Sender. Weitere Gründe finden sich in der größeren kulturellen Nähe der westlichen JournalistInnen zu Israel, in der Tatsache, dass die wenigsten von ihnen in den besetzten Gebieten leben und im viel höheren Engagement Israels für Public Relations. Weiterhin wird die Trägheit der JournalistInnen bzw. der Mangel an Zeit für Investigation erwähnt sowie die institutionelle Behinderungen der Presse durch israelische und palästinensischen Behörden. Nicht zu unterschätzen sei auch der Druck von meist pro-israelischen Lobbygruppen, insbesondere auch durch US-Politiker.
Interessant ist der leider sehr kurz gerate internationale Vergleich (UK, USA, D), der leider auch nur die Rezeptionsanalyse beinhaltet. Interessanterweise sind die deutschen und die US-amerikanischen StudentInnen jeweils deutlich besser informiert als ihre britischen Pendants. Dies ist aber nicht unbedingt eine als national zu interpretierende Differenz. Vielmehr weist das Ergebnis auch auf eine Schwachstelle der Studie im methodischen Bereich hin. So bestand das amerikanische Sample nur aus Journalistik-Studierenden, wahrlich kein repräsentativer Querschnitt der Bevölkerung, das deutsche wird hingegen gar nicht beschrieben.
Auch die Gesamtdarstellung lässt Zweifel an der Gültigkeit einiger Interpretationen aufkommen. Dass die teilweise recht kruden Ansichten vom Konflikt auf die Fernsehnachrichten zurückgehen, wird, nur mit einigen Äußerungen der Interviewten, sehr schwach belegt. Das ganze methodischen Vorgehen und die dahinter liegenden theoretische Ananahmen werden nur angerissen, die Stichproben werden nicht systematisch beschrieben. Schade ist, dass Einschränkungen der Gültigkeit der Ergebnisse kaum diskutiert werden. Die AutorInnen konstatieren bspw. das große Bedürfnis der MedienkonsumentInnen nach mehr Hintergrundinformation. Allerdings wurde dies nach langen Diskussionen zum Thema Nahostkonflikt geäußert. Ob dieses Interesse im Alltag bei nicht so vorbereiteten Menschen wirklich besteht, bleibt offen.
Insbesondere im inhaltsanalytischen Teil verliert man sich auch etwas in der Vielzahl der Beispiele, oft ohne genaueres über deren Stellenwert zu erfahren. Die LeserInnen könnten auch durch Einleitungen, Zusammenfassungen und größere Explikation der Gliederung etwas mehr an die Hand genommen werden.
Den selbst gesetzten Anspruch, nämlich die Ausgewogenheit der Berichterstattung zu überprüfen (und das Gegenteil gegebenenfalls zu kritisieren), kann die Forschungsgruppe selbst nicht so einlösen. Ganz klar erkennbar neigen die Autoren zu Standpunkten, die näher an einer palästinensischen oder links-israelischen Sicht der Dinge liegen. Am deutlichsten wird dies im vorangestellten neunzig Seiten langen Geschichtskapitel. Dort wird ganz und gar nicht, wie angekündigt, eine Gegenüberstellung der konkurrierenden histories of the conflict vorgenommen, sondern eine Sicht vertreten, für die in Israel die Generation der „Neuen Historiker“ (im Buch insbesondere Avi Shlaim) steht. Nichts spricht dagegen, diesen Standpunkt einzunehmen. Es stünde der Studie aber etwas mehr Ehrlichkeit über den eigenen Standort gut zu Gesicht. Es ist gerade bei diesem Konflikt, der so vielfältig behandelt und kontrovers diskutiert wird, kaum glaubwürdig, wenn jemand vorgibt, von einer neutralen, nicht vorbelasteten Position zu sprechen.

Redaktion
Veröffentlicht am
27.05.2005
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Diese Rezension entstand im Rahmen des Fachforums 'Connections'. http://www.connections.clio-online.net/